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Betrügerische Ärzte: Hochstapler in Weiß

Ein Mann soll in Bayern als Allgemeinarzt gearbeitet haben, ohne eine medizinische Ausbildung zu haben. Immer wieder fliegen Schwindler in Weiß auf und dann wird klar, warum sie zu Betrügern wurden.

Von Malte Arnsperger

Das Bild zeigt einen Mann im weißen Hemd. Ein Stethoskop baumelt um seinen Hals. Ein Arzt. Das zumindest wäre Thomas K. aus dem oberpfälzischen Neutraubling gerne. Er hat auch mindestens zwei Jahr lang unbehelligt als Allgemeinmediziner gearbeitet und in seiner Praxis angeblich auch Patienten behandelt. Dabei hat er wohl keinerlei medizinische Ausbildung. Seit knapp einem Jahr wird deshalb gegen den 34-Jährigen wegen des Verdachts des Missbrauchs von Titeln und Berufsbezeichnungen ermittelt.

Die Internet-Suche nach dem angeblichen Hochstapler Thomas K. spuckt einen Eintrag in Neutraubling aus. "Privatärztliche Praxis Dr. med. Th. K." heißt es da auf der Seite "Arztbuchen24.de". Angeben sind neben der Post- und E-Mail-Adresse auch eine Handy-Nummer. "K.", meldet sich eine dunkle Stimme. Nein, er wolle sich nicht zu den Ermittlungen äußern, teilt er stern.de mit. "Dazu sage ich gar nichts."

Dabei wiegen die Vorwürfe schwer: Die Polizei geht davon aus, dass der Mann illegal seit 2010 eine Praxis in seiner Wohnung betrieben hat. In seinem Behandlungszimmer habe er gefälschte Urkunden präsentiert, die ihn als Arzt ausgeben sollten. Bis Herbst 2011 ging K. demnach ungestört seiner Arbeit nach und empfing Patienten. Wie viele es waren, was genau er mit ihnen gemacht hat, ob er ihnen Rezepte verschrieben, ihnen möglicherweise Medikamente verabreicht hat, ist noch unklar. Man habe erst mit einer Handvoll Patienten gesprochen, sagt Polizeisprecher Michael Rebele. In zumindest einem Fall habe K. "oberflächliche medizinische Untersuchungen" gemacht. Beschwerden von Patienten habe es aber bislang nicht gegeben.

Polizei auf der Suche nach "Patienten"

Aufgeflogen ist der offensichtliche Schwindel durch einen Zufall. Der betriebsärztliche Dienst eines Neutraublinger Unternehmens erfuhr im Herbst 2011, dass sich K. auf Facebook fälschlicherweise als Betriebsarzt dieser Firma ausgegeben hat. Die Firma meldete dies sogleich den Behörden. Die Ermittler durchsuchten die "Arztpraxis" und stellten Rezepte und Stempel sicher. Dies, sowie die Vernehmungen von Patienten hätten den Anfangsverdacht gegen K. erhärtet, sagt Polizeisprecher Rebele. Der 34-Jährige habe früher als Detektiv und Kraftfahrer gearbeitet und sei polizeibekannt - auch wegen Betrügereien. K. selber schweigt bisher auch in Vernehmungen zu den Anschuldigungen, einen Anwalt hat er offenbar noch nicht.

Nun haben sich Polizei und Staatsanwaltschaft zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden: Sie haben den vollen Namen mitsamt aktueller Fotos des Verdächtigen veröffentlicht. Zum einen um weitere Patienten des angeblichen Hochstaplers als Zeugen zu gewinnen (Hinweise an die Polizeiinspektion Neustraubling, 09401/9302-0), zum anderen aber auch, um die Bevölkerung zu warnen. Denn K. ist auf freiem Fuß, könnte seine "Dienste" also auch weiter anbieten. Dass er dies ohne die nötige Kenntnis und Ausbildung tut, bestätigen Anfragen bei der zuständigen Regierung der Oberpfalz. Dort heißt es, ein Herr mit diesem Namen habe keine Approbation und nie eine beantragt. Auch bei der Ärztekammer ist der Allgemeinarzt Thomas K. aus Neutraubling unbekannt.

Schwierigen eigenen Verhältnissen entkommen

Immer wieder fliegen Schwindler in Weiß auf. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass ein falscher Arzt ohne gültigen Abschluss in Krankenhäusern in Magdeburg, Marburg und Regensburg gearbeitet haben soll. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg ermittelt gegen den 47-Jährigen, weil er sich mit gefälschten Urkunden eine Stelle an der dortigen Uniklinik erschlichen haben soll. Außerdem könnte er für den Tod einer Patientin verantwortlich sein, die er an der Bandscheibe operiert hatte. Der angebliche Arzt ist seit Monaten verschwunden. Offensichtlich arbeitet der gebürtige Jordanier inzwischen in leitender Position an einem größeren Krankenhaus in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Da aber kein Rechtshilfeabkommen zwischen Deutschland und den Emiraten besteht, ist er für die Ermittler nicht zu fassen.

Anders erging es Sascha St. Der heute 28-jährige Stuttgarter nannte sich Dr. Sascha Schenk und hatte sich jahrelang als Narkosearzt ausgegeben, als Notarzt gearbeitet und war für das Deutsche Rote Kreuz bei Notfalleinsätzen unterwegs - und das ohne die erforderliche medizinische Ausbildung. Sein medizinisches Wissen hatte sich der falsche Arzt bei Praktika, während eines Freiwilligen Sozialen Jahres und als Rettungshelfer angeeignet. Er flog im Frühjahr 2010 auf und wurde zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.

Während des Prozesses wurde klar, warum aus Sascha St. Dr. Sascha Schenk wurde. Er kam aus schwierigen sozialen Verhältnissen, worunter er offensichtlich sehr gelitten hat. Es reichte nur zum Hauptschulabschluss, eine Lehre als Konstruktionsmechaniker brach er ab. Auch nach seinem sozialen Jahr in einem Krankenhaus blieb ihm dort eine weitere Beschäftigung verwehrt, wegen seines Überehrgeizes gab es ständig Konflikte. Auch sein Ziel Rettungssanitäter erreichte er nicht. Stattdessen jobbte er bei einer Tankstelle, war zeitweise arbeitslos. Doch stets träumte er von einem besseren Leben. Der Sachverständige sagte vor Gericht, Sascha St. habe "mehr Glanz in die Hütte bringen" wollen. Ähnlich sieht es sein Verteidiger: "Er hatte Geltungsdrang und das Bedürfnis, in höhere sozialen Schichten zu kommen", sagt der Waiblinger Anwalt Jens Rabe.

Einzelfälle, die nicht zu verhindern sind

Dies gelang ihm zunächst auch. Dr. Sascha Schenk war mit Frauen aus gutem Hause zusammen, weil er ihnen und Freunden überzeugend den erfolgreichen Mediziner vorspielte. So holte er eine Freundin im weißen Arztkittel ab oder ließ Freunde im Wartezimmer eines Krankenhauses ausharren, während er vorgab, Narkosearzt bei einer Notoperation zu sein. Sein Anwalt meint, es war aber nicht nur die Sehnsucht nach einem besseren Leben, die Sascha St. zum Betrüger werden ließ. "Er hat mal gesagt: Menschen zu retten ist mein Leben. Er hatte auch ein gewisses Helfersyndrom."

Sascha St. ist, auch das wurde in dem Prozess deutlich, ein durchaus intelligenter Mann, der mit mit Menschen umgehen kann. Seine "Patienten" beschrieben ihn vor Gericht als guten, mitfühlenden Zuhörer. Diese Gabe hatte wohl auch Thomas Kindermann, sonst wäre er schon früher aufgeflogen. Für Patienten ist es deshalb sehr schwer, solche Betrügereien zu bemerken. Trotzdem sind selbst Patientenvertreter gegen schärfere Kontrollen. "Wir haben sowieso schon ein über kontrolliertes medizinischen System", sagt Wolfram Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten. "Wer so etwas macht, muss eine enorme kriminelle Energie haben. Diese Einzelfälle kann man meiner Meinung nach nicht verhindern." Aber Candidus plädiert für härtere Strafen gegen überführte Betrüger. "Die werden zu lasch bestraft, es ist ja wirklich ungeheuer gefährlich."

Ob Thomas K. bald vor Gericht landet und mit welcher Strafe er rechnen muss, wird bald klar sein. Betrüger Sascha St. verbüßt noch seine Haftstrafe. Vor einigen Monaten gab der 28-Jährige einer Lokal-Zeitung ein Interview. Darin prahlte er mit seiner Bekanntheit als Hochstapler und erzählte stolz von diversen Medienanfragen. Sascha St. berichtete auch, dass er eine Ausbildung als Altenpfleger beginnen will und weiterhin von einer Karriere als Mediziner träume.