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Blutbad in Afghanistan: Amokläufer gibt Amerika Rätsel auf

16 Afghanen soll der US-Soldat Robert Bales bei einem Amoklauf erschossen haben. Die Amerikaner sind geschockt und suchen nach dem Tatmotiv. Die Afghanen aber zweifeln an der Einzeltätertheorie.

Das Foto des mutmaßlichen Amokläufers Robert Bales, das derzeit durch die amerikanischen Medien geht, zeigt einen jugendlichen, sympathischen Mann mit schwerem Armeehelm. Strahlendes, unbeschwertes Lächeln, von Tod und Leid des Krieges keine Spur. Das Bild könnte aus einem Werbespot der US Army stammen. Die Botschaft: So schön kann Krieg sein. Doch der Mann mit dem Siegerlächeln sitzt derzeit in einer schwer bewachten Arrestzelle auf einem Armeestützpunkt im US-Bundesstaat Kansas und wartet auf seinen Militärprozess. Die Tat, die der Unteroffizier begangen haben soll, repräsentiert die dunkelste Seite eines mittlerweile über zehn Jahre langen Krieges. Amerika ist schockiert.

Rätseln über die Gründe des Amoklaufes

Hilflos fragt sich das Land, was den 38-jährigen Ehemann und Vater zweier Kinder zu seiner Gräueltat angetrieben haben könnte. Neun Kinder und sieben Erwachsene in einem nächtlichen Amoklauf abgeschlachtet - irgendwie muss das doch zu erklären sein?

Das afghanische Parlament bezweifelt allerdings die Darstellung der US-Armee und geht nicht mehr von einem Einzeltäter aus. "Mehr als ein Dutzend Soldaten (...) haben Dorfbewohner getötet und dann die Leichen verbrannt", sagte der Abgeordnete Nahim Lalai Hamidsai aus Kandahar. Das habe die Untersuchung einer Parlamentskommission ergeben, der Hamidsai angehört. "Alle Dorfbewohner, mit denen wir gesprochen haben, sagten, dass 15 bis 20 Mann da waren."

Medien setzen Bales' Leben und Karriere zusammen

Stück für Stück setzten amerikanische Medien derweil Leben und Militärkarriere des Mannes zusammen. Zunächst handelt es sich allem Anschein nach um eine Bilderbuchkarriere: Nach den Terroranschlägen im September 2001 trat er in die Armee ein, später wurde er zum Scharfschützen ausgebildet. Ein guter, ein verlässlicher Soldat sei er gewesen, dreimal im Irak im Einsatz, dann nach Afghanistan. Ein Kamerad erzählt sogar, er habe ihm im Irak das Leben gerettet. Erklärung für das Blutbad - Fehlanzeige.

Dann gibt es erste Spekulationen: Angeblich sei Alkohol im Spiel gewesen, Stress, auch in der Ehe habe es Ärger gegeben. Offiziell schweigen Militärs und Pentagon, doch mit vorgehaltener Hand werden Informationen gestreut. "Am Ende wird es eine Kombination aus Stress, Alkohol und häuslichen Problemen sein - er ist einfach ausgerastet", zitiert die "New York Times" eine anonyme Quelle aus der Regierung. Das sagt alles und nichts.

Anwalt bezeichnet ihn als milden Charakter

Der Anwalt des Beschuldigten bestreitet das sofort: Die Ehe sei okay gewesen, von Alkohol wisse er nichts. Auch rassistische Gründe schließt der Anwalt aus. "Er hat niemals etwas Feindliches gegen Muslime gesagt." Überhaupt sei sein Mandant kein aggressiver Typ, eher ein ruhiger und milder Charakter.

Allerdings habe sein Mandant erst vor kurzem mit ansehen müssen, wie einem Kameraden von einer Mine ein Bein weggerissen worden sei. Und auch sonst habe er unter Druck gestanden: Nach drei Kriegseinsätzen im Irak habe die Armee seinen Mandaten im Glauben gelassen, dass es jetzt genug sei. "Ihm und seiner Familie ist gesagt worden, dass es mit den Nahost-Einsätzen zu Ende ist." Der Unteroffizier sei nicht gerade gerne nach Afghanistan gegangen.

Stattdessen habe er auf eine Beförderung gehofft, die ihm unter anderem aus seinen finanziellen Problemen geholfen hätte, berichtete die "Washington Post" am Sonntag. So sei das völlig abgewrackte Haus der Bales bei Tacoma (Bundesstaat Washington) drei Tage vor dem Massaker auf den Immobilienmarkt geworfen worden. Ein Aufkleber der Baubehörden am Eingang habe es als "unbewohnbar" ausgewiesen.

Ein weiterer Hinweis, dass der Beschuldigte unter posttraumatischen Störungen der Kriegseinsätze gelitten haben könnte: 2010 habe er im Irak einen Autounfall erlitten. Der Humvee, in dem er saß, habe sich überschlagen, er habe Gehirnverletzungen davongetragen.

Persönlichkeitsstörung durch Kopfverletzungen?

Nicht ausgeschlossen, mutmaßt der Anwalt, dass diese zu Persönlichkeitsstörungen und mangelnder Kontrolle geführt hätten. Sogar von einer möglichen zweiten Kopfverletzung ist die Rede. Das strahlende Bild des lächelnden Soldaten verdüstert sich mehr und mehr. Offiziell haben die Militärrichter noch nicht einmal Anklage erhoben. Die Frau und die beiden Kinder des mutmaßlichen Amokläufers sind erst einmal auf den Heimatstützpunkt des Soldaten im Bundesstaat Washington gebracht worden - aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Der Beschuldigte selbst muss mit dem Schlimmsten rechnen. Verteidigungsminister Leon Panetta hat bereits signalisiert, dass die Militärankläger die Todesstrafe fordern könnten.

tkr/Peer Meinert/DPA / DPA