HOME

Großrazzia der Bundespolizei: So skrupellos gingen die Menschenhändler vor

Die Bundespolizei hat mit ihrer beispiellosen Großrazzia einen bundesweiten Menschenhändlerring gesprengt. Bundesinnenminister Seehofer sprach von einem "skrupellosen Vorgehen und sexueller Ausbeutung in einem abscheulichen Ausmaß" der Bande.

Beamte der Bundespolizei eskortieren Fraen aus einem Gebäude

Bei der Razzia der Bundespolizei waren deutschlandweit mehr als 1500 Beamte im Einsatz (hier in Hannover-Anderten)

DPA

Die Bundespolizei ist mit einer groß angelegten Aktion und mehr als 1500 Beamten gegen eine deutschlandweit agierende Rotlichtbande vorgegangen. Mehr als 100 Personen wurden vorläufig festgenommen und sieben Haftbefehle vollstreckt, wie ein Sprecher am Mittwochvormittag in Siegen sagte. Die Razzien liefen seit den frühen Morgenstunden in zwölf Bundesländern. Insgesamt wurden bundesweit mehr als 60 Wohn- und Geschäftsräume von Beamten durchsucht. Der Kern der Bande soll aus etwa 15 bis 20 Menschen mit deutscher und thailändischer Nationalität bestehen.

Der zerschlagene mutmaßliche Menschenhändlerring soll von Siegen aus vor allem thailändische Transsexuelle in ein bundesweites Bordell-Netzwerk geschickt haben. Im Fokus der Kriminellen standen nach Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main Transsexuelle, die mit hohen Verdienstmöglichkeiten als Prostituierte nach Deutschland gelockt worden seien.

GSG 9 der Bundespolizei bei der Razzia im Einsatz

Die Betroffenen - auch Frauen - hätten dann zumeist in Wohnungsbordellen, beispielsweise in Gewerbegebieten oder auch im ländlichen Raum, gearbeitet, sagte ein Sprecher der Behörde. Die mutmaßlichen Täter hätten auf diese Weise ein spezielles Segment im Rotlichtmilieu besetzen wollen.

Die Generalstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass die 59-jährige Hauptbeschuldigte mit Helfern in Thailand Prostituierte angeworben und mit erschlichenen Touristen-Visa ausgestattet hat. In Deutschland angekommen sollen die Angeworbenen zunächst überwiegend in drei Bordellen in Siegen der Prostitution nachgegangen sein, die seit 2006 von der 59-Jährigen und ihrem deutschen Lebensgefährten betrieben würden. In Siegen kam bei der Razzia auch die GSG 9 zum Einsatz.

Beamte der Bundespolizei eskortieren Fraen aus einem Gebäude

Bei der Razzia der Bundespolizei waren deutschlandweit mehr als 1500 Beamte im Einsatz (hier in Hannover-Anderten)

DPA

Die Einnahmen sollen von der Hauptbeschuldigten zunächst vollständig einbehalten worden sein - zur Begleichung der angeblichen Schleusungskosten von bis zu 36.000 Euro sowie für Miete und Verpflegung. "Nach einer gewissen Verweildauer in den Siegener Bordellbetrieben sollen die Prostituierten in einer Art Rotationsprinzip in andere Bordellbetriebe des Netzwerks im gesamten Bundesgebiet verbracht worden sein", hieß es weiter. Zurzeit gehen die Ermittler von gut 30 betroffenen Frauen und Transsexuellen aus.

Dem Einsatz gingen monatelange Ermittlungen voraus

Auch später soll die Hauptbeschuldigte dann einen Großteil der Einnahmen der Prostituierten über die örtlichen Bordellbetreiber erhalten haben. "Das ist wie so eine Art Schneeballsystem", sagte der Behördensprecher. Den Prostituierten seien bei einer Tätigkeit in Deutschland Gewinnversprechen gemacht worden, profitiert hätten dann aber vor allem die Drahtzieher. "Den Zweck hat man nicht verheimlicht, sie sind aber über die Konditionen getäuscht worden."

Den mutmaßlichen Tätern wird unter anderem Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung und Ausbeutung von Prostituierten sowie Steuerhinterziehung vorgeworfen, wie ein Sprecher der Bundespolizei sagte.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) erklärte, der Bundespolizei sei "ein harter und in seinem Ausmaß beispielloser Schlag gegen ein bundesweit verzweigtes Netzwerk der Organisierten Kriminalität gelungen". "Viele hunderte Frauen und Männer waren der menschenverachtenden grenzenlosen Profitgier von Schleusern über Jahre und Landesgrenzen hinweg ausgeliefert." Diesem "skrupellosen Vorgehen und der sexuellen Ausbeutung in einem abscheulichen Ausmaß" habe mit der Polizeiaktion ein Ende gesetzt werden können. "Ich danke allen Beteiligten für ihren Einsatz", so Seehofer.

Laut Bundespolizei handelte es sich bei der Großrazzia um die "größte Zugriffs- und Durchsuchungsmaßnahme seit Bestehen der Bundespolizei". Ihr sind monatelange Ermittlungen vorausgegangen. Ausgangspunkt war ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Hanau in Hessen: Im Frühjahr 2017 sei dieses von der Eingreifreserve der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main übernommen worden, berichtete Oberstaatsanwalt Alexander Badle. Die Ermittlungen nahmen dann einen immer größeren und bundesweiten Umfang an. Die Eingreifreserve der Generalstaatsanwaltschaft unterstützt andere Staatsanwaltschaften bei bestimmten Verfahren.

wue / DPA / AFP