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Verbrechen: Ein Tod in Kiel - die tragische Geschichte von Delali Assigbley

Jura studieren, auswandern, Erfolge feiern in der neuen Heimat: Delali Assigbley hatte alles geschafft. Bis im Kopf ihres Mannes gefährliche Gedanken wuchsen.

Von Katharina Kluin

Beziehungstat: Ehefrau fällt einem Verbrechen in Kiel zum Opfer

Delali Assigbleys Porträt bei der Trauerfeier für das Opfer der Beziehungstat in der Kieler Uni-Kirche

Sie hatten es alle im Radio gehört oder im Netz gelesen. Sie wussten, dass am Morgen im Kieler Vorort Kronshagen eine Frau verbrannt war, mit Benzin übergossen und angezündet von ihrem eigenen Mann. Eine "Frau aus Togo", hieß es in den Nachrichten. "38 Jahre alt", "zweifache Mutter". Furchtbar, dachten sie, die arme Frau, oh Gott, die Kinder. Doch um Dela machten sie sich keine Sorgen. Nicht einmal, als sie bei der Arbeit fehlte. Keiner von Delas Freunden kam auf die Idee, dass sie die "Frau aus Togo" sein könnte. Denn Dela war kein Opfer.

Delali Assigbley war Juristin in ihrer afrikanischen Heimat, Pädagogin und Projektleiterin in Kiel. Eine Netzwerkerin, die meist mit am Tisch oder auf dem Podium saß, wenn es in der Stadt um ihre Themen ging: um Frauenrechte, Migration, Familie – und um Gewalt. Sie schob Initiativen an, die mit Bundesmitteln gefördert wurden. Im Januar 2017 wäre sie Mitarbeiterin des Kieler Landtags geworden.

Das Opfer, das war doch Koffi, ihr Mann. Zumindest hatte er sich so gesehen. Und sie ihn oft auch.

Sechs Wochen bevor er sie anzündet, schreibt er auf Französisch in sein Facebook-Profil: "Eines Tages wird sie die Wahrheit kennen. Ich wurde davon abgehalten, sie glücklich zu machen. Ich konnte meine Rolle als Ehemann und Vater nicht spielen."

Abgesperrter Tatort umringt von Einsatzfahrzeugen in Kiel.

Abgesperrter Tatort umringt von Einsatzfahrzeugen in Kiel.

Die beiden, sagen ihre Freunde, hätten sich in ihrer Heimat niemals kennengelernt. Sie, die Juristin, und er, der einfache Angestellte, der Waren für den Zoll fertig machte. Sie wären sich in Togos Klassengesellschaft wohl gar nicht begegnet. Nicht, dass man das richtig finden müsse.

Aber Dela würde noch leben.

Delali Assigbley und Koffi W. treffen sich in Kiel im Jahr 2008. Dela ist 30, sie lebt schon seit fünf Jahren in Deutschland. In Togo hatte sie während der Wirren um die Militärdiktatur keine Zukunft gesehen. Sie kam als Studentin der Pädagogik mit einem Stipendium des Goethe-Instituts; ihren Jura-Abschluss hatte Deutschland nicht anerkannt. Koffi war schon etwas früher eingereist, zur Ausbildung als Metallgießer. Als sie sich begegnen, ist er 33. Er will Maschinenbau studieren.

Dela ist an der Uni, bei ihrem Sohn, bei der Arbeit. Koffi ist mit seinen Gedanken in Togo

Koffi gibt Dela fern der Heimat Halt. Sie verliebt sich in seinen Humor, in seine Kochkünste, in seinen kritischen Geist, in ihre nächtelangen Diskussionen über den Zustand der Welt. Sie braucht ihm nichts zu erklären, über Togo, über Sehnsucht. Über den Trubel auf den Straßen, die warme Erde unter den Füßen, das Dorf voller Kinder, die Feiern, die Gottesdienste, die Familie, ja, ach, die Familie! Wie viel wichtiger sie sein darf, in Afrika! Als Dela schwanger wird, heiraten die beiden. Sie bekommen einen Sohn.

Und doch verlässt Dela Koffi schon kurz darauf zum ersten Mal. Er kommt morgens nicht mehr aus dem Bett und auch sonst zu nichts, er trinkt zu viel, seine Jobs behält er nur vorübergehend. Dela ist an der Uni, bei ihrem Sohn, bei der Arbeit. Koffi ist mit seinen Gedanken in Togo.

Bei Facebook postet er: "Es lebe die Revolution." Und: "Man soll mit mir rechnen."

Seine Frau nimmt ihn dennoch zurück, es geht ihm ja nicht gut, er ist doch ihr Mann. In guten Zeiten tanzt das Paar auf Festen wie frisch verliebt. Dela organisiert Babysitter und Karten fürs Kino. In schlechten Zeiten ist sie alleinerziehend, mit einem zusätzlichen, erwachsenen Sorgenkind.

Denn Koffi glaubt, als Anhänger der Opposition auch in Deutschland nicht sicher zu sein. Er fühlt sich beobachtet, er unterstellt, man rede über ihn. Seltsam, sagen die Freunde, denn er vertritt "keinerlei gefährliche Positionen".

Delali Assigbley mit ihren beiden Söhnen und ihren Freundinnen bei einem Fototermin für das Projekt "Sisters" am Kieler Hafen im Sommer 2016

Delali Assigbley mit ihren beiden Söhnen und ihren Freundinnen bei einem Fototermin für das Projekt "Sisters" am Kieler Hafen im Sommer 2016

Einer von Delas engsten Vertrauten ist Emmanuel Noglo, sie waren gemeinsam Stipendiaten von "Brot für die Welt". Er erinnert sich, wie seine Hochzeitsgäste über das ungleiche Paar sprachen. Über sie, die mit Wärme und Witz die Feier ihres Freundes in vier Sprachen moderierte. Und über ihn, der sich betrank und wirres Zeug redete, einen grob wirkenden Mann, der seine Kinder gepackt habe, statt mit ihnen zu sprechen. "Im Nachhinein gab es viele Zeichen", sagt Noglo. "Wir haben sie nur nicht zusammengefügt."

Dela fühlt sich verantwortlich für Koffi. Und als Christin an die Ehe gebunden. 2013 kommt ihr zweiter Sohn zur Welt. Dela will ihre Familie retten. Und niemand ahnt, dass diese Aufgabe zu groß für sie ist.

Sie setzt sich für das Bildungsprojekt "Frauenwege in Togo"

Denn an der Universität und überall sonst fällt sie in diesen Jahren vor allem mit ihrer Energie auf und mit ihrer Gabe, Menschen zu begeistern. Sie setzt sich für das Bildungsprojekt "Frauenwege in Togo" ein und gründet später "Sisters" in Kiel, eine Initiative für die Begegnung deutscher und westafrikanischer Frauen. Engagiert sich in Stipendiatenprogrammen. Und verdient das Geld für die Familie mit Jobs nebenher.

"Mein bestes Kind" hat ihr Vater in Togo sie oft genannt. Er war derjenige, der sie weiter zum Unterricht schickte, während in jedem Schuljahr mehr Mädchen in frühen Ehen und auf den Feldern verschwanden. Dela hat deshalb später Jura studiert. Sie wollte sich nie fügen müssen. Sie wollte kämpfen können.

Im Sommer 2015 stellt sie ihrem Mann ein Ultimatum, wieder einmal. Seine Ängste sind zum Verfolgungswahn geworden. Er ist panisch. Überall Spione, auch in der Wohnung, am schlimmsten ist es nachts. "Sie werden mich töten", sagt er dann. "Morgen lebe ich nicht mehr."

Er durchwacht viele dieser Nächte, die er für seine letzten hält.

Er postet: "Niemand wird dir glauben, bis es zu spät ist. Die Lüge ist der Unterdrücker der Wahrheit."

Dela will, dass er in Therapie geht, sie spannt auch ihre Freunde ein, um ihn zu überzeugen. Es hilft nichts, er hört nicht zu, er redet nur auf sie ein. Sie müssten doch verstehen, müssten doch sehen, was so offensichtlich sei. "Sie wussten bei der Arbeit, was ich am Abend zuvor zu Hause gesagt und gegessen hatte! Woher können sie das wissen?" So gehen seine Geschichten.

Das Ultimatum verstreicht. Sie könne ihn nicht verlassen, sagt Dela ihren Freunden. Nicht, bevor sie nicht alles versucht habe.

Sie erlaubt ihm die Kameras aus Verzweiflung.

Er hängt sie in jeden Raum der Wohnung. Dela hofft, sie könnten ihn beruhigen. Ihm zeigen, dass keine Spione kommen. Doch es wird nur noch schlimmer.

Es ist schon wieder Sommer, als in Koffis Facebook-Einträgen eine neue Idee auftaucht.

27. Juli 2016: "Wasser als Waffe. Ich habe es getrunken." 4. August 2016: "Die Brötchen waren vergiftet, aber ich habe sie gegessen. Ich ziehe es vor, alles selbst zu essen und meine geliebte Frau zu entlasten."

Und dann, in einer seiner "letzten Nächte", rastet er aus. Er hat getrunken, er weckt die Kinder. Er will, dass sie wissen, was los ist, dass sie wissen, dass er kein Monster ist, sondern ein Gejagter. Er will bei ihnen sein, bei ihnen schlafen, sie fest im Arm halten, vor seinem Tod.

Niemand ahnte, wie gefährlich die Ehe mit Koffi W. für sie werden sollte. Auch sie selbst nicht

Niemand ahnte, wie gefährlich die Ehe mit Koffi W. für sie werden sollte. Auch sie selbst nicht

Die Freunde sagen, er habe Dela an die Wand gedrückt und geschrien. "Ich würde dir doch nie etwas antun!" Und immer weiter gedrückt.

Es heißt, sie hätten ihn mit sieben Mann aus der Wohnung getragen. Nachbarn hatten die Polizei gerufen. Und die erste Streife Verstärkung.

Drei Wochen soll Koffi in der Psychiatrie bleiben, bis er medikamentös eingestellt ist. Delas Freunde sagen: "Jetzt ist er weg, Dela. Jetzt habt ihr Ruhe."

Eine Woche lang hält sie die Ruhe aus, dann holt sie Koffi nach Hause. Sie sieht nicht, dass sie selbst in Gefahr gerät. Es passt nicht in ihre Rolle. Er ist doch der Kranke, das Opfer. Er hat doch Angst um sein Leben.

Und er ist doch ihr Mann.

28. August 2016: "Unfreiwillig wie freiwillig erkenne ich heute, wie sehr ich meine Frau vernachlässigt habe, was sie alles getan hat, was sie mir alles vergeben hat."

Pia Duitsmann kennt Dela seit dem Studium, eine hat die Kinder der anderen betreut, später haben sie gemeinsam das "Sisters"-Projekt geleitet. Pia Duitsmann fragt sich oft, wie sie Dela hätte retten können. Sie habe es immer wieder versucht, sagt sie. Sie seien manchmal auch in Streit geraten, weil Dela ihren Mann nicht verlassen wollte und immer wieder Hoffnung schöpfte. "Irgendwann waren wir müde, darüber zu reden."

Vielleicht will Dela im Sommer 2016 einfach nicht hören, was sie selbst längst weiß. Sie hat während des Studiums nicht irgendeinen Job gemacht – sie hat mit Psychiatriepatienten gearbeitet. Ihr ist klar, dass Wahnvorstellungen nicht verschwinden, nur weil der Erkrankte Besserung verspricht. Ihr ist klar, dass ihr Mann Medikamente braucht.

Doch Koffi will sie nicht schlucken. Er verspricht ihr, es mit Gott zu versuchen, mit Jesus, verspricht ihr, sein Leben zu ändern, er verspricht ihr alles, alles, nur nicht die Tabletten, von denen er glaubt, dass sie ihm seinen freien Willen nehmen würden, seinen letzten Funken Verstand.

22. August 2016: "Ich werde keine Politik mehr betreiben. Das bisschen Zeit, das Gott mir gegeben hat, will ich für meine Familie und diejenigen verwenden, die mir nahe sind."

"Ihr werdet sehen, ich werde ein guter Mann sein", beschwört er Freunde. "Ihr werdet stolz auf mich sein!" Er begleitet Dela jeden Sonntag in den Gottesdienst, er betet mit ihr, er kümmert sich viel um die Kinder. Er scheint sich zu beruhigen. Sie feiern ein Fest in ihrem Schrebergarten, sie tanzen und lachen. Am Ende wirft er sie sich im Scherz über die Schulter. Und die Freunde denken: Na gut, vielleicht ist das der Weg.

Dela mit ihrer Kollegin und Freundin Pia Duitsmann. 2016 reisten die beiden Frauen zusammen nach Togo

Dela mit ihrer Kollegin und Freundin Pia Duitsmann. 2016 reisten die beiden Frauen zusammen nach Togo

Im Spätsommer fliegt Dela mit den Kindern und mit Pia Duitsmann nach Togo. Sie treffen Delas Vater und Koffis Mutter, Dela zeigt Pia ihr Heimatdorf, sie besuchen das Bildungsprojekt, für das sie sich einsetzen, und andere, mit denen sie zusammenarbeiten. Als sie zurückkommen, geht es in hohem Tempo weiter. Die beiden Frauen halten Vorträge in ganz Deutschland, stehen fast jedes Wochenende zusammen auf einer Bühne.

Über Koffi reden sie wenig.

Niemand kann sagen, wie aus den Ängsten und Theorien in seinem Kopf schließlich die vernichtende Idee erwächst. Die Idee, dass nicht "der Staat" oder "Spione" ihn vergiften wollen. Sondern Dela.

13. Oktober 2016: "Sie hat ihre Rolle gut gespielt. Ich habe sie gelassen. Ich glaube, dass sie mich töten will, aber ich lebe. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe, wegen der Gifte in meinem Körper."

Es gibt ein Video von Delas letztem Auftritt, Ende November 2016, ein Vortrag in Flensburg. Vor dem Publikum leuchtet sie. Sie lässt die Leute wissend nicken, laut lachen, mitreden.

Später, ein Bild, sekundenkurz: Dela sitzt im Publikum, ihr Blick ist erschöpft, fast abwesend.

Den nächsten Vortrag sagen die Freundinnen ab. Dela will die Kinder nicht länger allein bei Koffi lassen. Im "Sisters"-Büro in Kiel steht der Jahresabschluss an. Und Dela ist unruhig. Im Januar will sie die neue Stelle antreten, als Mitarbeiterin des Flüchtlingsbeauftragten im schleswig-holsteinischen Landtag. Sie fragt sich, wie ihr Engagement, Koffi und die Kinder mit ihrem Job zusammengehen werden.

Wohl in diesen Tagen gesellt sich zu Koffis Verfolgungswahn eine weitere, gefährliche Überzeugung: der Glaube an die göttliche Fügung.

26. November 2016: "Ich will andere in meinem Leben nicht mehr beurteilen. Ich lasse Gott handeln, wie er es wünscht."

Am Wochenende darauf gibt es offenbar wieder Streit. Am Sonntag, dem 4. Dezember, fahren Koffi und Dela mit den Kindern zum Gottesdienst. Doch er steigt nicht aus. Er habe nur mit dem Kopf geschüttelt, als andere ihn in die Kirche holen wollten, heißt es. Während der gesamten Adventsfeier sei er im Wagen geblieben. "Sie verlässt mich ja eh", habe er gesagt. Und Dela drinnen: "Ich kann nicht mehr."

Später sagt sie noch: "Betet für mich."

Am Montagabend, berichten Freunde aus Togo, habe Koffi bei Delas Vater angerufen. "Sie will mich vergiften."

Am Dienstagabend telefoniert Dela mit einem Cousin. "Er nimmt seine Tabletten nicht. Ich habe hier jetzt drei Kinder." Koffi sitzt währenddessen neben ihr auf der Couch. "Dela, verlier nicht den Respekt. Das ist gefährlich", sagt ihr Cousin. "Pass auf dich auf." Sie lacht darüber hinweg.

Die Spurensicherung am Tatort in Kiel

Die Spurensicherung am Tatort in Kiel

Noch am Nachmittag hat Dela eine Bekannte in die Kieler Beratungsstelle für Migrantinnen gebracht, weil deren Mann sie bedroht hatte.

Ihr erstes Projekt am Landtag soll ein Schutzkonzept für Frauen sein, die Gewalt erleben.

Delali Assigbley ist kein Opfer. Das hat sie schon auf der Schulbank entschieden.

6. Dezember 2016: "Gott ist der Allmächtige."

Am Mittwoch, es ist der 7. Dezember, starten Dela, Koffi und ihre beiden Söhne in den Tag wie immer. Die Eltern fahren den Großen in die Schule und den Kleinen in die Kita. Auf dem Weg zurück zu ihrer Wohnung in Kronshagen telefoniert Dela kurz, später will sie zu Pia Duitsmann ins Büro.

Und dann zieht Koffi die Flasche. Er überschüttet sie im Auto mit Benzin, sie flieht, doch er holt sie ein und steckt sie in Brand. Sofort kommen Passanten, sie löschen das Feuer mit Schals und mit Decken.

Er zündet Dela ein zweites Mal an

Doch Koffi kehrt zurück. Er zündet Dela ein zweites Mal an. Diesmal brennt sie am ganzen Körper. Erst mit einem Feuerlöscher können die Angestellten einer nahe gelegenen Klinik die Flammen ersticken. Da ist Delali Assigbley noch bei Bewusstsein.

In den Zeitungen heißt es später, sie habe die Namen ihrer Jungs genannt und die Adressen von Kita und Schule, wohl in der Angst, Koffi könne auf dem Weg zu ihnen sein.

Die Polizei findet ihn nur ein paar Straßen entfernt. Er kommt noch am selben Abend in die Klinik. Dort ist er bis heute. Die Staatsanwaltschaft hält Koffi W. für nicht schuldfähig. Das Kieler Landgericht will im Spätsommer entscheiden, ob und wie lange er in der Psychiatrie bleiben muss.

Die Freunde hören von der Station, er habe seit dem Tag der Tat nur noch wenige lichte Momente.

Es heißt, er vermisse die Kinder. Sie leben in einer Pflegefamilie. Außerdem frage er nach Dela.

Warum sie nicht komme.

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