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Eine Region und zwei Kriminalfälle Eine ermordete Frau, eine verschwundene Joggerin: das Unbehagen von Freiburg

Ein Baum am Tatort in Freiburg
Trauernde haben an einem Baum in der Nähe des Tatorts in Freiburg Blätter und Blumen in das Absperrungsband gesteckt. Im Hintergrund der Radweg, auf dem die Studentin unterwegs war.
© Patrick Seeger/DPA
Vor drei Wochen wurde in Freiburg eine 19-jährige Studentin Opfer eines Sexualverbrechens. Nun wird in der Nähe der Stadt die 27-jährige Carolin Gruber vermisst. In der Region wächst die Unsicherheit.

Die dornigen Sträucher am Wasser sind niedergedrückt, wie ein kurzer Weg führt die Spur an den Fluss. Dort, wo das Wasser der Dreisam friedlich ans Ufer plätschert, haben sie die Untersuchungen schon lange beendet. Nur das niedergetrampelte Gestrüpp deutet noch auf das Verbrechen hin, das hier vor drei Wochen geschah.

Das Opfer hieß Maria L. Die 19-jährige Medizinstudentin besuchte in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober eine Party der Freiburger Fachschaft Medizin. Gegen 2:40 Uhr nachts, so haben die Ermittler inzwischen rekonstruiert, stieg sie auf ihr weißes Damenrad und machte sich auf den Heimweg in den mehrere Kilometer entfernten Stadtteil Littenweiler. Der Weg führte durch die Freiburger Innenstadt und dann auf dem Radweg an der Dreisam entlang. Knapp sechs Stunden später, gegen 8:20 Uhr morgens, fand eine Joggerin den leblosen Körper der Studentin im Fluss. Nicht weit von der Leiche entfernt lag das weiße Fahrrad.

Inzwischen ist aus ersten Spekulationen traurige Gewissheit geworden: Maria L. wurde Opfer eines Sexualverbrechens und starb durch Ertrinken. Ob der Täter sie gezielt ertränkte, ist nicht bekannt. In der Tatnacht führte die Dreisam jedoch Niedrigwasser. Die Polizei konnte am Körper der Toten männliche DNA sichern, doch der Abgleich mit der bundesweiten Analyse-Datei brachte keinen Treffer. Der Tatort zwischen dem Fluss und der Nordtribüne des Stadions des SC Freiburg liegt an einem nachts eher ruhigen Abschnitt des Radwegs. Noch immer fehlt ein entscheidender Hinweis. Der Täter ist weiterhin auf freiem Fuß.

Boom auf Pfeffersprays

Und nun ist in Endingen, gut 20 Kilometer von Freiburg entfernt, wieder eine junge Frau verschwunden. Wie Maria L. war auch Carolin Gruber alleine unterwegs. Die 27-Jährige brach am frühen Sonntagmorgen zum Joggen auf und kehrte nicht zurück. Bisher fehlt jede Spur von ihr. So kurz nach dem Verbrechen im nahe gelegenen Freiburg werden da bei vielen böse Vorahnungen wach.

Die beiden Fälle treffen die sonst so ruhig und beschaulich wirkende Region im Schwarzwald, Stadt und Umland wirken wie unter Schock. Noch ist nicht klar, was und ob Carolin Gruber überhaupt etwas geschah, aber ein Zusammenhang mit dem Verbrechen in Freiburg scheint vielen zumindest möglich. In der Stadt ist die Tat an der Dreisam ohnehin seit Wochen ständiges Thema. Trauernde haben nahe des Tatorts Blumen und Kerzen an einem Baum abgestellt, Fans des SC Freiburg ihre Fußballschals abgelegt. In Freiburg, Fahrrad- und Studentenstadt, machen sich junge Frauen seit Jahrzehnten nachts alleine auf den Heimweg und gehen oder radeln auch weite Strecken alleine, ohne sich bedroht zu fühlen. Der Weg, den Maria L. nahm, ist die gängige Route in den Stadtteil Littenweiler, der Radweg, an dem sie starb, beliebt und tagsüber vielbefahren. Nun ist die Unsicherheit in der Bevölkerung groß. Wie die "Badische Zeitung" schreibt, gibt es in Freiburg derzeit einen Boom auf Pfeffersprays.

Der Tatort am Tag nach der Tat. Das grüne Zelt gehört zur Spurensicherung.
Der Tatort am Tag nach der Tat. Das grüne Zelt gehört zur Spurensicherung.
© Patrick Seeger/DPA

Wem gehört das lilafarbene Fahrrad?

Noch weiß man nicht, ob der Täter sein Opfer zufällig ausgesucht oder es bewusst gewählt hat. Man weiß nicht, ob er dem Mädchen im Gebüsch aufgelauert oder ob er es schon längere Zeit verfolgt hat. Vielleicht kannten sich die beiden, vielleicht hatten sie sich auf der Party getroffen. Maria L. galt als pflichtbewusste und engagierte Studentin und beliebte Kommilitonin. Am Sonntag nach der Tat wollte sie Erstsemester betreuen.

Viele Fragen sind noch offen. Klar ist nur, dass Maria L. vergewaltigt wurde und danach ertrunken ist. Ausgeraubt wurde sie nicht, ihr Handy und ihre Wertsachen konnten sichergestellt werden. Die Ermittler hoffen noch immer auf wichtige Zeugenaussagen und haben eine Belohnung ausgesetzt, für entscheidende Hinweise stehen 6000 Euro bereit. Der Täter hat sich im dornigen Gestrüpp bewegt. Wer kennt jemanden, der in der Zeit nach der Tat plötzlich Kratzer hatte? Und die konkreteste Spur: Nur wenige Meter vom Tatort entfernt wurde ein lilafarbenes Fahrrad gefunden. Wie erst am Dienstag bekannt wurde, haben die Ermittler daran die gleiche männliche DNA wie an der Leiche der Studentin festgestellt. Wem das Rad gehört, ist weiter unklar. Die Polizei hat Fotos davon veröffentlicht und bittet um Hinweise. Wer hat es gesehen oder kennt den Besitzer?

Dieses Fahrrad wurde in der Nähe des Tatorts gefunden
Dieses Fahrrad wurde in der Nähe des Tatorts gefunden
© Polizeipräsidium Freiburg

Die wichtigste Frage derzeit ist jedoch die nach dem Verbleib Carolin Grubers. Die Polizei in Freiburg hat nach wie vor keine Spur von der vermissten Joggerin. Mit einem Großaufgebot an Beamten, Suchhunden und Hubschraubern sucht sie auch heute nach der Vermissten.

Immerhin: Ein Zusammenhang mit einer weiteren Tat in der Schweiz scheint derzeit ausgeschlossen. In der Stadt Emmen, keine zwei Autostunden von Freiburg entfernt, war im Jahr 2015 eine junge Frau vom Rad gerissen, in den Wald gezerrt und so schwer vergewaltigt worden, dass sie seither querschnittsgelähmt ist. Schweizer Medien hatten rasch auf eine Verbindung zwischen beiden Fällen geschlossen. Die dort gefundene DNA stimmt jedoch nicht mit den Freiburger Spuren überein.


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