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Bilanz der Regierungsbeauftragten: Mehr als 1000 Missbrauchsfälle gemeldet

Erst vor gut zweieinhalb Monaten hat Christine Bergmann ihr Amt als Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung angetreten. Die Zahlen und Fakten, mit denen sie jetzt an die Öffentlichkeit geht, sind besorgniserregend. Ein Drittel aller Taten betreffen kirchliche Institutionen.

Der Regierungsbeauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, Christine Bergmann, sind in den vergangenen zweieinhalb Monaten mehr als 1000 sexuelle Übergriffe gemeldet worden. "Das Ausmaß und die Massivität, mit der Kinder sexuelle Gewalt erleben, sind erschütternd", erklärte Bergmann am Dienstag in Berlin. Etwa ein Drittel der ihr gemeldeten Fälle geschah demnach im Bereich kirchlicher Einrichtungen.

Bergmann war im März als Regierungsbeauftragte eingesetzt worden, nachdem eine Reihe sexueller Übergriffe in katholischen Einrichtungen wie etwa Schulen des Jesuiten-Ordens bekannt geworden waren. An ihre neu eingerichtete Stelle können sich Betroffene schriftlich und telefonisch wenden und erhalten dort auf Wunsch auch Hilfe durch Fachkräfte.

"Jahrelang gegen Wände geschrien"

Wie eine erste Auswertung aller gemeldeten Fälle ergab, erlebten fast 90 Prozent der Betroffenen wiederholten oder mehrfachen sexuellen Missbrauch. Opfer, deren Angehörige, aber auch Täter hätten nach ihren Schilderungen "jahrelang gegen Wände geschrien" oder wollten "diesen Klumpen" loswerden, seien aber von niemandem gehört worden. Mehr als 60 Prozent der Anrufenden hätten sich zuvor noch niemandem anvertraut.

Die bisher gemeldeten Fälle verteilen sich zu etwa einem Drittel auf Taten im Bereich von Familie und Bekanntenkreis, einem Drittel auf nicht-kirchliche Institutionen wie Schulen, Heime und Therapieeinrichtungen und einem Drittel auf kirchliche Institutionen. Bei den kirchlichen Institutionen seien es vor allem katholische Einrichtungen.

Frauen häufig Opfer familiärer Gewalt

Während Jungen häufiger in kirchlichen Einrichtungen missbraucht wurden, seien Mädchen häufiger in therapeutischen Einrichtungen von sexuellen Übergriffen betroffen. Frauen waren in ihrer Kindheit doppelt so häufig Opfer vom Missbrauch innerhalb von Familien wie Männer. Die Altersspanne der bisherigen Anrufer reiche von 17 bis 79 Jahren, das Durchschnittsalter liege bei 50 Jahren.

Bergmann forderte, den sexuellen Missbrauch gesellschaftlich zu ächten. "Tätertoleranz darf nicht länger vor Opferschutz stehen. Wir haben die Pflicht hinzusehen." Im Nachhinein würden Männer, die als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, häufig von Ausbildungs- und Beziehungsabbrüchen berichten. Ihnen sei es nicht gelungen, Vertrauensbeziehungen aufzubauen. Frauen berichteten demnach, dass sie funktioniert hätten, solange sie familiäre Verpflichtungen hatten. Danach sei das Verdrängte aber wieder an die Oberfläche gekommen. Der Regierungsbeauftragten zufolge fordern die Betroffenen eine schonungslose Benennung der Täter und der Tat und eine Anerkennung des Unrechts.

DPA/APN / DPA