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Bluttat von Dachau Der Todesschütze von nebenan

Bis Mittwochnachmittag war Rudolf U. vor allem ein hilfsbedürftiger Rollstuhlfahrer - dann wurde er zum Todesschützen von Dachau. Eine Spurensuche in der Nachbarschaft.
Von Malte Arnsperger, Dachau, und Jan Rößmann

Rudolf U. ist ein hilfsbedürftiger Mensch. Oft sitzt der korpulente Mann mit dem kurzen Schnäuzer auf seinem Balkon. Seit einem halben Jahr wohnt er allein in einem dreistöckigen Mietshaus an der Herzog-Wilhelm-Straße, einem grauen Gebäude mit gut einem Dutzend Parteien. Häufiger fährt U. in seinem surrenden Elektro-Rollstuhl durch die Straßen, erzählen seine Nachbarn. Der 54-Jährige kann nur kurze Strecken gehen - offenbar die Folgen eines Schlaganfalls.

Am Mittwochnachmittag kommt U. deshalb auf Krücken ins Dachauer Amtsgericht. Er ist der Veruntreuung angeklagt, wegen Sozialversicherungsbeiträgen von 44.000 Euro. Ein Verfahren wie unzählige andere. Doch der Allerwelts-Prozess wird zur Tragödie. U. ballert beim Urteilsspruch mit einer Pistole um sich. Drei Mal trifft er den Staatsanwalt. Der junge Jurist stirbt wenig später im Krankenhaus. Dachau steht unter Schock.

"Er sah aus wie ein typischer Lkw-Fahrer"

Kaum ein Dachauer scheint U. wirklich zu kennen. "Er sah aus, wie man sich einen typischen Lkw-Fahrer vorstellt – so ein Rockertyp", beschreiben ihn ehemalige Nachbarn laut der Münchener Tageszeitung "tz". Ehefrau oder Kinder habe er offenbar nicht. Einer der wenigen Kontakte: Ein Anwohner half ihm vor einem halben Jahr beim Einzug, wie er stern.de erzählt, weil U. so schlecht zu Fuß gewesen sei. Am Donnerstag holte die Spurensicherung der Polizei gleich eine ganze Palette Tabletten aus dem Haus des Todesschützen.

Schon vor der Tat wurde viel über U. getuschelt, allerdings hätte wohl niemand gedacht, dass er eines Tages im Gericht auf Menschen schießt. Er sei ihnen auf der Straße nachgefahren und habe immer "komisch geguckt", sagen ein paar jugendliche Mädchen. Einmal erzählte er einer Nachbarin von einem Lottogewinn über 125.000 Euro und von seiner eigenen Firma. Sie glaubte ihm kein Wort. Dabei hatte U. am Glücksrad des Bayernloses am 4. November 2004 tatsächlich den maximalen Gewinn abgesahnt, berichtet die tz. Doch danach ging es offenbar bergab.

Seine letzte Station vor Dachau stand unter keinem guten Stern. Im Nachbarort Karlsfeld, wo er vorher wohnte, läuft seit 2009 ein Insolvenzverfahren gegen sein Transportunternehmen. Dort hatte er zwei Zimmer in einem Ladengeschäft bewohnt.

Wie zurechnungsfähig ist Rudolf U.?

Nach den Todesschüssen soll nun die Zurechnungsfähigkeit des Täters untersucht werden. "Wie immer bei Kapitalverbrechen wird es eine psychiatrische Untersuchung des Beschuldigten geben", sagte die Münchner Oberstaatsanwältin Andrea Titz.

Rudolf U. selbst schweigt zur Tat. Am Donnerstag erließ die Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen Mordes und versuchten Mordes. Er wird psychiatrisch begutachtet. "Wir haben aber bisher keine Hinweise auf psychiatrische Leiden", sagte die Oberstaatsanwältin.


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