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Belgien: Der Fall Dutroux

Acht Jahre nach dem ruchlosen Mord an vier Mädchen wird dem Kinderschänder, selbst Vater von fünf Kindern, der Prozeß gemacht

Das Haus steht leer und still unter tiefem Himmel, die Fenster sind zugenagelt mit Pressholzplatten. Drum herum, inmitten runder Hügellandschaft, liegt das Dorf Sars-la-Buissiere, ein verschlafenes Nest mit alten Höfen, einer dickleibigen Kirche, bellenden Hunden und gackernden Hühnern. Am Ende des verwilderten Grundstücks, umgeben von Bäumen, geschützt vor Blicken, steht noch immer der gelbe Bagger Marke Liebherr, überwuchert von Dornen und Gestrüpp. Gekauft wurde er am 24. November 1995 von einem Mann namens Marc Dutroux für 550 000 belgische Franc, heute 13 630 Euro. Zuletzt benutzt wurde er am 17. August 1996 von der Polizei, die "um 18.30 Uhr einen Müllsack, Farbe: schwarz" in der Baggerschaufel konstatiert; "die Tiefe der Ausgrabung betrug zu diesem Zeitpunkt 2,70 Meter", ist im Protokoll zu lesen. Im Müllsack befinden sich die Leichen von zwei kleinen Mädchen, "gefesselt, um so wenig Platz wie möglich einzunehmen".

"Um 19.17 Uhr identifiziert Dutroux den Körper des Kindes mit dem Ohrring als denjenigen der Russo, Melissa", wird vermerkt. "Die Inspektion des zweiten Körpers findet um 19.24 Uhr statt. Dutroux identifiziert ihn um 19.27 Uhr als denjenigen der Lejeune, Julie." Er zeigt dabei "keine Reaktion".

Während die meisten der 700 Einwohner von Sars-la-Buissiere vor den Absper-rungen skandieren: "Tod für Dutroux", wird der Mann per Helikopter ausgeflo-gen. Der Bagger ist weiter im Einsatz. Um 20.25 Uhr wird ein Stofffetzen aus der lehmigen Erde geschaufelt, um 22.45 Uhr eine Leiche, kein Kind diesmal, sondern ein Mann, Bernard Weinstein, Komplize und Opfer von Dutroux.

Inzwischen erfolgt im 25 Kilometer entfernten Charleroi die Autopsie der Kinderleichen. "Die Todesursache ist der Entzug von Nahrungsmitteln", heißt es im Bericht. Melissa habe zum Zeitpunkt ihres Todes 16 Kilo gewogen, Julie 13. Beide sind missbraucht worden. Während der Autopsie weinen Polizisten und Beamte der Staatsanwaltschaft.

Julie und Melissa wurden nur acht Jahre alt.

Am nächsten Morgen, es ist ein Sonntag mitten in den Sommerferien, erwachen die Belgier im Entsetzen. Vergessen ist die Euphorie, die das Land gerade mal 72 Stunden zuvor ergriffen hatte, als aus einem unterirdischen Verlies in Marcinelle bei Charleroi die zwölfjährige Sabine Dardenne und Laetitia Delhez, 14, befreit worden waren; gefangen gehalten und misshandelt von Dutroux, gezeichnet ein Leben lang, aber immerhin: lebendig.

Auch Julie und Melissa hätten gerettet werden können. Dieses nicht zu ertragende Wissen lastet seither auf den Belgiern und ihrem Staat. In jenem warmen August 1996, zu einer Zeit, "wenn dem Südwind nach Lachen ist, wenn der Südwind im Korn ist, wenn es singt, jenes flache Land, das meines ist", wie Jacques Brel in der inoffiziellen Nationalhymne "Le plat pays" singt, entdecken die Belgier, dass ihr flaches Land "ein enormes Loch" ist, so der Publizist Jean-Luc Outers, ein Staat, "der einem Gespenst gleicht", mit Bewohnern, "die nur noch zusammenkommen, wenn sie sich über ein Grab beugen".

Am 3. September werden auf einem Grundstück in Jumet nahe dem Ort Marcinelle die Leichen von An Marchal und Eefje Lambrecks entdeckt, 17 und 18 Jahre alt, vermisst seit dem 22. August des Vorjahres, auch sie gefangen, gequält, unterernährt, entsorgt wie Abfall von einem damals 38-jährigen Vater von fünf Kindern, auch sie mitgetötet vom belgischen Staat durch Unterlassung. Zu dieser Zeit hört Belgien auf, als skurriles und im ewigen Streit verschrulltes Tim-und-Struppi-Königreich wahrgenommen zu werden, mit köstlichen Pralinen, surrealistischen Malern, katholischen Pfadfindern und hell erleuchteten Autobahnen. Jetzt wird es gesehen, wie es ist. Als zerstückelter Staat, oben die reichen Flamen, unten die armen Wallonen, ganz rechts die Deutschen, in der Mitte die Hauptstadt Bruxelles, Brussel, Brüssel, darüber eine Landesregierung, drei regionale Regierungen und drei Regierungen der kulturellen Gemeinschaften. Als Land, das den Schriftsteller Patrick Roegiers an eine "riesige Nervenklinik" erinnert, wo Mädchen verschwinden und getötet werden, während die gleichgültige Justiz ihre Eltern um Ruhe bittet, und mehrere Bürokratien aneinander vorbei und gegeneinander arbeiten.

Fast acht Jahre sind seither vergangen. Am nächsten Montag beginnt in Arlon in den Ardennen der Prozess gegen Marc Dutroux, seine Ex-Frau Michelle Martin und seine mutmaßlichen Komplizen, den heroinsüchtigen Michel Lelievre und Michel Nihoul, einen schmierigen Geschäftsmann, der Sexpartys für die bessere Gesellschaft organisierte und in Dutroux' Entführungen verwickelt gewesen sein soll. Das Gericht wird sich durch über 400 000 Seiten Akten und 470 Zeugenaussagen quälen und die Nation in Ohnmacht zurückblicken auf jene "Zeit der Leere", so die Zeitung "Le Soir". Am Ende wird Recht gesprochen, das Wort Gerechtigkeit verbietet sich.

Wer sich auf eine Reise in den Albtraum begibt, der Wirklichkeit war, stößt auf regennasse Kunstblumen, rostige Eisenherzen, fleckige Fotos unter Plastik. Schäbige und beklemmende Schreine, das sind die Spuren des Kindermartyriums, aufgebaut überall dort, wo Dutroux tat, was er tat. Die tristen Mahnmale der Unfähigkeit, man findet sie vor der Nummer 128, Route de Philippeville in Marcinelle, man findet sie vor dem rostigen Gartenzaun in Jumet, man findet sie in Sars-la-Buissiere, man findet sie bei einer Brücke über die Autoroute de la Wallonie bei Grace-Hollogne in der Nähe von Lüttich.

Hier, ganz in der Nähe ihrer Elternhäuser, wurden Julie und Melissa am 24. Juni 1995 letztmals lebend gesehen. Ihre Bilder hingen fortan überall im Land, dafür hatten ihre Eltern und die Mitglieder einer privaten Hilfsorganisation gesorgt, nicht die belgische Polizei. Julie mit einem Reifen, Melissa mit einer karierten Schleife im Haar, sie blickten einem entgegen in Restaurants, in Bahnhöfen, in Tankstellen. Gelegentlich tauchten Carine und Gino Russo und Louisa und Jean-Denis Lejeune im Fernsehen auf und flehten um Zeichen, Spuren, Signale. Ihre Kinder, so versicherten sie, seien am Leben.

Im November nach dem Verschwinden der Kinder sprach eine Staatsanwältin aus Lüttich den Eltern ihr Beileid zum Tod ihrer Töchter aus. Im Dezember erfolgte die amtliche Auslöschung der beiden Achtjährigen: Der belgische Staat strich den Lejeunes und den Russos das Kindergeld für die Mädchen.

Zu diesem Zeitpunkt lebten Julie und Melissa noch, das erfahren die Belgier in den Tagen des Zorns im Sommer 1996. Sie lebten 80 Kilometer weit weg von ihrem Zuhause. Wie sie lebten, man wagt nicht, es sich vorzustellen. Sie waren eingekerkert in demselben unterirdischen Verlies in Marcinelle, aus dem Sabine und Laetitia befreit wurden, eingebaut in die ehemalige Regenzisterne im Keller von Dutroux' Haus, feucht und kalt, 234 Zentimeter lang, 99 Zentimeter breit, 164 Zentimeter hoch, ohne Wasser, mit Plastikeimern statt eines Klos. Der Kinderkerker war gelb gestrichen. "Gelb ist eine aufmunternde Farbe", sagt später Dutroux. "Deshalb habe ich sie gewählt."

Hinter einer 200 Kilo schweren Tür aus Zement und Metall - "mein Meisterwerk", so Dutroux - wurden Julie und Melissa geschunden und gequält. Dort fand ihr kurzes Leben ein Ende in Elend und Angst. Während ihr Peiniger, ein vorbestrafter Pädophiler und Vergewaltiger, vom 6. Dezember 1995 bis zum 20. März 1996 im Gefängnis saß - er hatte drei junge Leute festgehalten, mit denen er sich wegen eines Autodiebstahls gestritten hatte -, starben Julie und Melissa.

Sie verhungerten, weil Dutrouxs Frau Michelle, Grundschullehrerin und Mutter von drei seiner fünf Kinder, den Mädchen nichts zu essen gab, während ihr Mann in Haft war. Ein einziges Mal habe sie zwei Müllsäcke, "verschlossen mit einem rosafarbenen Band", in den Eingang des Kerkers gestellt und dabei "gezittert wie Espenlaub", sagt sie später. Doch zwischen dem Eingang und dem Verlies befand sich eine Tür, verstärkt mit einem Eisengitter, und nein, sie habe nicht nachgesehen, ob sie abgeschlossen war. "Ich hatte Angst vor diesen Kindern." Dagegen fütterte sie regelmäßig die beiden Schäferhunde, die sie nach einem Einbruch im Haus ließ, um es zu bewachen.

Dutroux und Martin lernten sich im September vor 22 Jahren beim Schlittschuhlaufen im Forest-National in Brüssel kennen. Nur Gefängnisaufenthalte konnten die beiden seither trennen. Ihr Weg führt aus bürgerlichen Elternhäusern hinaus und hinein in Absteigen, Wohnwagen, Müllberge, ins Grauen. Er endete erst am 13. August 1996, dem Tag ihrer Verhaftung.

Als sie Dutroux begegnet, ist Michelle 21 und überbehütet von ihrer verwitweten Mutter. "Ich wusste nichts vom Leben und noch weniger von Männern", sagt sie vor dem Untersuchungsrichter. "Dutroux wurde mein Gott." Der 25-jährige Lehrersohn ist eine verkrachte Existenz. Seine Ausbildung zum Elektriker hat er erst im dritten Anlauf geschafft. Als Kind fällt er durch sein geradezu fanatisches Interesse an Geld auf. Er verkauft erst Heiligenbilder, dann Fotos, die er aus den "Playboy"-Heften seines Vaters herausgerissen hat. Später, als er mit 16 von zu Hause ausgezogen ist, verkauft er auch sich selbst, an Männer. "Für Geld verkauft er alles", sagt seine Mutter.

Mit 18 heiratet Dutroux die 17-jährige Francoise, auch sie hat er auf einer Schlittschuhbahn kennen gelernt. Zwei Söhne werden geboren, das Paar lebt in einem Sozialbau-Bungalow in Goutroux bei Charleroi. Dutroux langweilt sich bald, er schlägt Frau und Kinder. Als Francoise sich einer "Menage a trois" mit Michelle Martin verweigert, verlässt er sie und teilt fortan sein Leben mit Michelle. Doch nachdem die 1984 ihren ersten Sohn Frederic zur Welt gebracht hat, muss sie feststellen, "dass er nicht geschaffen war für ein normales Familienleben".

Ab 1985 vergewaltigt Dutroux gemeinsam mit einem Komplizen fünf Mädchen, zwei davon erst zwölf. Michelle steht ihm dabei zur Seite, das ist ihr Familienleben. Nach einem Raubüberfall auf eine 50-jährige Frau, der Dutroux eine Rasierklinge an die Vagina hält und den Kehlkopf eindrückt, werden die drei 1986 verhaftet. Dutroux wird zu dreizehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, Michelle zu fünf. Der Sohn landet bei ihrer Mutter. Das Paar heiratet im Gefängnis, in einem anderen Gefängnis wird es sich Jahre später scheiden lassen.

Er wird nach sechseinhalb Jahren vorzeitig entlassen, sie nach zwei. Hinter Gittern sind sie mustergültig, besonders Dutroux. Er nimmt Fernunterricht in Informatik, geht zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker, obwohl er nie trinkt, und besucht regelmäßig den Gefängnispfarrer.

Siebenmal bekommt er Hafturlaub. Er verbringt ihn bei seiner 82-jährigen verwirrten Großmutter, um die er sich rührend kümmert. Seine Aufpasser merken nicht, dass die bereits freigelassene Michelle im oberen Stockwerk auf ihn wartet und zwischendurch mit ihm schläft. Sie merken auch nicht, dass er die Konten der alten Dame leert. Seine Mutter warnt die Gefängnisverwaltung: "Ich kenne meinen Sohn und die Sturheit, mit der er alles durchsetzt, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Was ich nicht weiß und was jeder fürchtet, der ihn kennt, ist, was er für die Zukunft plant."

Die Gefängnisverwaltung legt den Brief zu den Akten. Am 6. April 1992 unterzeichnet der Justizminister Melchior Wathelet die Verfügung der Freilassung Dutroux's auf Bewährung, mit der Auflage, dass er sich einer Therapie unterzieht. Zwei Tage später ist er auf freiem Fuß.

Der Arzt, den Dutroux aufsucht, glaubt alsbald, was sein Patient ihm erzählt - dass er das Opfer eines Justizirrtums sei und darum unter Depressionen und Phobien leide. Er verschreibt ihm laufend die Schlafmittel Rohypnol und Haldol, mit denen Dutroux seine Opfer betäubt, nachdem er sie gejagt, gefangen und in Kleinlaster gezerrt hat, und mit denen er sie immer wieder ruhig stellt in Marcinelle, wenn sie Krach machen, wenn sie schreien vor Schmerzen, wenn sie wimmern vor Angst. In einem Gutachten urteilt der Psychiater, Michelle und Marc seien "aufgrund ihres Gefängnisaufenthaltes traumatisiert". So gelingt es den beiden, sich ihre Verbrechen honorieren zu lassen, sie werden zu Invaliden erklärt und erhalten vom Staat knapp 2000 Euro Rente im Monat.

Das Paar zieht nach Marcinelle bei Charleroi in eines der sechs heruntergekommenen Häuser, die es besitzt. In der Route de Philippeville kleben die Menschen Zeitungen auf ihre Fenster, statt Gardinen aufzuhängen, werfen kaputte Kühlschränke auf die Straße, halten riesige Hunde in kleinen Hinterhofverschlägen und riechen schon nachmittags nach Schnaps. "En memoire de tous les enfants victimes de pedophilie" steht auf einer Tafel gegenüber der Nummer 128 zu lesen, "Im Gedenken an die Opfer der Pädophilie". Dahinter sind Bahngleise, darüber donnert die Stadtautobahn auf rostigen Pfeilern. "Fick die Kinderschänder", hat jemand auf die zugenagelte Haustür geschrieben.

Hier starben Julie und Melissa, hier wurden An und Eefje und Sabine und Laetitia festgehalten. Hier lebte die Familie Dutroux, wenn sie sich nicht in Sars-la-Buissiere aufhielt. Sie waren die Könige in einer Verliererwelt. Dutroux rundete seine Invalidenrente mit Autoklau, Versicherungsbetrug und Einbrüchen auf und rekrutierte zwei Unstete, mit denen er später auf Mädchenfang ging - den heroinsüchtigen Michel Lelievre, den er mit Geld versorgte und der ihm im Gegenzug half, An und Eefje sowie Sabine und Laetitia zu entführen; den Franzosen Bernard Weinstein, vorbestraft wegen Raubüberfall, mutmaßlicher Komplize des Kidnappings von Julie und Melissa und der Morde an An und Eefje.

Michelle Martin, die Anfang 1994 einen Sohn zur Welt gebracht hat, kümmert sich derweil "rührend um die Kinder", wie eine Nachbarin sagt, die sich vorstellt als "die Einzige in der ganzen Straße mit einer geregelten Arbeit", aber ihren Namen "in diesem Zusammenhang" nicht nennen will. Sie fügt hinzu: "Manchmal hatte sie ein blaues Auge."

Die rührend besorgte Mutter lässt zu, dass Dutroux den ältesten Sohn mit Rohypnol betäubt, wenn er lästig wird, und die Treppe hinunterwirft, wenn er stört. Sie selbst wird geschlagen und getreten. Das hält sie nicht davon ab, von ihrem "Gott" ein drittes Kind zu bekommen, ein Mädchen, ist der Vater erfreut und plant schon bald den Inzest. "Er wollte sie in die Liebe einführen", sagt Michelle später.

Sie lässt Julie und Melissa verhungern. Sie weiß von An und Eefje, Dutroux entführt die Teenager, als die beiden Kleinen schon im Kerker eingesperrt sind, deshalb kettet er sie im oberen Stockwerk an die Betten seiner Kinder an. Offenbar sterben sie schon wenige Wochen später, sie sind ihm zu alt, sie sind nicht gefügig, sie sind eine Last. Er verabreicht ihnen Rohypnol und fährt sie nach Jumet, in die Rue Daubresse, wo Weinstein lebt und ihre Gräber schon geschaufelt sind.

Michelle weiß von Weinstein, Dutroux ermordet ihn im November. "Als ich ihn begrub, atmete er noch", sagt Dutroux. Michelle weiß von Sabine, von Laetitia. Sie tut nichts. Warum? "Dutroux, das ist so, als ob er einem das Hirn geleert und es durch etwas anderes ersetzt hätte."

In dieser Zeit, als in Belgien Mädchen verschwinden "und sich gewissermaßen in Luft auflösen", wie der Leiter der parlamentarischen Untersuchungskommission im Fall Dutroux sagt, sind Untersuchungsrichter und Gendarmen damit beschäftigt, sich gegenseitig Informationen vorzuenthalten. So gibt es zwei Hausdurchsuchungen bei Dutroux in Marcinelle, als Julie und Melissa noch leben. Die Gendarmerie von Charleroi weiß seit Ende 1993 von einem Informanten, dass er in einem seiner Häuser an Kerkern für Kinder baut. Nach dem Verschwinden der Mädchen ist er für sie der Hauptverdächtige. Die für den Fall zuständige Untersuchungsrichterin in Lüttich erfährt nichts von diesen Mutmaßungen. Indes beschäftigt sie das Schicksal der Kinder nicht über Gebühr. Sie ist kurz nach deren Verschwinden in Ferien gefahren und verfügt später, man möge ihr nicht alle Berichte über die vermissten Kinder vorlegen, sie habe keine Zeit, sie zu lesen.

Es ist auch nicht so, dass die Gendarmerie von Charleroi einen Hercule Poirot auf die Fährte des gewalttätigen Pädophilen setzt, sondern einen gewissen Rene Michaux. Der findet in Marcinelle ein Spekulum, ein Instrument, das Gynäkologen benutzen, doch das macht ihn nicht weiter stutzig. Auch hört er Kinder weinen, doch das hört irgendwann auf, und so hört auch er auf, darüber nachzudenken, obwohl er sich im Haus eines Kinderschänders befindet und nach Kindern sucht. "Mein Gehirn, das ist doch kein Computer, wo man einfach draufdrücken kann", sagt er später aus.

So sterben die Mädchen. So werden weitere Mädchen eingekerkert, zuerst Sabine, dann Laetitia. Sie verlässt am 9. August 1996 gegen 20.45 Uhr das Schwimmbad von Bertrix, um nach Hause zu gehen. Dort kommt sie nie an. Ein paar Stunden später meldet ihre Mutter sie als vermisst. Statt ihr gelangweilt mitzuteilen, ihre Tochter sei vermutlich weggelaufen - so geschehen bei Julie und Melissa -, oder lachend zu sagen: "Och, sie amüsiert sich sicher gerade mit irgendwelchen Jungs", wie es bei An und Eefje der Fall war, handeln Staatsanwalt und Untersuchungsrichter sofort. Noch in der Nacht werden erste Zeugen vernommen. Drei Tage später, an einem Dienstag, erinnert sich ein junger Mann an "einen Renault Trafic mit einem Nummernschild, auf dem ganz bestimmt FRR stand und auch 69 oder 2 oder 7."

Dutroux hat das Nummernschild FRR 672. Er wird am Mittwoch, dem 13. August, in Sars-la-Buissiere verhaftet. Zwei Tage später öffnet er die Tür zu dem Kerker in Marcinelle. "Im Inneren befinden sich zwei Mädchen", wird protokolliert. "Sie sind nackt und ducken sich in einer Ecke. Sie sind in Panik. "Ihr könnt kommen", sagt Dutroux. "Nein, was ist mit den anderen?" - "Es sind Gendarmen." Sabine sagt daraufhin immer wieder: "Ich werde Mama wiedersehen." Beide geben Dutroux im Herausgehen einen Kuss."

Dutroux hatte ihnen erzählt, dass er in den Diensten eines "Chefs" stünde, der ihre Entführung befohlen habe, um Lösegeld von den Eltern zu erpressen. Da die sich weigerten zu zahlen, wolle der "Chef" sie mit seiner Bande umbringen. Er, Dutroux, werde sie retten, wenn sie ihm zu Willen und "brav" seien. Sabine ließ er in den zweieinhalb Monaten ihrer Gefangenschaft Tagebuch führen und drei Briefe an die Mutter schreiben, die er angeblich weitergab. Ihre Mama wolle sie nicht zurückhaben, sondern befehle ihr, "den Sex zu mögen", wie sie in krakeliger Kinderschrift notierte. In ihrem letzten Brief schreibt das verzweifelte Kind: "Wenn du wüsstest, was er mir sagt und was mir hier passiert. Ich weiß, ich habe schon öfters darum gebeten, aber ihr müsst mich hier rausholen. Wenn ihr die drei Millionen zusammenhabt, sagt es ihm. Es tut mir leid, euch um so etwas zu bitten, aber denkt daran. Ich liebe euch, verzeiht mir, euch nicht zugehört zu haben bei meinen Hausaufgaben, und für alles Schlechte, das ich euch angetan habe."

Später, im Gefängnis, wird Dutroux einem Team von Psychiatern über Julie und Melissa erzählen: "Am Anfang musste man Rohypnol benutzen. Dann haben sie sich an ihre Umgebung gewöhnt und nicht mehr versucht, wegzulaufen. Ich habe sie manipuliert. Ich habe von einer Bande gesprochen, die ihnen Angst machte. Ich habe eine Geschichte erzählt, und sie dachten, dass ich mich um sie kümmern werde. Zu Beginn haben sie geweint aus Sehnsucht nach ihren Eltern, aber nach einem Monat haben sie sich angepasst, wie in einem Heim halt. Sie fühlten sich zu Hause bei mir."

Ob es nicht feige sei, Kinder einzusperren, fragen die Psychiater. "Ich spreche von der Feigheit der Gesellschaft", antwortet Dutroux. "Würde die Gesellschaft nicht existieren, hätte ich die Kinder nicht bei mir behalten müssen." Er sagt auch: "Es stimmt nicht, dass ich nicht angepasst bin an die Gesellschaft, es ist die Gesellschaft, die mir keinen Platz einräumt." Das Fazit der Psychiater nach diesem Gespräch: "Er zeigt nicht das geringste Mitleid gegenüber anderen. Er manipuliert seine Frau, er manipuliert seine Opfer, er manipuliert die Fahnder, er manipuliert uns, er manipuliert die Wärter."

Belgien, es erwacht im Herbst 1996 aus seiner Erstarrung. Seine Bewohner, "Extremisten nur in der Mäßigung", wie der Schriftsteller Pierre Mertens sagt, hatten in den achtziger Jahren apathisch hingenommen, dass eine Mörderbande, genannt "Die Killer von Brabant", vermutlich rekrutiert aus rechtsradikalen Kreisen der Gendarmerie, wahllos 28 Menschen in Supermärkten erschoss und nie gefasst wurde. Sie hatten sich auch nicht gewundert, dass der Mord am wallonischen Sozialistenchef und Minister Andre Cools ungesühnt blieb. Doch jetzt tobt das Land.

Als dem Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte am 15. Oktober der Fall entzogen wird, weil er sich von den Eltern von Laetitia und Sabine zu einem Spaghetti-Essen hatte einladen lassen, bei dem sie dem Retter der Kinder einen Kugelschreiber schenkten, streiken die Arbeiter von Volvo in Gent, Feuerwehrmänner bespritzen Gerichtsgebäude mit Wasser, es kommt zu Krawallen. König Albert II. ergreift im Fernsehen das Wort und spricht von einem "Mangel an Menschlichkeit" der Justiz gegenüber den Eltern der toten Kinder. Die rufen zu einem Schweigemarsch in Brüssel auf.

Am 20. Oktober demonstrieren mehr als 300 000 weiß gekleidete Menschen in den Straßen der Hauptstadt. Es ist die größte Demonstration in Belgien seit der Befreiung von der deutschen Okkupation 1945. Es herrscht Totenstille. Danach beginnt eine hysterische Zeit. Über 3000 Anrufe gehen auf einer 0-800-Nummer zur Bekämpfung der Pädophilie ein, jeder denunziert jeden, auch der homosexuelle stellvertretende Premierminister Elio di Rupo wird beschuldigt, Affären mit Minderjährigen gehabt zu haben. Millionen Belgier verfolgen vor dem Fernseher die Sitzungen des Untersuchungsausschusses. Inzwischen graben Polizisten in stillgelegten Bergwerken rund um Charleroi nach noch mehr Leichen. Die Flämin Regina Louf meldet sich zu Wort. Sie behauptet, sie sei Zeugin von grausigen Treffen gewesen, bei denen Kinder in Anwesenheit von Dutroux ermordet worden seien. Wieder einmal entzweit sich Belgien, diesmal nicht entlang der Sprachgrenze, sondern zwischen den Anhängern der "Vereinzeltes-Raubtier-Theorie" und denen der "Pädophilen-Ring-Version". Und deshalb entzweien sich auch Connerottes Nachfolger Jacques Langlois und Staatsanwalt Michel Bourlet. Wer von beiden Recht hat, wird sich wohl auch nicht im Prozess herausstellen.

Nach dem Erdbeben von 1996 sackte der belgische Staat bald wieder zurück in die gewohnte Lethargie. Zwei Jahre nach seiner Verhaftung entkommt Dutroux seinen Bewachern bei einem Besuch im Justizpalast von Neufchateau. Deren Pistolen sind nicht geladen, Dutroux trägt keine Handschellen. Nach wenigen Stunden fängt ihn ein Forstmeister ein. Später stellt sich heraus, dass es ihm gestattet war, mit einer 15-Jährigen zu korrespondieren, die ihm "aus Mitleid" geschrieben hatte. 600 Briefe tauschte das sonderbare Paar aus, er nannte sie "meinen kleinen Stern" und sich selbst "deinen Prinzen".

Immerhin gab es eine Justizreform. Richter werden jetzt nicht mehr nach ihrer Parteizugehörigkeit ernannt, sondern nach ihrer Kompetenz. Opfer und ihre Angehörigen können Akteneinsicht verlangen, Gendarmerie und Polizei wurden zusammengeschlossen. "Seither verbringen sie die meiste Zeit damit, endlose Formulare auszufüllen, in denen sie rechtfertigen, was sie tun", sagt der Strafrechtler Jean-Marie Dermagne. "Ich würde nicht ausschließen, dass sich so ein Drama noch einmal abspielt."

Die Eltern von Julie und Melissa, mit denen er befreundet ist, werden dem Prozess fernbleiben, "sie können nicht mehr und erwarten nichts". Die "Killer von Brabant" sind noch immer auf freiem Fuß. Kürzlich ging in Lüttich nach 13 Jahren der Prozess im Mordfall Cools zu Ende. Er endete mit sechs Verurteilungen und zwei Freisprüchen, doch alle Fragen über die Hintergründe blieben offen. Die Zeitung "La Meuse" ließ anschließend Saddam Hussein in einer Karikatur sagen: "Ich will in Lüttich vor Gericht gestellt werden." Der Bürgermeister von Sars-la-Buissiere möchte Dutroux' Haus abreißen lassen und dort einen Spielplatz errichten.

"Vergesst nicht", steht auf einem Plakat auf der Brücke über die Autoroute de la Wallonie neben den Augen von Julie und Melissa. Sie blicken einen unverwandt an.

Stefanie Rosenkranz / print