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Buch zum Amoklauf von Winnenden: Eine Mutter klagt an

Beim Amoklauf von Winnenden wurde die Referendarin Nina Mayer erschossen. Ihre Mutter hat nun ein Buch geschrieben. Gisela Mayer prangert darin die Kälte in der Gesellschaft an. Und beschreibt ihre Gefühle nach dem Tod ihrer Tochter.

Von Malte Arnsperger

Gisela Mayer hat ihre Tochter Nina verloren. Ihr Tod, schreibt die Mutter, "war sinnlos ". Seit diesem Tod "ist unser Paradies zerstört". Nina Mayer ist eines von 15 Opfern des Amokläufers von Winnenden. Knapp ein Jahr nach dem Massenmord des Tim K. veröffentlicht ihre Mutter ein Buch. In "Die Kälte darf nicht siegen " beschäftigt sie sich mit den möglichen Ursachen für die Gewalttat und entwickelt Lösungsvorschläge. Gisela Mayers Werk ist aber mehr als eine nüchterne Analyse gesellschaftlicher Zustände. Es ist ein Brandbrief. Eine sehr persönliche Anklage.

"Der schwärzeste Tag meines Lebens begann strahlend schön. Ein Tag wie gemalt, leuchtend blauer Himmel, wolkenloser Sonnenschein." Mit diesen Worten beginnt Gisela Mayer ihr Buch und führt zu den Ereignissen des 11. März 2009 hin. Gisela Mayer hört an diesem Morgen von einem Amoklauf an der Winnender Schule, an der ihre 24-jährige Tochter als Referendarin unterrichtet. Erst langsam, dann immer schneller macht sich Angst in ihr breit. "Nur ein einziger Gedanke. Zu ihr, festhalten, mitnehmen, beschützen, nach Hause, dann ist alles gut."

Sie lässt den Leser ihre damals aufkommende Panik spüren, teilhaben an ihrer verzweifelten Suche nach Informationen, nach einem Lebenszeichen, das sie nie bekommen wird. Nach langem Warten hört die Mutter in einer Sporthalle die niederschmetternden Worte: "Ihre Tochter ist tot." In diesem Moment, schreibt Gisela Mayer, ist die Welt "stehengeblieben".

Gisela Mayer ist nicht stehengeblieben.

Gute Gründe, etwas zu tun

Gisela Mayer ist Lehrerin. Der Amoklauf in einer Schule, bei dem sowohl Schüler als auch Lehrkräfte getötet wurden, hat nicht nur ihre Familie getroffen. Sie sieht darin auch einen Angriff auf ihren Beruf. Sie hatte folglich gute Gründe, mit ihrem Schmerz und mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie schreibt: "Im Grunde habe ich zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit gesehen, nichts zu tun." Als Sprecherin des "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" hat Gisela Mayer schon in den ersten Monaten nach der Bluttat auf Missstände in der Gesellschaft hingewiesen, hat für ein schärferes Waffenrecht und gegen gewaltverherrlichende Computerspiele gekämpft.

Mit ihrem Buch geht sie mehrere Schritte weiter. Gisela Mayer verbindet die vielen Diskussionsstränge, die seit dem Amoklauf lose umherbaumeln, und verarbeitet sie zu einem Bild. Einem verstörenden Bild.

"Eisberg aus Gleichgültigkeit"

"Menschenkatastrophe". So nennt Gisela Mayer Amokläufe. Denn sie seien nicht von der Natur, sondern von einem Menschen ausgelöst worden. Die Spitze eines Eisbergs aus Kälte, Gleichgültigkeit und Gewalt."

Gisela Mayer macht deutlich, unter welchen Bedingungen solche Eisberge entstehen können. Für sie ist der ständige Leistungsdruck ein entscheidender Faktor. "Der Teufelskreis von Leistung, Überforderung und Versagen reicht tief in die Familien hinein (…)." So stünden die Eltern enorm unter Druck, ihren Kindern einen perfekten Start ins Leben zu ermöglichen. Dafür, so schreibt Gisela Mayer, wälzen sie dann Erziehungsratgeber und schicken ihren Nachwuchs bei den kleinsten schulischen Problemen zum Nachhilfelehrer. "Die Gesellschaft trennt früh zwischen Gewinnern und Verlierern. Die Eltern müssen den Druck von Außen kompensieren - wenn das nicht gelingt, sind die Leidtragenden die Kinder." Mit schlimmen Folgen, wie man am Beispiel Tim K. sieht, meint Gisela Mayer. "Diese soziale Kälte, dieser Druck (…) haben jede Menschlichkeit im Mörder meiner Tochter vernichtet. Tim K. ist ein exemplarisches Produkt unserer Gesellschaft, das mit größtmöglicher Brutalität auf diese zurückgeschlagen hat."

Mehr Zeit in Familie und Schule

Statt Erziehung als eine Art "Projekt" zu betrachten und die Kinder als "formbare Objekte im Sinne der Leistungsgesellschaft " zu sehen, fordert Gisela Mayer von den Eltern wirkliche Anteilnahme. Die fehlende Bereitschaft vieler Väter und Mutter, sich mit ihrem Nachwuchs auseinander zu setzen und auch Konflikte auszuhalten, lässt die zweifache Mutter zu dem Schluss kommen, dass "viele mit ihrem Schutz und Führungsauftrag überfordert sind ". Dabei sei es doch so wichtig, dass die Erwachsenen Respekt und Empathie vorlebten. Dies gelinge aber nicht mit einem Erziehungsstil, der junge Menschen als Partner sehe und ihnen keine Grenzen setze, keine Strukturen vorgebe. Vielmehr müssten Eltern ein "feines Netz " um ihre Kinder spinnen. Ein Netz aus "Interesse, Zuneigung, Kommunikation und Halt ".

Ein weiterer sehr wichtiger Bestandteil dieses Netzes ist nach Ansicht von Gisela Mayer Zeit. Die müssten sich aber nicht nur Eltern sondern auch Lehrer nehmen. Sie plädiert dafür, dass Schülern mehr Raum zur Entfaltung gegeben wird und sich die Pädagogen intensiver um ihre Schützlinge kümmern. Das erfordert aber ihrer Ansicht nach unter anderem eine veränderte Lehrerausbildung, in der mehr auf psychologische Fähigkeiten Wert gelegt werden muss. Zum anderen sei auch das Engagement der Lehrer gefragt. Denn momentan, so schreibt sie, sind Kinder "in ihren überfüllten Klassenzimmern die einsamsten Schüler, die es je gegeben hat".

Das unterbrochene Lebensgespräch

Die teilweise scharfen Worte lassen vermuten, dass Gisela Mayer ihr Buch mit heißem Herzen geschrieben hat. Trotzdem agitiert sie nicht plump, sondern versteht es, klug zu analysieren. Dabei baut sie kein Wolkenkuckucksheim aus frommen Wünschen und unerfüllbaren Forderungen.

Stets verdeutlicht sie mit Beispielen aus dem eigenen Leben, wie es ihrer Meinung nach gelingen kann, mit jungen Menschen das für sie so wichtige "Gespräch des Lebens" zu führen. Dabei bringt sie immer wieder ihre Tochter Nina, die den Spitznamen "Nan" trug, ins Spiel. Mit einem Seitenhieb auf die Eltern von Tim K. schreibt sie: "Ich habe mich eingemischt in das Leben meiner Tochter, nicht weil ich ihr etwas verbieten oder erlauben wollte, sondern weil es mir nicht gleichgültig war, was sie dachte oder tat. Mein Lebensgespräch mit ihr ist unterbrochen worden von einem Jungen, der auch an der Gleichgültigkeit anderer zerbrochen ist. Am Schweigen der Eltern, am fehlenden Gespräch."

Mit ihrem Buch hält Gisela Mayer der modernen Gesellschaft den Spiegel vor. Sie zwingt den Leser, die eigene Meinung über den herrschenden Leistungsdruck zu hinterfragen. Der Tod ihrer Tochter Nina mag sinnlos gewesen sein. Doch Gisela Mayer scheint die Kraft zu haben, doch etwas Sinnvolles aus dem tragischen Ereignis zu machen.

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