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Carolinum-Gymnasium in Ansbach: Amoklauf-Prozess beginnt mit Geständnis

Er ist geplant, gezielt und gefühllos vorgegangen: Der Amokläufer von Ansbach wollte bei seiner Bluttat möglichst viele Menschen töten und empfand kein Mitleid mit seinen Opfern. Das sagte der 19-Jährige zum Auftakt seines Prozesses am Donnerstag vor dem Landgericht Ansbach, wie Justizpressesprecher Thomas Koch erklärte.

Sieben Monate nach dem Amoklauf am Ansbacher Carolinum-Gymnasium hat der 19-jährige Täter am Donnerstag zu Prozessbeginn ein Geständnis abgelegt. Bei seinen Opfern entschuldigte sich der Angeklagte Georg R. vor dem Landgericht Ansbach aber nicht. Die Große Jugendkammer hatte trotz regen Medien- und Zuschauerinteresses die Öffentlichkeit nach Verlesung der Anklageschrift ausgeschlossen. Damit soll dem Täter eine Bloßstellung erspart werden.

Die Anklage wirft dem ehemaligen Schüler des Gymnasiums Carolinum, Georg R., versuchten Mord an 47 Menschen, gefährliche Körperverletzung, versuchte besonders schwere Brandstiftung und versuchten Totschlag an zwei Polizisten vor. Er überfiel am Morgen des 17. September 2009 "aus Hass auf die Menschheit und die Schule" sein Gymnasium mit einem Beil, einem Hammer, vier Messern und fünf Brandsätzen. Gestoppt werden konnte Georg R. durch drei Schüsse eines Polizeibeamten.

R. habe ruhig gewirkt und sei durchaus auskunftsbereit gewesen, schilderte Koch die Aussage des 19-Jährigen. Er habe zu Beginn in einer schriftlichen Erklärung über seinen Anwalt ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Allerdings habe er bestritten, dass er die beiden Polizeibeamten habe töten wollen. Auf sie war er mit gezücktem Messer losgegangen. Vielmehr sei es sein Plan gewesen, den Tatort nicht lebend zu verlassen. Als es ihm nicht gelungen sei, sich selbst zu töten, habe er sich von den Polizisten erschießen lassen wollen.

Der Polizeibeamte, der die Schüsse auf Georg R. abgegeben hatte, beschrieb der stellvertretende Pressesprecherin Ilonka Koch zufolge vor Gericht, wie sich der 19-Jährige in einer Toilettenkabine in der Schule verschanzt habe. Dann sei R. brüllend und mit erhobenem Messer auf ihn zugelaufen und habe mit einem "irren Blick" gerufen: "Erschieß' mich, erschieß' mich".

Laut seiner eigenen Aussage fühlte sich Georg R. seit dem Kindergarten ausgegrenzt. In der neunten Klasse habe er erste Selbstmordgedanken gehabt. Irgendwann habe er darüber nachgedacht, andere Menschen mit in den Tod zu reißen, und habe Gewaltfantasien entwickelt, die er ab April 2009 als Tagebuch aufgeschrieben habe. Er sei vom "geraden, klaren" Weg der Amokläufer fasziniert gewesen, sagte der 19-Jährige. Er habe auch vorgehabt, zusätzlich Schusswaffen einzusetzen, sich aber keine besorgen können.

Er habe mit seiner Bluttat gezielt im dritten Stock des Carolinums begonnen, weil die Polizei dorthin am längsten brauchen würde. Außerdem habe er gewusst, dass sein bester Freund und seine Schwester in einem anderen Stockwerk unterrichtet würden. Seine Opfer habe er zufällig gewählt, sagte der Angeklagte. Sie seien für ihn keine Lebewesen gewesen. Auch sich selbst habe er nicht als Menschen gesehen, der es wert gewesen sei zu leben.

Laut Koch bat Georg R. seine Opfern nicht um Entschuldigung. Er sagte nur, er strebe es an, Mitleid zu empfinden. Derzeit halte sich sein Mitgefühl noch in Grenzen. Wenn er heute über seine Tat nachdenke, sei er erschrocken und empfinde Scham. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen.

Staatsanwalt Jürgen Krach hält R. auch weiterhin für gefährlich. In seiner Anklageschrift heißt es, es sei davon auszugehen, dass er weitere "erhebliche rechtswidrige Taten" begehen werde. Ein Gutachter hatte dem 19-Jährigen vor dem Prozess verminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer gravierenden Persönlichkeitsstörung bescheinigt. Seit Januar ist er in einer psychiatrischen Klinik in Ansbach untergebracht. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft und die Unterbringung in der Psychiatrie.

Der Prozess wird am 27. April mit Aussagen von Mitschülern fortgesetzt. Das Urteil wird für den 29. April erwartet. Dazu ist die Öffentlichkeit wieder zugelassen.

APN/AFP