HOME

Bridgend: Die Stadt der Selbstmörder

Es ist eine grausige Serie: 16 junge Menschen hatten in Südwales in wenigen Monaten Selbstmord begangen, nun erhängte sich die 16-jährige Jenna. Viele gaben dem Internet die Schuld, vermuteten einen Selbstmord-Pakt. Doch in Bridgend, der "Stadt der Selbstmörder", gibt es einen ganz anderen Verdacht.

Von Cornelia Fuchs und Kathrin Klette, Bridgend

Der kleine Pfad führt entlang des leicht geschwungenen Hügels im Dorf Cefn Cribwr, Südwales, durch vertrocknete Farne und hinauf zu einer Baumgruppe. Dort leuchten Zellophan-Hüllen im Nieselregen und Briefe in Plastikhüllen mit Bildern von Schmetterlingen. "Warum hast du uns verlassen" steht da, und "Jenna, ich wünschte, du wärest zu mir gekommen und hättest geredet!" Jenna Parry, 16 Jahre alt, ist vor wenigen Tagen gestorben, sie hat sich erhängt wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Sie ist der letzte Teenager in einer unheimlich anmutenden Reihe von jungen Menschen, die sich im Süden von Wales zwischen den Städten Cardiff und Swansea das Leben genommen haben in den letzten Monaten. 17 Selbstmorde von Menschen zwischen 14 und 27 Jahren insgesamt in den vergangenen 13 Monaten, fünf allein seit Januar.

Selbstmord-Verabredungen im Internet?

Die britischen Medien wurden auf das Phänomen aufmerksam, als sich im Januar Natasha Randall tötete, auch durch Erhängen. 17 Jahre alt war sie, und wie bei den Selbstmorden vorher, fanden die Eltern und Freunde keine Erklärung für eine solche Tat. Das Gerücht von Selbstmord-Verabredungen machte die Runde, das Internet sollte eine Rolle spielen. Hatten nicht alle diese jungen Menschen eine Präsenz auf Internet-Seiten wie Facebook und Bebo, auf denen vor allem Teenager ihre Vorlieben aufzählen und miteinander kommunizieren? Und wurde dort nicht nach ihrem Tod romantisch über das Leben "da oben" geschrieben, als wäre der Tod nichts Endgültiges, sondern so etwas wie ein neues Level in einem Computerspiel?

Doch so einfach ist die Erklärung nicht. Die Selbstmorde im Landkreis Bridgend haben nichts mit dem Internet zu tun, das für die Jugendliche nur ein Medium ist, um zu kommunizieren. Und es gibt auch, nach allem, was die Polizei nach Wochen intensiver Ermittlungen heute weiß, keine Verabredung zum gemeinsamen Sterben. Der Hintergrund dieser Tode ist nicht auf eine solch eindimensionale Weise zu erklären. Und, so schrecklich dies ist, die Tode dieser 17 jungen Menschen im Süden von Wales sind eigentlich keine wirkliche Besonderheit. Besonders ist nur die Aufmerksamkeit, die ihnen nun zu teil wird.

Im Pub "The Farmer's Arm" in Cefn Cribwr sitzen zu Mittag drei Männer am Tresen und trinken Bier. Vor allem Steve ist immer noch erschüttert von dem, was diese Woche keine 200 Meter weiter geschehen ist. "Gott sei Dank bin ich länger im Bett geblieben. Sonst wäre ich es gewesen, der sie gefunden hätte", sagt er und nimmt einen weiteren Schluck. Er sagt, er habe den Bruder von Jenna gesehen, wie er Blumen ablegte, dort, wo seine Schwester starb. "Die arme Familie", sagt Steve. Und dann beginnt er zu erzählen: dass der beste Freund seines Sohnes vor einigen Jahren Selbstmord begangen hat, dass er selber von mindestens acht jungen Männern unter 30 weiß, die sich in den vergangenen Jahren das Leben nahmen. Und dass sich die Medien vorher nie für dies alles interessiert hätten.

Hohe Selbstmordrate

"Das Interesse begann doch erst mit dem Tod von Natasha Randall", sagt der Lokaljournalist der Zeitung "Gem" in Bridgend, Philip Irwin. Er arbeitet ehrenamtlich seit acht Jahren für die Samariter, die im Landkreis eine Telefonseelsorge für Verzweifelte anbieten. In jedem dieser acht Jahre, sagt Irwin, haben sich mindestens ein Dutzend junger Männer in Südwales umgebracht: "Ich erinnere mich, dass es eine Häufung von Todesfällen gab, bei denen sie mit dem Auto über eine Klippe gefahren sind." Und dann präsentiert er Zahlen seit 1993: in den meisten Jahren brachten sich pro 100000 Einwohnern in Wales weit über 15 junge Männer um. Eine Zeitlang gab es nur einige Landstriche in Schottland, in denen die Statistik noch schlimmer war.

Natürlich kann eine Zahlenkolonne nicht erklären, warum es in den vergangenen zwölf Monaten ausgerechnet im Landkreis Bridgend zu einer solchen Häufung kam. Medienberichte ließen die Gegend als eine Art Slum mit schlechtem Wetter erscheinen.

Doch Bridgend ist keine schreckliche Gegend. Natürlich gibt es hier Armut, im Norden des Landkreises mit 140.000 Einwohnern liegen die "Valleys", drei von vielen Tälern, die früher einmal vom Bergbau bestimmt wurden, und die es seit der Schließung der Minen in den 80er Jahren nicht geschafft haben, neue Arbeitsplätze in die isolierten Gegenden zu bringen.

Doch es gibt im Landkreis auch Porthcawl, das kleine Städtchen mit schönem Strand und dem Vergnügungs-Park mit Achterbahn und Schießständen, der zwar im Februar recht verlassen da liegt, aber im Sommer auflebt. Hier in Porthcawl hat sich im Dezember 2006 Dale Crole in einer verlassenen Fabrikhalle erhängt, sein Körper wurde erst Wochen später gefunden. Zwei Tage vor Dales Beerdigung brachte sich sein Freund David Dilling um, einen Monat später Thomas Davies, der beide Toten gekannt hatte. In den Medienberichten wird nun ein Bogen geschlagen von diesen drei Selbstmorden bis zu dem Tod von Natasha Randall im Januar, dem Mädchen, das auf veröffentlichen Portraits so herzerwärmend lacht.

Doch dieser Zusammenhang ist falsch. Dale Crole war in Porthcawl als Sorgenkind bekannt, stets bekifft wurde er von vielen im Ort gemieden. Er lebte zeitweise in einer Unterkunft für obdachlose Jugendliche, in der auch David Dilling und Thomas Davies in verschiedenen Abständen unterkamen, bevor sie wieder nach Hause zurückgehen konnten. Einige von ihnen hatten bereits im Jugendknast gesessen. Diese drei jungen Männer hatten ganz offensichtlich große Probleme in ihrem Leben, und sie haben niemanden gefunden, der ihnen im Gespräch einen Ausweg aufzeigte. Bei mindestens einem fand sich zum Zeitpunkt des Todes eine große Menge Alkohol im Blut. Der Tod dieser jungen Männer war kaum einer Zeitung mehr als eine Meldung wert.´

Sechs Monate lang blieb es nach diesen Toden ruhig in Bridgend. Bis sich im August 2007 ein weiterer junger Mann umbrachte. Und im Dezember dann der nächste, ein Freund von Natasha Randall. Warum diese Jugendlichen ihr Leben nahmen, ist nicht bekannt, die Eltern stehen, so sagen sie, vor einem Rätsel. Liam Clarke soll Dave Crole gekannt haben, doch wie eng diese Bekanntschaft war, kann niemand wirklich sagen. Der Leiter eines Jugendzentrums formuliert es vorsichtig: "Die Toten haben plötzlich eine unglaublich große Menge bester Freunde hinzugewonnen."

Fast jeder kennt einen Selbstmörder

Nationale Aufmerksamkeit erregte die Häufung von Selbstmorden im Landkreis Bridgend, als im Januar dann Natasha Randall stirbt. Mit ihrem Tod begann ein Kreislauf, der schon oft wissenschaftlich belegt worden ist: Die große Zahl der Medienberichte, die diese Selbstmorde in den Mittelpunkt stellten, die mit Bildern von glücklichen Teenagern deren Tod romantisierten, die Schicksale persönlich werden ließen in der Suche nach einer Antwort auf die Frage "Warum?", gerade diese Berichte haben geholfen, die Reihe der Selbstmorde in Bridgend fortzusetzen.

Der leitende Kommissar der Polizei in Bridgend, David Morris, formulierte es auf einer Pressekonferenz am Mittwoch sehr deutlich: "Wir haben nur einen einzigen Zusammenhang zwischen den Selbstmorden seit Januar diesen Jahres gefunden - und das sind Sie, die Medien."

Die Mutter des 15-jährigen Nathaniel Pritchard, der sich am vergangenen Wochenende das Leben nahm, hatte zuvor mit brechender Stimme eine Stellungnahme vorgelesen: "Wir glauben, dass die Medienberichte über die Selbstmorde diese Idee in Nathaniels Kopf gepflanzt haben. Es mag ihm den Eindruck vermittelt haben, dass er durch Selbstmord Aufmerksamkeit erregen kann - ohne dass er die tragischen Konsequenzen zu Ende durchgedacht hat." Die Pressekonferenz endete mit einem Appell an die Medien, die schädliche Berichterstattung zu unterlassen.

Nahezu jeder in Bridgend kennt jemanden, der sich umgebracht hat. Kimberly und Richard, die an einem eisigen Februarmorgen in der Fußgängerzone sitzen, kannten über eine Freundin die Natasha. Was hat die 17-Jährige nur zu diesem entscheidenden Schritt bewogen haben? Schulterzucken: "Natasha war hübsch und hatte viele Freunde", erzählt die 19-jährige Kimberly. "Vielleicht wurde sie auch gemobbt", mutmaßt der 28-jährige Richard. "Sie erschienen so normal wie du und ich", erzählt der 34-jährige David. Unter den Selbstmördern war auch sein Cousin und ein Freund, Thomas Davies. "Thomas war ein guter Fußballspieler und hatte eine Freundin", erzählt David. "Ich hätte nie gedacht, dass er vielleicht Depressionen oder Probleme haben könnte."

Die Samariter in Großbritannien fragen Jugendliche, die von Selbstmordabsichten erzählen, ob sie "tatsächlich für immer und ewig tot sein wollen?". Diese Frage hilft ihnen seit Jahrzehnten, mit den Teenagern ins Gespräch zu kommen - und dann können sie über wirkliche Lösungen sprechen, die Probleme verbessern helfen und keine Kurzschlusshandlung sind, ausgelöst durch einen emotionalen Tunnelblick in einer Krisensituation.

Im ganzen Landkreis Bridgend wird jetzt ein Notfallprogramm ausgefahren, Samariter gehen in Schulen, um mit den Jugendlichen zu reden, das College bietet Diskussionen an, Freunde und Familien der Toten werden besonders betreut, weil sie besonders gefährdet sind. Und endlich gibt es auch Geld für all diese Arbeit. Das walisische Parlament hat zugesagt, die Mittel für ein Selbstmord-Schutzprogramm nicht erst wie geplant im Jahre 2009 zur Verfügung zu stellen, sondern sofort.

In Schottland hat ein solch konzertiertes Programm die Welle von Jugend- Selbstmorden eindämmen helfen. Darauf hoffen jetzt auch die Bewohner von Bridgend. "Wir wünschen uns, dass kein junger Mensch hier mehr sein eigenes Leben wegschmeißt, weil er es nicht mehr für lebenswert hält", sagt Reverend Michael Komoro, selber Vater von drei Teenagern und Teil der Gruppe von über 40 Organisationen, die gemeinsam das Notprogramm auf die Beine stellen. "Denn Bridgend ist ein guter Ort. Wir müssen das unseren Kindern nur immer wieder zeigen."

Themen in diesem Artikel