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Ehefrau mit Schwermetallen vergiftet: Mordanschlag aus Angst vor dem Verlassenwerden

In Göttingen muss sich ein Mann vor Gericht verantworten, der seine Frau erst mit Blei und dann mit Quecksilber vergiften wollte. Sein Plan: Wenn sie krank ist oder tot, dann kann sie ihn nicht mehr verlassen.

Von Uta Eisenhardt

Christian K. droht eine Verurteilung wegen versuchten Mordes an seiner Ehefrau

Christian K. droht eine Verurteilung wegen versuchten Mordes an seiner Ehefrau

Marion wollte sich trennen, seine große, blonde, schlanke Traumfrau. Für sie hatte Christian K. vor acht Jahren seine hochschwangere Freundin verlassen. Mit Marion hatte er alt werden wollen.

Am Muttertag 2014 beendete sie ihre Ehe. Wie passend. Drehten sich ihre Probleme doch darum, dass Marion nicht schwanger wurde und darunter litt, keinen Kontakt zu seiner Tochter haben zu dürfen - seine Ex blockierte das. Außerdem war Marion von seiner Eifersucht genervt. Als Partner könne sie ihn nicht mehr ernst nehmen. Sie hätte das Gefühl, mit einem großen Jungen zusammen zu sein.

Trotz Urlaub sprach sie von Trennung

Ihre Vorwürfe waren dem damals 42-jährigen Immobilienvertriebler nicht neu. Er gelobte, alles zu ändern. Er schöpfte Hoffnung, als sie ihm vorschlug, gemeinsam nach Fuerteventura zu fahren, wie zu ihrer Hochzeit, wie jedes Jahr. Marion sprach weiterhin von Trennung, am vorletzten Urlaubstag schliefen sie miteinander.

In diesem Haus lebte der Angeklagte Christian K. zusammen mit seiner Frau

In diesem Haus lebte der Angeklagte Christian K. zusammen mit seiner Frau

Nach ihrer Rückkehr zog sie ins Souterrain und erzählte ihm von ihrem Besuch beim Anwalt. Wütend warf er ein Stück Brot durch die Küche, auf der Terrasse verbrannte er die Hochzeitskerze. Er war tief gekränkt.

An seinem Schießstand auf dem Dachboden kam ihm die Idee. Er sah das Bleipulver an seinen Händen: Wenn er Marion krank machen würde? Sie könnte ihn nicht verlassen. Er begab sich zu seinem Gartenhaus. Ungestört legte er hier das Blei aus der Munition in Essigsäure, fügte Wasserstoffperoxid hinzu und verkochte das Gemisch über einem Bunsenbrenner. Die gräuliche Masse zerstieß er zu Pulver.

Wein mit einer Messerspitze Bleiacetat

Er schlug Marion nun öfters vor, ein Glas Wein zu trinken. Jeder hatte seine Lieblingssorte. In ihre Flaschen gab er jeweils eine gute Messerspitze Bleiacetat.

Zunächst schmerzten ihr die Fußsohlen und Kniekehlen. Marion K. schob es auf die Feuchte des Souterrains. Als sie von Unterleibskrämpfen geschüttelt wurde, glaubte sie, die neue Spirale sei schuld. Später erbrach sie sich mehrmals täglich. Sie verlor ein Viertel ihres Gewichts. Alles tat ihr weh. Sie fühlte sich so matt, dass sie nicht einmal mehr die Autokupplung betätigen konnte. Die ehrgeizige Frau musste Termine absagen, sie verlor Kunden.

Der Anwalt bat ihn, auszuziehen

Anfang Juli kam sie für ein paar Tage ins Krankenhaus. Ihre Spirale wurde entfernt, die Schmerzen blieben. Die Ärzte vermuteten eine psychische Ursache. Sie beschloss, das gemeinsame Haus in Göttingen für eine Weile zu verlassen. Mit letzter Kraft packte sie ihre Sachen, darunter ein Nahrungsergänzungsmittel und diverse Küchenzutaten, die Christian K. mit Bleiacetat versetzt hatte.

Im August begab sie sich erneut ins Krankenhaus. Nach etlichen, teilweise äußerst schmerzhaften Untersuchungen entdeckten die Ärzte eine Veränderung der Gebärmutterschleimhaut. Sie wollte wieder in ihr Haus zurück, dort in Ruhe genesen. Ihr Anwalt schrieb Christian K., er solle ausziehen.

"Jetzt bringe ich sie um!"

Damit war sein Plan endgültig gescheitert, er dachte nur noch: "Jetzt bringe ich sie um!" Ihm fielen die alten Schalter ein, die er sich über Ebay besorgt hatte. Das darin enthaltene Quecksilber zog er auf eine Spritze. Während seine Frau wochenlang kurte, verseuchte er ihr Haus und ihr Auto.

Obwohl er inzwischen eine andere Frau kennengelernt hatte, war das Gefühl der Kränkung größer als das der Verliebtheit: Er setzte das Vergiften fort, diesmal verspritzte er das Quecksilber im Zweitwagen. Ende Oktober suchte Marion K. ihren Arzt auf. Der stutzte über ihre Blutwerte. "Denken Sie an eine Vergiftung?", fragte die Patientin. Der Arzt nickte.

Einen Tag vor der toxikologischen Untersuchung wollte sie Brötchen in ihren Ofen schieben. Mit der Hand fegte sie einige Krümel zusammen. Sie sah etwas Glitzerndes. Es bewegte sich! War sie völlig verrückt geworden? Als ihr Arzt schließlich erhöhte Bleiwerte attestierte, wandte sie sich an die Polizei.

Quecksilber in Autos entdeckt

Tage später entdeckte sie das Quecksilber in ihren Autos - unter den Fußmatten und in der Lüftung. Dennoch wurde der Verdächtige nicht sofort verhaftet, die Polizei sammelte erst Beweise.

Wochenlang musste Marion K. so tun, als weile sie wieder im Krankenhaus. Sie versteckte sich vor ihrem Mann, belog ihre Freunde und lebte in permanenter Angst vor neuem Unheil. Um die Schwermetalle aus ihrem Körper zu leiten, nahm sie nebenwirkungsreiche Medikamente. Bis heute geht sie zur Psychotherapie. Jemandem zu vertrauen, fällt ihr schwer.

Trotz allem hatte sie großes Glück, von gesundheitlichen Spätfolgen scheint sie verschont zu werden. Für Christian K. ist das Leben im Wohlstand beendet. Sein Vermögen geht wegen des ehelichen Zugewinnausgleichs, Schmerzensgeldes und Schadenersatzes auf seine geschiedene Frau über - bis auf das kontaminierte Wohnhaus. Das bedarf einer kostspieligen Sanierung. Aber das dürfte ohnehin das geringere Problem sein, wenn Ende Juli das Urteil fällt.