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Bonner Bombenfund: Polizei lässt zwei Verdächtige wieder laufen

Tatverdacht nicht erhärtet: Nach dem Bombenfund am Bonner Bahnhof nimmt die Polizei zwei Islamisten fest. Am Abend sind sie wieder frei. Nach einem dritten Verdächtigen wird weiter gefahndet.

Die zwei Männer, die im Zusammenhang mit dem Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof festgenommen wurden, sind wieder auf freiem Fuß. Ein erster Tatverdacht habe sich nicht erhärten lassen, teilte die Polizei Köln am späten Dienstagabend mit. Es wird aber weiter mit Phantombildern und Plakaten nach einem etwa 30 bis 35 Jahre alten dunkelhäutigen Mann gefahndet, der in dem Bahnhof eine Reisetasche mit einem Sprengsatz abgelegt haben soll.

Wegen der blauen Sprengstofftasche war am Montag im Bonner Hauptbahnhof Bombenalarm ausgelöst worden. Laut Polizei befand sich in dem verdächtigen Gepäckstück "potenziell zündfähiges Material". Unklar blieb zunächst, ob die Konstruktion in der Tasche auch explosionsfähig war. Laut "Spiegel Online" gehörten zu der Konstruktion neben Gas, Ammoniumnitrat und einem Wecker auch ein Metallrohr und Batterien.

Spezialisten hatten die verdächtige Tasche vor Ort durch Beschuss mit einem Wasserstrahl zerstört. Anschließend begannen Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes mit der Untersuchung der einzelnen Teile. Ergebnisse dazu sind noch nicht veröffentlicht worden.

Fahndung nach drittem Mann

Laut "Focus" war der Somalier Omar D. in der Bonner Innenstadt kurz nach 13.30 Uhr festgesetzt worden. Sicherheitskreise bestätigten der Nachrichtenagentur DPA, er sei von Jugendlichen identifiziert worden. Es sollte anhand von Telefondaten überprüft werden, ob er tatsächlich am Tatort auf dem Bonner Hauptbahnhof war.

Kurz darauf war ein zweiter Verdächtiger den Fahndern ebenfalls in der früheren Bundeshauptstadt ins Netz gegangen. Zunächst war von einem Abdirazak B. die Rede, später nannten "Spiegel Online" und "Bild.de" den Namen Abdifatah W. Omar D. und Abdirazak B. sollen miteinander befreundet und den Sicherheitsbehörden seit Jahren als Mitglieder der militanten Bonner Islamistenszene bekannt sein.

Die Polizei äußerte sich nicht zum Stand ihrer Ermittlungen. Sie gab ihrerseits ein Fahndungsbild des Mannes heraus, der eine Tasche mit "zündfähigem" Inhalt am Gleis 1 des Bonner Bahnhofs abgestellt haben soll. Ein 14-jähriger Schüler habe den Verdächtigen beschrieben. Der Mann sei dunkelhäutig, 30 bis 35 Jahre alt, 1,90 Meter groß und schlank. Er habe eine schwarze Mütze, schwarze Stiefel und eine braun-graue Jacke getragen.

Metallrohr, ein Wecker und Batterien in der Tasche

Die Ermittler prüften, ob die Bomben-Konstruktion hätte explodieren können. "Man muss die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung abwarten", sagte ein Polizeisprecher. Unmittelbar nach dem Bombenalarm war der Bahnhof für mehrere Stunden gesperrt worden.

Omar D. und Abdirazak B. sind den Berichten zufolge alte Bekannte der Staatsschützer. Bereits im September 2008 waren sie auf dem Rollfeld des Flughafens Köln/Bonn geschnappt worden, nachdem sie nach Amsterdam und von dort weiter zur Ausbildung in ein pakistanisches Terrorcamp fliegen wollten. Die Ermittler bestätigten damals, dass die seinerzeit 24 und 23 Jahre alten Männer Abschiedsbriefe geschrieben haben und im Verdacht standen, in den Heiligen Krieg ziehen zu wollen. Sie wurden aber bald darauf wieder freigelassen.

Die Bundesanwaltschaft hat sich bislang nicht in den Fall eingeschaltet. Beim Verdacht auf terroristische Gewalttaten könnte sie die Ermittlungen übernehmen.

"Deutschland ist nach wie vor ein Angriffsziel"

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, bat die Bevölkerung um Aufmerksamkeit bei verdächtigen Gegenständen. "Wir müssen leider immer wieder damit rechnen, dass so etwas gerade an Bahnhöfen passieren kann", sagte er bei Phoenix. "Deutschland ist nach wie vor ein Angriffsziel von dem ein oder anderen Terroristen."

Im Sommer 2006 hatten zwei junge Islamisten in Köln zwei in Koffern versteckte Sprengsätze in Regionalzüge gestellt. Weil in den Gasflaschen kein explosionsfähiges Gemisch ist, explodieren die Zeitzünder-Bomben aus Gas und Benzin aber nicht. Im Mai war ein radikaler Salafist bei einer Demonstration gegen die rechtsextreme Splittergruppe "Pro NRW" in Bonn auf Polizisten losgegangen und hatte zwei von ihnen verletzt. Teile der Salafisten-Bewegung stehen beim Verfassungsschutz im Verdacht, ein Sammelbecken für gewaltbereiten Islamismus zu sein und Verbindungen zu Terrornetzwerken zu pflegen.

Salafisten schneller ausweisen

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bezeichnete den Bombenalarm als ein "neues Alarmzeichen, dass wir jederzeit mit Anschlägen auch aus dem islamistischen Bereich rechnen müssen". Der "Passauer Neuen Presse" sagte er: "Wir wissen von einer Reihe hochgefährlicher und gewaltbereiter Leute, deren Aufenthalt immer wieder zwischen Deutschland und arabischen Ländern wechselt." Man versuche, diese Leute zu beobachten, "aber ein Restrisiko bleibt". Angst, jetzt zum Beispiel auf Weihnachtsmärkte zu gehen, müsse aber niemand haben, sagte Herrmann.

Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl, sprach sich für die Ausweisung von Salafisten aus. Dabei müssten auch Einbürgerungen solcher Islamisten nachträglich überprüft werden, forderte er im "Kölner Stadt-Anzeiger". "Man muss sich die ganzen Einbürgerungsakten aus den Ländern deshalb noch einmal ansehen und fragen, ob womöglich falsche Angaben gemacht wurden. Wenn ja, dann könnte man ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft wieder aberkennen." Auch der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), sprach sich in der Zeitung für die erleichterte Ausweisung von Salafisten aus.

kmi/swd/DPA / DPA