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Belgien: Trauer um Stacy und Nathalie

Da kommen Erinnerungen an den Fall Dutroux auf: Fast vier Wochen nach dem Verschwinden zweier Mädchen in Belgien hat die Polizei jezt ihre Leichen entdeckt. Die Mädchen fielen einem Gewaltverbrechen zum Opfer.

"Es ist ein Fluch, der ewig auf dem Land lasten wird: Jedes Mal wenn in Belgien Mädchen oder Jungen verschwinden, kommen die Erinnerungen an Marc Dutroux hoch. Der Name des 2004 verurteilten Kindermörders und -schänders ist in dem kleinen Königreich Synonym für das Schrecklichste, was ein Erwachsener einem Kind antun kann, aber auch für das Versagen eines Staates, die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Die Morde an An (17) und Eefje (19), an Melissa (8) und Julie (8), die Qualen von Sabine (12) und Laetitia (14), die die Polizei lebend aus einem Keller im Hause Dutroux befreite, hatten vor fast zehn Jahren 300.000 Menschen zu einem "Weißen Marsch" auf die Straßen Brüssels getrieben.

Mädchen verschwanden bei Straßenfest

Aus diesem kollektiven Ausbruch der Wut lernte die Obrigkeit. Zwar ist Belgien heute wie damals gespalten: In der Wallonie sprechen die Menschen französisch, in Flandern niederländisch. Und beide Landesteile trennt viel mehr als die Sprache. Doch der Schock angesichts der unfassbaren Pannen der Polizei im Fall Dutroux reichte aus, den Apparat von Ermittlern und Justiz zu reformieren und zwar über die Sprachgrenzen hinweg. Eine beachtliche Leistung, da es für jede Regierung - unabhängig von der politischen Farbe - ein schwieriges und oft erfolgloses Unterfangen ist, Belgien als eine staatliche Einheit zu regieren.

Das kollektive Erinnern an die Affäre Dutroux trägt dazu bei, dass seitdem jeder Fall eines verschwundenen Kindes ausführlich in den Medien geschildert wird. So war es auch bei der siebenjährigen Stacy und der zehnjährigen Nathalie, Stiefschwestern aus Lüttich, geschehen. Deren Leichen fand die Polizei am Mittwoch nur 200 Meter entfernt von dem Ort, wo sie 19 Tage zuvor zuletzt gesehen worden waren. In einem Café hatten die Eltern in der Nacht zum 10. Juni ausdauernd getrunken, während die Mädchen in das Getümmel eines Straßenfestes eintauchten. Irgendwann, so gegen 2.00 Uhr morgens an jenem Samstag, beschlossen die Eltern, ihre insgesamt sechs Sprösslinge aus verschiedenen Beziehungen einzusammeln und nach Hause zu gehen. Doch Stacy und Nathalie waren weg.

Verdächtiger bestreitet jede Verwicklung

Vor dem Hintergrund dieses elterlichen Verhaltens nahm die Polizei die Ermittlungen auf, zeigten die Menschen rasch Solidarität. Die Beamten stießen schnell auf die Spur eines aktenkundigen Sexualstraftäters. Er ist mit einer Kellnerin aus dem Café befreundet, wo die Eltern gezecht hatten. Nach Polizeiangaben war er an dem Ort gesehen worden, bevor die Mädchen verschwanden. Der Verdächtige war erst im Dezember aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem er eine Haftstrafe wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verbüßt hatte.

Der Mann stellte sich, nachdem sein Bild im Fernsehen gezeigt worden war, und bestritt fortan hartnäckig jede Verstrickung. 30.000 Plakate hingen bald an zentralen Orten im ganzen Land. Die Medien nahmen sich des Falls groß an. Und in die Berichte mischte sich neben Betroffenheit auch Unverständnis. Was haben Kinder eigentlich an einem frühen Samstagmorgen unbeaufsichtigt auf den Straßen Lüttichs zu suchen?

Dutroux' böser Geist lebt

Wie Staatsanwalt Cedric Visart de Bocarme mitteilte, lag der Fundort der Leichen etwa 500 Meter vom Ort entfernt, an dem die beiden Mädchen in der Nacht zum 10. Juni zuletzt gesehen worden waren. Die beiden Körper wurden zehn Meter voneinander entfernt in hohem Gras an einem Bahndamm in Lüttich gefunden.

Dass die Menschen um das Schicksal der Mädchen bangten und trotz der Erinnerungen an die Grausamkeiten eines Dutroux immer auf ein Lebenszeichen von Stacy und Nathalie hofften, das war mehr als einmal in den Programmen des belgischen Fernsehens, des flämischen wie des wallonischen zu sehen. Staatsanwaltschaft und Polizei gingen offensichtlich systematisch vor. Hinweise von dem einsitzenden Verdächtigen habe es keine gegeben, ließ die Justiz wissen. Doch die Ermittler lieferten Ergebnisse und machten dem für die Angehörigen - aber auch für Belgier - unerträglichen Warten nach 19 Tagen ein Ende. Die Ängste der Eltern, deren Kinder Opfer von Dutroux sind, wurden seinerzeit ignoriert. Für manche von ihnen war mehr als ein Jahr vergangen, bevor die Ungewissheit ein Ende hatte.

AP/DPA / AP / DPA