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Bremer Fall Kevin: Schuldigensuche in Chaosbehörde

Misshandlung, Knochenbrüche, Tod der Mutter: Der Leidensweg des kleinen Kevin war bekannt, trotzdem starb er im Alter von zwei Jahren. Nun müssen Mitarbeiter der Bremer Sozialbehörde mit Konsequenzen rechnen.

Im kurzen Leben des kleine Kevin reihen sich die Leiden in kurzer Folge aneinander. Entgiftung, Misshandlung, Gewichtsverlust, Heimaufenthalt, Knochenbrüche und der ungeklärte Tod der drogensüchtigen Mutter. Ärzte, Pfleger, Bewährungshelfer und Behördenmitarbeiter begutachteten den Jungen. Sogar Spitzenpolitiker in dem kleinen Bundesland wissen bereits seit Jahresanfang um das schwere Schicksal, die Entbehrungen und Leiden des Zweijährigen in dem trostlosen Wohnviertel im Stadtteil Gröpelingen. Trotzdem stirbt das Kind, wird seine Leiche im Kühlschrank seines drogensüchtigen Vaters entdeckt.

Nach seinem Tod sind nun Disziplinarverfahren gegen mehrere Mitarbeiter der Bremer Sozialbehörde eingeleitet worden. Mit Konsequenzen müssen nach Angaben einer Ressort-Sprecherin der Amtsvormund des Kindes sowie der Sozialarbeiter rechnen, der Vater und Sohn vor Ort im Heimatstadtteil betreute. Zudem strengte Jugendamtschef Jürgen Hartwig ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst an.

Grüne wollen Untersuchungsausschuss

Der Tod des kleinen Jungen wird zudem voraussichtlich von einem Untersuchungsausschuss des Landesparlamentes aufgearbeitet. Die oppositionellen Grünen kündigten einen entsprechenden Antrag an. Die zusammen mit der SPD regierende CDU kündigte Unterstützung für den Vorstoß an. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Karoline Linnert erklärte: "Es ist so ungeheuerlich, was passiert ist, das muss aufgeklärt werden." Die CDU-Fraktion will die Grünen-Forderung unterstützen und verlangte eine Sondersitzung des Landesparlaments. Der kinder- und jugendpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Jens Crueger forderte zudem die sofortige Suspendierung des Jugendamtsleiters Hartwig.

Kevin war am Dienstag tot im Kühlschrank des Vaters gefunden worden. Seine Leiche wies schwere Verletzungen auf. Jugendamtsmitarbeiter hatten das Kleinkind zuletzt im April lebend gesehen, Personen aus dem Umfeld des Kindes im Juli. Der Vater des Zweijährigen sitzt wegen Verdacht auf Totschlag in Untersuchungshaft. Er wollte sich laut Staatsanwaltschaft auch zwei Tag nach dem Leichenfund nicht äußern.

Verfahren gegen Vater lief schon

Die Staatsanwaltschaft prüft, ob Informationen über die Ermittlungen gegen den drogenabhängigen Vater an die Sozialbehörde weitergeleitet wurden. "Wir haben die entsprechenden Akten und prüfen auch dies", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Frank Passade. Gegen den 41-jährigen Vater Kevins war nach dem Tod der ebenfalls drogensüchtigen Mutter bereits vor fast einem Jahr ein Verfahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge eingeleitet worden. Die Behörden der Hansestadt hatten angegeben, nichts von diesen Ermittlungen gewusst zu haben.

Die Leiche der Frau war am 12. November in der Wohnung im Stadtteil Gröpelingen entdeckt worden. In derselben Wohnung hatten Fahnder Kevins Leiche entdeckt. Der tragische Tod und der Leidensweg des Jungen hatten am Mittwoch zum Rücktritt der Bremer Sozialsenatorin Karin Röpke geführt. Sie war wie auch Regierungschef Jens Böhrnsen (beide SPD) seit Beginn des Jahres über das Schicksal des Kindes informiert.

Die Hilfe für Kevin, der unter der Obhut des Jugendamtes stand, kam jedoch Tage, wenn nicht Wochen zu spät. Als Polizei und Jugendamt den Jungen am Dienstag acht Tage nach einem Gerichtsbeschluss bei dem Vater abholen wollten, soll das Kind bereits mehrere Tage tot gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun auch gegen die Sozialbehörde des Bundeslandes wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht. Bislang werde noch nicht gegen konkrete Personen ermittelt, sagte Passade.

Das endgültige Ergebnis der Obduktion der Kinderleiche steht weiter aus. "Das kann noch Tage dauern", sagte Passade. Der Todeszeitpunkt und die genaue Todesursache seien deswegen weiter unklar. Fest steht, dass Kevin Brüche des linken Oberschenkels, des rechten Schienbeins, des linken Unterarms sowie Blutungen auf dem Schädel hatte. Schon vor Monaten waren am Körper des Kleinkindes Spuren von Misshandlungen entdeckt worden.

Bundesregierung will Frünwarnsystem

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will die Vernachlässigung von Kindern durch ein neues Frühwarnsystem verhindern. Um künftig vernachlässigte und misshandelte Kinder früh zu finden und ihnen zu helfen, investiere das Familienministerium zehn Millionen Euro in ein Frühwarnsystem. Familien, die mit der Erziehung eines Kindes überfordert seien, sollen im Rahmen von Modellprojekten vor oder auch ab der Geburt intensiv begleitet werden.

DPA/AP / AP / DPA