Belgien Schrecken und Schaulust


Mit einer Mischung aus Schrecken, Wut und Schaulust erwartet Belgien den Auftakt des Prozesses um den mutmaßlichen Kinderschänder und Mörder Marc Dutroux.

Mit einer Mischung aus Schrecken, Wut und Schaulust erwartet Belgien den Auftakt des Prozesses um den mutmaßlichen Kinderschänder und Mörder Marc Dutroux. Eigentlich ist Arlon nicht gerade eine Tourismus-Hochburg. Doch in Erwartung des Prozessbeginns am 1. März sind alle Hotelbetten in der Umgebung der kleinen Ardennenstadt nahe der Grenze zu Luxemburg seit Monaten ausgebucht, Zeitarbeitsagenturen berichten von einer hohen Nachfrage nach Gastronomieaushilfen. 450 Zeugen und mehr als 1000 Journalisten werden zu dem Prozess erwartet. "Dies ist der schwierigste Prozess der belgischen Justizgeschichte", sagte Dutrouxs Anwalt Xavier Magnee zu Reuters. Der Fall hatte das Vertrauen in das Justizsystem erschüttert und nach einer Flucht Dutrouxs aus der Haft 1998 auch zu Ministerrücktritten geführt.

Dutroux ist der verabscheuteste Mann Belgiens

Die Lütticher Staatsanwaltschaft hält Dutroux für den Chef einer Bande, die sechs Mädchen entführte, missbrauchte, gefangen hielt und vier von ihnen ermordete. Julie, Melissa, An und Eefje soll Dutroux 1995 entführt, vergewaltigt und ermordet haben. Sabine und Laetitia konnten im August 1996 aus einem Kellerversteck hinter Dosen und Wasserflaschen befreit werden. Nackt, ängstlich in einer Ecke kauernd fand die Polizei beide nach bis zu 69 Tagen Gefangenschaft in einem winzigen Kellerraum von Dutrouxs Haus in Marcelline am 15. August 1996. Sie gelten als die wichtigsten Zeugen.

Bei früheren Durchsuchungen hatte die Polizei das Versteck nicht gefunden. Dutroux brachte die Beamten erst auf die Spur, nachdem er mit dem Geständnis seines mutmaßlichen Komplizen Michel Lelievre konfrontiert wurde.

Angeklagt ist Dutroux zudem wegen Ermordung seines mutmaßlichen Komplizen Bernard Weinstein, Vergewaltigung dreier Slowakinnen und Drogenhandels. Mitangeklagt sind Dutrouxs damalige Frau Michelle Martin, sein mutmaßlicher Komplize Michel Lelievre sowie der Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoult. Dutroux sei der verabscheuteste Mann Belgiens, sagt sein Anwalt.

Ein Netz von Pädophilen

Die Anklage gegen Nihoult gilt in Belgien als Zeichen dafür, dass Dutroux kein Einzeltäter, sondern Teil eines Netzes von Pädophilen gewesen sein könnte.

Zu einer Welle aus Trauer und Empörung hatte der Fall Dutroux bereits bei seinem Bekanntwerden 1996 geführt, die in einem "Weißen Marsch" mit 300.000 Teilnehmern ihren Höhepunkt fand. Die Wut der Menschen richtete sich gegen das belgische Justiz- und Polizeisystem. Pannen bei der Fahndung und die fast acht Jahre lange Vorbereitung der Anklage haben immer wieder zu Vorwürfen von Vertuschung und Schlamperei geführt und nährten Spekulationen über einflussreiche Hintermänner.

Hinweise blieben bei der Polizei ohne Folgen

So wurde Dutroux schon 1989 drei Jahre nach einer Verurteilung zu mehr als 13 Jahren Haft wegen Entführung und Vergewaltigung junger Mädchen auf freien Fuß gesetzt. Hinweise an die Polizei zu angeblichen neuen Entführungsplänen und illegalen Umbauten im späteren Kellerverlies blieben ohne Folgen. Nach einer Verhaftung Dutrouxs im Dezember 1995 finden die Beamten bei einer Hausdurchsuchung nicht zwei dort versteckte Mädchen, die daraufhin verhungern. Viele Belgier wollen bei so vielen Pannen nicht an Zufälle glauben und spekulieren über Verschwörungen.

Doch vor Prozessbeginn stehen in Belgien weniger die politischen Konsequenzen, sondern die Details der Vorwürfe und des Prozessverlaufs im Mittelpunkt. Die Medien berichten ausführlich aus den ihnen auf DVDs zugespielten 400.000 Seiten Prozessakten, Zeitungen drucken Fotos von Rekonstruktionen und haben auf ihren Websites eigene Rubriken mit detaillierten Informationen zu den Dutroux zur Last gelegten Verbrechen angelegt. Zumindest während der ersten Tage des Prozesses wird Arlon und sein neues Justizgebäude auch weltweit Schlagzeilen machen. Dafür sorgen die mehr als tausend Journalisten, die sich angemeldet haben.

Ganz Belgien ist befangen

Dutrouxs Anwalt klagt, sein Mandat habe keine Chance auf einen neutralen Richter. Einen fairen Prozess werde es nicht geben, sagte Magnee. "Einen Richter zu finden, der noch keine Meinung hat, ist ganz offensichtlich unmöglich. Es wird sehr schwer werden, einen Richter zu finden, der in sein Fenster kein Foto von Julie oder Melissa gehängt hat oder der nicht am Weißen Marsch teilgenommen hat."

Rund 300 Zeugen will die Verteidigung aussagen lassen. Magnee sagt, er hoffe, dass der Prozess auch Licht in die Identität eines weiteren, noch unbekannten Mannes bringt, dessen Blut- und Spermaspuren im Kellerversteck der Mädchen gefunden worden seien. Dutroux werde wie ein Piranha betrachtet. "Man urteilt über ihn, aber nicht über die Haie, die um ihn herumschwimmen."

Carsten Lietz und Gilles Castonguay/Reuters


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker