HOME

Cannabis-Anbau: Hasch mich in Nordrhein-Westfalen

Weil Hasch-Hobbyzüchter in Holland immer rigider verfolgt werden, verlagert sich der Cannabisanbau nach Nordrhein-Westfalen. Um die Plantagen aufzuspüren zu können, bekommt die deutsche Polizei nun Nachhilfestunden von den niederländischen Kollegen.

Von Albert Eikenaar

Der junge Mann, der im bunten Sportanzug die Tür öffnet, sieht mit seinen zerzausten Haaren nicht nur erschrocken aus, sondern auch verschlafen. Vier Mann einer Rotterdamer Polizeieinheit haben ihn aus dem Bett geklingelt, morgens um 6 Uhr. Drei Polizisten stürmen sofort an ihm vorbei in die Wohnung. Der Vierte nimmt den Jungen mit zum Polizeibus. Dort werden erstmal seine Personalien registriert. Er kommt aus Polen, stellt sich heraus. Inzwischen durchsuchen die Kriminalbeamten das verwohnte Appartement, in dem der schmächtige Jüngling lebt.

Schon schnell werden sie fündig. Ein Zimmer und die Küche machen einen bewohnten Eindruck. Alle anderen Räume stehen bis zur Decke voll mit ein paar Tausend Hanfpflanzen. Überall liegen Reste von früheren Ernten: "Es geht um eine professionelle Anlage wie man sehen kann", erklärt einer der Fahnder. Der Pole hatte die Aufgabe, die Plantage zu versorgen. Er wird festgenommen, unter dem Verdacht der Drogenzucht.

Verräterisch hoher Stromverbrauch

An jenem Tag, vor ein paar Wochen, zog in Rotterdam ein Anti-Rauschgiftteam durch Stadtviertel, wo der durchschnittliche Energieverbrauch bei den Bewohnern in den letzten Monaten kräftig zugenommen hatte. Der Stromlieferant analysierte die Zahlen pro Wohnung und stellte fest, an welchen Orten ungefähr die Abnahme am stärksten gestiegen war. Der erhöhte Verbrauch verrät fast immer die Anwesenheit der starken Wärmelampen, die nötig sind, das Wachstum der Pflänzchen zu stimulieren. Tatsächlich war es so heiß in der armseligen Etagenwohnung, dass die Temperatur der Außenmauern bis auf 25 Grad Celsius kletterte. Normal ist ein Wert von noch nicht einmal 20 Grad Celsius. Das Soko-Team der Rotterdamer Polizei stoppt an diesem einen Tag die Produktion bei insgesamt elf von 15 angepeilten Adressen. Dort wurde "Nederwiet", die niederländische Haschisch-Variante, in großem Umfang gezüchtet.

Immer mehr kriminelle Banden machen damit einen Riesenprofit. Sie kontrollieren die ganze Kette, von der Zucht bis zum Verkauf an die Kunden in den Coffeeshops. In den Niederlanden wird der Genuss eines "Joints" traditionell schon jahrelang geduldet. Der Handel des "Wiets" ist jedoch verboten.

Haschanbau als Volkssport

Früher kam der Stoff aus dem die Träume sind aus Marokko, Afghanistan oder Indien. Aber der Schmuggel war mit hohen Kosten verbunden. Wenn die Polizei ein paar Tonnen beschlagnahmte, war der Schaden erheblich. Also begannen die niederländischen Hasch-Barone, die den Markt beherrschten, nach Alternativen zu suchen. Einerseits verführten sie willige Privatpersonen zur Cannabiszucht Zuhause. Drei Pflanzen darf man in Holland für den Eigenbedarf haben. Durch diese Nachfrage entwickelte sich explosionsartig eine weit verbreitete Hobby-Hasch-Kultur. Dass die Mühe sich lohnte, sprach sich schnell herum. Die Hobbyhascher nahmen es nicht so genau. Aus drei legalen "Geldbäumchen" wurden bald zehn oder 50 illegale. Und diese sorgten für extra Kohle. 66.000 Hauszüchter soll es geben. Wietanbau wurde zum Volkssport.

Andererseits steckten die Großhändler ihre Millionengewinne in Profiplantagen, wo sie bis zu 50.000 Pflanzen unter besten Bedingungen großzogen. Sie entwickelten das sogenannte "Nederwiet" - das schon bald massenhaft exportiert wurde. In kürzester Zeit entstand eine gewaltige "Nederwiet"-Industrie mit allem drum und dran wie Machtkämpfen zwischen verschiedenen Banden, Mord und Totschlag. Hunderte von Millionen Umsatz stehen dabei auf dem Spiel. Diese Wende zur totalen Kriminalisierung der Cannabisbranche, regte die Justiz an durchzugreifen. Sie versucht, die Verbrecherorganisationen mit allen Mitteln auszuschalten.

Das geschieht nun seit etwa einem Jahr. Die Erfolge werden spürbar. Die Zahl der "Freizeitzüchter" verringerte sich in Holland rapide. Und die Großplantagen, die in den Gewächshäusern und Gärtnereien versteckt waren, gibt es ebenfalls kaum noch. Die Haschsyndikate, die sowieso international operieren, verlegten ihre Aktivitäten vorläufig ins benachbarte, sichere Ausland, vor allem nach Deutschland. Dort können die Hanfbanden fast noch nach Belieben arbeiten. Deutsche Polizei und Justiz haben - heißt es - bisher keine Ahnung, dass die Region vom Niederrhein bis Aachen sich zu einer Cannabishochburg entwickelt. Allmählich schleichen stets mehr "Nederwietbauern" über die Grenze. Sie setzen die modernsten Hilfsmittel ein, wogegen die deutsche Kripo in Nordrhein-Westfalen noch nicht ankommt. Die deutsche Drogenfahndung sei gegen die Methoden der niederländischen Ganoven nicht richtig gewappnet, meint man in Holland. Dazu kommt, dass die hunderttausende deutschen "Kiffer" nicht mehr nach Heerlen, Roermond, Venlo, Nimwegen und Arnheim "über den Zaun" fahren müssen um ihren Stoff zu kaufen. Er wird um die Ecke frisch auf deutschem Boden angebaut, mit derselben Qualität, demselben starken Wirkstoff (THC, Tetrahydrocannabinol) und demselben Preis.

Holländische Hilfe für deutsche Polizei

Die deutsche Polizei versucht, den Vertrieb, die neuen Haschwege in den Griff zu bekommen. Bislang mit bescheidenem Erfolg. Die deutschen Spürnasen finden ab und zu Glashäuser, Betriebshallen und Bauernschuppen voller Hanfpflanzen, aber an die wirklichen Betreiber, die Hintermänner, kommen sie nicht 'ran. Wenn die Polizei eine Plantage bestürmt, ist meist nur der einsame "Wassergießer" da. Gemeint wird der Mann oder die Frau, die die Technologie der Beleuchtung, der Nährstoffvergabe und Bewässerung bedient. Alles hoch komplizierte kapitalintensive Hightech-Apparatur.

Inzwischen informieren niederländische Sachverständige ihre deutschen Kollegen über das wo und wie Profis Cannabis anbauen. "Erste Ergebnisse stehen zu Buche. Die Zahl der komplizierten Zuchtanlagen die wir hochnehmen, steigt. Dieses Jahr verzeichneten wir eine Verdoppelung", erklärt ein deutscher Kriminalbeamter, der nur anonym reagieren will.

Wegen der neuen Lage bündelten niederländische und deutsche Dienste ihre Kräfte. Sie gehen zusammen auf Hanfjagd. So unternehme man Flüge mit Hubschraubern, um Wietfelder zwischen Maisackern zu orten. "Das gelingt nicht, wenn man versucht, sie zu ebener Erde mit einem Auto zu finden", sagt ein Spezialist der Kripo in Limburg. "So bringen wir unseren deutschen Kollegen bei, welche Tricks die Haschproduzenten benutzen, zum Beispiel Wiet zwischen Tomaten anzubauen". Die niederländischen Ermittler haben für ihre Expertise Jahre gebraucht. Im Rahmen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit teilt man jetzt die Erfahrungen. Der niederländischen Ermittler: "Heute spricht alle Welt noch über Nederwiet, Cannabis Sativa Neerlandica. Wir müssen jedoch verhindern, dass das nicht zu Cannabis Germanica, zu Deutschwiet wird".