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Berliner U-Bahn-Schläger: Torben P. - "psychosozial ein Jugendlicher"

Wie schuldfähig ist Torben P., der mutmaßliche Berliner U-Bahnschläger? Diese Frage sollte eine Psychiaterin klären, die empfiehlt, den jungen Mann beim Urteil nicht als erwachsen einzustufen. Bei der Schilderung seiner Zechtour machte P. astronomische Angaben.

Von Uta Eisenhardt

Die Mutter habe ihn noch ermahnt: Er solle auf der Party nicht so viel saufen. Über diesen typischen Mutter-Satz habe der Angeklagte später noch lange nachgedacht, berichtet Cornelia Mikolaiczyk, die am Dienstag vor dem Berliner Landgericht ihr psychiatrisches Gutachten im Prozess gegen den mutmaßlichen U-Bahn-Schläger Torben P. präsentierte.

Der 18-jährige Gymnasiast schlug die Worte der Mutter natürlich in den Wind, als er am Karfreitag mit seinem Freund Nico A. zu einer Geburtstagsparty ging. Auf dem Rückweg landeten sie auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße. Ab 3.06 Uhr wurden die Jungen von den dort installierten Überwachungskameras gefilmt, wie sie scheinbar alkoholisiert und streitlustig den Bahnhof auf und ab liefen. Auf dem Video sähe er aus wie ein Affe, habe Torben P. gegenüber der Gutachterin geäußert. "Das ist der peinlichste Moment meines Lebens, der nun veröffentlicht wird."

Zu dem Moment gehört auch die acht Sekunden währende Sequenz, in der er dem 29-jährigen Markus Pi. eine Cola-Flasche ins Gesicht schlägt und dem Bewusstlosen vier Mal auf den Kopf tritt. Zum Glück für das Opfer - und wohl auch für den Täter - sind die Schuhe von Torben P. mit einer weichen Sohle versehen.

Wie schuldfähig ist Torben P.?

Die psychiatrische Gutachterin wurde gehört, um die Schuld- und Steuerungsfähigkeiten des Gymnasiasten zu beurteilen. Zur Vorbereitung sprach und testete sie ihn zehn Stunden lang. Sie ließ sich seine Lebensgeschichte schildern und entwarf daraus ein kritischeres und fundierteres Bild, als es die Mitarbeiterinnen der Jugendgerichtshilfe zeichnen konnten.

Torben P. wuchs mit einer fünf Jahre älteren Schwester bei seinen kranken Eltern auf. 1998 räumten die Eltern ihr Schlafzimmer, um dort für fünf Jahre die demenzkranke Großmutter unterzubringen. "Auch die Erinnerungen an die andere Großmutter waren mit Krankheiten verknüpft", so die Gutachterin. So hätten sich die Eltern zwar fürsorglich und umsorgend gezeigt, auf der anderen Seite "wurde der Frühstückstisch von Medikamenten beherrscht". Zuweilen sei der Schüler nach Hause gekommen und habe die Eltern dort nicht angetroffen, weil diese im Krankenhaus waren. Obendrein habe es ein "Kommunikationstabu über die Krankheiten" gegeben. Unter dieser Situation habe Torben P. sehr gelitten.

Einsam und unglücklich im Internat

Am meisten jedoch überraschte die Gutachterin die "Vereinzelung der Familienmitglieder". Darauf schloss sie durch einen Nebensatz ihres Probanden: Der habe ihr von seinen Schwierigkeiten berichtet, die er in der 7. und 8. Klasse in einem Sportinternat hatte. Dort sei er der Jüngste gewesen und habe sich einsam und unglücklich gefühlt, obwohl - und hier staunte die Psychiaterin - seine Schwester dasselbe Gymnasium besuchte.

Dazu passte, so Cornelia Mikolaiczyk, dass die Eltern aus der ursprünglich gemeinsam besuchten Familientherapie ausgestiegen seien. "Die Familie ist äußerlich intakt", so die Gutachterin. "Aber innerlich besteht eine Vereinzelung, es ist ein nicht ausreichendes Kümmern."

Allerdings habe ihm seine Mutter eine therapeutische Behandlung empfohlen, als sie erfuhr, dass ihr Sohn auf den Leistungsstress im Sportinternat mit Selbstverletzungen reagierte, sich am ganzen Körper ritzte und verbrannte. Auf diesen Rat habe sich Torben P. "nicht einlassen" können, so die Psychiaterin.

Auch in den folgenden Jahren muss der Schüler immer wieder depressive Phasen gehabt haben. Er selbst schilderte Antriebsarmut, Konzentrationsprobleme und Suizid-Gedanken. Mit 13, 14 Jahren habe er regelmäßig Alkohol getrunken. Er werde dadurch ruhiger und kontaktfreudiger, sagte er der Gutachterin.

Irre Alkoholschätzung

Die versuchte sich auch an einer Schätzung des in der Tatnacht konsumierten Alkohols. 3,11 Promille seien es anhand der Mengen, die in der Anklageschrift aufgeführt werden, astronomische 12,65 Promille anhand der Mengen, die er bei der Psychiaterin aufzählte und 3,59 Promille anhand dessen, was er vor Gericht angab. Doch Zahlen sind ein eher nebensächliches Maß, der Alkohol wirke bei jedem Menschen anders.

Einen signifikanteren Beweis für die Alkoholisierung des mutmaßlichen Täters erkennt die Gutachterin auf dem Überwachungsvideo: Dort ist zu sehen, wie Torben P. seelenruhig ins Gleisbett steigt, ohne sich um einfahrende U-Bahnen oder stromführende Kabel zu kümmern: "Ein akut selbstgefährdendes Verhalten", sagt Cornelia Mikolaiczyk. Ihrer Meinung nach sei "nicht auszuschließen, dass die Steuerungsfähigkeit bei der Tat vermindert war". Was bei der Menge an Alkohol nicht überrascht.

Ebenso wie die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe empfiehlt sie, den Angeklagten nach dem milderen Jugendstrafrecht zu verurteilen, er sei unter "psychosozialen Aspekten noch ein Jugendlicher" - auch wenn er die Entschuldigungsbriefe an seine Opfer so verfasst hatte, dass sie von den Opferanwälten als "von einem Anwalt geschrieben" eingestuft wurden. Diese Ansicht habe Torben P. sehr gekränkt, berichtete die Psychiaterin. Er habe sehr lange über die Formulierungen nachgedacht.

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