HOME

Blutbad in Afghanistan: Taliban verüben Massaker an Zivilisten

Das Verbrechen ist selbst für afghanische Verhältnisse kaum zu begreifen. 17 Zivilisten werden ermordet, womöglich enthauptet. Die Behörden machen die Taliban für das Massaker verantwortlich.

Erst ein paar Tage ist es her, dass sich Mullah Mohammad Omar mit einer seiner seltenen Botschaften zu Wort meldete. Zum Ende des Fastenmonats Ramadan ermahnte der untergetauchte Chef der afghanischen Taliban seine "Mudschaheddin-Brüder", der Schutz von Zivilisten sei eine "religiöse Verpflichtung". Nun wurden im Süden Afghanistans gleich 17 Zivilisten ermordet, und die Regierung machte am Montag die Taliban verantwortlich. Die Hintergründe des Massakers sind noch unklar. Dass den Taliban der Schutz von Zivilisten aber am Herz liegen soll, das ist nach Einschätzung von Experten nicht viel mehr als billige Propaganda.

Vor drei Wochen meldeten die Vereinten Nationen zwar erstmals seit 2007 einen Rückgang der zivilen Opfer im Krieg am Hindukusch. 1145 Unbeteiligte wurden demnach im ersten Halbjahr 2012 getötet, weitere 1954 wurden verletzt. Doch die Abnahme um 15 Prozent ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Nato-geführte Schutztruppe Isaf sich verstärkt darum bemüht, zivile Opfer zu vermeiden.

Die Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (Unama) machte die Isaf nun nur noch für zehn Prozent dieser Opfer verantwortlich, die Taliban dagegen für 80 Prozent. Die verbliebenen zehn Prozent konnten keiner Konfliktpartei zugeordnet werden. Zum Vergleich: 2008 gingen nach UN-Angaben noch 39 Prozent der Toten (Verletzte sind dort nicht mit eingerechnet) auf das Konto der internationalen und afghanischen Sicherheitskräfte und 55 Prozent auf das der Taliban.

Immer mehr gezielte Morde an regierungstreuen Zivilisten

Nicht nur nehmen die Taliban zivile Opfer bei Anschlägen und bei den zunehmenden Angriffen von Selbstmordkommandos billigend in Kauf. Unama registriert einen alarmierenden Trend: Die Aufständischen verüben immer mehr gezielte Morde an regierungstreuen Zivilisten. Bei 237 Attentaten wurden demnach in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 255 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt - 53 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Die Isaf nimmt Mullah Omar seine angebliche Sorge um Zivilisten denn auch nicht ab. "Entweder lügt Omar, oder seine Schergen hören nicht auf ihn", sagte Isaf-Kommandeur John Allen in einer Reaktion auf die Botschaft des Taliban-Chefs. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Berichte, die auf Unzufriedenheit in den Rängen der Aufständischen hindeuteten. Längst nicht alle Kader schienen von der Bereitschaft der Taliban-Führung begeistert zu sein, die den Amerikanern Verhandlungsbereitschaft signalisiert hat.

Allerdings sind die Gespräche der Konfliktparteien über ein vorläufiges Stadium ohnehin nie hinausgegangen. Zwar eröffneten die Taliban ein Büro im Golf-Emirat Katar, doch schon kurz danach setzten sie im März die Gespräche aus. Sie seien "Zeitverschwendung", weil die USA keine Bereitschaft zeigten, Abmachungen zu erfüllen, teilten die Aufständischen mit. Als eine Art vertrauensbildende Maßnahme hatten die Kriegsgegner über einen Gefangenenaustausch gesprochen, auf den die Amerikaner sich dann aber doch nicht einließen.

Nichts deutet darauf hin, dass der Konflikt am Hindukusch durch Verhandlungen gelöst werden und das Leid der Zivilbevölkerung ein baldiges Ende haben könnte. Die Taliban torpedieren weiter die Abzugsstrategie der Nato, die den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte voraussetzt. Mullah Omar prahlte in seiner jüngsten Botschaft damit, die Taliban hätten die afghanische Armee und Polizei infiltriert. Tatsächlich erschoss am Montag wieder ein einheimischer Soldat zwei Isaf-Soldaten. Damit wurden seit Jahresbeginn 42 Angehörige der Schutztruppe von vermeintlichen Verbündeten getötet - sieben mehr als im gesamten vergangenen Jahr.