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Canisius-Kolleg in Berlin: Missbrauchsaffäre weitet sich aus

Die Affäre um den massenhaften sexuellen Missbrauch von Schülern am Berliner Elitegymnasium Canisius-Kolleg weitet sich aus. Ordensführung und Vatikan wurden angeblich schon vor Jahren informiert. Ein Pater gestand die Taten.

Immer mehr ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs in Berlin berichteten von den Vorgängen an der Schule zwischen 1970 und 1980. Aber auch die Täter reden, zumindest einer. Laut Bericht des "Spiegel" handelt es sich dabei um den früheren Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S., der die Missbrauchsvorwürfe bereits einräumte. In einer an seine Opfer gerichteten Erklärung habe Wolfgang S. geschrieben, es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe". 1992 trat S. demnach aus dem Orden aus.

Zuvor soll er auch an anderen Jesuitenschulen in Deutschland Jungen missbraucht haben. Unter anderem sei er an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und von 1982 bis 1984 in Sankt Blasien im Südschwarzwald tätig gewesen. Auch der Vatikan war laut S. über die Verfehlungen im Bilde. Der Lehrer habe dort "Zeugnis von meiner nichts beschönigenden Ehrlichkeit" abgelegt.

Der heutige Provinzial der Jesuiten in Deutschland, Stefan Dartmann, bestätigte, dass der Orden 1991 Kenntnis von den Straftaten hatte. Man habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftragt, "um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten".

"Kirche leidet an Homophobie"

Bei dem zweiten Beschuldigten handelt es sich laut "Spiegel" um den 69-jährigen ehemaligen Religionslehrer Peter R. aus Berlin. Im Gegensatz zu S. habe dieser sämtliche Vorwürfe bestritten.

Der amtierende Rektor des Gymnasiums, Pater Klaus Mertes, kritisiert seine Kirche im "Tagesspiegel am Sonntag" scharf. Die Kirche leide an Homophobie. "Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden." Obwohl die bekannt gewordenen Missbräuche weit zurücklägen, sei die Gefahr erneuter Übergriffe niemals auszuschließen, sagte Mertes. Deshalb müsse man jetzt an den katholischen Privatschulen vorbehaltlos prüfen, welche Unzulänglichkeiten Übergriffe begünstigen könnten. Dazu gehörten Mängel der kirchlichen Sexualpädagogik, unzureichende Beschwerdemöglichkeiten für die Schüler oder ein "zu autoritäres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern".

Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft weiter, ob Ermittlungen eingeleitet werden können. Entscheidend sei dabei, ob die Taten mittlerweile verjährt seien oder nicht, sagte eine Sprecherin. Dabei spielt auch eine Rolle, wie schwer der Missbrauch war.

Opfer schildern ihr Leid

Unterdessen melden sich Betroffene der Elite-Schule zu Wort. Die "Berliner Zeitung (Samstag) zitierte einen Hartmut Walter (Name geändert), der zwischen 1975 und 1979 zusammen mit einem der beiden beschuldigten Patres mehrfach in den Keller der Schule gehen musste und dort misshandelt wurde. 1981 hätten er und sieben ehemalige Mitschüler einen Brief an ihre Schule und das bischöfliche Ordinariat geschrieben, in dem sie von dem Pater und seinen Taten erzählten. "Es kam nie eine Reaktion", sagte Walter der Zeitung.

In der "Berliner Morgenpost" (Samstag) sagte ein Opfer, dass es bis heute unter den Vorgängen in der Elite-Schule leide. Der 47-Jährige habe Drogenprobleme, auch sei seine Sexualität seitdem gestört. "Die Methoden der beiden Lehrer waren perfide und immer die gleichen. Ich gehe davon aus, dass es insgesamt mehrere Dutzend Opfer gibt", sagte er.

Weitere Fälle in der katholischen Kirche

Und es gibt weitere Verdachtsfälle von sexuellen Übergriffen in der katholischen Kirche. Das Erzbistum ermittelt gegen einen Priester der Gemeinde Heilig Kreuz in Berlin-Hohenschönhausen, wie ein Sprecher des Bistums bestätigte. Auch im Bistum Essen wird ein Geistlicher des Missbrauchs verdächtigt.

Das Erzbistum Berlin kennt seinen Verdachtsfall bereits seit 2009. Nach Angaben eines Sprechers habe man sich wegen des Skandals am Canisius-Kolleg dazu entschlossen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Das in Rom anhängige Verfahren gegen den Priester sei noch nicht abgeschlossen. Am Samstag habe der Domprobst Stefan Dybowski auch die betroffene Gemeinde in Hohenschönhausen informiert.

Anfang Juli vergangenen Jahres sei der Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky unterrichtet worden. Dem Priester wurden daraufhin umgehend alle Aktivitäten im Zusammenhang mit Jugendlichen untersagt. "Außerdem ist er bis auf weiteres nicht mehr seelsorgerisch tätig", so der Sprecher. Das Opfer habe sich damals gegen eine Anzeige entschieden. Der beschuldigte Pfarrer sei nicht geständig.

DPA/APN / DPA