HOME
stern Crime

Tödliches Beziehungsdrama: Wiliam liebt Anna. Anna liebt Wiliam. Wiliam tötet Anna

Sie ist die Powerfrau. Er ist der leidenschaftliche Romantiker. Am Ende sind sie beide tot. Wie aus einem Urlaubsmärchen eine Liebestragödie mit Eifersucht, Abhängigkeit und Wahn wurde.

Von Bernd Volland

Anna und Wiliam am Meer

Anna und Wiliam am Meer. Sie lernen sich auf Fuerteventura kennen. Sie macht dort Urlaub, er arbeitet im Hotel. Er ist anderthalb Jahre zuvor aus Brasilien gekommen.

Geschichten wie diese finden Sie in stern Crime - dem größten True Crime Magazin Deutschlands. Wahre Verbrechen, wahre Geschichten, nur im Original.

Diese Geschichte erschien in stern Crime 06.

Es war schon tief in der Nacht, als Anna zum letzten Mal die Liebe widerfuhr. Sie legte sich mit beiden Händen um Annas Hals und nahm ihr endgültig die Luft. Wie Romeo und Julia sind wir, hatte Wiliam immer gesagt, als wäre das eine schöne Geschichte, Romeo und Julia. Wiliam und Anna. Wiliam kniete neben ihr, er hatte noch fünf Tage zu leben.

Es ist leichter, eine Geschichte zu erzählen, wenn man das Ende kennt, weil es hinterher so ist, dass man klüger ist, und hinterher heißt hier, dass man weiß, dass zwei Menschen tot und viele todtraurig sind. Hinterher heißt auch, dass man vielleicht keine Antworten hat, aber andere Fragen.

War es Liebe? Was ist Liebe? Wie kann ein Mensch einen Menschen umbringen, den er liebt? Kann man es verhindern? "Es war Liebe auf den ersten Blick", hatte Anna mal gesagt. "Wie im Film", sagten die Freundinnen. "Wie 'Pretty Woman', nur andersrum", sagten die Kolleginnen.

Zwei Suchende waren das, die sich damals fanden, in einer Disco auf Fuerteventura, Gute-Laune-Musik und Lichtorgel. Er sieht sie und sie ihn, nur Blicke, die zwischen tanzenden Urlaubern hindurchfliegen, sie sprechen nicht. Die ist ein Gefühl, das im Bauch beginnt und nicht im Kopf. Es ist das, was sie mächtig macht, sagt man, romantisch.

Anna im November 2005: hübsch, blond, erfolgreich, voller Energie. Und so unglaublich aufgeschlossen, sagen Freunde, wer sie erstmals trifft, glaubt, sie schon ewig zu kennen. Anna, 28, von der Arbeit in der PR-Agentur erfüllt, aber auch sehnsüchtig: drei lange Beziehungen, alles stetig, ach so stetig, frisch getrennt stieg sie in das Flugzeug nach . Ganz allein, das tut dir gut, Anna, du Ruhelose, hatten die Freundinnen gesagt. Das kann nicht alles gewesen sein in der Liebe, sagt sich Anna.

Wiliam im November 2005: braun gebrannt und groß gewachsen, ein Mann wie aus einer Rum-Werbung, strahlend das Lächeln, samtene Stimme. Wiliam Denis F., 23, vor eineinhalb Jahren aus Goisternnia, einer Großstadt in Brasilien, nach Spanien gekommen. Jetzt repariert er auf Fuerteventura Klimaanlagen im Hotel oder streicht Wände. Ein junger Kerl, der Weibergeschichten sammelt, drei in einer Nacht!, prahlt er mal. Aber wie schön es wäre, die große Liebe zu finden, sagt er auch, eine Frau, Familie.

Das Glück!

Die Disco-Lichter blitzen, geht auf die Toilette. Als sie wieder zurückkommt, steht Wiliam vor ihr. Sie reden kaum. Sie küssen sich. Romeo und Julia beginnt.

Später werden sich Annas Freunde und Angehörige fragen, ob Wiliams häufiges Lachen nicht etwas überdreht war, unsicher und eine Schutzmaske. Die wird bei seiner Verhaftung Medikamente in der Tasche finden, "weil ich so schwer schlafen kann", wird er erklären, Wiliam, der ewig Fröhliche. Die Angehörigen werden sich fragen, ob Anna, die Starke, Anna, die Klare, irgendwie die Orientierung verloren hat. Sie werden nicht begreifen, dass sie in so etwas geriet, ausgerechnet Anna.

Früher in der Schule, da waren alle Jungs in sie verknallt, Anna, dieses fröhliche, strahlende Wesen, das seine Stullen verschenkte, wenn einer ohne Pausenbrot dasaß, "Schwester Anna" wurde ihr Spitzname. Anna, das Prinzesschen, das beim Kindergeburtstag am Karussell den Platzanweiser gab. Natürlich macht so eine später Karriere. In ihrer Agentur vom Praktikum direkt wegverpflichtet, jetzt erst 28, aber unentbehrlich. Bei der Umsetzung der Dove-Kampagne mit fülligeren Frauen ist sie Projektleiterin.

Schon als Baby nahm sie der Mutter beim Füttern die Flasche aus der Hand, wer soll das Leben besser im Griff haben als sie?

Halb verwundert und halb begeistert klingt sie, als sie da in Hamburg sitzt und den Freundinnen von ihrem Abenteuer erzählt, wisst ihr, was mir passiert ist! Sie zeigt Bilder: Hübscher Junge, alle staunen, sie lachen, so was, aus heiterem Himmel! SMS fliegen über den Kontinent, Anna und Wiliam telefonieren, senden sich E-Mails. Anna will über Silvester für eine Woche nach Fuerteventura fliegen. Sie steht in Hamburg am Flughafen, es ist nass und kalt, sie ist nervös, soll ich fliegen? Auf der Insel ist es warm. Wiliam wartet mit einem Blumenstrauß, sie küssen sich.

Wiliam sagt: "Du bist die Liebe meines Lebens." Es sind zwei Welten, die aufeinandertreffen, und das wird bis zuletzt den Reiz dieser Liebe ausmachen, sie zum Aschenputtelmärchen erheben, mit einer gutherzigen Prinzessin und einem armen, etwas verlorenen, aber liebenswerten Burschen. In der Wirklichkeit wird es zugleich eine Tragödie von Bedürftigkeit, Eifersucht und der Unmöglichkeit, aus einem Traum zu erwachen, bevor er sein albtraumhaftes Ende nimmt.

Wiliam und Anna zusammen in Deutschland

Wiliam und Anna zusammen in Deutschland. Sie machen Radtouren.

Ein Abend bei vorsichtiger Beleuchtung in einem Einfamilienhaus am Rande Hamburgs. Jörn* H. (*Vornamen der Angehörigen und Freunde geändert) sitzt in seinem Sessel, zwischen den Sätzen holt er tief Luft. "Vielleicht haben wir Anna zu gutgläubig erzogen", sagt er. Jörn, Annas Vater, ist Jurist, Andrea, die Mutter, ist Grafikerin, eine wohlhabende, angesehene hanseatische Familie. Die H.s sind Menschen, die aus einer guten Welt kommen. Jetzt ringen sie mit dem Selbstvorwurf, dass sie es nicht verhindern konnten, das Schreckliche. Und man spürt, dass sie zugleich darum kämpfen, den Glauben an das Gute zu bewahren, trotz allem.

Sie haben eine Stiftung gegründet: Sie soll die Völkerverständigung fördern und verhindern, dass andere Frauen das Schicksal ihrer Tochter erleiden. Rechtsradikale beschimpften daraufhin im Internet die Trauernden: selbst schuld, wenn die Tochter sich mit "Urlaubsnegern" einlasse.

Magie, Schicksal, Vorsehung, Romantik, das waren Dinge, von denen Anna gern sprach. Anna in Hamburg: spielt Eltern und Freundinnen Wiliams Stimme auf ihrem Anrufbeantworter vor.

Was für eine Geschichte, sagt sie, aber eigentlich kennen wir uns ja gar nicht, und er sitzt in Spanien, ich in Hamburg, es ist nur ein Experiment, das Leben ist nun mal nicht so, schade.

Auf Fuerteventura hingegen wirkt es, als wäre ein Schalter umgelegt worden, der einen Menschen in eine komplett andere Richtung fahren lässt. Wiliam trennt sich per Telefon von seiner Freundin in Brasilien. Wegen Anna, und irgendwie sei er mit seiner Exfreundin ohnehin nicht glücklich gewesen, sagt er seinem Freund Sergio, auch wenn die alles für ihn getan habe. Alles, das ist ein Wort, das ihm in der Liebe nicht zu groß erscheint.

Wiliam flirtet nicht mehr, Wiliam sammelt keine weiblichen Trophäen mehr, Wiliam erzählt immer von dieser Anna. Ich will sie wiedersehen, ich liebe sie, will sie heiraten, will mit ihr zusammen sein. Er kennt sie kaum. Er sehnt sich süchtig.

"Es lief immer alles gut in Annas Leben", sagt Andrea, die Mutter.

"Dinge wie Gewalt kannte sie gar nicht in ihrem Umfeld." Andrea H. war es, die den toten Körper ihrer Tochter im Bad von Annas Wohnung entdeckte. Am Tag danach klingelte es nachts an der Tür der H.s. "Wir brauchen ein Bild von der Bestie", sagten die Journalisten einer großen Boulevardzeitung. Als ob das Leben so schlicht wäre: Wiliam, die Bestie.

Pures Glück: Wiliam und Anna feiern das Fußball-Sommermärchen 2006

Pures Glück: Wiliam und Anna feiern das Fußball-Sommermärchen 2006


Etwas schüchtern wirkt der junge Mann, der eines Tages im Wohnzimmer der H.s sitzt, April 2006. Er versteht nichts, aber lacht viel, ein bezauberndes Lachen. Anna hatte das Ticket besorgt, und er war nach Hamburg geflogen, pünktlich zu ihrem 29. Geburtstag. Sympathisch, freundlich, fröhlich, ein erster Eindruck. Für Anna wird das Märchen wirklicher, wer würde sich dagegen wehren?

Anna im Glück, Wiliam im Himmel

Zwei Wochen gemeinsam mit einem Mann, von dem sie wenig wusste, außer, dass es unglaublich kribbelte, wenn er in ihrer Nähe war – das war Annas Experiment.

Wiliam war nur mit einem Rucksack angereist, angemessenes Gepäck für 14 Tage, aber darein hatte er seine ganze Habe gepackt. Er war gekommen, um in ihrem Leben zu bleiben – das war seine Vision.

Nach zwei Wochen klingelt das Telefon der H.s: "Wir haben uns entschieden, dass Wiliam bleibt", sagt Anna Die Eltern sagen nichts. Anna wird schon wissen, was sie macht. "Geht nicht, gibt's nicht" ist doch Annas Lieblingssatz.

Anna im Glück, Wiliam im Himmel. Sie sprechen Spanisch miteinander. Sonst beherrscht er nur Portugiesisch.

Die beiden können kaum die Hände voneinander lassen. Er wartet zu Hause, bis sie von der Arbeit kommt. Er streicht ihre Wohnung. Er bekocht sie. Er bestreut ihr Bett mit Rosenblüten.

Das Bett von Anna und Wiliam

Das Bett von Anna und Wiliam in der Hamburger Wohnung. Wiliam hat es mit Rosenblüten bestreut.


Sie fahren nach Berlin: "Papa, ich sag dir, unglaublich, die Frauen kamen uns entgegen und fielen hinter Wiliam in Ohnmacht!" Sie fahren an die Ostsee, "Wiliam hat zum ersten Mal einen Strandkorb gesehen!" Er steht bei ihr im Büro, einen Strauß Blumen in der Hand: "Ich wollte nur dein schönes Gesicht sehen und dich einmal küssen." Anna sagt: "Ich kann das alles gar nicht fassen." Es ist das Gefährliche am Wahnsinn, dass man glaubt, er liege jenseits der eigenen Wirklichkeit, irgendwo auf den "Vermischtes"-Seiten der Zeitungen. Wo Fall für Fall von den Hunderten von Frauen berichtet wird, die jährlich durch die Hand ihrer Männer sterben. Die Täter sind nicht nur arbeitslose Alkoholiker, die Opfer sind auch Managerinnen, Maklerinnen, Medienfrauen.

Nach ein paar Wochen zeigt sich bei Anna und Wiliam, dass das Pendel nicht nur in eine Richtung schwingt. Wiliam ruft seinen Freund Sergio auf Fuerteventura an. Anna und er hätten sich gestritten, unglaublich, was er gefunden habe, Annas alter Kalender, darin Männernamen! Er kann es nicht begreifen. Sie ist doch die Liebe seines Lebens, seine Liebe.

Wiliam braucht Nähe, immer Nähe

Es gibt Diagnosen und Typologien von Männern, die ihre Frauen schlagen oder gar töten. Die meisten haben eine narzisstische Störung, heißt es, ihr Selbstwertgefühl ist geschwächt: Sie erträumen sich großartige Ideale. Sie suchen in der Liebe Rettung bei einem Partner, der mit ihnen verschmelzen soll, mit ihnen gemeinsam zu diesem "Ich" wird, das sie in sich nicht spüren können. Der andere wird nur noch als Teil ihrer selbst akzeptiert. Und wenn er auf seine Eigenständigkeit pocht, sich gar zu lösen versucht, wirkt es wie eine Bedrohung ihrer Existenz.

Es sind kleine Momente, die später, hinter geschlossenen Türen, zum fürchterlichen Streit eskalieren. Warum sitzt Anna auf der Couch und tanzt nicht mit mir? Warum kommt sie so spät nach Hause? Und vor allem: Warum redet sie mit anderen Männern? Pablo, ein Spanier, der mit einer Deutschen lebt, erklärt Wiliam, dass das hier normal sei, nicht unhöflich wie in Spanien oder Südamerika, klar, er habe sich auch daran gewöhnen müssen, aber jetzt seien seine Freundin und er glücklich. Mensch, Anna redet doch nur mit ihnen! Ich kann das nicht, sagt Wiliam.

Wiliam braucht Nähe, immer Nähe. Anna ist oft nach der Arbeit müde. Nähe. Verschmelzen. Dafür braucht man keine Worte. Wenn sie ihn abweist, glaubt er, dass sie ihn nicht liebt.

Manchmal verlässt er zornig die Wohnung, ohne zu sagen, wohin. Selbst schuld, wenn du jetzt Angst um mich haben musst. Es sind seelische Fesseln, die er versucht, um sie zu legen.

Das muss sich ändern, sagt Anna zu ihren Freundinnen, sie ist zermürbt, aber sie hat keine Angst. Angst? Hat irgendwer Anna schon jemals verängstigt gesehen? Und gibt es eine Gefahr? Eine Freundin entdeckt ein Loch in Annas Badezimmertür, die Narbe von einem Tritt. Das war Wiliam, sagt Anna, ach, lass uns nicht darüber reden, wieder so ein Streit. Nein, wenn jemand das Leben im Griff hat, dann ist es Anna: Geht nicht, gibt's nicht!

"Wenn wir alles gewusst hätten, was wir jetzt wissen, vielleicht hätten wir manches verhindern können", sagt Jörn, der Vater, "wenn wir alle Steinchen gehabt hätten!" Aber nur zwei Menschen hatten wirklich alle Steine. Es ist unmöglich, in diesen Tagen Trost zu finden, aber manchmal versucht die Mutter es mit dem Gedanken, dass ihre Tochter zugleich eine der schönsten Zeiten ihres Lebens hatte. Vielleicht war es gerade das.

Wenn sie sich gestritten haben, bringt Wiliam ihr mit traurigem Blick Rosen zur Arbeit. Ist er nicht süß!, sagen die Kolleginnen. Wie süß er ist und wie groß die Liebe. Die Streitereien werden anstrengender, aber die Versöhnungen! Je tiefer die Stimmung nach unten geht, desto großartiger ist das Gefühl im Bauch, wenn das Glück wieder nach oben schießt.

Wer ist Wiliam?

Das Paar jagt auf einer wieder und wieder inszenierten Fahrt durch Liebe und Frust, Zorn und Versöhnung. Keiner zweifelt, dass Wiliam alles, was er sagte, wirklich glaubte, absolut glaubte: dass ihre Liebe die größte sei, Anna das Wichtigste für ihn und er das Wichtigste für sie. Gerade deshalb ist es so schwer, den Irrsinn zu durchschauen. Auszusteigen. Sich zu fragen: Was treibt diesen Menschen, mit dem ich durchs Leben rase? Liebe?

Und – wer ist Wiliam?

Sobald Freunde ihn nach seiner Vergangenheit fragen, lässt er nur ein paar Sätze fallen, Abitur gemacht, in Brasilien ein Semester Touristik studiert, aber wenig Arbeit dort ... Dann wechselt er das Thema. Aus welcher Familie er kommt?

Wie sein Leben aussah?

Es gibt Dinge, die später ans Licht kommen, die Anna im Vertrauen ihren Freundinnen erzählt hatte, aber nicht den Eltern: dass sein Vater enttäuscht gewesen sei, weil er unbedingt meinte, Wiliam solle zum Militär gehen, Kampfpilot werden, ein ordentlicher Kerl, doch der Sohn war untauglich, und so erträumte sich Wiliam seine neue große Chance in Europa. Ein Junge aus armen Verhältnissen, die Mutter Verkäuferin, der Vater Bauer, kein Geld, ihn zu unterstützen. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie hart das Leben in Brasilien ist, klagte er seinen Freunden in Spanien. Ein Junge auf der Suche nach der schönen Zukunft. Einmal wollte er in Spanien beim Anstreichen die Herrin des Hauses verführen. "Nein, ich bin doch verheiratet!" – "Ach, genau so eine Frau ist mein Traum!", sagt Wiliam, "wenn meine Frau untreu wäre: Ich würde sie umbringen."

Wer ist Wiliam?

Jemand, den man gern um sich hatte, sagen Freunde noch heute. Er konnte drei Stunden mit jemandem quatschen, ohne dessen Sprache zu verstehen. Wollte es recht machen. Keine Umstände!, ich bin dabei, ich habe Spaß, ihr habt Spaß. Immer froh. Seine Eifersuchtsszenen trägt er nie vor anderen aus.

Er bemüht sich, besucht die Sprachschule, nimmt Jobs an, streicht Wohnungen bei Bekannten, und wann immer er 20 Euro in der Tasche hat, holt auch er mal eine Runde Bier, lädt Anna zum Essen ein. Es ist rührend: wie Wiliam zur Party nicht mit leeren Händen dastehen will und eine Gewürzmischung mitbringt.

Wie er bei einer Bekannten malt und danach den Garten ihrer Nachbarin aberntet, um Anna Blumen zu bringen. Etwas Unsicheres, Verletzliches ist da auch, das spüren die Frauen, Muttergefühle weckt er. Ist es Zufall, dass sich "Schwester Anna" in diesen Mann verliebte? Und wie schwer mag es sein, einen geliebten Menschen fallen zu lassen, der auf einen angewiesen scheint?

Wiliam hat kein Visum, arbeitet nur heimlich, die Sprache lernt er langsam, besucht einen Deutschkurs, er ist komplett von Anna abhängig. Ist er wirklich glücklich? Männliches Aschenputtel im Palast der Prinzessin? Alle kümmern sich um ihn, alle mögen ihn. Aber bis auf ein deutsch-spanisches Paar hat er keine eigenen Freunde. Nur Annas Freunde. Natürlich, er lernt schnell Leute kennen, spricht sie in Geschäften an, sobald er glaubt, dass sie Spanisch sprechen.

Ist er aufgeschlossen? Oder einsam?

Er sagt nur immer, wie glücklich er sei, mit Anna.

Im September klingelt bei ihren Freundinnen eine SMS: Wir haben uns gestritten. Wenn ihr euch um ihn kümmern möchtet, ist es okay für mich. Es geht so nicht mehr. Wieder hat sie mit einem anderen geredet! Mitten in der Nacht hat Wiliam zornig seine Sachen gepackt und ist aus der Wohnung gerannt. Anna wollte ihn nicht aufhalten. "Wir sollten uns mal eine Woche nicht sehen", hat sie gesagt.

Wiliam kommt bei Antonio unter, einem Kolumbianer, den er in einer Kneipe kennengelernt hat. Sie sitzen abends auf der Couch, sehen fern, Wiliam sagt wieder und wieder "Ich liebe sie!", fährt mit Antonio zu Annas Wohnung, sie warten im Sushi-Restaurant um die Ecke, vielleicht, ja, vielleicht ... Anna kommt nicht.

"Lass ihr Zeit." – "Aber ich muss mit ihr zusammen sein." Seine Augen sind verheult, als er nach Tagen bei Annas Freundin Claudia klingelt, wo sie Zuflucht gesucht hat. Seine Stimme bricht: "Ich reden mit Anna." – "Sie ist nicht da", sagt Claudia. "Ach, lass ihn rein", sagt eine milde Stimme aus dem Hintergrund.

Nächste SMS: Mädels, Wiliam und ich sind wieder auf dem gleichen Weg. Die Herzen klopfen doll.

Der Verstand kämpft mit dem Traum.

Annas Eltern Jörn und Andrea H. in ihrem Haus am Rande Hamburgs

Annas Eltern Jörn und Andrea H. in ihrem Haus am Rande Hamburgs


"Wiliam, du brauchst eine eigene Wohnung, wir brauchen mehr Abstand, mehr Eigenständigkeit!" – "Okay, okay." Ihren Freundinnen gegenüber spricht Anna von einer allerletzten Chance, sie hört sich mittlerweile skeptisch an. Ein Freund, in dessen Firma Wiliam im Lager arbeitet, spricht mit ihm, sagt ihm, dass er auch bei einer Trennung von Anna weiterarbeiten darf, hier Freunde hat, ein eigenes Leben. Wiliam bedankt sich.

Aber begreift er? "Wiliam, was macht die Wohnungssuche?" – "Wohnung?", sagt er, "Anna und ich gehören doch zusammen." Sieht er, wie der Teufelskreis sich schließt? Der entsteht, wenn ein Mensch sich in unfassbarer Verlustangst an jemanden klammert?

Je enger er den anderen einschnürt, desto heftiger muss der versuchen, sich zu befreien. Und je stärker der andere sich wehrt, desto größer wird wieder die Angst um den Verlust der Liebe. Die Täter sind immer auch Leidende. Und der Kreis wird nicht nur durch ihren Druck zusammengehalten, sondern auch durch das Mitleid der Opfer. Und durch ihre Scham.

Erkennt Anna, dass sie vielleicht nur aussteigen kann, keine Lösung finden? Kann sie das ertragen: überfordert zu sein? Nur ihrer Freundin Tina, der Verständnisvollen, Sensiblen, erzählt Anna, was wirklich geschah, in jener Nacht, nach der Wiliam für eine Woche auszog: Sie hatte sich voller Angst hinter der Waschmaschine im Bad zusammengekauert.

Wiliam hatte sie in Rage an den Haaren gepackt und hervorgezerrt. Anna beschwört Tina: Erzähl es niemandem!

Die letzten Tage in Annas Leben verlaufen weiter wie auf der Achterbahn. Freitag Streit. Samstag Essen im feinen "East".

Wiliam und Anna hängen küssend am Tisch, so verliebt, dass die Freunde im Scherz die Speisekarte zwischen sie halten. Später, draußen, erklären die Frauen zwei Touristen den Weg. Wiliam wird wütend, faucht Anna an. Wie besessen, findet Claudia, die danebensteht, sie rüttelt ihn: "Schau mir in die Augen: Wir haben doch nur den Weg erklärt!" Später schüttet er in einem Lokal zornig Annas Glas aus, sie gehen nach Hause.

Am nächsten Tag telefoniert Anna noch mit ihren Freundinnen. Sie sagt zu Claudia: "Irgendwie bin ich froh, dass auch mal jemand von euch das mitbekommen hat." Sie sagt zu Tina: "Ich weiß nicht, was ich machen soll. Alles ist wie im Nebel." Das Angebot, bei einer der beiden zu schlafen, schlägt sie aus. Sie fährt ohne Wiliam zu ihren Eltern. Am Abend auf der Couch bei den H.s sagt sie, dass es so nicht weitergeht.

Annas Handy piept. Eine SMS von Wiliam: "Warum liebe ich dich so sehr? Ich weiß nicht, wie ich dieses neue Gefühl verstehen soll. Es ist nicht normal. Was ich für dich fühle, ist zu 100 % rein. (...) Ich werde dich nicht verlieren, Anna."

Anna antwortet: "Ich will auch Frieden! Aber jemand, der mich liebt, behandelt mich nicht so wie du. (...) Was können wir tun, um zusammen glücklich zu sein?"

Letzte SMS von Wiliam: "Ich bin das Beste. (...) Wenn du diese Sache nicht machst, die ich nicht mag, haben wir kein Problem."

Woher dieser Hass?

Anna blickt ernst. "Willst du nicht hierbleiben?", fragt die Mutter, als Anna aufsteht. Anna sagt: "Das ist keine Lösung." Vielleicht war unter allen Irrungen dieser kleine Schritt das größte Verhängnis. Das, wovor Polizisten am meisten warnen: noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, unter vier Augen zu sprechen, allein, zu Hause, egal, wie stark die Wut gerade brodelt. Und wie viele Leben würden gerettet, wenn Nachbarn nicht weghörten, wenn es nebenan nach lautem Schreien auf einmal rumpelt?

Das Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis

Das Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis. Hier nahm sich Wiliam das Leben.


Um 3.06 Uhr in der Nacht ruft Wiliam bei seiner Mutter in Brasilien an. Er sagt: "Ich habe etwas Furchtbares getan, Anna liegt neben mir." Die Mutter sagt: "Hol einen Arzt." – "Nein", sagt er, "sie ist ganz sicher tot." Er will sich nicht stellen, nicht ins Gefängnis. Er wählt Annas Handynummer, schreit auf den Anrufbeantworter, "Anna, Anna, wo bist du?", so, als ob er eine falsche Spur legen wolle, aber er bricht in Tränen aus. Er bleibt sechs Stunden in der Wohnung, ruft immer wieder seinen Freund Antonio an, will sich treffen, will nicht mehr leben, sagt er, irrt durch die Stadt, geht ins Kino. Versucht, mit Annas Kreditkarte einen Flug nach Fuerteventura zu buchen. Die Polizei verhaftet Wiliam vor Antonios Haustür. Der Gerichtsmediziner stellt an Annas Körper Kopfverletzungen und Würgemale am Hals fest.

Woher dieser Hass? Hatte er sie je wirklich geliebt?, fragen sich die Eltern heute. War es vielleicht beides? Anna war die Frau, die er liebte. Und zugleich die Frau, die er hasste. Weil sie drohte, ihm das zu entreißen, was er auf eine irrsinnige Art brauchte: Anna.

Nach vier Tagen in Haft sitzt Wiliam in seiner Zelle und schreibt einen Brief auf Portugiesisch. Er ist für Annas Mutter: (...) Es tut mir aus tiefster Seele leid, was ich tat. (...) Wir haben gestritten, und sie verließ das Bett, und ich fragte, wohin sie geht, und sie sagte, sie würde nicht hier schlafen, und sie ging ins Bad, und ich entschied, nicht du gehst, ich gehe. Ich ergriff ihren Arm… Und von einer Sekunde auf die andere explodierte mein Zorn. Ich wusste nicht, dass ich das in mir hatte. Einige Sekunden, und ich fand mich wieder, "Anna, Anna" schreiend, aber Anna war nicht mehr da. (...) Anna war die Frau, die ich in einem anderen Leben verloren hatte. Ich hatte sie auf Fuerteventura wieder gefunden. Ich war niemals in meinem Leben so glücklich. (...) Ich werde sie in einem anderen Leben wieder finden, weil ich nicht ohne sie zu leben weiß. Andrea, ich bin kein Tier.

Wiliam Er nimmt sich die Klingen seines Einwegrasierers und zieht sie über die Haut seines Unterarms. Der Schnitt ist nicht tief genug.

Er zerreißt sein Bettlaken, zerknüllt einen Teil davon zu einem Knebel, den er sich in den Mund stopft. Er windet aus dem Rest des Lakens ein Seil. Er bindet es um das Gitter vor seinem Fenster, legt es sich um den Hals. Wiliam, der Romeo.


In Gedenken an ihre Tochter haben Annas Eltern eine Stiftung gegründet, die verschiedene soziale Projekte unterstützt und die Völkerverständigung fördern will. Mehr Informationen: www.anna-hellwege-stiftung.de

stern Crime Live auf der Bühne: Wie eine Zecke hing er an ihrem Leben