HOME

Bundeswehrskandal: Quälereien waren "Höhepunkte der Ausbildung"

Junge Bundeswehrrekruten wurden grausam gequält, doch die angeklagten 18 Ausbilder wollen von Misshandlungen mit simulierten Geiselnahmen nichts gesehen haben. Zudem hätten die "Übungen" zu den "Höhepunkten der Ausbildung" gehört.

Von Matthias Lauerer, Münster

Eine ruhige, eher geschäftsmäßige Atmosphäre herrscht im Münsteraner Landgericht. Sie passt so gar nicht zu den grausamen Foltervorwürfen gegen 18 Ausbilder der Bundeswehr, die hier angeklagt sind. Folter bei der Bundeswehr? Oder nur ein sommerlicher Spaß, ein "Ausbildungshöhepunkt" wie ein Angeklagter später sagen wird, den die insgesamt 141 jungen Rekruten da erleben durften?

Augen verbunden und Hände gefesselt

Rückblende: Von Juni 2004 bis Oktober 2004 sollen in der Coesfelder Freiherr-vom-Stein Kaserne Wehrdienstleistende bei einer simulierten Geiselnahme gefoltert worden sein. Rekruten wurden die Augen verbunden und die Hände mit Kabelbinder gefesselt. Dann schaffte man sie per Lastwagen zu einer nahen Sandkuhle. Hier kam es zu Mißhandlungen mit einer zehn Liter Wasser fassenden roten Kübelspritze. Beschimpfungen und Stromschläge mit einem Feldtelefon folgten. Einige der Taten wurden sogar auf Foto und Video festgehalten. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern gemeinschaftliche körperliche Misshandlung Untergebener und entwürdigendes Verhalten vor.

Zunächst sagt einer der drei mutmaßlichen Hauptbeschuldigten, der 34-jährige Hauptmann Ingo S., verheiratet, aus. Blaues Hemd, graues Sakko, kurze Haare. Ruhig und gelassen schildert er die damaligen Ereignisse aus seiner Sicht. Einmal habe er tatsächlich "als Highlight der Ausbildung" eine Geiselnahme genehmigt. Das sei schon richtig. Er selbst hatte über einen halben Tag lang ein ähnliches Prozedere während seiner Ausbildung in der Hamelner Kaderschmiede der Bundeswehr über sich ergehen lassen müssen.

"Das Feindbild hat sich seitdem geändert. Wir wollten auf die aktuelle Lage eingehen." Daher "gefiel mir die Idee, die mir von den beiden Zugführern vorgeschlagen wurde". "Ausgelassen" hätten die nass gespritzten Rekruten später reagiert und hätten sich sogar nach der Aktion bei ihm "bedankt und gelacht". Niemand habe sich beschwert. Und: "Es war ein heißer Tag mit morgendlichen Temperaturen von über 25 Grad."

Das Wässern und Im-Sand-Knien von jungen Männern also nur ein Vergnügen? Der Vorsitzende Richter Mattonet fragt immer wieder gezielt nach. "Überarbeitet" sei Kompaniechef S. gewesen und als er von den Vorwürfen erfuhr, "da habe ich natürlich sofort die Ermittlungen aufgenommen".

Und doch fuhr S. kurze Zeit später in den Urlaub. Nach seiner Rückkehr hätte dann schon der Kommandant in der Sache ermittelt und alle Computer konfisziert. Warum jedoch der Dienstplan der fraglichen Woche im Juni 2004 dann das Datum des 23.11.2004 trägt, er fast fünf Monate später datiert ist, bleibt zunächst unklar. Mit einer Wiederholung der Geiselnahme zu einem späteren Zeitpunkt "habe er nicht gerechnet".

Erst jetzt, fast 45 Minuten nach Beginn der Aussage nimmt S. erschöpft seine silberne Brille ab. Für einen Moment sieht es so aus, als ob Tränen in seine Augen schießen. Der Soldat ringt um Fassung. Doch dann reißt sich der Mann, dessen Karriere bei der Bundeswehr zur Zeit "ruht", wieder zusammen.

Der zweite mutmaßliche Hauptschuldige, Hauptfeldwebel und Zugführer Martin D., 33, liest dann nur eine Erklärung von einem weißen Blatt Papier ab, die es jedoch in sich hat. Fragen des Richters will er auf Rat seines Anwalts Brencken heute nicht beantworten. Kalkweiß im Gesicht, jedoch mit fester Stimme trägt er seine Sicht der Dinge vor.

Er, der "Unteroffizier-Vater, der sich besonders gerne um die Rekruten kümmerte", war von Juni 2003 bis Januar 2004 in Afghanistan. Die Gefangennahmen gehörten dabei mit zum Repertoire. Für Rekruten verbietet die Bundeswehr diese jedoch ausdrücklich. "Wir waren die Vorzeigekompanie des Bataillons und meine Arbeit erfüllte mich mit stolz", so schleudert er es allen im Saal entgegen. "Ein Höhepunkt der Ausbildung sei die Geiselnahme gewesen." "Exzesse" habe er nicht beobachtet. Zudem hätten die beiden Codewörter "Tiffy und Stopp" von jedem Rekruten benutzt werden können, um die Handlungen zu beenden. Doch "niemand habe dies in Anspruch genommen".

Er habe sich "nichts vorzuwerfen", doch, ja von "einem Digitalbild" habe er gehört, dieses jedoch nach Bekanntwerden "sofort wieder löschen lassen". Betrunkene Ausbilder, seien von ihm "sofort wieder weggeschickt worden und hätten nicht an der Aktion teilgenommen." Und überhaupt "habe ich nie mit meinem Stiefel die Hoden eines Rekruten angehoben. Und bedauere es, falls es zu Übergriffen oder Exzessen kam, von denen ich nichts wusste."

Alles gut gelaufen

Stille. Kopfschütteln im Saal. Ingo S. blickt nach dieser Rede entrückt vor sich auf den braunen, dreckigen Teppichboden. Es folgt der Auftritt des mutmaßlichen nächsten Hauptbeschuldigten. Michel H, 32. Sein Anwalt verliest den Text. Fazit: Alles kein Problem, alles gut gelaufen, "aber wenn es zu Übergriffen kam, dann entschuldige ich mich hiermit. Denn menschenverachtendes Verhalten ist mir zutiefst zuwider".

Und so geht der Reigen beim nächsten Beschuldigten munter weiter. Nichts gesehen, nichts gewusst und nichts bemerkt. Aber dennoch schon einmal entschuldigt. Der Korpsgeist der Bundeswehr funktioniert wohl noch immer ganz wunderbar.

Eine Farce, die hier vor Gericht stattfindet. Dies würde gut zu dem passen, was ein Anwalt rauchend und unter dem Mantel der Anonymität in der Sitzungspause berichtete. Noch gestern habe sein Mandant einen Anruf von höchster Stelle der Bundeswehr erhalten. Nach kurzem Small-Talk habe sich der Unbekannte dann mit einem Rat verabschiedet. "Sagen Sie vor Gericht besser nichts!" Im roten Klinkerbau des Landgerichts Münster ging sein Wunsch heute in Erfüllung.

  • Matthias Lauerer