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Ciudad Juarez: 17 Tote pro Tag sind hier normal

Maria Conception Molina machen die Toten keine Angst mehr, dafür hat sie schon zu viele gesehen: Leichen ohne Kopf, Leichen ohne Arme, ohne Beine. Erschossen, erstochen, erstickt. Molina arbeitet als Rechtsmedizinerin in Ciudad Juarez, jener mexikanischen Grenzstadt im Würgegriff von Drogen, Korruption und Prostitution.

Noch im Tod scheinen die Augen des Mannes um Erlösung zu flehen. Fürchterlich haben seine Mörder ihn misshandelt. Dann schnitten sie ihm den Kopf ab, packten ihn in eine Plastiktüte und warfen ihn mitsamt dem Torso zwischen zwei Sattelschlepper am Straßenrand.

Wie bei den meisten Morden in Ciudad Juarez fand die Polizei keine Zeugen, keine Tatwaffe, keine Spuren, nichts. Nur der geschundene Leichnam auf dem Seziertisch kann jetzt noch Hinweise darauf geben, wer der Mann war und wie er starb. "Jedes Organ sagt uns etwas", erklärt die Medizinerin Maria Conception Molina. Sorgfältig entfernt sie das Klebeband aus dem Gesicht des Toten. Es ist ihre dritte enthauptete Leiche diese Woche.

An den überfüllten Leichenschauhäusern der Grenzstädte lässt sich ablesen, wie der Drogenkrieg in Mexiko eskaliert. 6290 Tote waren es 2008, doppelt so viele wie im Vorjahr, und schon über 1000 in den ersten acht Wochen dieses Jahres. Jede Schusswunde, jeder Knochenbruch demonstriert, wie erbittert die Kartelle gegen die Sicherheitskräfte und gegeneinander kämpfen. In den weißen Leichensäcken liegen Polizisten und Killer Seite an Seite.

Zwölf Stunden am Tag, manchmal sieben Tage die Woche schuften die Mitarbeiter der Rechtsmedizin und untersuchen die Opfer. Als die Sargtischler in Tijuana im Dezember in Rückstand gerieten, mussten im dortigen Leichenschauhaus 200 Tote in Kühlfächern für 80 untergebracht werden. "Manchmal haben wir hier so viele Leute, so viele Leichen, dass wir nicht mehr nachkommen", klagt der Leiter Federico Ortiz.

Grenzstadt mit den meisten Morden

In Ciudad Juarez, der Grenzstadt mit den meisten Morden, nehmen Ermittler dem kopflosen Toten Fingerabdrücke ab. Molina schätzt sein Alter auf ungefähr 30. Auf einer roten Plastikplane legt sie seine Kleidungsstücke aus und fotografiert sie: ein von Messerstichen zerfetztes T-Shirt, eine Jeans, Boxershorts. "Manchmal zeigen wir Familienangehörigen diese Bilder, und sie sagen, das ist seine Kleidung, aber er ist es nicht", berichtet sie. "Das ist ein Abwehrmechanismus."

In der 1,3 Millionen Einwohner zählenden Stadt gegenüber El Paso in Texas sind Leichenschauhaus und kriminaltechnisches Labor hochmodern - dank internationaler Unterstützung nach einer Serie von Frauenmorden: Seit 1993 wurden über 400 Frauen vergewaltigt, erwürgt und in der Wüste abgeladen. Sieben Ärzte arbeiten im Leichenschauhaus, zwei davon wurden erst in den letzten zwei Wochen angestellt. Bis nächstes Jahr soll die Kapazität verdoppelt werden. 2300 Verbrechens- und Unfallopfer wurden voriges Jahr hier untersucht. Im Januar und Februar dieses Jahres waren es schon 460. Andere Fälle nimmt das Leichenschauhaus nicht mehr an.

Fast 40 Prozent der Toten wurden voriges Jahr positiv auf Kokain oder Marihuana gestestet. Rund 20 Prozent wurden von ihren Angehörigen nie abgeholt, oft aus Angst. Im Labor stapeln sich Kartons mit blutbefleckten Cowboystiefeln, Handys, kugelfesten Westen und anderen Habseligkeiten bis zur Decke. Die Drogenbanden wissen, wie Spuren an den Opfern die Ermittler zu den Tätern führen können. Sie haben schon Leichenschauhäuser überfallen, die hilflosen Mitarbeiter mit Waffen bedroht und Leichen davongeschleppt.

Soldaten bewachen die Leichen

Jetzt stehen Soldaten Wache, wenn vermutlich ein bekanntes Bandenmitglied unter den Toten ist. In Tijuana werden Angehörigen die Fotos zur Identifizierung durch ein Schutzfenster gezeigt. Direktor Ortiz hat kugelsicheres Glas und auch einen Zaun um das Gebäude beantragt.

In Ciudad Juarez werden an diesem Nachmittag und Abend 17 Tote hereingerollt, darunter der stellvertretende Polizeichef und drei weitere Beamte. "Wenn das so weitergeht, kriegen wir leicht ein weiteres Rekordjahr. Wir steuern auf 2000 Tote in zehn Monaten zu", sagt Hector Hawley, der Verwaltungschef der Gerichtsmedizin. "Wir brauchen viel mehr Hilfe."

Die Medizinerin Molina versucht noch immer festzustellen, an welcher der zahllosen Verletzungen der Mann ohne Kopf letztendlich gestorben ist. Nach eineinhalb Stunden entscheidet sie: Todesursache Ersticken, durch das Klebeband über Mund und Nase. Anderntags identifiziert ihn eine Frau mit versteinertem Gesicht anhand der Fotos als ihren Bruder: Victor Alfonso Picaso, 23 Jahre alt. "Sie schien schon zu wissen, was sie hier finden würde", berichtet der Psychologe Luis Mejia. "Sie wollte nur den Leichnam abholen und es hinter sich bringen."

Julie Watson/AP / AP