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Sizilianische Cosa Nostra Mafiaboss "Der Traktor" Provenzano einsam in Haft verstorben

Bernardo Provenzano, Ex-Boss der italienischen Mafia Cosa Nostra
Bernardo Provenzano, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2006, war 1993 zum obersten Chef der Cosa Nostra aufgestiegen
© Questra di Palermo/AFP
Kaum ein Mafioso hielt Italien so in Atem gehalten wie Bernardo Provenzano. Vier Jahrzehnte lang tanzte der Pate der Cosa Nostra den Ermittlern auf der Nase herum, ehe man ihn 2006 festnahm. Nun verstarb "Der Traktor" einsam in Haft.

Jahrzehntelang hatte Bernardo Provenzano nicht einmal ein Gesicht. Das letzte Fahndungsfoto des berüchtigten Mafia-Bosses stammte aus dem Jahr 1959. Da hatte der Pate noch volle schwarze Haare, eiskalte Augen, einen kräftigen Stiernacken. Ein Phantombild wurde angefertigt, mit den möglichen Gesichtszügen des gealterten Cosa-Nostra-Chefs. Denn mehr als 40 Jahre hatten die Top-Ermittler auf Sizilien nur ein Ziel: Den mysteriösen und meistgesuchten Paten aufzuspüren und hinter Gitter zu bringen. Aber erst am 11. April 2006 gelang ihnen der ersehnte Coup. Für den in Abwesenheit bereits zu mehrmals lebenslanger Haft verurteilten Provenzano klickten die Handschellen. Jetzt starb der "Boss der Bosse" einsam in Haft.

Überall hatten die Ermittler nach Provenzano gesucht - am Ende fanden sie ihn da, wo er hergekommen war: Unweit seines sizilianischen Geburtsortes Corleone, der wohl legendärsten Mafia-Hochburg Italiens. Unter anderem durch Telefonüberwachungen wurde er in einem abgelegenen Gehöft entdeckt - und plötzlich hatte das nunmehr 73-jährige "Phantom" wieder ein Gesicht. Bilder der Festnahme zeigten ihn mit schütterem Haar, randloser Brille und Dreitagebart. Klein und gebeugt wirkte er - so wie eben jemand wirkt, der 43 Jahre im Untergrund gelebt hat.

1993 an die Spitze der sizilianischen Cosa Nostra

In Italien galt die Inhaftierung Provenzanos als einer der größten Erfolge aller Zeiten im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Der damalige Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi gratulierte den Mafiajägern, Staatsanwälte in Palermo lobten, die Festnahme sei "ein außergewöhnliches Ergebnis, das vor allem durch Stillschweigen, Geduld, Entschlossenheit und Professionalität erzielt wurde".

Bernardo Provenzano war Anfang 1993 nach dem Tod von Luciano Liggio und der Verhaftung von Toto Riina an die Spitze der sizilianischen Cosa Nostra aufgestiegen. "Er schießt wie ein Gott, schade nur, dass er das Gehirn eines Huhns hat", soll Liggio einmal über ihn gesagt haben. "Dies ist die Geschichte von drei Bossen, die als halbe Analphabeten Mitte der 50er-Jahre in Corleone aufgewachsen sind und sich entschieden haben, sich das, was sie wollen, mit Waffengewalt zu nehmen", schrieb ein Kommentator.

Wegen seiner Entschlossenheit "Der Traktor" genannt

Dennoch: Den italienischen Behörden 40 Jahre lang zu entwischen, das dürfte nicht ganz einfach gewesen sein. In seinem Versteck fanden Sicherheitsbeamte unter anderem eine alte Schreibmaschine. Mit ihr soll Provenzano zahlreiche Briefe mit verschlüsselten Botschaften verfasst haben. Bereits Jahre zuvor hatten Ermittler versucht, die Codes aus langen Reihen von Nummern und Abkürzungen zu knacken. Nach einem ausgeklügelten System seien bei der Übermittlung drei Mafia-Briefträger eingesetzt worden, hieß es damals. 

Insider bezeichneten Provenzano, das dritte von sieben Kindern einer Landwirtsfamilie, stets als äußerst misstrauisch und menschenscheu. Wegen seiner Entschlossenheit wurde er auch "Der Traktor" genannt. Bei den Mega-Prozessen gegen die Mafia bezeichneten sizilianische Richter ihn als "einen der grausamsten und blutrünstigsten Bosse der Cosa Nostra". Mafiaaussteiger, die später als "pentiti" vor Gericht aussagten, erzählten von "mindestens 40 Morden", in die Provenzano direkt oder indirekt verwickelt gewesen sein soll. Auch soll er der Drahtzieher des internationalen Drogenhandels und der Geldwäsche gewesen sein.

Bernardo Provenzano wollte sich das Leben nehmen

Im Gefängnis machte Provenzano später hauptsächlich wegen seiner gesundheitlichen Probleme Schlagzeilen. 2011 beantragte er vergeblich, aus der Haft im piemontesischen Novara entlassen zu werden. Er habe die Parkinson-Krankheit und leide unter Kreislaufproblemen, hieß es zunächst. Wenige Tage später war auch von einem Krebsleiden die Rede. Provenzano wurde ins Gefängnis von Parma verlegt, wo er im Mai 2012 versuchte, sich das Leben zu nehmen. Ein Gefängniswärter fand den 79-Jährigen abends mit einer Plastiktüte über dem Kopf in seiner Zelle und rettete ihn vor dem Ersticken.

mod DPA

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