HOME

Berufungsprozess gegen Amanda Knox: Anklage fordert Verurteilung und härtere Strafe

Amanda Knox soll ihre Mitbewohnerin in der italienischen Stadt Perugia ermordet haben. Gegen ihre Verurteilung zu 26 Jahren Haft ging die US-Amerikanerin in Revision. Nun haben Anklage und Verteidigung ihre Plädoyers im Berufungsprozess gehalten. Wie das Urteil ausfallen dürfte, zeichnet sich allerdings schon ab.

Sie passte gut ins Bild und die Medien erkannten dies sofort. "Engel mit den Eisaugen" nannte die Presse die blonde, blauäugige Amanda Knox aus Seattle bereits kurz nach ihrer Verhaftung am 6. November 2007. Vier Tage zuvor hatte man Amandas Mitbewohnerin, die britische Austauschstudentin Meredith Kercher, halbnackt und tot in ihrer gemeinsamen Wohnung in Perugia gefunden - von über 40 Messerstichen und Verletzungen übersät, die Kehle durchschnitten.

Zwei Jahre später sprach ein Gericht nach einem elfmonatigen spektakulären Indizienprozess die heute 24-jährige Amerikanerin und ihren drei Jahre älteren italienischen Ex-Freund Raffaele Sollecito des Mordes schuldig. Zu 26 und 25 Jahren Haft wurden sie verurteilt. Doch im November 2010 gingen Knox und Sollecito in die Berufung. Erneut war das malerische Universitätsstädtchen Perugia Prozessschauplatz.

Staatsanwalt fordert Strafverschärfung

"Ich sehe die aufgerissenen Augen der toten Meredith noch immer vor mir, sie werden mich mein Leben lang begleiten", schimpfte Staatsanwalt Giuliano Mignini bei der Eröffnung des Plädoyers der Anklage, die übertriebene mediale Aufmerksamkeit für die Angeklagten sei ihm zuwider. Das entspricht den Vorwürfen der Familie der Ermordeten. "Meine Schwester ist völlig vergessen worden", klagte die 21-jährige Stephanie Kercher in einer italienischen Talkshow kurz vor Beginn der letzten Debatten.

Für die Verteidiger stand von Anfang an fest, dass das vermeintlich mörderische Pärchen nur aufgrund von "schlampig erarbeiteten Indizien-Beweisen" verurteilt wurde. Die Staatsanwälte aber sind sich der Schuld der beiden sicher. Sie verteidigten die Arbeit der Spurensicherung und dürften Medienberichten zufolge die Beweisführung der ersten Instanz wieder aufnehmen. Auch wollen sie eine Verschärfung der Strafe auf lebenslange Haft beantragen, hieß es - wegen der "nichtigen Beweggründe", aus denen die Tat begangen wurde.

So sollen Sollecito und Knox in der Nacht zum 2. November 2007 Kercher nur aus Langeweile brutal gequält, vergewaltigt und ermordet haben. Der Prozess habe "ein einheitliches und vollständiges Bild (von der Tat) ergeben, ohne Lücken und Ungereimtheiten", argumentierte das Gericht 2009 in seiner 427 Seiten starken Urteilsbegründung.

DNA-Spuren sollen verunreinigt sein

Von "einheitlich und vollständig" kann für die Verteidiger keine Rede sein. Von ihnen beauftragten unabhängigen Gutachtern zufolge wurden bei der ursprünglichen Probennahme am Tatort internationale Standards der Spurensicherung nicht befolgt. Die auf dem mutmaßlichen Mordmesser festgestellten DNA-Spuren Amandas und der genetische Fingerabdruck Raffaeles an einem Büstenhalter der Getöteten seien verunreinigt, hielten die Rechtsmediziner fest. Man könnte "mehrere genetische Profile" darin erkennen.

Der blutige Pullover des Opfers tauchte 48 Tage nach dem Mord in einem Wäschekorb wieder auf. "Der hätte gut aufbewahrt werden müssen, anstatt in der schmutzigen Wäsche zu landen", so Walter Patumi, Gerichtsmediziner und Zeuge der Verteidigung. Belastungszeugen wie etwa der zuvor in einem Schnellverfahren zu 16 Jahren wegen Beihilfe in dem Mordfall verurteilte Ivorer Rudy Guede widersprachen sich mehrfach.

Wie geht es aus? Auch nach zehn Monaten Berufungsprozess herrscht keine Klarheit. "Es besteht die Möglichkeit eines Freispruchs", zitierte der britische Autor John Follain einen der Ankläger in der Londoner "Times". Das entspricht dem Tenor italienischer Beobachter. Anfang Oktober soll das Urteil fallen, "In dubio pro reo" - Im Zweifel für den Angeklagten.

tkr/Katie Kahle/DPA / DPA