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Chatmord: Sehnen und Sterben im Netz

Er nennt sich Riddick, verspricht das Glück und wird zum Mörder. Sie nennt sich Sonnscheinregi, sucht Liebe und wird zum Opfer. Eine Geschichte aus der irrsinnigen Welt des Internets.

Von Gerd Elendt und Bernd Volland

Riddick, der Krieger, sitzt vor seinem Bildschirm. Er sitzt dort in der Nacht, und er sitzt am Tag. Stark ist Riddick, wenn er hier sitzt, und zugleich einfühlsam und liebevoll. Groß gewachsen ist er, aber auch etwas pummelig. Riddick hat Pausbacken. Draußen in der anderen Welt, die man Wirklichkeit nennt, heißt er Christian G. Moin, schreibt Riddick300, World Wide Web, Knuddels.de. Ein Chatraum. Hier können Menschen per Computertastatur über Hunderte Kilometer hinweg unter Pseudonymen Gespräche führen. Hier ist der Bildschirm lila. Hier heißen Frauen Baby oder Maus oder Engel oder Teufelchen und Männer Boy oder Bär oder Lover oder Warrior, Krieger.

guten morgen, antwortet Sonnscheinregi. wie geht es ihnnen so, fragt Riddick300. dut und dir, antwortet Sonnscheinregi. Alles ist sehr leicht, nichts spielt eine Rolle, kein Status, keine Rechtschreibung. 9. Juni 2008, 9:52 Uhr, so lernen sie sich kennen. Auf Riddicks Homepage kann Sonnscheinregi Bilder von ihm sehen. Stechend versucht er zu blicken, mit sonderbar aufgerissenen Augen, entschlossen wie der Action-Star Vin Diesel, der als "Riddick" im Kino Monster und Menschen schlachtete. Es gibt einige bei Knuddels, die gerne Riddick wären und sich so nennen, darum musste Christian G. die 300 dranhängen. Riddick sei sein Vorbild, er kämpfe wie er "für das Gute und gegen das Böse", wird er später in abstürzenden Zeilen auf Papier krakeln, später, JVA Essen, Trakt A, verdächtigt des zweifachen Mordes.

Tragische Vorgeschichte

Christian G., 27: eine Jugend in den Neunzigern und 2000ern, aufgewachsen unter den Sternen von Sony, Nintendo und AOL - Handys, Spielkonsolen und vor allem dem Internet. Unterhaltung oder Ablenkung sind so real wie nie zuvor und vor allem "interaktiv": Man wird Teil des Ganzen, schlägt online in Spielen mit anderen Schlachten, führt im Chat so etwas wie Gespräche. "Im Internet zu Hause", wirbt AOL, "This is living", wirbt Sony, "Der programmierte Wahnsinn", sagt die Werbung von Sega.

und bist du zingel, fragt Sonnscheinregi. jap, tippt Riddick. Christian G. lebt mit seiner Freundin in einer kleinen Wohnung in Hamburg-Harburg. Er wurde 1981 in dieser Stadt ins Leben geworfen und seitdem herumgestoßen. Mit zwei Jahren wird er erstmals für ein paar Monate ins Heim gesteckt. Die Eltern trennen sich. Die Mutter wird bald von einem anderen Mann schwanger, immer wieder büxt Christian G. aus. Mit acht ins nächste Heim. Mit 15 zurück zur Familie. Bald darauf in eine Jugendwohnanlage, von dort in die nächste. Und irgendwann nennt man ihn dann erwachsen, einen 18-Jährigen, der in der vierten Klasse zum ersten Mal durchfiel, nach der achten die Hauptschule ohne Abschluss verließ, kifft und Pillen einwirft, keinen Beruf gelernt hat und fortan nur von Arbeitslosengeld und Gelegenheitsjobs lebt.

Jetzt sitzt er hier zwischen gammelndem Müll und dreckiger Wäsche am Computer und versucht in zerrütteter Orthografie verführerische Worte zu formulieren. Er schreibt häufig Frauen an, und manchmal trifft er sie auch. Den Zungenkus tu ich erwidern, schreibt Sonnscheinregi. Riddick hat ihr gerade gezeigt, wie man Knutschsymbole schickt.

Regina B., so heißt Sonnscheinregi im echten Leben, das eher grau ist. Aber hier im Netz klingt ihr Name bunt, nach "Sunshine Reggae", einem Sommerhit aus den Achtzigern, als sie ihre Jugend in einer Sozialsiedlung im Ruhrgebiet in Marl-Sinsen verlebte. Man kann sagen: Wer hier wohnt, will vor allem hier weg. Regina, 39, ist hier geboren und noch immer da.

Chat-Profi

Ihr Leben scheint auf einem Gleis zu rollen, das im Kreise verläuft, ohne Weichen, ohne Abzweigungen. Der Vater schlug und soff, ihr erster Mann schlug und soff. Arbeitslos, mit 18 schwanger, drei Kinder, Sorgerecht entzogen. Asthma, dazu rund 30 Selbstgedrehte am Tag. Sie lispelt, was daran liegt, dass sie keine Zähne mehr im Mund trägt, sie sind verfault, weil sie solche Angst vor dem Zahnarzt hat. Sie steht unter Betreuung, ihre Intelligenz ist leicht gemindert, und sie leidet unter einer "abhängigen Persönlichkeitsstörung": Es fällt ihr schwer, einen eigenen Willen zu entwickeln, sie braucht andere, die ihr Leben für sie führen, Männer zumeist. Man kann sagen: Sie ist krankhaft sehnsüchtig.

ich neme dich im arm und drücke dich doll, tippt Sonnscheinregi. Riddick ist ein Profi, mit Hunderten von Frauen hat er schon gechattet. Er weiß, dass sich hier die Türen schneller öffnen als im wirklichen Leben, wo sie ihm nur zu oft vor der Nase zugeknallt wurden. Früher als Teenager machten die Mädchen hinter seinem Rücken Witze, ob der wohl mal eine abbekommt? Dabei sei Christian G. einer gewesen, der gemocht werden wollte. Den Mädchen gab er öfter eine Cola aus, die nahmen sie gern an, aber er bekam dafür keine Küsse. Wenn man die Liebe als Wettkampf betrachtet oder gar als Schlacht, ist er der Verlierer.

Und was sollte die Liebe anderes sein? Christian G.s Vater prügelte Mutter wie Kind. Manchmal zerrt er den Sohn nachts aus dem Bett, auf dass er der Demütigung der Mutter beiwohne. Beziehung und Bindung, erlebt der Junge, der bald ein 1,93 Meter großer Mann sein wird, ist eine Frage der Macht. In der Liebe gibt es nur Sieger oder Verlierer. Herrscher oder Untertan. Täter oder Opfer.
ich libe dich Riddick300 ganz doll, mein Herz das ist mit den Gefühlen für dich ganz voll, schreibt Sonnscheinregi nach zwei Stunden Chat. Bisher hat Riddick noch gar nichts Persönliches von sich preisgegeben, nur ein paar Spaßküsse, und vielleicht ist dieses Gedicht auch noch ein Spaß, man weiß das im Chat nie so genau. das ist schön zu hören, antwortet er.

Das Leben in der Nachbarschaft

Regina ist einem Versprechen ins Netz gegangen: dass das Leben größer und großzügiger wird, begibt man sich nur in das Web, das weit wie die Welt sein soll. Und die Verlockung wird nicht kleiner, wenn man überzeugt ist, draußen in der echten Welt vor der Haustür erwarte einen wenig.

Sie hat etliche Freunde, Verwandte und Bekannte, fast alle aus ihrer Siedlung, man bleibt meist unter sich. Und manche Leben ähneln sich hier stark, Gewalt in der Familie, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, frühe Schwangerschaften, Scheidungen. Die Geschichten verknüpfen sich durch Ehen, Partnerschaften und Freundeskreis kreuz und quer.

Regina heiratet nach der Trennung von ihrem ersten Mann den Vater des Freundes ihrer ältesten Tochter. Der Mann stirbt 2007 an Krebs. Fortan werden ihr Affären mit Nachbarn oder Kollegen aus Ein-Euro-Jobs nachgesagt, alles wechselt schnell und bleibt doch gleich.
wo wohnnst du denn, fragt Riddick - ich wohn in Mahl und du - hamburg. Sonnscheinregi fragt: wolltes du forbei kommen - mal seh ja, schreibt Riddick, zweieinhalb Stunden Chat.

Mit 16 hat Christian G. seine erste Freundin. Er wird fortan nie wieder richtig allein sein, aber auch nie wirklich verbunden. Dass er immer verarscht worden sei von den Frauen, klagt er neuen Freundinnen öfter, nicht selten, um dann auch von der Neuen mit demselben Gefühl verabschiedet zu werden. Schnell spricht er von Ehe, Familie, und schnell ist alles vorbei. Wenig hält länger als ein paar Monate. Manche Freundinnen sind erst 14 oder 15, mit einer knutscht er auf dem Spielplatz, da ist er 21. Dreimal wird er Vater, dreimal setzen ihn die Frauen vor die Tür. Er vermutet, dass es daran liegt, dass er kein Geld hat; das sei es, was für Frauen zählt.

Ein klammernder Untertan

Die Frauen seines Lebens erzählen heute meist die gleichen Geschichten. "Er machte alles, was ich ihm sagte", sagt die Mutter seiner zweiten Tochter. In der Beziehung sei er ein klammernder Untertan gewesen, es wurde ihr schnell langweilig. Nach zwei Wochen trennte sie sich, da war sie bereits schwanger. Nach der Geburt des Kindes stand er eine Woche lang täglich vor der Tür, es war ihr nicht klar: Geht es ums Kind oder um sie oder um irgendwas? Dann zog er weiter.

Auf seiner Homepage im Netz können alle sehen, wie stark Riddick, der Krieger, ist, dessen Filmplakat Christian G. seitenfüllend als Homepage-Hintergrund gewählt hat. Sie können sehen, wie beliebt Riddick300 ist, eine Frau hat ihm mit Rautenzeichen ein Bärchen in das Gästebuch getippt, das jetzt vor dem Filmplakat des messerschwingenden Monsterschlächters schwebt. Und feinfühlig ist er wie ein Poet. "Du bist Teil meines Lebens, Teil meines Ich's/ Du bist vieles für mich, Schwester, Freundin, Verbündete", so hat er es für alle lesbar einer "kleinekatze86" ins Gästebuch ihrer Knuddels-Seite gestellt. Das Gedicht findet sich auf zahlreichen anderen Homepages, jeder, der möchte, kann es sich kopieren und sich mit ein paar Klicks ein tiefes Gefühl bauen, so machen das viele hier.

kleinekatze86 ist der Nickname seiner festen Freundin Kathleen, eineinhalb Jahre währt die gemeinsame Hilflosigkeit schon, beide unfähig, sich ein Heim zu schaffen, das man nicht Katastrophe taufen muss. Auch sie hat er bei Knuddels kennengelernt, sie chatteten, dann nannten sie sich irgendwann verliebt, und eines Tages stand er mit einer Plastiktüte voller Klamotten vor dem Haus ihrer Eltern in Magdeburg, wo sie lebte, er für einige Monate einzog und schwer vom Familien-Computer wegzubekommen war. Sie verlobten sich bald und zogen nach Hamburg.

sehr sinpatisch und nidlich, schreibt Riddick. Er hat gerade Sonnscheinregi zum ersten Mal gesehen. Sie hat ihm Fotos gemailt. Sechs Stunden Chat.

Seit knapp zwei Monaten hat Regina Internetzugang. Ihre Kinder erzählten ihr von Knuddels.de, wo Teenager chatten, aber auch viele Erwachsene. Man kann sich "knuddeln", Herzchen oder Küsse schenken und bekommen, die Anzahl wird im Profil vermerkt, eine Art Trophäe des Gemochtwerdens. Wer hier besonders viele Stunden verbringt, bekommt den Titel "Stammchatter". Man kann hier regelrecht ein Leben führen, Aufstiegschancen inklusive. Manchmal, wenn Regina aufgeregt ist, wird ihr Atem vor dem Rechner schneller, und die Lunge pfeift. Aber sie lernt Männer kennen im Netz, sofort. Einer sei erst 20, schwärmt sie Freunden vor, einen solch jungen Hupfer bekommt sie ab! Er besucht sie, sie haben Sex, dann will er nichts mehr von ihr wissen. Alle paar Wochen erzählt sie von neuen Schätzen, die sie so schnell verliert, wie sie sie ausgegraben hat.

Also dich würde ich nicht von der Bett kante schupzen werdas tut na ja der muß Blind sein, schreibt Sonnscheinregi um 16:46 Uhr. Riddick sagt erstmals hasi und schatzy zu ihr.

Große Erfolge

Christian G. fallen selten viele Worte ein, trotzdem nennen ihn Netzbekanntschaften "lieb und nett". Gefühle sind im Internet schnell fabriziert. Mit drei Tasten bringt man ein "Emoticon" auf den Schirm, sogenannte Smileys. :-) heißt "ich bin fröhlich", :-( "ich bin traurig". "ihdl" heißt "ich hab dich lieb", "ihdgdl" heißt dasselbe nur "ganz doll" - und "ild" heißt "Ich liebe Dich". Es gibt jede Menge abgekürzter Gefühle im Netz.

Erstaunlich viele Frauen treffen sich mit Christian G., seitdem er zu Riddick, dem Krieger geworden ist, die meisten sind wie er nicht allzu gebildet und nicht selten ohne Arbeit. Christian G.s Liebesleben wird so praktisch und schnell wie das Internet. Er fragt die Frauen immer frühzeitig, ob man sich zu Hause treffen mag, "nur lieb frag", das stellt man im Netz gerne hinten an, alles harmlos, so liest es sich. Galant verschickt er digitale Rosen, sagt, man könne ja kuscheln, bietet Massagen an, "nur lieb frag", spricht von Beziehung und von Liebe, immer wieder "Liebe".

Hier ist die Auswahl an Frauen riesig. Und schon vor dem ersten Telefonat ist er oft auf einer Ebene, die er bei früheren Eroberungsversuchen nur schwer erklomm. Denn in dieser Sehnsuchtshöhle reicht manchen ein Gerüst aus ein paar dürren Worten, und sie füllen die Lücken mit ihren eigenen Träumen.

Aufbrausend und aggressiv

Als Riddick darf Christian G. sich nun öfter wie ein Sieger fühlen in diesem Gegeneinander, das er Liebe nennt. Mit einer Bekanntschaft trifft er sich zum Kaffeetrinken, danach ein wenig Fummeln im Auto, als er merkt, dass sie nicht bereit ist, willenlos zu sein, meldet er sich einfach nicht mehr, nur bei Bedarf für ein wenig Knutschen und Fummeln. Bei einer 16-Jährigen darf er nicht zu Hause übernachten, darum treffen sie sich nebenan im Hotel, sie will nicht gleich, was er will, also zieht er weiter.

das ist so warm das ich mich aus zihn mus, schreibt Riddick. wie so biste schon heiß oder was nein scherz, antwortet Sonnscheinregi. Sie erzählen sich, was sie alles miteinander machen würden, alleine in einem Raum, kaum bekleidet, sieben Stunden und ein paar Dutzend holprige Sätze lang kennen sie sich.

Manchmal reagiert Christian G. auf Ablehnung auch aggressiv, so wie er generell aufbrausend ist, wenn ihn etwas frustriert, er bebt dann regelrecht am ganzen Körper. Einem jungen Mädchen, bei dem er wieder kurz davor stand einzuziehen, wartete er einmal mit unbezahlten Flugtickets auf, lass uns nach Mallorca fliegen!, wie immer wollte er alles, komplett im anderen Leben aufgehen. Nachdem sie sich verstört von ihm getrennt hatte, versuchte er, ihre Tür einzutreten. Auch eine Anzeige wegen Vergewaltigung wurde einmal gegen ihn erstattet, die Ermittlung aber eingestellt.

"Ich liebe dich viel zu doll"

Christian G. ist eigentlich zurückhaltender geworden, seit er in einer festen Beziehung lebt. Aber jetzt beginnt er wieder, im Netz von Liebe zu sprechen. Und er trifft Frauen, die darauf warten. Sonnscheinregi ist nicht sein erster Kontakt in der neuen Eroberungsphase. Er hatte hier bereits vor einigen Wochen Jessica K. kennengelernt. Sie tingelte seit jungen Jahren willkürlich von Mann zu Mann, zog ein, zog aus, immer nach ein paar Wochen weiter zum nächsten. Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung wurde bei ihr diagnostiziert: Nach nichts sehnt sie sich mehr als Nähe, aber nichts kann sie weniger aushalten als echte Nähe. Das Internet ist wie geschaffen für Menschen wie sie.

Riddick fand sie in einem der anderen Foren, in denen er nebenbei auch aktiv ist. Er besuchte sie in Stade, sie gingen gemeinsam zur Bank, wo sie eine Überwachungskamera aufnahm, dann wurde Jessica K. nicht mehr gesehen. Ihre stark verweste Leiche wird erst Wochen später in einem Feld gefunden werden, Spuren ihres Bluts werden an Christian G.s Schuh entdeckt. Und später, vor Gericht wird er gestehen, er habe sie im Streit versehentlich am Hals verletzt.

würde gehn am 20.6. zu dir kommen, schreibt Riddick. ja würde ich freuen Schatzy, schreibt Sonnscheinregi. ich libe dich, schreibt er. Sie chatten bis 2:39 Uhr, sie schreiben sich Mails, sie schicken sich Fotos, sie zeigen sich auf ihnen nackt, Sonnscheinregi sagt, sie vergesse vor Aufregung das Essen, er schreibt, sie soll seinetwegen etwas essen, sie schreibt: ja ich iel nicht das du dir sorgen mast da für liebe ich dich viel zu doll.

Mord im Affekt?

Auch die nächsten Tage chatten Riddick und Sonnscheinregi. Sie beschließen, sich schon früher zu treffen. Sie telefonieren, Sonnscheinregi hört eine Stimme, immerhin, die eines Mannes, in den sie sich entschlossen hat, verliebt zu sein.

"Was mit Regina B. geschah, war im Affekt", sagt Christian G.s Anwalt Benecken später. "Es ist meinem Mandanten sehr wichtig, dass alle wissen, dass er kein verrückter Internet-Serienkiller ist. Das Internet sei schließlich seine Familie."

Er besucht mich!, erzählt Regina allen. Den Menschen, in ihrem echten Netz, das eng ist, aber vorhanden: die kleine Nachbarstochter, die immer zu Besuch kommt, ihre Kinder, oder ihr alter Freund Andreas, der ihr monatlich 200 Euro gibt, damit sie kochen und irgendwie füreinander da sind, ein herzensgutes Wesen hat sie, sagen Freunde. Ihre beste Freundin Nadine warnt sie: "Sei vorsichtig mit dem Internet, da sind viele Spinner."

liebe dich gehe mahl inz bett Schatz wen du so müde bist, schreibt Sonnscheinregi am 16.6. um 22:09 Uhr, nach einer Woche Chat, sonnst kommste morgen schlecht raus.

Verräterische Spuren

Am nächsten Morgen klingelt Christian G. an ihrer Tür in Marl. Sie reden, sie rauchen, sie sehen Horrorfilme, sie haben Sex, mit dieser Frau ist für Christian G. wenig anders als mit all den anderen davor. Regina brät Steak mit Rotkohl für diesen Mann, der auf seine Art nicht minder sehnsüchtig ist als sie, der seit Jahren versucht, sein Sehnen im Netz zu stillen, der später bei der Vernehmung durch die Polizei sonderbar weggetreten wirken wird und dabei auf ein Blatt kritzelt: "Ich hab die Augen von Jesus gesehen." Der sagen wird: "Ich hatte das Messer am Hals aufgesetzt und dann nur reingedrückt. Da habe ich gemerkt, dass es eine weiche Stelle ist." Sie sitzt in ihrer Wohnung mit einem Mann, der womöglich unter einer Psychose leidet, die Realität schon lang nicht mehr ertragen und spüren kann - genauso wenig wie sich selbst oder andere Menschen.

Nachts gegen zwölf Uhr geht Regina mit ihrem Dackel aus dem Haus. Christian G. folgt ihr, oder vielleicht ist es Riddick, der Krieger, in der Hand jedenfalls ein Messer aus ihrer Küche. Sie biegt in einen Pfad, er hinterher. Er sticht ohne Warnung von hinten zu, 12-mal in den Rücken, dann 14-mal in ihre bereits tote Brust, schließlich ritzt er ihr in Bauch und Hände Schnitte, die aussehen sollen wie ein Kreuz. Er kehrt zurück in ihre Wohnung, nimmt mit, was Wert hat für ihn: ihren Computer, ihre Digitalkamera, ihren MP3-Player, ihre Playstation. Er fährt nach Hause, wo alles ist, als wäre nie etwas gewesen. Und schreibt wie den ganzen Tag schon SMS mit dem Wörtchen "Liebe" an diverse Frauen.

Seine Spur im Internet führt zu Christian G.s Verhaftung. Ja, er habe Sonnscheinregi in Marl getötet. Er könne sich an wenig erinnern, ein Blackout, auf einmal lag sie da, ja, den ersten Stich, den wisse er noch, sonst nichts mehr, ein Kreuz?, nun, das stehe immer für das Gute, so wie Riddick, sein Held. Regina habe ihm gedroht, ihn als Vergewaltiger anzuzeigen, wenn er ihr nicht 400 Euro gebe. Und vor allem, das betont G. wieder und wieder, vor allem habe sie ihn im Internet bei allen schlechtmachen wollen. Er sagt: "Sie wollte mein Leben zerstören."

Mitarbeit: Matthias Lauerer, Kerstin Schneider / print