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Berliner Missbrauchsskandal: Jesuiten-Chef räumt Fälle in anderen Städten ein

Der deutsche Jesuiten-Orden hatte schon in den 80er-Jahren Hinweise auf mögliche Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Der Orden habe damals aber keine Anzeige erstattet, sagte der deutsche Ordensvorsteher Pater Provinzial Stefan Dartmann am Montag in Berlin.

Der deutsche Jesuiten-Orden hatte schon in den 80er-Jahren Hinweise auf mögliche Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Der Orden habe damals aber keine Anzeige erstattet, sagte der deutsche Ordensvorsteher Pater Provinzial Stefan Dartmann am Montag in Berlin. Die der Übergriffe beschuldigten ehemaligen Lehrer des Kollegs waren den Angaben zufolge auch in Missbrauchsfälle in vier weiteren Orten verwickelt.

Bereits 1981 hatten Schüler des Canisius-Kollegs einen offenen Brief an den Jesuiten-Orden gesandt, in dem sie die "Sexualpädagogik" von Pater Peter R. als homophob anprangerten, wie Dartmann sagte. Homosexuelle Jugendliche seien "schwerwiegenden Belastungen ausgesetzt" und würden beschuldigt, "widersittliche" und "unnatürliche" Auffassungen von Sexualität zu haben.

Dartmann bestätigte, dass der Orden versucht habe, das Problem intern zu regeln. Warum es keine Untersuchung gegeben habe und welche Verantwortung die Vorgesetzten der beiden Priester treffe, werde nach dem Bericht der Rechtsanwältin Ursula Raue zu entscheiden sein. Raue soll in zwei Wochen einen ersten Zwischenbericht vorlegen. Eine Anzeigepflicht für sexuellen Missbrauch gibt es bei den Jesuiten erst seit 2003.

Auf das Konto der zwei beschuldigten ehemaligen Ordens-Brüder gingen nach Angaben der Jesuiten auch drei Missbrauchsfälle an der katholischen St.-Ansgar-Schule in Hamburg, mindestens zwei am Jesuiten-Kolleg St. Blasien im Schwarzwald, eine noch unbekannte Zahl in Göttingen und ein weiterer Fall in Hildesheim. Hinzu kommen inzwischen 20 Fälle in Berlin, wie der Schulleiter des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes mitteilte. Rechtsanwältin Raue sagte im "Deutschlandfunk", ein Verdächtiger habe ihr gegenüber die Taten eingeräumt, der zweite weise die Vorwürfe zurück.

Dartmann lieferte biographische Angaben zu den beiden Priestern, die inzwischen aus dem Orden ausgeschieden sind. Der 69-jährige Peter R. war demnach als Religionslehrer und Jugendseelsorger am Canisius-Kolleg tätig. Nach 1981 arbeitete er in Göttingen, wo ein Schüler 1986 einen Mordanschlag auf ihn verübte. R. blieb nahezu unverletzt, der Schüler beging später Selbstmord. R. arbeitete außerdem in Mexiko und Hildesheim, wo eine Frau dem Orden einen sexuellen Übergriff auf ihre 14-jährige Tochter meldete. 1995 schied R. aus dem Orden aus.

Der heute 65-jährige Wolfgang S. verließ das Canisius-Kolleg 1979 und wechselte an die St.-Ansgar-Schule in Hamburg, wo sich inzwischen drei Schüler wegen sexueller Übergriffe durch S. meldeten. Er unterrichtete in St. Blasien, Ende der 80er ging er nach Mexiko und Chile. 1991 beantragte er seinen Ausschluss aus dem Orden und die Aufgabe des Priesteramts. In dem entsprechenden Schreiben habe S. ein ausführliches Geständnis seiner Verfehlungen abgelegt, berichtete Dartmann.

AFP / AFP