Berlin-Charlottenburg Babyleichen im "Liebesnest"


Nach dem Selbstmord seiner Ex-Freundin hat ein Mann in Berlin eine grausige Entdeckung gemacht: In ihrer Wohnung fand er die Überreste von vier Säuglingen.
Von Uta Eisenhardt

Die schreckliche Entdeckung machte ein Potsdamer Anwalt bei der Auflösung einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg: In Müllsäcke verpackt fand er in einem Hocker kleine, verweste Leichen. Umgehend brachte der 49-Jährige den Fund zur nächsten Polizeiwache. Inzwischen steht fest: Es sind die Überreste von vier Säuglingen. Die Mutter war offenbar Heike W., die Ex-Freundin des Anwalts. Sie hatte sich Ende Juli aus dem 12. Stock des Hauses in den Tod gestürzt. Derzeit wird ermittelt, wie und wann die Babys starben.

"Nach bisherigen Ermittlungen gehen wir davon aus, dass die verstorbene Frau auch die Mutter der Kinder war", sagt Martin Steltner, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft. "Nur gegen einen Toten können Sie nicht ermitteln." Es werde nun das Lebensumfeld der Frau mit der Frage geprüft, ob es neben ihr noch weitere Tatverdächtige gibt. In etwa einer Woche rechne er mit neuen Erkenntnissen, sagt Steltner.

Dass Mütter ihre Babys direkt nach der Geburt töten und die Leichen jahrelang in ihrer Nähe versteckt halten, kommt immer wieder vor. Rund 30 Fälle werden jedes Jahr bekannt, Experten gehen von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus. Für großes Entsetzen sorgte 2005 ein Fall im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd, wo die Leichen von neun Babys in mit Blumenerde gefüllten Gefäßen entdeckt worden waren. Auch der jetzige Fund in Berlin-Charlottenburg hat eine außergewöhnliche Dimension.

Heike W.s Wohnung, in der die Leichen gefunden wurden, befindet sich in einem videoüberwachten blau-weißen Eckhochhaus, das 1972 erbaut wurde. Die Mieten seien nicht billig, sagen die Bewohner. In der ersten Etage befinden sich Arztpraxen. Geht man nach links aus dem Haus, befindet man sich sofort im Westberliner Kneipen-Kiez. Hält man sich rechts, gelangt man zur Deutschen Oper, zum Schiller-Theater und zur Bundesbank.

Hier hatte vor zwei Monaten die 46 Jahre alte Heike W. ihr Leben mit einem Sprung aus dem 12. Stock beendet. Kurz vor Mitternacht ließ sie sich auf den Hof fallen, in die Ecke, wo die Müllschlucker stehen. Ihr Körper landete auf den Fahrrädern, von denen etliche kaputt gingen. Sie war nicht die erste Mieterin in dem 17-stöckigen Haus, die auf diese Weise aus dem Leben schied. Die Nachbarn erinnern sich an ein junges, depressives Mädchen, das vor kurzem aus dem vierten oder fünften Stock gesprungen war. "Hochhäuser ziehen so etwas an", sagt eine Bewohnerin.

72 Mietparteien wohnen in dem Haus, etwa die Hälfte der Wohnungen hätten nur ein Zimmer. Auch die Wohnung der Verstorbenen war klein. Über einen braunen, abgetretenen Teppich gelangt man zu Heike W.s letzter Wohnung, die sich am Ende eines schmucklosen Flurs mit weißen Rauhputz-Wänden befindet. Ein Verschlusssiegel der Polizei prangt auf der Tür. Darauf steht, wer es öffnet, mache sich nach Paragraph 136 des Strafgesetzbuches strafbar.

Kaum einer der Nachbarn kannte die Frau, höchstens die Bewohner der 12. Etage. Vor einem Jahr etwa hatte der Potsdamer Anwalt die Wohnung für seine Freundin angemietet. "Als Liebesnest", kolportiert eine Mieterin die Informationen des Hausmeisters. Dessen Wohnzimmer geht zum Hof heraus: Durch einen Schrei aufmerksam geworden, hätte der Hausmeister die Tote unmittelbar nach ihrem Sturz gefunden, sagt eine andere Nachbarin. Ihr Freund soll sich kurz vorher von der schwangeren Heike W. getrennt haben, sagt die Mieterin. Der Hausmeister habe ihr auch von den Worten des Potsdamer Anwalts berichtet: "Es soll nicht schade um die Frau gewesen sein - so ein richtiger Macho-Spruch."

Wer der Vater der toten Säuglinge war, steht noch nicht fest. Martin Steltner von der Berliner Staatsanwaltschaft sagt: "Derzeit steht im Vordergrund, erst mal zu klären, wie die Säuglinge zu Tode gekommen sind, wenn sie denn überhaupt lebend geboren worden sind."


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