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850.000 Bürger betroffen: Die rätselhaften Bombendrohungen – so lief der Morgen für die 3000 Rathaus-Mitarbeiter ab

Steckt eine rechtsextremistische Serie hinter den Bombendrohungen gegen diverse Rathäuser in Deutschland? Die Ermittler kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen. Das Bundeskriminalamt ist involviert.

Ein Polizeifahrzeug steht nach der Bombendrohung vor dem Rathaus von Kaiserslautern

Neben Kaiserslautern wurden am Dienstag noch in fünf weiteren deutschen Städten die Rathäuser wegen einer Bombendrohung geräumt: In Chemnitz, Rendsburg, Neunkirchen, Augsburg und Göttingen

Die Szenen in mehreren Rathäusern deutscher Städte dürften sich am Dienstagmorgen geglichen haben, wie jeden Tag: Mitarbeiter der Verwaltung kommen ins Büro, starten ihren Computer und öffnen das E-Mail-Programm. Was sie darin sehen, durchbricht die morgendliche Routine – Bombendrohungen, angekommen mitten in der Nacht. Sie beschäftigen jetzt die Polizei in ganz Deutschland.

Empfänger waren die Stadtverwaltungen von Chemnitz, Kaiserslautern, Rendsburg in Schleswig-Holstein, Göttingen, Neunkirchen im Saarland und Augsburg. Dazu kamen noch entsprechende Mails in weiteren Rathäusern an, beispielsweise in Schwerin. Dort und andernorts gelangte man jedoch jeweils zu der Einschätzung, dass die Drohung nicht ernst zu nehmen sei.

Über 3000 Rathaus-Mitarbeiter mussten aus den Büros

Für Bombendrohungen gibt es in Ämtern und Behörden Leitlinien für das Verhalten. Vorgesetzte müssen informiert werden, die Drohung wird an die Gebäudeverwaltung und an die Polizei weitergeleitet, dann wird geräumt. Im Neunkircher Rathaus regelt dies etwa der sogenannte Gefahrenabwehrplan der Stadtverwaltung, wie eine Sprecherin erklärte.

Über 3000 Beschäftigte mussten am Dienstagvormittag in den sechs Städten ihre Arbeitsplätze verlassen. Die Verwaltung für insgesamt fast 850.000 Menschen war über Stunden lahmgelegt. Sozialämter, Einwohnermeldeämter, Standesämter waren geschlossen. Bus- und Straßenbahnlinien mussten wegen Straßensperrungen umgeleitet werden, in Neunkirchen wurde ein Kindergarten evakuiert, in Chemnitz fiel der Wochenmarkt in der Innenstadt aus.

Auf den Rathausvorplätzen fuhren Streifen- und Mannschaftswagen der Polizei auf, die Drohungen haben viel Personal bei den Einsatzkräften gebunden. In Göttingen etwa "wurden alle im Stadtgebiet zur Verfügung stehenden Funkstreifen" zum Rathaus beordert, wie eine Sprecherin mitteilte; in Chemnitz und Augsburg waren jeweils über 50 Beamte vor Ort, in Kaiserslautern unterstützte sogar die US-Militärpolizei den Einsatz, dazu hielten sich auch Feuerwehrleute und Sanitäter bereit. Die wichtigsten Mitarbeiter der Polizei waren jedoch die Sprengstoffspürhunde, über 20 von ihnen schnüffelten am Dienstagvormittag in den Amtsstuben von Schleswig-Holstein bis Bayern.

Nachdem Polizisten mit den Tieren Büro für Büro, Stockwerk für Stockwerk abgesucht haben, gab es nach und nach Entwarnung aus allen sechs Städten. In keinem der Verwaltungsgebäude wurde Sprengstoff gefunden. Aufatmen bei den 3000 Rathaus-Mitarbeitern.

Landauf, landab begann die Ermittlungsarbeit der Polizei. Denn obwohl keine Bombe gefunden wurde, handelt es sich bei den Drohungen um eine Straftat, um die "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten", wie es im Strafgesetzbuch heißt. Angedrohte Strafe: bis zu drei Jahre Gefängnis.

Wer steckt hinter den Bombendrohungen?

Wer steckt hinter den Drohungen? Handelt es sich um eine konzertierte Aktion? Oder ist ein Einzeltäter am Werk? Die Schreiben wurden alle um 1.37 Uhr an die öffentlich einsehbare Sammel-E-Mail-Adresse der jeweiligen Stadtverwaltung geschickt. Der Inhalt sei bei allen Mails "gleichlautend", teilte unter anderem die saarländische Polizei nach ersten Ermittlungen mit. Was genau drin steht, sagen die Behörden nicht. Es sei von einem "Tag der Rache" die Rede, berichtete der Saarländische Rund. Nach stern-Informationen teilten der oder die Verfasser wörtlich mit, dass "in Ihrem Gebäude" ein Sprengsatz deponiert sei – die Drohungen sind ohne Bezug auf die konkrete Stadt. Es handelt sich offenbar um eine mehrfach an unterschiedliche Adressaten gesendete Mail.

Schon seit dem vergangenen Sommer senden Unbekannte vermehrt Bombendrohungen an verschiedene Institutionen in Deutschland, zum Beispiel an Gerichte, Bahnhöfe, Verlage oder Behörden. Schon mehrfach wurden Gebäude daraufhin evakuiert, Sprengkörper wurden dabei bislang nicht gefunden. Wie die "Süddeutsche Zeitung" und der Norddeutsche Rundfunk berichteten, waren die Schreiben mit "NSU 2.0", "Wehrmacht" oder "Nationalsozialistische Offensive" unterzeichnet. Ermittler gehen daher einem möglichen rechtsextremistischen Hintergrund nach.

Im Fall der Droh-E-Mails vom Dienstag ist nach stern-Informationen kein Absender angegeben, wie auch ein ranghoher Beamter bestätigte. Ob die aktuelle Serie von Bombendrohungen mit jener seit dem vergangenen Jahr zusammenhängt, prüfen die Ermittler derzeit. "Ein Zusammenhang liegt nah", hieß es aus einer Polizeibehörde. In Göttingen dagegen bewerten die Beamten die Drohung vorläufig nicht als Staatsschutzdelikt – die Einschätzung könne sich jedoch jederzeit ändern. Bis dahin ermittelt das Landeskriminalamt Niedersachsen federführend, auch Cybercrime-Experten sind nach Angaben einer Sprecherin eingeschaltet.

Serie von mehr als 100 Bombendrohungen

Aus einigen Städten wie Chemnitz wurden die Erkenntnissen dagegen schon nach Berlin weitergeleitet. Bei der dortigen Generalstaatsanwaltschaft laufen zentral die Ermittlungen zu der Serie rechter Gewaltandrohungen zusammen. Die Anklagebehörde spricht inzwischen von deutschlandweit über 100 Fällen. Ein Sprecher sagte, bisher lägen aber noch keine näheren Informationen zu den aktuellen Drohmails vor, sodass ein möglicher Zusammenhang noch nicht bewertet werden kann.

Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden habe vorerst keine zentralen Ermittlungen zu den Drohungen übernommen, sagte eine Sprecherin auf Anfrage, sei jedoch in die Arbeit involviert. Es unterstütze die zuständigen Landeskriminalämter und vermittle zwischen ihnen. "Natürlich wird auch geprüft, ob die Fälle zusammenhängen."

In einer ersten Reaktion verurteilte der Deutsche Städtetag die Bombendrohungen scharf. Man wolle dennoch den offenen Charakter der Rathäuser nicht aufgeben, sagte Städtetagspräsident Markus Lewe. "Offenheit, Dialogbereitschaft und Dienst für die Gemeinschaft dürfen nicht durch Drohungen einzelner in Frage gestellt werden", betonte Lewe, der zugleich Oberbürgermeister von Münster ist. 

Bombendrohungen gegen mehrere Rathäuser in Deutschland

Quellen: Polizeipräsidium Westpfalz, Polizeidirektion Chemnitz, Polizeidirektion Neumünster, Polizeidirektion Schwaben Nord, Polizeiinspektion Göttingen, Saarländischer Rundfunk, Norddeutscher Rundfunk"Süddeutsche Zeitung"Strafgesetzbuch, Nachrichtenagenturen DPA und AFP