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Bodensee: Keine Gefahr für Trinkwasserversorgung

Im Zusammenhang mit dem Giftanschlag am Bodensee wurde das Anwesen eines Verdächtigen durchsucht. Experten geben derweil Entwarnung: Für eine Gefährdung der Trinkwasserversorgung sei eine erheblich größere Giftmenge nötig.

Den Giftanschlag auf die Trinkwasserversorgung am Bodensee hat nach Einschätzung der Behörden vermutlich ein Landwirt aus Ravensburg verübt. Die Polizei habe mit 40 Beamten das Anwesen des Bauern durchsucht, teilte die Staatsanwaltschaft Konstanz am Montag in Friedrichshafen am Bodensee mit. "Ob sich der Tatverdacht erhärtet, lässt sich noch nicht sagen", sagte Oberstaatsanwalt Otto Röding vor Journalisten. "Der Verdächtige befindet sich weiter auf freiem Fuß", sagte ein Sprecher. Bei der Durchsuchung seines Anwesens hätten sich keine Hinweise ergeben, die eine Festnahme derzeit rechtfertigten. Die sichergestellten Gegenstände würden untersucht. Der Verdächtige habe bereits in der Vergangenheit mit einer Vergiftung des Trinkwassers gedroht. Weitere Details zur Identität machte die Strafverfolgungsbehörde nicht.

Die Wasserversorgung in der bayerischen Bodenseestadt Lindau ist durch den Giftanschlag auf baden-württembergischer Seite nach Angaben von Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) nicht gefährdet. Nach den Drohbriefen an die Bodensee Wasserversorgung hätten die Stadtwerke Lindau zusätzliche Trinkwasserkontrollen durchgeführt. Belastungen mit giftigen Substanzen seien bisher nicht festgestellt worden, teilte das Umweltministerium am Montag in München mit. Nahe der Trinkwasser-Entnahmestelle im Bodensee bei Sipplingen in Baden-Württemberg bargen Spezialtaucher in rund 60 Metern Tiefe zwei versenkte Fünf-Liter-Kanister mit Pflanzenschutzmitteln. Die Bodensee-Wasserversorgung beliefert in Baden-Württemberg rund vier Millionen Menschen mit Trinkwasser.

Ein Güterzug voller Gift

Dass sich der Täter für den Pflanzenschutzmittel-Anschlag mit dem Bodensee ausgerechnet Deutschlands größtes Binnengewässer ausgesucht hat, sorgt bei manchen Experten sogar für Schmunzeln. Hans Güde vom Institut für Seenforschung in Langenargen rechnet vor, dass die Belastung bei einer Wassermenge von insgesamt rund 50 Milliarden Kubikmetern verschwindend gering sei. Um den See als Trinkwasserspeicher unbrauchbar zu machen, müsste ein ganzer Güterzug voll hoch konzentrierten Giftes hineingeschüttet werden, erklärt er. Nach dem Atomkraftwerkunfall von Tschernobyl sei die Trinkwasserqualität durch radioaktives Cäsium viel stärker betroffen gewesen.

Vergiftung durch Koli-Bakterien

Bleibt die Frage nach dem Risiko. So erschreckte im Sommer 2003 ein Mann im niedersächsischen Einbeck die Öffentlichkeit, in dessen Keller ein Fass mit 54 Kilogramm hochgiftigem Zyankali sichergestellt wurde. Der offensichtlich verwirrte Mann hatte in zwei Drohbriefen einen Anschlag auf die Wasserversorgung angekündigt. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch Unfälle können gefährlich werden. So starben im Frühjahr 2000 in der kanadischen Provinz Ontario bis zu neun Menschen an einer Vergiftung mit Koli-Bakterien. Die gefährlichen Erreger waren wegen einer defekten Chloranlage ins Trinkwasser gelangt.

Grundwasser unbelastet

Insgesamt bietet die Wasserversorgung in der Bundesrepublik potenziellen Attentätern wenig Angriffsfläche, wie der Berliner Geologe Asaf Pekdeger erklärt. Denn Oberflächenwasser, wie im Bodensee, wird hier relativ selten als Trinkwasser genommen. Meist werde Grundwasser genommen, das weniger empfindlich und einfacher zu schützen sei. Was natürlich nicht heißen soll, dass Oberflächenwasser grundsätzlich schlecht ist: Das nahe am Seegrund per Ansaugstutzen entnommene Bodenseewasser habe normalerweise eine gute Qualität, betont Pekdeger. Dennoch müsse es wegen der potenziellen Belastung mit Keimen aufbereitet werden, in Deutschland normalerweise in mehreren Stufen, inklusive einer Ozonbehandlung, die hier das in vielen anderen Ländern übliche Chlor ersetzt. In Ländern wie den USA oder Großbritannien ist Oberflächenwasser demnach auch die Norm für Trinkwasser. In Nordrhein-Westfalen und Berlin wird nach diesen Angaben auch Flusswasser mittels so genannter Uferfiltration genommen.

"Die Kontrollen sind Strikt"

Angesichts der üblichen regelmäßigen Kontrollen bei der Trinkwassergewinnung halten Fachleute das Restrisiko für überschaubar. Der Hygieneexperte Klaus Weist von der Berliner Charité verweist auf die strengen gesetzlichen Vorschriften. Zudem gebe es bei Wasserversorgern Havariepläne und Chlorvorräte, Krankenhäuser hätten Notwasserbrunnen. Natürlich bleibe die Gefahr eines Anschlags auf eine Hauptwasserleitung. Dazu seien aber "erhebliche kriminelle Energie" und Fachwissen nötig. Für Weist besteht das Risiko vor allem darin, dass ein wirklich gefährlicher Anschlag auf die Wasserversorgung in Deutschland noch nie passiert sei und man keine Erfahrung damit habe. Auch der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft hält das Risiko in der Bundesrepublik für gering. "Die Trinkwasserversorgung in Deutschland ist sicher", sagt etwa ein Verbandssprecher in Berlin. Der Fall am Bodensee habe gezeigt, wie gut die Informationskette funktioniere. "Die Kontrollen sind extrem strikt und man merkt sofort, wenn etwas passiert."

AP/DPA / AP / DPA