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Blutbad in Frankreich: Viele Theorien, keine heiße Spur

Vier Menschen sind tot, ein Waisenkind ist die Hauptzeugin: Die Ermittlungen nach dem brutalen Alpen-Mörder sind schwierig. Die Polizei hat keine Spur - die Medien Stellen abenteuerliche Theorien auf.

War es der Geheimdienst? Oder doch ein Verrückter? War es ein Familiendrama? Oder das blutige Ende eines Erbschaftsstreites? Drei Tage nach dem gewaltsamen Tod einer britischen Familie in den französischen Alpen tappen die Ermittler bei der Aufklärung des brutalen Verbrechens noch ziemlich im Dunkeln. Schon tauchen die ersten bohrenden Fragen auf: "Wird der Mörder der Eltern von insgesamt fünf Kindern niemals gefunden werden?"

Es gibt wenige Verbrechen, bei denen es so viele Spuren, aber so wenig Klarheit gibt. Gegenwärtig versucht die Polizei, über die Familie der Opfer ein wenig Linie in die Ermittlungen zu bringen. Ein Mann und eine Frau aus der irakisch-stämmigen Familie reisten nach Frankreich, um sich um die überlebenden Mädchen zu kümmern.

Die Vierjährige, die acht Stunden lang unter den Füßen ihrer toten Mutter versteckt im Auto der Familie gelegen hatte, steht unter Schock. Ihre drei Jahre ältere Schwester liegt noch im künstlichen Koma. Der oder die Mörder hatten sie angeschossen und das Kind so mit Schlägen eingedeckt, dass es mehrere Schädelbrüche davontrug.

Der Vater war "ein freundlicher Mann"

Die Familie von Saad al-Hilli führte in dem idyllischen Örtchen Claygate, keine 50 Kilometer südlich von London, ein zwar nicht unauffälliges, aber beschauliches Leben. Das Haus der Familie hat einen Millionenwert, die Gegend gilt als betucht.

Der Vater war bekannt bei seinen Nachbarn. "Ein freundlicher Mann", wie alle unisono sagen. Er half, wenn etwas am Haus zu tun war und war als Tüftler bei kniffligen Fällen bekannt. Seine Familie ging ihm über alles. Einige aus dem Ort erinnerten sich, wie er immer seine Töchter in den Arm nahm, wenn er nach Hause kam.

Die französische Polizei schickte am Samstag vier Ermittler nach England. Sie halfen, das Haus der Opfer bis aufs kleinste Detail zu untersuchen. Die Ermittlungen wurden auch auf die Schweiz und Italien ausgeweitet. Insbesondere sucht die Polizei nach dem Fahrer eines grünen Allrad-Wagens. Der war von dem britischen Fahrradfahrer gesehen worden, der zum Tatort kam und die Polizei rief.

Wilde Spekulationen in den Medien

Wie immer wenn die Polizei nichts genaues weiß, schießen die Theorien in den Medien ins Kraut. Britische Boulevardzeitungen tischen seit Tagen eine wilde Story nach der anderen auf. So soll al-Hilli einmal in den Irak-Krieg verstrickt sein, mal auf der Liste von Geheimdiensten stehen, als Ingenieur für die Rüstungsbranche tätig sein oder sich mit Größen aus dem Regime von Ex-Diktatur Saddam Hussein überworfen haben.

Nichts davon hat sich bisher als stichhaltig herausgestellt. So meldete sich am Freitag etwa der Bruder des Toten von selbst bei der Polizei und beteuerte, es habe keinerlei Erbschaftsstreit gegeben. Zuvor hatten Medien spekuliert, die beiden Brüder stritten um das Erbe von Immobilien etwa in Spanien und im Irak.

Dabei rücken die abenteuerlichen Theorien fast die Brutalität des bestialischen Verbrechens in idyllischer Umgebung der französischen Alpen in den Hintergrund. Mindestens drei Schüsse haben der oder die Täter auf jedes der Opfer abgefeuert, einen davon in den Kopf. Das Ehepaar al-Hilli, ein 45 Jahre alter Franzose - Vater dreier Kinder - sowie eine 77 Jahre alte Frau fanden den Tod.

Michael Donhauser, DPA / DPA
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