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Breivik-Prozess Bühne frei für einen Mörder?


Breiviks Taten und seine Theorien sind unerträglich. Aber was wäre gewonnen, wenn es keinen öffentlichen Prozess und keine Berichterstattung gäbe?
Von Niels Kruse

Dies sind die Tage des Anders Behring Breivik. Ein Massenmörder darf sich erklären. Ausführlich. Ein halbstündiger Monolog am Dienstag und den Rest der Woche per Dauerverhör. Unerträglich, sagen die Menschen. Unerträglich auch, wie die Medien diesem Mann eine Bühne bieten.

Diese Bühne ist tatsächlich groß und erreicht ein gigantisches Publikum: Die Bilder des selbsternannten Kämpfers für ein islamfreies Europa laufen auf fast allen Fernsehsendern, sie werden in Zeitungen gedruckt und auf Onlinemedien präsentiert. Knapp 500 Journalisten sind in Oslo, um den Prozess gegen den Massenmörder zu verfolgen, auch stern.de hat eine Reporterin in die norwegische Hauptstadt entsandt. Es ist das größte und spektakulärste Gerichtsverfahren in der Geschichte des Landes. Und es ist die Stunde des Anders Behring Breivik - seine einmalige Chance, Millionen von Menschen tagelang mit seinem Weltbild zu penetrieren.

Die Öffentlichkeit wie Bauern hin- und herschieben

Mit dem Prozess beginne die "Phase der Propaganda", hatte der 33-Jährige schon vor dem Bombenanschlag in der Osloer City und dem Massaker von Utøya in seinem katalogdicken "Manifest" prophezeit. Bis hierher ist sein Plan aufgegangen.

Beinahe scheint es so, als würde er die Menschen im Land, die Profi- und die Laienrichter, die Angehörigen seiner Opfer, die Medien und all die anderen wie Bauern beim Schach hin- und herschieben. Und nun, da die Flanken freigeräumt sind, steht Breivik da als die Dame im Spiel; im Endkampf gegen den König und die anderen Vertreter des von ihm verhassten freien und offenen Staates Norwegen.

Der Prozess dient vor allem seinem eigenen Ziel

Kann man, darf man so einem eine Plattform geben? Einem rassistischen Killer, dessen einziges Bedauern darin besteht, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben? Der diesen sündhaft teuren Prozess und damit die weltweite Aufmerksamkeit gleichsam herbeigebombt hat? Nur um endlich auch einmal auf einer großen Bühne zu stehen? Ist nicht jedes Bild, jedes wiedergegebene Zitat eines zuviel? Nicht nur, weil die Details seiner Taten den Zuschauern Schauer über die Rücken treibt. Sondern weil dieser Prozess weniger der Aufarbeitung seiner Taten dient, als vielmehr Breiviks Ziel: der massenwirksamen Verbreitung seines Gedankenguts.

Es ist mehr als verständlich, wenn man Tatdetails und diese krude Islamhasserwelt gar nicht so genau kennenlernen will. Für all diejenigen hat die norwegische Zeitung Dagbladet eine Spezialfunktion ersonnen: In ihrer Onlineausgabe bietet sie die Möglichkeit an, per Knopfdruck alle Breivik-Meldungen auszublenden. Vielleicht ist es eine gute Idee, so dem Übermaß am Monstrosität zu entkommen. Vielleicht aber ist es aber nur Beihilfe zum Wegschauen.

Die Medien tun eines nicht: die Sache totschweigen

Es ist nicht Aufgabe von Medien und schon gar nicht von Gerichten, Themen und Ereignisse, vor allem solche von Breivikschem Ausmaß, totzuschweigen, kleinzureden oder hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Und es wurde ja Rücksicht genommen: etwa, in dem nur Teile der Anklage ("eines der grausamsten Dokumente, die die norwegischen Medien je gesehen haben", so der Chef des Journalistenverbandes, Per Edgar Kokkvold) im Fernsehen gesendet wurden. Und auch Breiviks gefürchtetes Statement am Dienstag wurde nicht live gezeigt, ebenso wenig wie seine zynischen Bekennervideos.

Es mag Menschen geben, die sich dennoch über die ausufernde Berichterstattung beschweren, aber es gibt mindestens genauso viele Menschen, die diese Berichterstattung konsumieren. Ist der eine Teil des Publikums mehr im Recht als der andere? Und falls ja, wer soll das entscheiden?

Besser einmal zu oft hingeschaut als einmal zu wenig

Die im Grunde gleiche Diskussion gab es im Fall von Jörg Kachelmann. Damals hatten einige Medien darauf verzichtet, sich mit dem Privatleben des Wettermoderators zu beschäftigen. Das ist ehrenwert, aber auch albern. Denn wie kann man so tun, als gäbe es dieses Thema nicht, obwohl das halbe Land darüber diskutiert. Es geht nicht darum, ob berichtet wird, sondern wie: im Idealfall angemessen, distanziert und verantwortungsvoll.

Dann: Wenn ein Mann eine Bombe zündet, Dutzende von Jugendlichen massakriert und sich dabei auf obskures, rechtes Gesinnungsgut beruft, ist es dann nicht geradezu die Pflicht einer freien Gesellschaft noch genauer hinzusehen? Natürlich wird niemand verhindern können, dass irre Einzeltäter die Nerven verlieren. Und auch nicht, dass Radikalinskis im Verborgenen Land und Leute zur Hölle wünschen. Wenn sich aber daraus eine gewaltbereite Subkultur entwickelt, die unbehelligt mordet und tötet, dann müssen die Medien mit dem Finger darauf zeigen. Und manchmal eben auch in den Wunden bohren. Das ist unangenehm und es kann schmerzen.

Keine Sonderrechte für den Massenmörder

Und letztlich lebt ein demokratischer Rechtsstaat davon, dass die Öffentlichkeit der Justiz auf die Finger schaut. Das ist ihr Recht und ihre Pflicht, auch bei unappetitlichen Verhandlungen wie die gegen Anders Behring Breivik. Andernfalls hätte der Massenmörder einen weiteren Etappensieg errungen in seinem Kampf gegen eine offene Gesellschaft. Das kann niemand wollen.

Der Fall Breivik steht für das ewige Dilemma der Medien: Wie viel Propaganda kann den Menschen zugemutet werden? Wie viel Verhöhnung ertragen die Opfer und ihre Angehörigen? Wie viele Bilder und Details will die Öffentlichkeit? Es ist ein Dilemma, das leider nie zu lösen sein wird. Sicher ist nur: Ein schonungsloser Blick auf das Böse ist allemal besser, als einmal zu oft wegzuschauen.


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