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Blutbad in der Türkei: Es ging um die Braut

Nach dem Massaker an einer Hochzeitsgesellschaft in der Türkei werden die Hintergründe der Tat immer klarer: Ursache des Blutbads mit 44 Toten war offenbar ein Streit um die Braut. Der türkische Innenminister sprach von einer Familienfehde. Ministerpräsident Recep Erdogan sagte, "keine Tradition kann eine Entschuldigung für ein solches Verbrechen sein".

Die türkische Polizei hat nach dem tödlichen Angriff auf eine Hochzeitsgesellschaft in dem Dorf Bilgeköy im Südosten des Landes acht Verdächtige festgenommen. "Nach ersten Informationen hat die Tat keinen terroristischen Hintergrund", sagte Innenminister Besir Atalay am Dienstag. Es habe eine schon länger andauernde Fehde zwischen zwei Familien gegeben. Der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge war ein Streit um die Braut Auslöser des Massakers. Ein Mann aus der Familie der Täter habe die Frau heiraten wollen, sei aber abgewiesen worden, berichtete Anadolu unter Berufung auf Dorfbewohner. Die Braut war die Tochter des Dorfvorstehers. Bei dem Überfall waren mindestens 44 Menschen von Maskierten ermordet worden. Unter den Getöteten sind sechzehn Frauen und sechs Kinder.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte das Blutbad als unmenschlich. In einer Rede vor der Parlamentsfraktion seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP rief er in Ankara Universitäten und Institutionen auf, sich für eine Änderung der Mentalität einzusetzen. "Keine Tradition kann eine Entschuldigung für ein solches Verbrechen sein", sagte Erdogan. Die Täter müssten für immer ein schlechtes Gewissen haben.

Etwa 200 Menschen hatten sich am Montagabend versammelt, um die Hochzeit zu feiern. Die Angreifer feuerten nach Berichten türkischer Medien blindwütig in die Menge und warfen auch Handgranaten. Die ersten Schüsse waren gegen 21.30 Uhr Ortszeit (20.30 Uhr MESZ) gefallen. Das Massaker habe etwa eine Viertelstunde gedauert. Die Angreifer konnten nach der Tat flüchten. Die Suche nach ihnen wurde in dem Grenzgebiet der Türkei zu Syrien von einem Sandsturm behindert.

Nach dem Blutbad verhängten die Behörden über Bilgeköy eine Ausgangssperre. Das staatliche Fernsehen berichtete, es gebe dort keinen Strom und niemand in dem Dorf könne per Telefon erreicht werden. Journalisten wurde nicht erlaubt, nach Bilgeköy zu reisen.

Augenzeugen des Massakers berichteten nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP, dass vier maskierte Männer das Feuer auf die Hochzeitsgesellschaft eröffnet hätten. Sie seien aus unterschiedlichen Richtungen auf den Dorfplatz gestürmt, auf dem eine religiöse Zeremonie für das Hochzeitspaar abgehalten worden sei. Anschließend seien die Angreifer in einige Häuser eingedrungen und hätten dort weiter geschossen.

Ein örtlicher Beamter sagte unter Berufung auf die Aussage einer 19-jährigen Überlebenden, dass die Maskierten dann vor allem Frauen und Kinder in einen Raum gedrängt und diese dort mit einem Kugelhagel überzogen hätten. Bei dem Blutbad wurden auch die Brautleute und der Imam getötet, der sie traute. In Krankenwagen wurden die Leichen und Verletzten in die nahegelegene Provinzhauptstadt Mardin gebracht. Fernsehbilder zeigten vor dem dortigen Krankenhaus verzweifelte Angehörige.

Innenminister Besir Atalay, Justizminister Sadullah Ergin und Landwirtschaftsminister Mehdi Eker trafen am Dienstag in Bilgeköy ein, um sich über die Lage zu informieren. Zunächst war vermutet worden, es könne auch politische Motive für die Tat geben. In dem vor allem von Kurden besiedelten Gebiet haben die Spannungen zwischen der PKK und der türkischen Armee in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Es gab wiederholt große Militäreinsätze gegen die PKK.

Bilgeköy wird von sogenannten Dorfschützern kontrolliert. Zahlreiche Männer des Dorfes gehören einer Miliz an, die von der Regierung im Kampf gegen die verbotene Arbeiterpartei unterstützt wird. Die PKK kämpft seit rund 24 Jahren gegen den türkischen Staat und hat in der Vergangenheit auch Angriffe auf nicht-kooperationsbereite Zivilisten verübt.

AFP/AP/DPA / AP / DPA