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Chemnitz: Aus Nichtwissen wird Hass – ein Messerangriff und seine Folgen

Was geschah in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Chemnitz? Was löste die Krawalle aus? Darüber ist weiter wenig bekannt. Der Hass und die Gewalt speisen sich aus Gerüchten.

Menschen gedenken in Chemnitz des getöteten Daniel H.

Menschen gedenken in Chemnitz des getöteten Daniel H.

Getty Images

Es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag. In Zentrum von feiern die Menschen das 875-jährige Bestehen ihrer Stadt. Lange, nachdem die Musik aus ist und die Buden geschlossen sind, beginnt die Gewalt in der Stadt. Menschen geraten auf der Brückenstraße in Streit, "maximal zehn Personen", werden Polizeibeamte später ermitteln, "unterschiedlicher Nationalitäten".

Was dort genau am frühen Sonntagmorgen in Chemnitz' Innenstadt zu dem Streit führte, ist auch heute noch – mehr als 48 Stunden nach der Tat – nicht bekannt. Klar ist: Irgendwann zieht irgendwer ein Messer, sticht zu. Drei im Alter von 33 bis 38 Jahren werden schwer verletzt. Einer von ihnen, Daniel H., ein 35-jähriger Deutscher, überlebt die Attacke nicht, er stirbt wenig später im Krankenhaus. 

Hintergründe der Tat von Chemnitz weiter unklar

Die ist schnell zur Stelle, kann wenig später zwei 22 und 23 Jahre alte Männer festnehmen, sie werden vernommen. "Ob diese in die Auseinandersetzung involviert waren, muss im Zuge der weiteren Ermittlungen geklärt werden", sagt eine Polizeisprecherin, noch während ihre Kollegen den Tatort untersuchen. 

Keine fünf Stunden nach der Tat berichtet das Onlineportal "Tag24" über die tödliche Auseinandersetzung: "Nach ersten Informationen soll in der Brückenstraße eine Frau belästigt worden sein. Als ihr Männer zu Hilfe kommen wollten, eskalierte die Situation." Der Zusatz "Bestätigen konnte das Polizei nicht", findet kaum Gehör, wie die folgenden Stunden und Tage zeigen werden. Auch die "Bild"-Zeitung steigt am Vormittag in die Berichterstattung ein, berichtet in der Überschrift ebenfalls davon, eine Frau sei belästigt worden.

Um 12.50 Uhr läuft die Meldung über den tödlichen Zwischenfall über die Nachrichtenticker. Aus der lokalen Meldung wird spätestens jetzt eine überregionale. "Was der Auslöser des Streits gewesen war und was sich dann genau zutrug, war zunächst noch unklar, wie die Polizei weiter mitteilte", heißt es in der Nachricht der Deutschen Presseagentur. Zwei Verdächtige seien festgenommen worden. "Derzeit werde geprüft, ob diese in die Auseinandersetzung verwickelt sind." Doch da steht für viele schon fest, dass hier unliebsame Wahrheiten unter den Teppich gekehrt werden sollen.

Bei diesem Ermittlungsstand wird es bleiben. Erst am Montagmittag gibt die Polizei weitere Einzelheiten bekannt, ist sich offenbar sicher, dass die beiden Festgenommenen etwas mit der Tat zu tun haben. Die habe "wegen gemeinschaftlichen Totschlags" Haftbefehl gegen den 23-Jährigen, einen Syrer, und den 22-Jährigen, einen Iraker beantragt. Ihnen werde vorgeworfen "mehrfach mit einem Messer auf einen 35-jährigen Deutschen eingestochen" und ihn tödlich verletzt zu haben.

Polizei kämpft gegen Gerüchte an

Mehr ist bis heute nicht bekannt, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter, was in der Nacht geschehen ist.

Doch schon seit die Nachricht vom Tod des 35-Jährigen am Sonntagmorgen bekannt wurde, bricht sich die Wut in den sozialen Netzwerken Bahn. Nicht die Trauer überwiegt, sondern der Hass. Auf die "Messermigration", auf die Ausländer, auf die "Lügenpresse", auf Angela Merkel, auf das System. 

Es ist bisweilen schwer auszumachen, ob immer neue Gerüchte bewusst gestreut werden oder ein verhängnisvolles "Stille-Post-Spiel" im Gange ist und sich Menschen ihren Teil der vermeintlichen Wahrheit zusammenreimen.

Der Polizei jedenfalls gelingt es trotz aller engagierter Versuche nicht, die Gerüchte und Spekulationen einzufangen. Nein, es gibt "keinerlei Anhaltspunkte, dass eine Belästigung der Auseinandersetzung vorausging". Nein, "entgegen anders lautender Gerüchte gibt es nach dem Zwischenfall in Chemnitz keinen zweiten Todesfall". Fast verzweifelt appellieren die Beamten: "Handeln Sie besonnen und gewaltfrei! Distanzieren Sie sich von Gewaltaufrufen und Hetze. Beteiligen Sie sich nicht an weiteren Spekulationen."

Trauer. Und Hass, Wut, Gewalt

Der Aufruf der Polizei verhallt, die Gerüchte haben zu sehr verfangen. Die Empörung im Netz wächst, die Deutungshoheit haben andere übernommen, so wirkt es in mancher Filterblase. Es folgen Aufrufe zum Widerstand, es soll gezeigt werden, wer in der Stadt das Sagen hat.

Stunden später liegen Blumen am Tatort, Menschen trauern um Daniel H. "Rest in peace" – Ruhe in Frieden – steht auf einer Kerze. Doch die Trauer wird verdrängt. Der Hass und die Wut regieren die Straßen von Chemnitz. Und auch die Gewalt ist zurück.

Am Dienstag gab die Chemnitzer Staatsanwaltschaft bekannt, dass die beiden mutmaßlichen Täter nach bisherigen Erkenntnissen nicht in Notwehr gehandelt haben. Weitere Einzelheiten zum Tathergang hat sie nicht genannt. Von einer vorangegangenen Belästigung einer Frau ist weiter nicht die Rede. Laut Polizei geben auch "Spuren und objektive Beweismittel" für eine solche Belästigung keine Hinweise.

Rechte und linke Demos: Chemnitz: Ein Stadt zwischen Trauer und Hetze
mit DPA-Material