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Interview

Schauspieler Christian Redl: "Das Böse lauert in uns allen"

Der Schauspieler Christian Redl hat immer wieder Schurken verkörpert – kein Wunder bei diesem Blick. Nun bringt er seine Lieblingsstücke aus stern Crime auf die Theater-Bühne.

Christian Redl

"Wenn mir jemand aggressiv begegnete, musste ich ihn meist nur anschauen": Christian Redl, 68

Herr , als Schauspieler waren Sie der "Hammermörder" oder der grausame Müllermeister in "Krabat". Seit einiger Zeit aber spielen Sie in den hochgelobten "Spreewaldkrimis" einen Kommissar. Was fasziniert Sie mehr: der Glaube an das Gute oder die Macht des Bösen?

Der Glaube an das Gute hat mich nie besonders beschäftigt. Aber wie sich das Böse im Menschen Bahn bricht – das fasziniert mich schon sehr.

Warum?

Das fasziniert ganz sicherlich nicht nur mich. Das Böse lauert in uns allen, in unserem Keller sozusagen, und wir können froh sein, wenn es nicht eines Tages die Treppe hochkommt und uns heimsucht. schrieb in "Woyzeck": "Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht." Das ist mal ein Satz!

Im Februar werden Sie in auf der Bühne des St. Pauli Theaters in einer inszenierten Lesung zwei Texte aus unserem Schwester-Magazinstern Crime vortragen. Beide Mord-Geschichten handeln von Beziehungstaten. Warum beschäftigen Sie ausgerechnet diese Texte – und dieses Thema?

Weil mich Beziehungen beschäftigen. Und das Ende von solchen. Natürlich besonders, wenn eine Beziehung so fatal endet: Wo einst Liebe war, ist nun Hass. Wo einst Wärme war, herrscht nun eine mörderische Kälte. Wo einst Hoffnung keimte, breitet sich nun das Grauen aus. Mich faszinieren Wandlungen und Verwandlungen wie diese. Ich frage mich immer: Wo hat das Böse seinen Anfang genommen? Wann verstrich die letzte Chance, um der Geschichte noch ein gutes Ende zu geben? Was genau muss passieren, damit ein Mensch einen anderen Menschen auslöscht? Einen Menschen wohlgemerkt, der ihm einst das Schönste und Begehrens werteste war, was er sich vorstellen konnte.

Kann jeder Mensch zum Mörder werden?

Davon bin ich überzeugt. Man muss einfach nur in eine Situation kommen, in der sich – wie durch eine Turbine beschleunigt – die Ereignisse überschlagen. So wie in den Kriminalromanen von Georges Simenon: Ein ganz normaler Mann wird in eine Geschichte verwickelt, die ihn restlos überfordert. Bis zu dem Punkt, wo er sich selbst nicht mehr wiedererkennt.

Finden Sie sich in Simenon wieder?

Ansatzweise kenne ich das aus meinem früheren Leben. Wenn ich allein und ziemlich benebelt im Dunkel der Kneipe saß und in den Spiegel über der Bar blickte, fragte ich mich nicht: Wer bin ich? Sondern: Wer ist das?

Mit dem Bösen kennen Sie sich angeblich aus. Jedenfalls als Schauspieler. Bis vor einigen Jahren war ziemlich klar: Wo Redl auftauchte, ging es düster und gefährlich zu.

Was ich mir zu einem guten Teil auch selbst zuzuschreiben habe: Ich habe nun einmal – leider oder auch zum Glück – die Visage eines Mannes, dem man offensichtlich sehr viel kriminelle Energie zutraut. So sahen und sehen es jedenfalls viele von denen, die beim das Sagen haben. Nach dem Motto: Pass bloß auf! Sprich ihn lieber nicht an! Das begleitet mich, seit ich Schauspieler bin.

Stört Sie das?

Inzwischen nicht mehr. Ich bin nur einfach ein ganz anderer Mensch. Ich lache gerne, esse gerne, trinke gerne. Ich bin sehr kommunikativ und mache jeden Blödsinn mit. Als junger Schüler auf der Schauspielschule saß ich mit Studienkollegen zusammen und fühlte mich isoliert. Keiner sprach ein Wort mit mir. Ein paar Wochen später habe ich dann mal nachgefragt: Was war eigentlich falsch mit mir, dass ihr nicht mit mir reden wolltet? Die Antwort war: "Wir dachten, du seist so ein Lude aus Hamburg." Sie hielten mich tatsächlich für einen Schläger.

Und dann hat Sie auch Ihr Publikum in die Schublade des Gewalttäters gesteckt?

Das lag an dem unsäglichen "Hammermörder" . Oder an dem Glücksfall "Hammermörder" – je nach Betrachtungsweise. Dieser Film von 1990 war für mich Fluch und Segen zugleich. Auf ihn werde ich bis heute angesprochen. Die Leute haben sich damals vor mir gegruselt. In Wiesbaden betrat ich in den 90er Jahren mal nachmittags ein nettes Damencafé. So mit Plüsch und allem, was dazugehört. Und am Abend zuvor war eine Wiederholung des "Hammermörders" im Fernsehen gelaufen. Ich komme also in das Café, und eine ältere Dame erblickt mich. Aus zehn Meter Entfernung streckt sie mir ihren nackten Finger entgegen und keift auf Badisch durch den ganzen Raum: "Horsche Se mal! Warn Sie des gestern Abend? Des war ja färchterlisch! Isch hab die ganze Nacht net gschlaffe!"

Passiert Ihnen so etwas noch immer?

So extrem nicht mehr. Aber die Menschen sehen in mir offensichtlich weiterhin den dunklen, abgründigen Typen. Dass ich früher am Theater viele komische Rollen gespielt habe, glauben mir nur wenige.

Weil Ihr Publikum Sie und Ihre Rollen durcheinanderbringt.

Nicht nur das Publikum. Ich habe mal in einem Knast gedreht. Echte Mörder spielten als Statisten mit. Mir wurde ganz anders. Ich dachte: Zeig jetzt bloß keine Angst! Da raunte mir einer der Insassen zu: Du bist doch auch einer von uns, oder?

Andererseits: Angepöbelt werden Sie nie, oder?

Nein, das ist die gute Seite der Medaille. Wenn mir in einem Lokal mal jemand aggressiv gegenübertrat, musste ich ihn meist nur anschauen. Ich brauchte nicht mal aufzustehen. Der Blick reichte. Dabei war und ist mir Gewalt vollkommen zuwider. Ich würde im Ernstfall immer die Flucht ergreifen.

Haben Sie lange unter Ihrer düsteren Ausstrahlung gelitten?

Im Gegenteil, ich war sogar mal richtig stolz darauf. In jungen Jahren, als ich deutlich mehr Alkohol trank als heute, gab ich mich stets hart und kalt und unnahbar. Kalt wie ein Haifisch wollte ich wirken. Keine Emotion! Nichts! Ich ging total auf Distanz zu anderen Menschen und bemerkte gar nicht, wie sehr ich den Blick auf mich mit dieser Wahnsinnsidee einengte. Das machte sich natürlich auch bei den Rollenangeboten bemerkbar. Dabei sehnte sich alles in mir nach Durchlässigkeit, nach Herzenswärme, nach Offenheit. Andererseits: Ich hatte es tatsächlich geschafft, dass niemand bemerkte, wie unsicher ich im Grunde meines Herzens war. Ein Triumph, der natürlich nicht lange anhielt. War der Abend vorbei, fiel die Maske in sich zusammen – übrig blieb eine dröhnende Leere im Kopf. Keine gute Zeit.

Vor was haben Sie sich als Kind gefürchtet?

Ich hatte Angst davor, dass die Leute mich durchschauen und mir auf die Schliche kommen.

Ganz konkret: Wovor haben Sie sich gegruselt?

Vor Hitchcocks "Psycho". Da gibt es doch diese Szene am Ende, wo sich Anthony Perkins in seine Mutter verwandelt. Als ich das zum ersten Mal sah, habe ich alle Türen abgeschlossen, alle Fenster zugemacht. Pure Angst. Das war furchtbar.

Hatten Sie auch Angst, wenn Sie in den Keller gehen mussten?

Das sowieso. Als Kind war der Gang in den Keller der reinste Horror für mich. Oder der Nachhauseweg, wenn es dunkel war. Da bin ich gerast, wie von Furien gejagt. Richtig mutig war ich nie. Aber im Laufe der Jahre entwickelte sich ja diese Physiognomie, und dann wurde es ein bisschen besser. Trotzdem: Ich habe meine Stärke immer nur gespielt. Das war sehr anstrengend.

Gruselt es Sie, wenn Sie Krimis lesen? Gibt es dabei Grenzen? Szenen, die Sie nicht ertragen?

Nein, kein Problem. Ich lese alles. Was mir wirklich nahegeht, ist Quälerei im wirklichen Leben. Wenn Menschen oder Tiere leiden müssen.

Sie sind Schauspieler, Sie haben Hörbücher eingelesen, Sie sind Musiker, komponieren und texten eigene Lieder. Reizt es Sie nicht, mal einen Roman, vielleicht sogar einen Krimi zu schreiben?

Meine Frau sagt ständig zu mir: Schreib deine Geschichten endlich auf. Ein guter Freund hat mal versucht, mich zum Schreiben zu bewegen, indem er mir sagte, was Philip Roth könne, das könne ich auch. Ich müsse mich nur mal ein bisschen anstrengen.

Ein gewagter Vergleich. Ist da etwas Wahres dran?

Weiß ich nicht. Wahr ist: Um einen Roman zu schreiben, bin ich wahrscheinlich zu faul. Ich finde das Schreiben sehr anstrengend. Es ist eine sehr mühsame Angelegenheit. Auch nach tausend Korrekturen bin ich nicht zufrieden.

Welcher Schriftsteller hat Sie geprägt?

Albert Camus. In "Der Fremde" wird der Protagonist Meursault auf dem Weg zur Hinrichtung zur Guillotine geführt. Über ihn schreibt Camus, er spüre in diesem Moment zum ersten Mal die "zärtliche Gleichgültigkeit der Welt" . Diese unglaubliche Verbindung von Zärtlichkeit und Gleichgültigkeit hat mich umgehauen. Das ist ein Gedanke, der mich bis heute beschäftigt.

Hat das etwas Tröstliches, wenn man älter wird? Sie werden im April 69 Jahre alt.

Unbedingt. Jeder Tag ist ein Geschenk.

Interview: Tobias Schmitz