VG-Wort Pixel

Vorfall vom Samstag Wohl doch kein Unfall: Fahrer lenkte Pick-up bei Anti-AfD-Demo in Protestler

Abgebildet ist Meuthen Anfang des Monats im Saarland
Der Vorfall ereignete sich am Samstag am Rande einer AfD-Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem AfD-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen in Henstedt-Ulzburg knapp 30 Kilometer nördlich von Hamburg. Abgebildet ist Meuthen Anfang des Monats im Saarland.
© Oliver Dietze / DPA
Am Wochenende gab es einen Zwischenfall bei einer Anti-AfD-Demo nahe Hamburg. Ein Mann soll bewusst mit seinem Fahrzeug in linke Demonstranten gefahren sein. Zunächst sprach die Polizei von einem Unfall – nun ermittelt der Staatsschutz.

Am Samstag wurden auf einer Anti-AfD-Demo in Henstedt-Ulzburg nahe Hamburg mehrere Personen verletzt, als sie von einem Auto erfasst wurden. Die Polizei sprach in einer ersten Pressemitteilung zunächst von einem Verkehrsunfall. Offenbar handelte der Fahrer nun doch vorsätzlich: Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Die Kieler Polizei und Staatsanwaltschaft gaben am Dienstag eine neue und gemeinsame Pressemitteilung heraus. Man ermittele wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie gefährlicher Körperverletzung gegen einen 19-Jährigen. Dieser hatte laut Polizei zuvor zusammen mit drei Bekannten die AfD-Veranstaltung besucht, wegen der sich die Gegendemo formiert hatte. Laut Polizei demonstrierten dort rund 200 Teilnehmer aus dem "bürgerlichen Spektrum", später seien etwa 50 bis 60 Personen aus der linken Szene hinzugekommen.

Wie es in der Pressemitteilung heißt, sei der junge Mann im Anschluss mit seinem VW Amarok auf einen Gehweg gefahren und auf mehrere Personen zugesteuert. Dabei habe er eine Frau und zwei Männer zwischen 21 und 44 Jahren erfasst und verletzt. Keines der Opfer musste stationär im Krankenhaus behandelt werden. In der ersten Pressemitteilung hatte die Polizei noch zu Unrecht von einer Schwerverletzten gesprochen.

Die Beamten hätten den Fahrer noch vor Ort festgenommen. Als der Mann auf der Motorhaube des Pick-ups fixiert worden sei, seien rund 20 Menschen bedrohlich und aggressiv an das Fahrzeug herangetreten. Ein Beamter habe sich genötigt gesehen, einen Warnschuss abzugeben, um die Situation zu beruhigen. Warum die Polizei zunächst von einem Unfall gesprochen hatte, erklärt sie in der neuen Mitteilung nicht. 

Widersprüchliche Zeugenaussagen zum Vorfall

Der Kieler Oberstaatsanwalt Henning Hadeler sprach auf stern-Anfrage von sehr unterschiedlichen Zeugenaussagen, aus denen man ein "objektives Bild" formen müsse. Nach Informationen des stern behaupten die Begleiter des Fahrers, dass mehrere Demonstranten sie attackiert und geschlagen hätten. Zwei Männer aus der Vierergruppe hätten es "zum Wagen geschafft", seien losgefahren und hätten dann aus einer scheinbaren Notlage heraus einige Personen gerammt. 

Mehrere Zeugen der Gegenseite schildern den Vorfall allerdings anders. In der "taz" spricht einer der verletzten Demonstranten davon, dass die beiden Männer in den Pick-up gestiegen und dann gezielt auf den Gehweg und die Gruppe zugefahren seien. Dabei hätte der Fahrer extra beschleunigt. Auch das linke "Bündnis gegen Rechts" spricht in einer Pressemitteilung von einem "Mordversuch" und einem "Angriff mit dem Auto".

Eine 21-jährige Frau, die dabei angefahren wurde, ist nach Angaben der Bürgerinitiative "Keine AfD in Henstedt-Ulzburg" eine "Person of Colour". Mit "People of Colour" sind Menschen gemeint, die Rassismuserfahrungen machen oder machen könnten, weil sie nicht als weiß wahrgenommen werden.

Zeugen und Verdächtiger reden nicht mit Polizei

Seit Montag ist nun der Staatsschutz eingeschaltet. Es soll ermittelt werden, ob der Fahrer aus politischen Motiven gehandelt habe. Die Aufklärung gestaltet sich schwierig: Keines der drei Opfer habe bislang mit der Polizei gesprochen, berichtet die Polizei. 

Und auch der nicht polizeibekannte Beschuldigte wolle nicht reden, so Oberstaatsanwalt Hadeler: Der Mann mache von seinem Schweigerecht Gebrauch. Er sei am Samstag festgenommen und zur Wache gebracht worden, nach dem Erstellen der Anzeige allerdings wieder auf freiem Fuß. Sein Fahrzeug sei beschlagnahmt worden und soll nun von einem Sachverständigen untersucht werden, erklärte Hadeler. Dabei sollen auch der genaue Fahr- und Bremsweg sowie das Tempo des Autos geprüft werden.

Die Polizei bittet Zeugen des Vorfalles, die noch nicht befragt wurden, sich mit der Kieler Polizei in Verbindung zu setzen. Für die Ermittler sei dabei vor allem interessant, ob die vier Veranstaltungsteilnehmer bereits vor der Tat mit Protestlern aneinander geraten seien.

Quellen: Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft und PolizeiPolizei / "taz" / Hamburger Bündnis gegen Rechts


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker