Betonmordprozess Die Mordkumpanei von Rommelshausen

Der 19-jährige Deniz E. soll einen Nebenbuhler mit einem Baseballschläger totgeschlagen, sein Freund angeblich den Plan gehabt haben, die Leiche zu zerstückeln, einzubetonieren und im Neckar zu versenken. Nun sagt der Helfershelfer vor Gericht aus.
Von Eva Wolfangel, Stuttgart

Immer wieder dieselbe Frage im Saal des Stuttgarter Landgerichts: Wieso haben sich die jungen Mitangeklagten dazu hergegeben, den aus krankhafter Eifersucht gefassten brutalen Mordplan des Deniz E. mitzutragen?

Schon am ersten Verhandlungstag, bei der Aussage von Sessen K., war klar geworden, dass es für das Gericht schwer werden würde, die Beweggründe der Jugendlichen Angeklagten nachzuvollziehen. Wieso hat Sessen, 17, die ehemalige Freundin des Hauptangeklagten, das Opfer Yvan Schneider auf eine Wiese bei Rommelshausen gelockt, wo dieser von Deniz und dessen Freund Roman K. erschlagen wurde?

Schulterzucken als Antworten

Sessen K. hat den Kopf in die Hand gestützt, ihre Stimme ist leise, manchmal zittert sie ein wenig. "Ich verstehe die Frage nicht", sagt sie. Jugendrichter Wolfgang Hettich hakt nach, wiederholt mit leicht ungehaltenem Tonfall die Frage. Was hat sie sich dabei gedacht, als ihr Freund Deniz E. sagte, er wolle mit Yvan "etwas klären" und sie bat, ihn auf die Wiese zu locken? Was hat sie sich gedacht, als er ihr auftrug, den Anruf aus einer Telefonzelle zu tätigen, obwohl mehrere Handys und ein Festnetzanschluss zur Verfügung standen? Der Verdacht, dass Sessen von dem Mordplan gewusst haben muss, steht im Raum.

Aber die jüngste Tochter einer Familie aus Eritrea gibt sich naiv, auch als sie gefragt wird, was sie sich gedacht hat, als ihr Freund mit einem Baseball-Schläger auf das Opfer einschlug? "Ich habe nichts gedacht, ich war einfach nur weggetreten", sagt sie mit leiser Stimme. Was genau auf der Wiese geschehen sei, will der Richter wissen. "Als ich aufgeschaut habe, kam schon der erste Schlag", antwortet sie, als handle es sich um eine Naturgewalt. Als das Opfer aufgehört habe zu atmen, habe ihr Deniz befohlen, mit ihm die Hose zu tauschen. Seine sei voller großer Blutflecken gewesen. Was hat sie sich dabei gedacht? Schulterzucken. Wie so oft habe sie einfach das getan, was ihr Freund verlangt habe, sagt sie.

Schulterzucken ist auch eine von M.s' häufigsten Reaktionen auf die Fragen des Gerichts. "Deniz war wie ein kleiner Bruder für mich, das war doch klar, dass ich ihm helfe", sagt der 23-jährige Deutsch-Pole gereizt. Klar ist für ihn auch, dass er den Plan zur Leichenbeseitigung entworfen und diesen gemeinsam mit Deniz und Roman K. umgesetzt hat. Deniz sei immer für ihn da gewesen, erklärt Kajetan M. Er habe deshalb nicht gefragt, was geschehen sei, als Deniz ihn gebeten habe, eine Leiche zu beseitigen. "Sie darf auf keinen Fall wieder auftauchen", habe Deniz gesagt. Wieso hat er sich beteiligt, ohne etwas mit der Sache zu tun zu haben? "Die Leiche war da, die Leiche musste weg", damit sei doch alles erklärt, findet er.

Richter Jürgen Hettich findet das nicht. Geduldig wiederholt er seine Fragen. Er verstehe, dass man einem Freund in einer Notlage helfe. "Aber es ging darum, eine Leiche zu beseitigen" - eine Spur Fassungslosigkeit mischt sich in die Stimme des Richters. Wieso hat er nicht nachgefragt? Kajetan M. fährt den Richter an: "Stellen Sie sich doch mal vor, Sie kommen in eine Halle und sehen eine Leiche. Da fragt man nicht wieso. Das ist Ihnen vielleicht fremd, aber ich bin meinen Freunden gegenüber loyal."

Die "großkotzigen Ankündigungen" seines Freundes Deniz in den Tagen und Wochen vor der Tat, sieben Männer umbringen zu wollen, habe er nicht ernst genommen. Ein Zeuge hat bei der Polizei ausgesagt, Kajetan selbst habe an der Planung des Mordes teilgenommen und Deniz und Roman erklärt, "wie man jemanden umbringt", wird ihm vom Staatsanwalt vorgehalten. Das sei erfunden, er habe von den Mordplänen nichts gewusst. "Was hätte ich denn persönlich davon gehabt?" fragt Kajetan zurück. "Das frage ich mich auch", antwortet der Richter.

"Ich nehme alles auf mich"

Die grenzenlose Loyalität Kajetans zu Deniz scheint auch über die Tat hinaus Bestand gehabt zu haben. "Ich nehme alles auf mich", hat Kajetan M. seinen Freunden nach der Beseitigung der Leiche erklärt. Er ist der einzige Erwachsene der Gruppe, "kein Jugendstrafrecht hilft Ihnen hier raus", sagt der Richter eindringlich. Wieso wollte er alles auf sich nehmen? "Ich wollte Deniz vor der Strafe schützen, ich wusste, dass er im Knast nicht klar kommen würde." Er habe Probleme gehabt, die Beziehung zu Sessen habe ihn in Depressionen gestürzt. Immer wieder kommt die Liebesbeziehung zwischen Deniz und der damals 16-Jährigen zur Sprache. "Sie hat ihm nicht gut getan", sagt Kajetan M., der das Mädchen einmal als "kleine Missgeburt" bezeichnet hatte. Sein Freund sei mit dieser Frau immer unglücklich gewesen, ständig habe es Streit gegeben: "Er hat nicht mehr gelacht, er war nicht mehr fröhlich."

"Nicht normal" sei ihre Beziehung zum Hauptangeklagten gewesen, räumt Sessen selbst ein. Ihr Freund habe mehrmals damit gedroht, sich umzubringen. Er sei auf alle ihre Freunde eifersüchtig gewesen, insgesamt sechs Mal habe sie auf sein Verlangen die SIM-Karte ihres Handys wechseln müssen, damit nur er die Nummer habe: "Ich wollte nicht mehr mit ihm zusammen sein." Aber eine ausgesprochene Trennung habe sie nur wenige Tage durchhalten können. In diesen Tagen habe Deniz ständig bei ihr angerufen, ihr aufgelauert und sie unter Druck gesetzt. "Seine Eltern haben mich angerufen und mich gebeten, zurück zu kommen, wir sollten über alles reden und alles würde gut werden." Selbst ihre Eltern seien von Deniz Familie angerufen worden. Hat sie Deniz eigentlich geliebt, will einer der Verteidiger wissen. Sessen zuckt mit den Schultern. "Ich weiß selber nicht, was Liebe ist."

Gutachter sagt für Deniz aus

Yvan Schneider musste offenbar sterben, weil der krankhaft eifersüchtige Deniz seiner Freundin beweisen wollte, wie sehr er sie liebte. Da der Angeklagte nach Angaben seines Anwaltes aufgrund einer "wahnhaft-psychotischen Störung" nicht selbst vor Gericht aussagt, berichtet der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Günther als Zeuge von der Aussage des Jugendlichen.

So habe Deniz zusammen mit dem 18-jährigen Mitangeklagten Roman K. den 19-jährigen Yvan so lange mit einem Baseballschläger, Fäusten und Tritten traktiert, bis dieser röchelnd am Boden lag. Dann habe Deniz seine abseits stehende weinende Freundin in den Arm genommen und gesagt: "Jetzt siehst du, wie sehr ich dich liebe." Er habe die Vorstellung nicht ertragen können, dass Yvan der erste Mann im Leben seiner Freundin Sessen gewesen sein soll. Die 16-jährige Sessen stritt eine solche Aussage aber ab. Ob Deniz den Plan von Anfang an verfolgt habe, Yvan zu töten, wird auch aus der Aussage des Gutachters nicht deutlich. "Ich würde mir am liebsten vorstellen, er ist tot", habe er kurz vor der Tat zum 18-jährigen Mittäter gesagt. Gegenüber des Gutachters habe Deniz aber auch geäußert, er habe Yvan lediglich "grün und blau" schlagen wollen, um ihn dann als Geisel einige Tage fest zu halten, ihm Angst einzujagen und ihn dann wieder freizulassen


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