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Bluttat von Ansbach: "Der Selbstmord-Aspekt wird unterschätzt"

Nach dem Amoklauf von Ansbach vernimmt die Polizei weitere Schüler und Lehrer als Zeugen, während der Täter noch im künstlichen Koma liegt. Experten fordern, Selbstmord bei der Diskussion die Motive jugendlicher Amokläufer mehr zu berücksichtigen.

Die Motive des Amokläufers von Ansbach bleiben weiterhin im Dunkeln. Zwar setzte eine 25-köpfige Sonderkommission am Samstag ihre Ermittlungen fort. Eine Vernehmung des schwer verletzten Georg R., von der man sich wichtige Hinweise auf das Motiv erwarte, sei aber weiterhin nicht möglich, hieß es in Ermittlerkreisen. Der 18-Jährige, der am Donnerstag bei einem Amoklauf im Ansbacher Carolinum-Gymnasium einen Lehrer und neun Schüler verletzt hatte, war nach Schussverletzungen in eine Klinik gebracht und in ein künstliches Koma versetzt worden.

Georg R. war am Donnerstag schwer bewaffnet in seine Schule gestürmt. Zunächst hatte der Abiturient einen Molotow-Cocktail in die Klasse 10b geworfen. Als Tische und Kleider der Schüler Feuer fingen, rannten diese hinaus auf den Flur. Vor der Tür wartete der mit einer Axt bewaffnete 18-Jährige. "Dort schlug der Täter wahllos auf die Schüler und den Lehrer ein", hatte die Ansbacher Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger den Tatablauf beschrieben.

Attentäter ging von eigenem Tod aus

Mitglieder der Sonderkommission haben unterdessen die Vernehmung von Schülern und Lehrern fortgesetzt. Auch würden in dem Gymnasium weitere Spuren gesichert, berichtete ein Ermittler. Kripobeamte seien dabei, die Aussagen der Zeugen zu überprüfen. Ergebnisse der über das Wochenende andauernden Ermittlungen würden voraussichtlich erst am Montag von der zuständigen Staatsanwaltschaft Ansbach bekanntgegeben. Das öffentliche Leben in Ansbach war derweil auch am Samstag von dem Amoklauf am Carolinum-Gymnasium geprägt. Viele öffentliche Veranstaltungen wurden mit Rücksicht auf die Opfer abgesagt, auf dem Feuerwehrfest wurde keine Musik gespielt.

Das im Zimmer des 18-Jährigen entdeckte Testament weist nach Einschätzung der Ermittler darauf hin, dass Georg R. davon ausging, bei dem Amoklauf selbst getötet zu werden, berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". In dem mit kantiger Handschrift verfassten Testament erklärte der Schüler, was nach seinem Tod mit seinem Leichnam und seinen Besitztümern geschehen soll. Unter anderem habe er dort angegeben, wie mit seinen selbstverfassten Geschichten und Gedichten zu verfahren sei.

Auch nach Einschätzung des Nürnberger Neurologen Günter Niklewski könnten bei dem Amoklauf in dem Ansbacher Gymnasium neben Gewalt- und Machtfantasien auch Selbstmordmotive eine Rolle gespielt haben. "Der Selbstmord-Aspekt wird derzeit in der Diskussion über junge Amokläufer unterschätzt", sagte der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg. Solche Amokläufer riskierten bei einer Gewalttat nicht nur ihren Tod, sondern kalkulierten ihn geradezu ein, gab der Mediziner zu bedenken.

Neue Strategie der Polizei

Der bayerische Innenminister bestätige unterdessen, dass die Polizei bei der schnellen Überwältigung des Amokläufers von Ansbach nach einem neuen Konzept vorgegangen ist. Früher habe es die Auffassung gegeben, "bei Amokläufen zunächst das Schulgelände abzusichern und zu warten, bis ein Sondereinsatzkommando eintrifft", sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Weil sich aber gezeigt habe, dass Amokläufer versuchen, immer mehr Opfer zu finden, habe man die Taktik geändert. "Jetzt wird so schnell wie möglich versucht, die Amoklage zu beenden." Die neue Konzeption habe sich "hervorragend bewährt", unterstrich der CSU-Politiker.

DPA / DPA
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