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Brutale Attacke in Berliner U-Bahn: Kriminologe kritisiert Haftverschonung

Er hat gestanden, und im Überwachungsvideo ist deutlich zu erkennen, wie er brutal auf den am Boden liegenden Mann eintritt - dennoch wurde der 18-jährige U-Bahn-Schläger direkt nach seiner Vernehmung wieder entlassen. Ein Experte kritisiert dies und sieht Fluchtgefahr.

Nach einem Gewaltexzess in der U-Bahn-Station Berlin-Friedrichstraße gibt es Kritik an der Haftverschonung eines Tatverdächtigen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer sagte dem Radiosender MDR Info, zwar könne der Richter wegen der vorliegenden Videoaufzeichnung eine Verdunkelungsgefahr ausschließen. Dagegen bestehe aber sehr wohl Fluchtgefahr. In der Nacht zum Ostersamstag hatte ein 18-jähriger Gymnasiast den 29-jährigen Markus P. mit mehreren Tritten gegen den Kopf so schwer verletzt, dass dieser das Bewusstsein verlor.

Gegen den mutmaßlichen Haupttäter wurde am Sonntag Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen. Gegen Auflagen kam er aber wieder auf freien Fuß. Dreimal in der Woche müsse es sich jetzt bei der zuständigen Polizeiwache in Reinickendorf melden, betonte eine Polizeisprecherin. Der Komplize des 18-Jährigen wurde nach den Vernehmungen entlassen. Er muss sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

"Nichts wie weg vor der Hauptverhandlung"

Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, sagte, der Schläger müsse mit einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung rechnen. "Dann kann es doch aus der Sicht der Jugendlichen heißen, nichts wie weg vor der Hauptverhandlung." Damit hätte der Richter Untersuchungshaft anordnen können.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte eine "schnelle staatliche Reaktion". Der Hauptverdächtige und sein Begleiter müssten rasch angeklagt werden. Es sollte deutlich werden, dass die Gesellschaft solche Gewalt nicht akzeptiere, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende Bernd Carstensen. Die Gewerkschaft der Polizei forderte ein Sicherheitskonzept für den öffentlichen Personennahverkehr. Für 70 Millionen Euro könnten die U-Bahnhöfe rund um die Uhr bewacht werden.

Opfer kann sich an die Tat nicht erinnern

Nach Angaben des Berliner Kuriers ist das Opfer Markus P. am Ostermontag aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Ärzte sollen neben Wunden im Gesicht unter anderem ein geprelltes Jochbein, eine gerissene Nasenscheidewand sowie ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades diagnostiziert haben. Er könne sich an nichts mehr erinnern sagte der 29-Jährige der Zeitung, "nur daran, dass ich im Krankenhaus wach wurde und nicht mehr wusste warum."

Dankbar ist er Georg B., dem Touristen aus Ederheim im bayrischen Donau-Ries-Kreis. Im Überwachungsvideo ist zu sehen, wie der 21-Jährige Berlin-Besucher versuchte, bei der brutalen Attacke zu schlichten und den Täter immer wieder zurückhielt. "Er hat mir das Leben gerettet", sagt P. über seinen Schutzengel.

be/DPA / DPA