HOME

Bewegender "BBC"-Bericht: Der Tag, an dem ich versehentlich einen kleinen Jungen tötete

Wie geht das Leben weiter, wenn man unabsichtlich einen Tod verursacht hat? Eine Frage, die Maryann Gray seit mehr als 40 Jahren beschäftigt. Der britischen "BBC" hat die US-Amerikanerin ihre Geschichte erzählt.

Frau schildert der "BBC": Der Tag, an dem ich versehentlich einen kleinen Jungen tötete

Jahrelang lebte Maryann Gray mit schweren Schuldgefühlen, nachdem sie unabsichtlich ein Kind getötet hat. Der "BBC" hat sie ihre Lebensgeschichte geschildet - und wie sie wieder Mut fasste. (Symbolbild)

Picture Alliance

"Ich dachte an Brian, als ich geheiratet habe. Ich habe an dem Tag, an dem mein Vater gestorben ist, an Brian gedacht. Ich dachte an Brian, als ich meine Dissertation verteidigt habe. Und ich dachte an Brian, als ich einen neuen Job begonnen habe. Er lebte mit mir."

Vor über 40 Jahren hat das Leben von Maryann Gray schlagartig eine Wendung genommen. Im Jahr 1977 überfuhr die damals 22-Jährige unabsichtlich einen Jungen, der seinen schweren Verletzungen noch vor dem Haus seiner Eltern erlag. Es war ein Unfall; sie bekam nicht die Schuld an der Tragödie. Doch die Gedanken an Brians Tod, ihr Schuldgefühl, begleiten sie bis heute. "Er wurde ein Teil von mir", schilderte sie der "BBC" in einem Radiobeitrag. Ihre bewegende Geschichte hat der britische Rundfunk nun verschriftlicht.

Gray schildert der "BBC" den Tag von Brians Tod

"Ich hatte großartige Laune an dem Tag", blickt die Amerikanerin zurück. Sie habe mitten im Umzug von Oxford nach Cincinatti (Ohio) gesteckt, wollte für das College mit ein paar Freunden in eine Kommune ziehen. Sie hat die Wände bunt angemalt. Es war ein heißer Tag im Juni. "Ich war so aufgeregt", erinnert sich Gray.

Auf der Autofahrt in ihre alte Wohnung scherte plötzlich ein kleiner Junge zwischen den Briefkästen der umliegenden Häuser aus. "Ich sah ihn in letzter Sekunde. Ich versuchte auszuweichen. Aber es gab keinen Weg, ihn zu verpassen", rekapituliert sie den tödlichen Unfall. Der Moment, als es geschah, und der Moment, als es ihr klar wurde - sind heute ein Schemen. Nur eines wisse sie bei all der Aufregung noch: "Ich war sehr, sehr ängstlich. Ich wusste, dass ich etwas Schreckliches getan habe." 

Gray habe gebetet, dass alles nur viel schlimmer aussehe, als es eigentlich ist. Die Mutter des Jungen sei aus dem Haus gestürmt, Brian wurde genau davor erfasst. Sie habe geschrien, bevor sie in den Armen von Nachbarn kollabiert sei. Nach 20 Minuten habe die Polizei den Tatort erreicht. "Ich war es, ich war es", habe Gray den Beamten gesagt. Während Brian mit einem Polizeiwagen weggefahren wurde - auf den Krankenwagen hätten die Beamten gar nicht erst gewartet - wurde Gray auf den Rücksitz eines Polizeiautos gesetzt. Dann sei ein Polizist zu ihr gekommen. "Ich muss Ihnen sagen, dass der Junge tot ist."

"Ich habe mich jahrelang dafür bestraft"

Da es ein Unfall gewesen sei, ohne klar erkennbares Motiv oder eine Verletzung der Verkehrsordnung, sei Gray nicht inhaftiert worden. Die Schuld an Brians Tod wirkten dennoch jahrelang wie ein Gefängnis auf Gray, wie sie der britischen "BBC" weiter schildert.

Sie habe gezweifelt, ob sie ein guter oder ein schlechter Mensch sei. Sie gab das Autofahren auf, weil sie halluziniert habe - drückte willkürlich auf die Bremse, weil ihr nicht dagewesene Menschen vor das Auto liefen. Flashbacks an den Unfall ereilten sie beim Abwasch, in Gesprächen, beim Einkaufen. "Ich habe mich jahrelang dafür bestraft, Menschen abgewiesen. Ich habe Männer gedated, die mich schlecht behandelt haben, ich hatte kaum Freunde, meine Mitbewohner hatten kein Spaß an meiner Anwesenheit", so Gray. Also sei sie aus der Kommune ausgezogen, auf die sie sich vor dem Unfall so gefreut hatte. Sie lebte fortan allein, mit sich und ihrer Schuld.

Der Umbruch? 

Zwei Jahre nach dem Umfall der Umbruch: Gray zieht nach Kalifornien, beginnt an der Universität eine andere Fachrichtung einzuschlagen. "Das war ein wirklich neuer Anfang", sagt sie. Sie habe sich intellektuell gefordert und gefördert gefühlt; eine Arbeit ausgeübt, die sich hilfreich und wichtig anfühlte. 

Sie hörte auf, auch auf Rat ihrer fürsorglichen Eltern, über den Unfall zu sprechen. Und dennoch: Eine Stimme, seine Stimme, war immer da. "Seine strafende Stimme war in meinem Kopf, sie hielt mich zurück. Wütend sagte sie: 'Sei nicht zu glücklich, erinnerst du dich, was das letzte Mal passiert ist, als du glücklich gewesen bist? Du hast ein Kind getötet, du hast mich getötet.'", erinnert sich Gray. Sie habe ihr Studium und ihr neues Leben wirklich genossen. "Aber da war immer diese Stimme, die mich zurückgehalten hat. Ich habe ein Kind getötet und ich konnte das nie vergessen."

Sie dachte an ihrer Hochzeit, ihrem Studienabschluss, am Todestag ihres Vaters an Brian, erzählt sie. "Er lebte mit mir." Auch, als es darum ging, vielleicht eigene Kinder zu bekommen. Etwas anderes hätte sie sich damals, vor dem Unfall, nicht vorstellen können. Doch nach Brians Tod "bekam ich Angst in der Nähe von Kindern", sagt Gray der "BBC". Sie habe fortan nur Gefahren für Kinder gesehen, von scharfen Messern über tiefe Pools. "Ich wollte kein angsterfülltes Kind großziehen und dachte auch nicht, dass ich eine gute Mutter sein würde. Also habe ich mich dagegen entschieden, ein Kind zu bekommen", erzählt sie. An und für sich sei das ein zu bedauernder Umstand, findet sie. "Aber es war die richtige Entscheidung für mich. Ich glaube ich hätte eine harte Zeit als Mutter gehabt." 

"Du solltest deine Geschichte dem Radio schicken"

Gedanken wie diese haben sie seit Brians Tod verfolgt - und ihr Leben maßgeblich beeinflusst. Ende der 90er-Jahre fasst sie den Entschluss, in Therapie zu gehen. 

2003 ereignet sich in Santa Monica ein Unfall. Ein 86-Jähriger rast in eine Menschenmenge, der viele Tote und Verletzte zur Folge hat. Gray verfolgt die TV-Berichterstattung, Menschen hätten hysterisch in die Kamera geschrien, der Mann sei ein Mörder. Zu der Zeit sei sie in einem Schreibworkshop gewesen. Gray schreibt ein paar Zeilen zu dem Unfall auf, zu ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen. Irgendwann habe sie die Workshop-Leiterin angerufen: "Du solltest deine Geschichte dem Radio schicken."

Das macht sie. Nur zwei oder drei Tage später wurde ihre Geschichte gesendet - wohl wissend, dass sie mit Hassbriefen und unliebsamen E-Mails zu rechnen habe.

Doch das Gegenteil sei eingetroffen. Enge Freunde hörten ihre Geschichte zum ersten Mal, sicherten Gray ihre Unterstützung zu. "Sie sagten mir, dass ich stark sei und dass es ihnen Leid tut, was mir passiert ist." 

Gespräch mit Brians Bruder: "Haben Sie beschleunigt?"

Jahrelang wollte sie sich bei Brians Familie melden. Sie tat es, aber anonym - etwa, indem sie Brians älterem Bruder "mehrere tausend Dollar" für seine College-Ausbildung spendete. Vor etwa zehn Jahren gab Gray sich einen Ruck, schrieb der Mutter des toten Jungen einen Brief. Sie habe einen hebräischen Namen - Gray ist Jüdin - in Erinnerung an Brian angenommen, schrieb sie ihr. "Es stellte sich heraus, dass Brians Mutter gestorben ist. Aber der Brief wurde an ihren Sohn weitergeleitet.", erzählt Gray.

Später telefonierten sie. "Wir haben ungefähr 45 Minuten gesprochen. Es war eine sehr emotionale Unterhaltung." Er erzählte ihr, wie sehr die Familie unter Brians Tod gelitten habe - Weihnachtsfeste wurden nicht mehr gefeiert, sein Zimmer sei bis heute unberührt geblieben.

Am Ende der Unterhaltung habe sie ihn gefragt: "Willst Du mich etwas fragen? Du kannst mich alles fragen, was du willst."

Er habe gesagt: "Haben Sie beschleunigt?"

Gray antwortete: "Nein, ich habe nicht beschleunigt. Es tut mir Leid, so unendlich leid, aber dein Bruder ist plötzlich auf die Straße gerannt."

Er: "Ich weiß. Falsche Zeit, falscher Ort."

Gray habe sich nach dem Gespräch befreit gefühlt, sagt sie der "BBC". Mittlerweile könne sie sich selbst vergeben. "Ich habe versucht, Brian und seine Familie zu ehren, meine Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen und ein besserer Mensch zu sein.", sagt Gray.

"Aber ich glaube nicht, dass ich jemals einen Frieden darin finden werde, ein Kind getötet zu haben. Ich werde niemals damit aufhören, über diesen Umstand entsetzt zu sein."

Interview mit Ex-Fußballprofi: Wie Andreas Biermann gegen Depressionen kämpfte
fs
Themen in diesem Artikel