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Prozess-Neustart: Ein brutaler Tritt, eine lange Fahndung - Rekonstruktion eines unfassbaren Falls

Der Prozess gegen den sogenannten U-Bahn-Treter wird neu gestartet. Der stern rekonstruiert den Fall, der weltweit für Entsetzen sorgte. Ein brutaler Tritt und seine Geschichte.

U-Bahn-Treter

Am Berliner Landgericht ist der zweite Versuch gestartet, dem sogenannten U-Bahn-Treter Svetoslav S. den Prozess zu machen. Der 28-jährige Bulgare soll im Oktober vergangenen Jahres eine 26-jährige Ukrainerin am U-Bahnhof Hermannstraße die Treppe hinunter getreten und sie schwer verletzt haben. Nach Veröffentlichung der Aufnahmen aus der Überwachungskamera hatte es eine bundesweite Diskussion um die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr gegeben.

Der Prozess gegen den Verdächtigen vor rund zwei Wochen ist kurz nach dem Auftakt gestoppt worden, weil einem Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen eine Schöffin stattgegeben wurde. Die Frau soll sich in Leserbriefen abfällig über kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund geäußert haben.

Anlässlich der Neuauflage der Gerichtsverhandlung veröffentlicht der stern die am 14. Juni 2017 publizierte Rekonstruktion des spektakulären Falls in einer aktualisierten Version:

Chronologie einer spektakulären Tat

Es ist kalt in der Hauptstadt, in jener Nacht vom 26. auf den 27. Oktober, die in die Berliner Kriminalgeschichte eingehen wird. Etwa fünf Grad zeigt das Thermometer, es ist trocken, die Bäume verlieren ihre Blätter. Viele Berliner liegen gegen Mitternacht schon im Bett, andere sind draußen auf dem Heimweg: Sie kommen begeistert aus der Philharmonie, es gab Mozart und Bartók, sie verlassen geknickt die Kneipen, Union Berlin ist aus dem DFB-Pokal ausgeschieden, oder sie erledigen noch ein paar Einkäufe im "Späti".

Auch Nadja P. (Name geändert) ist in dieser kalten Nacht in Berlin unterwegs, in Neukölln. Sie hat ihren schwarzen Mantel an, die Kapuze über den Kopf gezogen, die Hände in den Taschen vergraben. Um kurz nach 24 Uhr will die 26-jährige Frau aus der Ukraine am U-Bahnhof Hermannstraße in einen Zug der Linie acht in Richtung Alexanderplatz steigen. Doch dazu kommt es nicht mehr: Wenig später ist die junge Frau das Opfer in einem Aufsehen erregenden Kriminalfall.

Ein Fall von erschreckender Brutalität

Svetoslav S. streift in dieser Mittwochnacht mit einem Freund und zwei Brüdern durch den Stadtteil. Breiter Gang, schwarze Lederjacke, Jeans, Turnschuhe, Baseball-Cap. Der 27-jährige Bulgare ist Raucher, gerade hat er sich eine Zigarette angesteckt. Die Kippe in der einen, eine Flasche Bier in der anderen Hand, geht er kurz darauf mit seinen Begleitern ebenfalls an der Hermannstraße hinab in die U-Bahn-Station, wenige Meter hinter Nadja P. Auch Svetoslav S. ist wenig später in den Kriminalfall verwickelt: Er soll der Täter sein.

Der Fall, um den es geht, ist von erschreckender Brutalität. Die Bilder der Tat, aufgenommen von der Überwachungskamera im Bahnhof, gehen um die Welt. Es sind Bilder, die den Betrachter fassungslos zurücklassen.

Sie zeigen den Treppenabgang des Bahnhofs: etwas schäbig, grüne Kacheln an der Wand, Schmierereien, Neonlicht. Nadja P. biegt rechts ab und geht die Treppen zum Bahnsteig hinab, acht Stufen hat sie schon geschafft. Hinter ihr: die vier jungen Männer. Svetoslav S. und seine Begleiter wollen geradeaus weiter, aber der Bulgare biegt ebenfalls ab, ist direkt hinter Nadja P. Er geht fünf Stufen hinab und tritt zu - mit voller Wucht. Mit der Sohle seines Turnschuhs trifft er die junge Frau im Rücken, so heftig, dass Nadja P. etwas abhebt und gut zwei Meter nach unten stürzt. Sie schlägt auf dem Steinboden auf. Sofort eilen Passanten zur Hilfe, richten sie auf.

Nadja P. hat Glück. Sie schlägt nicht allzu heftig mit dem Kopf auf. Sie bricht sich den Arm und zieht sich eine Platzwunde zu. Sanitäter bringen sie wenig später in ein Krankenhaus. Sie hätte durch den Angriff sterben können, lassen Notärzte den Berliner "Tagesspiegel" wissen.

Berliner U-Bahn-Treter: Polizei fahndete mit diesem Video nach Gewalttätern

Als hätte Svetoslav S. eine leere Cola-Dose weggekickt

Der Gewaltausbruch von Svetoslav S. lässt seine Begleiter augenscheinlich völlig kalt. Fast unbeteiligt gehen sie weiter, als hätte ihr Freund und Bruder eine leere Cola-Dose die Treppe hinunter getreten. Sie sammeln noch eine liegengebliebene Bierflasche ein, Svetoslav S. zieht nach dem Tritt einmal an der Zigarette und schließt sich seiner Clique an. Nach der Attacke schlendern die vier Männer gemeinsam weiter in die kalte Berliner Nacht.

Nach dem Angriff erstattet das Opfer Anzeige bei der Berliner Polizei. Die Beamten wissen von der Kamera im Bahnhof und fordern bei den Berliner Verkehrsbetrieben die Aufnahmen an. Die Suche nach dem Täter startet, zunächst im Verborgenen. Zeugen werden vernommen, Polizisten sehen sich die Videobilder der Tat auf ihren Revieren an. Vielleicht erkennt irgendjemand die Männer wieder?

Tage und Wochen vergehen, ohne Erfolg. Noch wissen die meisten Berliner nichts von der Attacke im U-Bahnhof. Die Aufnahmen der Überwachungskamera sind immer noch nicht veröffentlicht, denn die Öffentlichkeitsfahndung gilt als das letzte der Mittel der Polizei - auch um die Persönlichkeitsrechte von Verdächtigen zu schützen, müssen Richter darüber entscheiden. Geht es einem Beamten des Landeskriminalamtes zu langsam voran mit den Ermittlungen?

"U-Bahn-Treter" flüchtet aus Berlin

Sicher ist: Die Videoaufnahmen werden der Berliner "Bild"-Zeitung zugespielt. Das Blatt veröffentlicht die Szene am Nikolaustag. Bei der Berliner Polizei ist man von der ungebeten Mithilfe der Zeitung wenig begeistert. Das Landeskriminalamt ermittelt in den eigenen Reihen wegen der verbotenen Weitergabe der Bänder.

Doch jetzt kommt Bewegung in den Fall: Das schockierende Video macht die Runde, die rohe Gewalt sorgt weltweit für Entsetzen, in der Hauptstadt beginnt erneut eine Diskussion über die Innere Sicherheit. Allein 2,8 Millionen Menschen sehen die Aufnahmen auf der Facebook-Seite der "Bild". Schauspieler und Sänger wie Jan Josef Liefers nutzen ihre Prominenz und verbreiten das Video weiter. Auch Ali T. (Name geändert), früherer Mitarbeiter einer Flüchtlingsunterkunft, sieht das Video und erkennt laut "Bild" den Treter.

Am 14. Dezember weiß die Polizei, nach wem sie suchen muss: Svetoslav S., 27 Jahre alt, dreifacher Familienvater. Die Behörden stellen einen Haftbefehl aus, sie setzen Zielfahnder auf ihn an, die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass S. bald ins Netz geht.

Doch der ist längst untergetaucht, er wird fälschlicherweise in seiner bulgarischen Heimat vermutet. Auch dort druckt die Polizei Fahndungszettel. Ein bulgarischer TV-Sender berichtet, dass er wegen Raubes, Diebstahls und Hooliganismus bereits polizeibekannt ist.

Festnahme am Berliner ZOB

Eine Woche vor Weihnachten ist es immer noch kalt in Berlin. Am Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) herrscht der normale Samstagnachmittags-Betrieb. Auf dem in die Jahre gekommenen Gelände in der Nähe des Funkturmes warten Reisende auf ihre Busse, die von hier nach ganz Europa starten. Menschen verabschieden ihre Freunde oder begrüßen glücklich ihre Verwandten. Unter die Reisenden und Wartenden haben sich auch Zielfahnder des Berliner Landeskriminalamtes gemischt.

Gegen 16.30 Uhr erreicht ein Reisebus aus Südfrankreich den ZOB, unter den Passagieren Svetoslav S. und aufmerksame Mitreisende. Sie haben den Gesuchten an Bord des Busses erkannt und heimlich übers Handy die Polizei informiert, berichtet der "Berliner Kurier". Die Zielfahnder verhaften den Verdächtigen noch im Bus, "problemlos", sagt die Polizei. 

Um 19.05 Uhr versendet die Deutsche Presse-Agentur eine Eilmeldung an Redaktionen in ganz Deutschland: "Mutmaßlicher U-Bahn-Treter von Berlin festgenommen." Seither sitzt Svetoslav S. in der Justizvollzugsanstalt Moabit in Untersuchungshaft.

Am Montagvormittag begann nun die Neuauflage des Gerichtsverfahren gegen den Bulgaren. An fünf Verhandlungstagen wird sich das Berliner Landgericht mit dem Fall beschäftigen, außerdem auch mit dem Vorwurf des Exhibitionismus. Svetoslav S. soll sich zwei Wochen vor seinem Gewaltausbruch am U-Bahnhof Hermannstraße zwei Mal vor Frauen entblößt und masturbiert haben.

Eine Frage bleibt: warum?

Im Prozessverlauf wird Nadja P. ein zweites Mal auf Svetoslav S. treffen. Sie wird ihm diesmal ins Gesicht schauen können, denn die Ukrainerin tritt als Nebenklägerin auf und wird als Zeugin gehört, teilte eine Sprecherin des Gerichts dem stern mit. Gestanden hat Svetoslav S. seine Tat bereits. Vielleicht erhalten Nadja P. und die Öffentlichkeit im Prozess auch die Antwort auf die vielleicht drängendste Frage: Warum? Warum tritt ein Familienvater eine fremde Frau aus heiterem Himmel brutal eine Treppe hinab? Wie auch immer die Antwort ausfällt, eine Erklärung für die erschreckende Tat wird sie wohl nicht sein.

Möglicherweise hat Svetoslav S. bald viel Zeit, über sein Verhalten in der kalten Oktobernacht nachzudenken: Gefährliche Körperverletzung kann mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden.

mit DPA/AFP