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Tod einer 16-Jährigen: Cold Case eines Teenager-Mordes: Was kann eine Hautschuppe beweisen?

Nach mehr als 25 Jahren scheint der Mord an Nicole-Denise aufgeklärt. Einzig eine Hautschuppe führt zum Täter – oder doch nicht? Die Geschichte eines Cold Case aus Dortmund.

Von Marc Bädorf

DNA-Analyse: Wurde nun der Mord an Nicole-Denise Schalla aufgeklärt?

Am 14. Oktober 1993 begegnete Nicole-Denise Schalla ihrem Mörder, nur wenige Hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Sie wurde 16 Jahre alt. Möglicherweise konnte der Täter mittlerweile durch seine DNA überführt werden.

Ein Mensch, der in Deutschland eines Mordes angeklagt wird, kann davon ausgehen, dass er auch verurteilt wird. Freisprüche sind bei diesem Delikt selten vor deutschen Gerichten, oft ist der Tathergang klar und eindeutig und wird von niemandem bestritten. Viele Mörder gestehen ihre Tat, erörtert wird vor Gericht dann vor allem, welche Motivation und Vorgeschichte sie haben, welche Teile ihrer Biografie sie am meisten geprägt haben. Nur manchmal, einige Male im Jahr, liegen die Dinge anders, und alles, was am Anfang so klar zu sein schien, löst sich vor Gericht auf in einem unendlichen Grau.

Nicole-Denise Schalla war ein schlankes Mädchen mit langem, lockigem Haar, das die elfte Klasse eines Gymnasiums besuchte, in Dortmund bei seinen Eltern lebte und die Freizeit vor allem mit Pferden verbrachte. Sie hatte eine Schwester, mit der sie sich gut verstand, und einen Freund, mit dem sie erst seit so Kurzem zusammen war, dass ihre Eltern ihn noch nicht kennengelernt hatten. Schalla war eine ordentliche Schülerin mit vielen Freunden, die Beziehung zu ihren Eltern war gut. Alles in allem gab es an ihrem Leben nicht viel auszusetzen. Dann kam der 14. Oktober 1993.

Welchen Bus hat Nicole-Denise Schalla damals genommen?

Schalla hat den Nachmittag dieses Herbsttages in einem Reitstall verbracht, anschließend ist sie zu ihrem Freund ins wenige Kilometer entfernte Herne gefahren. Gegen 21.35 Uhr bricht sie dort auf, um sich auf den Weg nach Hause zu machen. Es regnet, der Weg ist weit und kompliziert, und ihr Freund bietet ihr an, sie von seinem Vater nach Hause bringen zu lassen. Schalla lehnt ab, sie nimmt den Bus. Mit welchen Bussen genau sie fährt, ist nicht mehr eindeutig festzustellen, fest steht bloß, dass sie mehrmals umsteigt und etwa eine Stunde später, gegen 22.45 Uhr, die Linie 462 Richtung Huckarde an der damaligen Haltestelle Jungferntal verlässt. Ihr Elternhaus ist jetzt nicht mehr fern, es sind nur noch wenige Hundert Meter.

Am Körper der 16-Jährigen wurde DNA von Ralf H. gefunden, der bereits mehrfach wegen Gewalttaten gegen Frauen verurteilt wurde. Er bestreitet aber, das Mädchen getötet zu haben.

Am Körper der 16-Jährigen wurde DNA von Ralf H. gefunden, der bereits mehrfach wegen Gewalttaten gegen Frauen verurteilt wurde. Er bestreitet aber, das Mädchen getötet zu haben.

Schalla trägt Kopfhörer, wahrscheinlich hört sie mit einem Walkman Musik, wahrscheinlich bekommt sie nicht mit, dass hinter ihr ein Mann aussteigt. Dieser Mann ist etwa 30 Jahre alt und sieht gepflegt aus, nach dem Aussteigen schlägt er die Kapuze über den Kopf. Dann geht er in die gleiche Richtung wie Schalla, unklar bleibt, ob er ihr folgt.

Am nächsten Morgen gegen acht Uhr entdeckt eine Zeitungsbotin die Leiche einer jungen Frau. Sie liegt unter einer Hecke in der Feuerwehreinfahrt der Jungferntalschule, ist halb nackt, die Hose ist herunter-, der Pullover hochgeschoben. Der Walkman, der bei der Leiche liegt, ist eingeschaltet, aber die Batterie ist leer. Der Regen, der in der Nacht auf den Körper gefallen ist, hat aufgehört. Nicole-Denise Schalla, Pferdeliebhaberin, Elftklässlerin, Schwester und Tochter, ist tot. Ihre Eltern, die zu einem Kurzurlaub in die Niederlande aufgebrochen sind, erfahren es am Telefon. Ihre Tochter wurde 16 Jahre alt.

An Schallas Hals finden sich eindeutige Zeichen, dass sie erwürgt wurde. Noch am selben Tag beginnen die Ermittlungen der Polizei. Der Busfahrer der Linie 462 und eine weitere Passagierin berichten von dem Mann, der hinter Schalla ausgestiegen ist. Das Phantombild eines Mannes mit Locken wird gezeichnet, Polizeiwagen fahren durch die Straßen und rufen mit Lautsprecherdurchsagen Zeugen auf, sich zu melden. Doch der Mann, der hinter Schalla den Bus verlassen hat, meldet sich nie. Ob er etwas mit dem Mord zu tun hat, weiß bis heute niemand.

Vier Tage nach der Tat finden Kinder Schallas Rucksack an einer Fußgängerbrücke über der A 45, wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt. Ein Schirm und ein Portemonnaie fehlen, beide Gegenstände wurden bis heute nicht gefunden. Er werde den Mörder seiner Tochter bis ans Ende der Welt jagen, sagt Schallas Vater damals einer Zeitung.

Nach einer Zeit wird der Fall zum Cold Case

Doch die Ermittlungen der Polizei stagnieren, Befragungen von Zeugen führen nirgendwohin. Irgendwann wird der Fall beiseitegelegt, anschließend nur noch in großen Abständen wieder hervorgeholt: im Jahr 2000, als ein neuer Ermittler übernimmt. Im Jahr 2007, als neue Methoden der DNA-Analyse zur Verfügung stehen. Im Jahr 2013, als durch nochmals verfeinerte Methoden eine DNA-Spur an Schallas Rucksack gefunden wird. 100 Männer geben eine Speichelprobe ab, keine passt zu der Spur.

Die Eltern Schallas leben weiter – ohne zu wissen, wer ihre Tochter getötet hat. Doch dann, plötzlich, im Jahr 2018, präsentiert die Polizei den mutmaßlichen Mörder. "Mädchenmord nach 25 Jahren aufgeklärt", schreibt eine Zeitung, der leitende Ermittler überbringt den Eltern die Nachricht. Er sei sehr froh, sagt er in einem Fernsehinterview, diesen Moment erlebt haben zu dürfen. Die Polizei hat wieder einen Cold Case gelöst.

Oder doch nicht?

Cold Cases sind Fälle, die vor Jahren oder sogar Jahrzehnten geschehen sind und damals ungelöst blieben. Die Akten dieser Fälle, fast ausschließlich Tötungsdelikte, bleiben offen, sie werden immer wieder hervorgeholt und auf neue Hinweise untersucht. War es früher fast unmöglich, einen Fall, der eine kleine Ewigkeit zurücklag, noch zu lösen – Zeugen waren verstorben oder erinnerten sich nur noch in Schemen, Spuren waren verschwunden und ganze Tatorte zugebaut –, wurden in den vergangenen Jahren reihenweise alte Fälle gelöst. Das hat vor allem einen Grund: die besseren Analysemöglichkeiten von DNA-Spuren.

Während es bis weit in die 90er Jahre sehr schwer war, Spuren einem Täter zuzuordnen, können heute selbst aus den kleinsten Hautschuppen DNA-Muster entwickelt und in riesige Datenbanken eingegeben werden – und findet sich dieses DNA-Muster in einer der Datenbanken (etwa weil der DNA-Träger schon einmal wegen einer Straftat verurteilt wurde), hat man den Täter, oft.

Häufig gibt es in diesen Cold Cases nicht viel anderes als die DNA, die den Mörder mit seinem Mord in Verbindung bringt – keine Zeugen, keine Beziehungen, keine Indizien. Das steht einer Verurteilung meist nicht im Wege, wenn die DNA eine eindeutige Spur ergibt, ihren Ursprung zum Beispiel in Blut oder Sperma hat. Tut sie das nicht, entstehen Probleme.

DNA-Code in BKA-Datenbank

Auch im Fall Schalla führte ein DNA-Abgleich zum vermeintlichen Täter. Aus einer Hautschuppe, die an der Leiste von Schalla gefunden wurde und die mit dem menschlichen Auge kaum sichtbar war, wurde ein DNA-Muster erstellt. Als dieser DNA-Code in die Datenbank des Bundeskriminalamts eingegeben wurde, gab es einen Treffer: Ralf H., ein 53-Jähriger aus Münster, der zur Zeit des Mordes in der Nähe des Tatorts gelebt hatte. 25 Jahre nachdem er Schalla umgebracht haben soll, wurde er des Mordes angeklagt.

Der Prozess gegen Ralf H. findet im Landgericht Dortmund statt, es ist ein gut besuchter Prozess, viele Bekannte und Freunde der Schallas kommen. Ralf H., ein großer Mann mit schwarzen, zu einem Zopf gebundenen Haaren und Oberlippenbart, sitzt, umrahmt von seinen Verteidigern, links des Vorsitzenden Richters, ihm gegenüber Staatsanwaltschaft und die Nebenklage, die aus Joachim und Sigrid Schalla, den Eltern von Nicole-Denise, und ihrer Anwältin Arabella Pooth besteht. Von dem Mann, der des Mordes an ihrer Tochter angeklagt ist, trennen sie kaum fünf Meter.

H. verteidigt sich weitestgehend selbst, er tut das mit dem Furor eines Unschuldigen – ob er es ist oder nicht. Immer wieder ergreift er das Wort, mit dem Mord an Schalla, das hat er von Beginn an deutlich gemacht, habe er nichts zu tun. Mehrmals haben seine Anwälte bereits einen Antrag auf Haftverschonung gestellt, zudem wollte H. das Gericht für befangen erklären lassen. Die Anträge wurden allesamt abgelehnt.

H. saß in den vergangenen Jahrzehnten viele Jahre im Gefängnis, mehrfach wurde er verurteilt, weil er Frauen überfallen hatte. Einmal war er auf einer WG-Feier, auf der er niemanden kannte, einer Frau auf die Toilette gefolgt. Dort schlug er sie, vollkommen aus dem Nichts, mit einer Bierflasche nieder. Anschließend griff er ihren Kopf an den Haaren und schlug ihn mehrmals gegen eine Wand. Er hörte erst auf, als ein weiterer Besucher der Feier die Toilette benutzen wollte.

Auch bei seinen weiteren Taten gegen Frauen wandte H. Gewalt an, daneben hatten sie noch zwei weitere Merkmale gemein: Sie fanden in der Öffentlichkeit statt und waren gegen Frauen gerichtet, die H. gar nicht oder nur sehr flüchtig kannte. Das passt beides zum Fall Schalla, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich neben einer Straße ermordet wurde und zuvor keinerlei Beziehung zu Ralf H. gehabt hatte.

Trotzdem kommt ein psychiatrischer Gutachter im Prozess zum Schluss, dass das Muster der vorherigen Taten Ralf H.s nicht zu dem des Mordes an Schalla passe. Denn anders als der Täter bei Schalla, bei der die Hose herunter- und der Pullover hochgeschoben waren, habe Ralf H., so der Gutachter, bei seinen Angriffen auf Frauen keine sexuelle Motivation gezeigt. Auch das Phantombild, das von dem Schalla folgenden Fahrgast gezeichnet wurde, passt nicht so zu H., dass es eine Verurteilung unterstützen würde – die Person könnte er, aber mindestens genauso gut jemand vollkommen anderes sein.

Hautschuppen sind das Wichtigste in dem Prozess

So hängt der Prozess an Hautschuppen. Zur ersten ist inzwischen eine zweite gekommen, die auf einem Spurenträger, genommen 1993 vom Oberschenkel Schallas, gefunden wurde, ebenfalls eindeutig H. zuzuordnen. Aber heißt das auch, dass H. Schalla berührt hat? Oder kann seine DNA auf anderen Wegen auf ihre Haut gelangt sein?

Es sind diese Fragen, die darüber entscheiden, ob Ralf H. wahrscheinlich lebenslang ins Gefängnis geschickt wird, es sind diese Fragen, deren Beantwortung aus ihm einen Mörder macht oder nicht.

Es könne doch sein, sagen Ralf H. und seine Verteidiger, dass Schalla seine DNA-Spur am Vorabend im Bus aufgenommen habe, immerhin seien die beiden oft mit der gleichen Linie unterwegs gewesen. Dies könne man sich zum Beispiel so vorstellen: Ralf H. hält sich an einer Stange im Bus fest, die später auch Schalla umgreift. Dabei nimmt sie seine Hautschuppe auf, kratzt sich anschließend an der Leiste und verteilt dort die DNA.

Sehr unwahrscheinlich, sagen die Gutachter dazu, denn es sei bekannt, dass Schalla sich täglich duschte und im Reitstall die Kleidung wechselte. Auszuschließen sei es aber nicht.

Es könne doch auch sein, sagen H. und seine Verteidiger, dass der tatsächliche Mörder die DNA von H. auf die Leiche von Schalla übertragen habe. Dies hätte zum Beispiel geschehen können, wenn H. den Mörder von Schalla umarmt habe, sich dabei Hautschuppen übertragen hätten, die der Täter dann wiederum bei dem Mord auf Schalla verloren hätte.

Sehr unwahrscheinlich, sagen die Gutachter dazu, weil man dann eigentlich auch die DNA des Überträgers an Schallas Leiche hätte finden müssen. Aber auszuschließen sei es nicht.

Sehr unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen – reicht das, um möglicherweise den Mörder einer jungen Frau laufen zu lassen?

Jährliche Todesanzeige

Und ebenso: Kann man auf Grundlage dieser Einschätzungen einen Menschen zu einer möglicherweise lebenslangen Haftstrafe verurteilen?

Zu sagen, dass es das Leben dem Ehepaar Schalla nicht leicht gemacht hat, wäre eine gehörige Untertreibung. Nachdem Nicole-Denise Schalla er mordet wurde, starb die zweite Tochter an Krebs. Seit dem Mord an Nicole-Denise befinden sich die Eltern durchgehend in psychologischer Behandlung, vor Prozessbeginn ließen sie sich, aufgewühlt von der Nachricht der vermeintlichen Entdeckung des Mörders, in eine psychiatrische Klinik einweisen.

Den Mord an ihrer Tochter haben die Schallas nie verwinden können. In jedem Jahr seit ihrem Tod schalteten sie in der Lokalzeitung, den "Ruhrnachrichten", eine Todesanzeige für ihre ermordete Tochter.

13. Oktober 2012:

Ist es wirklich schon so lange her?

WIR VERMISSEN DICH SO SEHR!

In Liebe

Mama und Papa,

Deine Schwester Janina

und Deine Oma

14. Oktober 2015:

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,

von vielen Blättern eines.

Dies eine Blatt, man merkt es kaum,

denn eines ist ja keines.

Doch dieses eine Blatt allein

war Teil von uns'rem Leben,

drum wird dies eine Blatt allein

uns immer wieder fehlen.

Wir vermissen dich!

In Liebe

Mama, Papa und Damian

Die Eltern seien überzeugt davon, sagt Nebenklage-Anwältin Arabella Pooth, dass Ralf H. der Mörder ihrer Tochter sei.

Möglicher Freispruch

Wenn der Angeklagte im Prozesssaal spricht, stützt Joachim Schalla, ein eher kleiner Mann mit grauen Haaren und Bart, seine Ellbogen auf den Tisch, verschränkt seine Arme ineinander und vergräbt seinen Kopf darunter. Die Prozesstage seien nur schwer erträglich für die Schallas, sagt Pooth, sie hätten eigentlich nur noch eine einzige Frage: Wann sei dieser Prozess endlich zu Ende?

Anfangs waren vier Verhandlungstage angesetzt, inzwischen sind es 14 geworden, einmal wurde sogar an einem Samstag prozessiert, die Lage ist zu verworren. Die Verteidigung von H. hat noch mehrere An träge gestellt, Anfang Juli soll das Urteil fallen.

Es käme einer Katastrophe für die Schallas gleich, sagt Anwältin Pooth, wenn Ralf H. freigesprochen würde. Aber es ist möglich.

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