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"Cyber-Grooming": "Mein 14-jähriger Sohn lernte im Chat seinen Mörder kennen – und ich konnte es nicht verhindern"

Es sind sonderbare Lügengeschichten, die der Internetfreund an ihren Sohn im Chat schreibt. Die Eltern wollen nicht, dass Breck weiter mit ihm kommuniziert. Aber der Unsichtbare hat ihren Jungen schon längst im Griff.

Von Catalina Schröder und Michael Streck

"Mein 14-jähriger Sohn lernte im Chat seinen Mörder kennen"

Lewis Daynes spinnt Legenden. Er mailt Breck, er sei schwer krank und habe nicht mehr lange zu leben. Sagt, er wolle ihm seine Firma vermachen, es gäbe schon einen Käufer, der bis zu 135 Millionen Pfund biete. Er nennt Breck im Chat "the chosen one", den Auserwählten

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An einem grauen Londoner Herbstmorgen sitzt eine modisch gekleidete Frau in einem Café am Borough Market, einem der buntesten und lebendigsten Plätze dieser bunten und lebendigen Stadt, und redet von den Extrempolen des Daseins. Vom Leben und vom Tod.

Die Frau, sie heißt Lorin LaFave, erzählt vom glücklichsten und vom traurigsten Tag ihres Lebens. Ihr glücklichster Tag war der 17. März 1999, der Tag der Geburt ihres Sohns Breck, der sie zur Mutter machte. Endlich, nach Jahren des Wartens und Hoffens.

Gediegener, grüner Speckgürtel

Dann spricht sie vom traurigsten Tag ihres Lebens, 17. Februar 2014, ein Sonntag. Es ist der Tag, an dem Breck, 14 Jahre und 11 Monate alt, geliebter Sohn und Wunschkind, ermordet wurde. Seitdem, sagt Lorin, sei sie nur noch Hülle und Roboter, "ich funktioniere noch ein bisschen, aber nicht mehr richtig". Sie sagt, sie hätten versagt als Eltern, ihr geschiedener Mann Barry und sie. "Deine Kinder zu beschützen ist deine wichtigste Aufgabe. Am Ende konnten wir ihn nicht beschützen. Das kann ich ihm und mir nicht verzeihen."

Lorin spricht nicht mehr mit Brecks Vater. Sie macht ihn für den Tod des Sohnes mitverantwortlich.

Tags drauf, wieder ein grauer Londoner Herbstmorgen, sitzt ein elegant gekleideter Mann in einem Café in der Nähe des Borough Markets und trinkt Cappuccino. Der Mann, Barry Bednar heißt er, trägt einen grauen getrimmten Bart und ein dunkelblaues Sakko mit goldenen Knöpfen. Auch er, ein Zufall, hat diesen Ort gewählt. Als könnte das lebhafte Treiben des Marktes den Schmerz irgendwie lindern. Manchmal an diesem Morgen stockt seine Stimme, wenn er von Breck erzählt, der für ihn nicht nur Kind war, sondern auch Vertrauter, weil er sich mit ihm unterhalten konnte wie mit einem Erwachsenen. Ein Freund von Barry nannte den Jungen "Genie", da war Breck gerade drei Jahre alt.

Barry, der Vater, spricht an diesem Morgen auch von den heiteren Tagen, die er hatte mit Lorin und Breck und den Drillingen, zwei Jahre später geboren. Von den Tagen, als sie noch eine glückliche Familie waren. Von der Zeit, ehe Lewis Daynes in ihr Leben trat.

Die Grafschaft Surrey ist ein gediegener, grüner Speckgürtel im Südwesten Londons. Wer in den Management-Etagen der britischen Hauptstadt Geld gemacht hat und die Ruhe auf dem Land schätzt, leistet sich in Surrey gern ein Anwesen. Mit dem Zug sind es gerade mal 45 Minuten bis in die City.

In diesem Idyll wachsen Breck Bednar und seine Geschwister auf. 1997 sind ihre Eltern Lorin La Fave und Barry Bednar aus den USA nach England gezogen. Barry stammt aus Houston, Texas. Er hat viel Geld in der Öl- und Schiffsindustrie verdient. Lorin arbeitet als Assistenzlehrerin in einer Grundschule. Sie suchen auch deshalb ihr Glück in Großbritannien, weil ihnen das Land sicher erscheint und nicht voller Waffen ist wie ihre Heimat Amerika. Es ist ein gutes Land für ein Paar mit Kindern.

Lorin: "Breck war ein toller großer Bruder für die Drillinge. Er hat nie geflucht und war niemals gewalttätig. Als er größer wurde, hat er nie Alkohol getrunken oder Drogen genommen. Ich erinnere mich, dass ich meine Mutter früher als Teenager manchmal angeschrien habe, wenn ich sauer auf sie war: Ich hasse dich! Breck hat so etwas nie gemacht."

Barry: "Breck hat seine eigenen Computer gebastelt. Er hat all sein Geld gespart, das er zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekommen hat, um sich Hardware zu kaufen und immer bessere Computer zu bauen. Er hatte ein Talent für solche Sachen."

"Unser bester Shooter"

Breck ist sieben, als sich seine Eltern scheiden lassen, sie haben sich auseinandergelebt. Den Großteil ihrer Zeit verbringen die Kinder bei Lorin in Surrey. Barry zieht nach London. Jedes zweite Wochenende, in den Schulferien und zu Veranstaltungen in der Schule sehen die Kinder ihren Vater. Unter der Trennung sollen sie so wenig wie möglich leiden. Und tun das auch nicht.

Nach der Grundschule besucht Breck eine Privatschule. Breck schreibt gute Noten und spielt an den Nachmittagen Hockey in der Schulmannschaft. Er steckt sich früh hohe Ziele: Mit 13 fängt er beim "Air Training Corps" an, einer Jugendorganisation der Royal Air Force. Er beschließt, Pilot zu werden, und träumt davon, bald selbst mit einem Segelflugzeug zu fliegen.

Im September 2012 muss Breck auf eine staatliche Schule wechseln. Barrys Geschäfte laufen schlechter, er kann die hohen Schulgebühren nicht mehr bezahlen. Breck hängt nun wieder mit den Jungs ab, die er schon von früher kennt: mit Liam und Matt, mit Max, Tom und George. Lorin ist unglücklich über die neue Schule. Das Angebot an Fächern und Aktivitäten für den Nachmittag ist viel kleiner. Auch Hockey, Brecks große Passion, wird dort nicht mehr angeboten.

Lorin: "Noch heute denke ich: Hätte es damals bloß Hockey an der neuen Schule gegeben, dann hätte er doch Hockey spielen können statt Computer. Und all das wäre nicht passiert."

Kurz vor seinem 14. Geburtstag wird Breck von Liam, Matt, Max, Tom und George eingeladen, mit ihnen auf einer privaten Plattform im Netz Ballerspiele wie "Call of Duty" oder "Battlefield" zu spielen. Im Spiel übernehmen die Jungs die Rolle von Soldaten im Krieg. Breck ist gut darin. Seine Freunde nennen ihn alsbald "unseren besten Shooter".

Barry: "Breck schien unter den Jungs so etwas wie der Anführer zu sein, das machte mich stolz."

Auch der Betreiber des Servers ist beeindruckt von Breck. Im Netz nennt er sich EagleOneSix. Sein wahrer Name ist Lewis Daynes.

Viel ist nicht bekannt über das reale Leben des Lewis Daynes, geboren am 16. Oktober 1995 und damals 17 Jahre alt. Reales und virtuelles Leben verschwimmen zu einem surrealen Konstrukt aus Legenden, Pseudonymen und Lügen. Er wuchs, das weiß man, in schwierigen Verhältnissen auf. Die Eltern trennen sich, da ist er noch ein Kind. Die Mutter zieht zu einem neuen Mann nach Ägypten. Über den Vater ist so gut wie nichts bekannt. Der Junge wird hin- und hergeschoben; er lebt mal im Heim, mal mit Pflegefamilien und bei der Großmutter. Er leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Daynes wird in der Schule gehänselt und gilt als Computer-Nerd. Seine Bestimmung findet er schließlich im Netz.

Es kann kein Zufall sein, dass von Lewis Daynes im Internet kaum Fotos existieren, auf einem trägt er ein rotes T-Shirt und sieht aus wie ein Konfirmand mit roten Wangen, leicht abstehenden Ohren und starrem Blick aus grünblauen Augen. Er wirkt auf diesem Bild, als könne er niemandem etwas zuleide tun: zerbrechlich und knabenhaft.

Ein Star in der virtuellen Welt

Während sie online gemeinsam in virtuelle Kriegsszenarien abtauchen, kommunizieren Breck und seine Freunde per Headset. Lorin kann sie aus den Lautsprechern im ganzen Haus hören, Brecks Tür steht immer offen. Betritt sie sein Zimmer, verstummen die anderen. Kein Teenager spricht freiwillig mit der Mutter eines Freundes. Lediglich Lewis Daynes scherzt dann über Lautsprecher mit Lorin. Sie hat nichts gegen die Computerspiele, will aber wissen, wer derjenige ist, mit dem ihr Sohn einen Großteil seiner Freizeit verbringt. An der dunklen Stimme, die aus Brecks Boxen dringt, erkennt sie, dass er älter sein muss.

Lorin: "Mein erster Gedanke war, dass er ein 40-jähriger Pädophiler ist, der den Kindern falsche Tatsachen vorgaukelt. Dann dachte ich, er sei schwul. Ich habe nichts gegen Schwule, aber ich wollte nicht, dass Breck sich in seiner Sexualität von einem Erwachsenen beeinflussen lässt."

Man weiß inzwischen, dass Daynes seine Identität hinter einer Kaskade von Pseudonymen verschleiert, er ist wie ein Phantom und verschanzt sich online hinter einem Avatar. Immer wieder besteht Lorin darauf zu erfahren, wie Daynes aussieht. Doch nur einmal sehen seine Mitspieler, offenbar ein Versehen, sein Gesicht.

Man weiß außerdem, dass Daynes der Besitzer der Serverplattform "Starfield Hosting Solutions" und Spinmaster einer Onlinespielergruppe mit weltweit 400 Mitgliedern war. Er gibt sich wahlweise aus als Unternehmer, Millionär, FBI-Agent oder als amerikanischer Regierungsmitarbeiter.

In der virtuellen Welt ist Daynes ein Star, der in einem schicken Appartement in New York lebt.

An einem Abend im Frühjahr 2013 wundert sich Lorin, warum ein junger Mann, der angeblich in Manhattan sitzt, am Freitagabend nicht ausgeht, feiert und mit Frauen flirtet und stattdessen mit einer Gruppe Halbwüchsiger im Tausende Kilometer entfernten England Ballerspiele spielt. Er sei zu müde zum Partymachen, sagt Lewis darauf, "anstrengende Woche". Er hat immer eine Antwort. Mal vage, mal ausweichend. Aber immer eine Antwort. Die Jungs glauben ihm. Und bewundern ihn.

Breck und Matt versuchen sich im Programmieren, und Daynes ermutigt sie. Alles, was Lewis verkörpert, entspricht dem, was insbesondere Breck für den idealen Lebensstil hält: die Reisen an exotische Orte, die tollen Jobs, das viele Geld, das er angeblich verdient. Einmal behauptet er, zwei Millionen Pfund in der Netzwährung Bitcoin zu besitzen. Daynes ist für die Jungs ein Vertrauter. Und für Breck ist er bald noch mehr: Lewis Daynes wird für ihn zur wichtigsten Bezugsperson.

In der realen Welt ist Daynes eine arme Kreatur, die von Sozialhilfe in einer kleinen Wohnung in der Rosebery Road in Grays, Essex, lebt.

"Wir wussten ja immer, wo Breck war."

Es ist eine mittelmäßige Straße in einer mittelmäßigen Stadt an der Themse, außerhalb des Autobahnrings M 25. Es gibt Leute, die sagen, das Beste an Grays sei eben diese Autobahn nach London. Aus seiner Wohnung betreibt er sein Onlineimperium, pflegt Bekanntschaften über das Netz. Und fischt in diesem Netz nach Jungen. Im Englischen gibt es dafür den Ausdruck "Grooming". Er bedeutet so viel wie manipulieren und sich in das Leben von anderen Menschen einschleichen.

Lewis Daynes ist ein Meister darin.

Er groomte bereits 2010, da war er 14, via Skype einen 13-Jährigen aus den USA, den er so lange mit seinen Legenden umrankte, bis der Junge seinen Eltern eine Powerpoint-Präsentation vorlegte. Der Titel: "Warum Lewis bei uns leben sollte". Die Eltern verboten den Kontakt, und wahrscheinlich war es sein Glück, dass der Junge auf einem anderen Kontinent lebte und nicht, wie Breck Bednar, lediglich 50 Kilometer entfernt.

Die geheimnisvolle Aura, mit der Daynes die Jungs anfangs in seinen Bann zieht, lässt Matt, Liam, Tom, Max und George bald misstrauisch werden. Auch weil er sie zunehmend gängelt. Er gibt die Regeln vor, und wer ihnen nicht folgt, wird verstoßen. Daynes will nicht, dass sie Nachrichten schauen oder Zeitung lesen. Er zürnt, dass die Medien die Wahrheit verzerren. Obendrein hat er eine beängstigende Obsession. Er schickt den Jungs ein Video von Enthauptungen. Brecks Freund Liam wird später sagen: "Alles, was er getan hat, war, unsere Leben in möglichst beschissene Leben zu verwandeln."

Breck lässt sich von der Skepsis seiner Freunde nicht beeindrucken und wendet sich allmählich von ihnen ab. Er sieht in Daynes unbeirrt ein Vorbild. Auch das Verhältnis zur Mutter leidet. Lorin ist hin- und hergerissen. Einerseits hält sie es für normal, dass Breck ihr neuerdings ständig widerspricht. Schließlich ist er ein Teenager. Andererseits beschleicht sie das Gefühl, dass es nicht die Hormone sind, die ihren Sohn verändern. Sondern der Einfluss von Lewis Daynes.

Barry: "Ich weiß, dass ich mich als Jugendlicher auch für schlauer hielt als meinen Vater, deshalb konnte ich es nachvollziehen, dass Breck sich von uns nicht mehr so viel sagen lassen wollte. Ich fand Daynes merkwürdig, aber große Sorgen habe ich mir nicht gemacht. Wir wussten ja immer, wo Breck war."

Breck verbringt seine Freizeit im Sommer 2013 ausschließlich vor dem Computer. Wann immer Lorin mit ihm redet, ist es nun Daynes, der aus Breck spricht. Wenn sie ihn bittet, im Haushalt zu helfen, antwortet er: "Lewis sagt, ich muss das nicht machen. Die Drillinge sind schuld an dem Chaos." Wenn sie ihn an seine Hausaufgaben erinnert, sagt er: "Ich brauche den Schulabschluss nicht. Lewis kann mir ein Praktikum bei Microsoft organisieren." Es ist normalerweise gar nicht seine Art, jemandem hinterherzulaufen. Früher hatte er alles ständig hinterfragt. Breck wird mehr und mehr zum Befehlsempfänger.

Bis heute kann Lorin LaFave den Namen Lewis Daynes nicht aussprechen. Sie sagt entweder "perpetrator", Täter, oder buchstabiert seinen Vornamen: L-E-W-I-S.

Hätte. Wäre. Konjunktiv.

Lorin versucht, den Sohn vom Computer abzulenken. Aber das funktioniert nicht. Breck betrachtet sie als jemanden, der jeglichen technologischen Fortschritt ablehnt und damit genau das Gegenteil von dem ist, was er an Lewis Daynes schätzt.

Lorin: "Ich glaube, je größer die Gefahr wurde, die ich in L-e-w-i-s sah, desto interessanter wurde er für ihn. Der glückliche, immer lächelnde Breck war plötzlich verschwunden."

Im Herbst verlässt er das "Air Training Corps", die Lust am Fliegen ist verflogen. Immer seltener hat er noch Kontakt zu seinen Freunden. Gleichzeitig zurrt Lewis das Netz, das er um Breck gesponnen hat, immer fester. Er erzählt ihm, dass die anderen Jungs über ihn lästern und ihn sogar hassen. Daynes treibt einen Keil zwischen Breck und sein soziales Netz aus Familie und Freunden. Ein Netz, das Daynes selbst nie gehabt hat.

Lorin sorgt sich zusehends. Sie hört den Sohn, Kopfhörer über die Ohren gestülpt, mit Daynes chatten, "er war sprichwörtlich in seinem Ohr". Daynes schickt ihm Videos von im Stechschritt marschierenden Hitler-Figuren und Hexen. Lorin sieht das, konfisziert den Computer und ruft die Nummer 101, den Hilferuf der Polizei in Surrey. Sie erklärt den Fall einer Polizistin, die nicht einmal weiß, was ein Server ist. Lorin erwähnt immer wieder Lewis Daynes' Namen, sagt fünfmal, ihr Sohn werde im Internet verfolgt, sagt achtmal, Daynes sei gegen die Regierung und sechsmal, er sei gegen Religion. Sie sagt aber vor allem, dass sie Angst habe um ihr Kind. Nach 11 Minuten und 53 Sekunden legt sie auf mit dem Satz: "Thank you for your help."

Die besorgte Mutter hat alles richtig gemacht. Theoretisch.

Praktisch kann sie nicht wissen, dass ihre Beschwerde zwar aufgenommen, aber nicht bearbeitet wird. Die Polizistin kommt zu dem Schluss, dass keine ausreichenden Indizien für Grooming vorliegen, weil keine physische Gefahr bestehe. Sie checkt nicht einmal, ob Daynes' Name in den polizeilichen Archiven auftaucht. Hätte sie das getan, wäre sie auf Eintragungen in zwei Datenbanken gestoßen – darunter der Verdacht auf ein Vergewaltigungsdelikt aus dem Jahr 2011. Daynes hatte damals vermutlich einen Jungen in Essex verfolgt und sexuell missbraucht. Der Fall war aktenkundig. Aber die Beamtin stößt nicht darauf, weil sie gar nicht erst sucht. Hätte sie das getan, wäre gegen Daynes ermittelt worden. Hätte. Wäre. Konjunktiv.

Lorin: "Keiner konnte mir damals mit einer Nummer für Grooming-Fälle helfen. Heute gibt es das. Der Polizei werde ich nie verzeihen können, die Wut wird immer da sein."

Im Chat nennt er Breck "the chosen one"

Kurz vor Weihnachten hält Lorin zu Hause ein sogenanntes Intervention Meeting ab. Eingeladen sind die Eltern von George, Brecks Freund aus der Onlinespielgruppe. Eingeladen ist auch Lorins geschiedener Mann Barry. Zu Beginn verteidigen die Jungs Lewis Daynes noch. Aber am Ende versprechen sie, sich aus der Onlinegruppe zurückzuziehen und den Kontakt zu Daynes abzubrechen. So sagen sie das jedenfalls.

Aber Daynes ist auch diesmal allen einen Schritt voraus. Er hat Breck über einen Kurier ein iPhone 6S zugespielt und ihm aufgetragen, das Treffen aufzuzeichnen.

Er schickt weitere Mails, eine trägt die Betreffzeile "The Future", und darin schreibt Daynes: "Ich hoffe, es ist nicht das Ende." Es ist natürlich nicht das Ende.

Über die Festtage und den Jahreswechsel kehrt immerhin etwas Ruhe ein. Breck bekommt seinen Computer zurück, verbringt aber kaum Zeit damit. Sie essen, sie feiern. Lorin und Breck dekorieren sogar sein Zimmer neu. Alles ist wieder so wie früher. Glaubt Lorin. Glaubt auch Barry, der Vater. Aber alles ist eine Scharade. Daynes und Breck kommunizieren mehr als je zuvor.

Am 21. Januar bestellt Daynes bei Amazon Klebeband, "stark und reißfest 48 mm x 10 Meter", "Durex Play Feel"-Gleitcreme, "Durex ultra dünne Kondome", Spritzen und Nadeln.

Lewis Daynes, der Mann mit dem Kindergesicht, bereitet sich vor auf den Tag X. Er hat im Netz gefischt und Beute aussortiert, bis seine Wahl auf Breck Bednar fiel.

Am 7. Februar, gut fünf Wochen vor seinem 15. Geburtstag, fährt Breck auf Klassenfahrt nach Spanien. Er umarmt seine Mutter zum Abschied, sagt: "I love you." Dann geht er. Es ist das letzte Mal, dass Lorin ihn lebend sieht.

Lewis Daynes spinnt unterdessen neue Legenden. Er mailt Breck, er sei schwer krank und habe nicht mehr lange zu leben. Sagt, er wolle ihm seine Firma vermachen, es gäbe schon einen Käufer, der bis zu 135 Millionen Pfund biete. Er nennt Breck "the chosen one", den Auserwählten, und reagiert rasend vor Eifersucht, als Breck aus Spanien auf Facebook ein Foto von einem Mädchen postet, möglicherweise seiner ersten Freundin: "Nimm das runter, sie sieht aus wie eine Hure." Sie vereinbaren ein Treffen unmittelbar nach Brecks Rückkehr. Er soll sein iPad, sein Smartphone und seinen Laptop mitbringen. Daynes will ihn mit den Firmeneigenheiten vertraut machen. Breck soll sein Erbe fortführen. Und der fühlt sich tatsächlich auserwählt.

Am 15. Februar holt Barry seinen Sohn vom Flughafen ab.

Klebeband, Kondome, Spritzen

Barry: "Breck fragte mich, ob er am nächsten Morgen seinen Freund Tom besuchen dürfte. Ich kannte Tom und hatte nichts dagegen. Ich wollte wissen, ob er abends nach Hause komme, und Breck sagte, er werde mir Bescheid sagen. Ich bot an, ihn mit dem Auto zu Tom zu fahren, aber er lehnte ab."

Am nächsten Morgen um sieben Uhr verlässt Breck das Haus und steigt in ein Taxi. Den Wagen hatte Lewis Daynes bereits zwei Wochen zuvor geordert. Genau wie das Klebeband, die Kondome, die Spritzen.

Was sich am 16. und 17. Februar in der kleinen Wohnung in der 12 Rosebery Road in Grays abspielt, ist bis heute nicht lückenlos geklärt.

Daynes verweigert die Details. Man weiß, dass Breck seinem Vater nachmittags eine SMS schickt und bittet, bei Tom übernachten zu dürfen, "wir haben viel Spaß hier". Um 18.02 Uhr schickt er eine weitere Nachricht: "Wir arbeiten am Betriebssystem meines Rechners." Um 18.40 Uhr wird aus der Wohnung Pizza bestellt. Danach ist Brecks Telefon stumm.

Nach allem, was rekonstruiert werden kann, wird Breck von Daynes an einen Stuhl gefesselt. Daynes durchtrennt mit einem Taschenmesser die Halsschlagader, die Drosselvene und den rechten Vagusnerv, die Schnittwunde am Nacken ist 3,3 Zentimeter tief. Der Todeskampf, stellen die Gerichtsmediziner fest, kann nicht länger als zehn Sekunden gedauert haben. Brecks Kehle ist durchtrennt, ähnlich wie im Enthauptungsvideo. Es werden auch Spermaspuren auf Brecks T-Shirt gefunden, die von Daynes stammen.

Lorin: "Um zu überleben, musst du dir eine Geschichte zusammensetzen aus den Puzzleteilen, die die Polizei dir erzählt. Sonst kannst du nicht schlafen, weil du dich immer aufs Neue fragst, was wohl passiert ist."

Am nächsten Vormittag, um kurz nach zehn, fotografiert Daynes sein Opfer, schickt die Bilder von seinem Account unter anderem an die Jungs aus der Onlinespielgruppe. Dann geht er duschen. Die Nachricht erreicht Brecks Geschwister, die Drillinge, auf Facebook: "Stimmt es, dass euer Bruder tot ist?" Sie erfahren vom Mord am Bruder noch vor den Eltern.

Um 11.06 Uhr geht bei der Polizei in Essex ein Notruf ein. Es ist ein Protokoll der Kaltblütigkeit, der Lügen und – selbst hier – der Manipulation. Daynes' Stimme ist klar, nie brüchig. Er klingt, als habe er auch diesen Anruf geplant, bis hinein in die Formelhaftigkeit britischer Konversation.

"Mein Name ist Lewis Daynes, ich bin 18 Jahre alt."

"Hey, äh, okay. Hallo, ich brauche die Polizei und ein forensisches Team in meiner Wohnung."

Polizist: "Wie meinen Sie das? Was ist passiert?"

"Mein Freund und ich sind in einen heftigen Streit geraten, und ich bin der Einzige, der das überlebt hat."

"Wollen Sie mir sagen, dass Sie jemanden getötet haben?"

"Ja, das will ich."

"Gut, und mit wem spreche ich?"

"Mein Name ist Lewis Daynes, ich bin 18 Jahre alt."

"Was genau ist passiert?"

"Mein Freund kam gestern zu mir, um die Nacht hier zu verbringen, weil er (...) selbstmordgefährdet war. Ich wachte heute Morgen auf, er war in einem elenden Zustand (...). Ich umarmte ihn und sagte, ich sei für ihn da. Aber er stieß mich zurück."

"Wie ist sein Name?"

"Breck Bednar."

"Hatten Sie Streit gestern Nacht?"

"Nein, alles war gut. (...)"

"Warum kam er dann zu Ihnen?"

"Er hatte die Nase voll von seinem Leben zu Hause. Er hatte eine Menge Probleme ..."

"Und was passierte heute Morgen?"

"Ich wachte auf (...). Er hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich stand auf und legte meine Arme um ihn und sagte, es werde alles okay. Er schubste mich zur Seite und sagte 'Nein'. Er sprach davon, dass er nicht mehr nach Hause wollte. Ich habe ein Taschenmesser, es liegt neben meinem Bett. Er nahm es, öffnete es und verlor die Kontrolle über sich. Ich ..."

"Ganz langsam. Also Breck nahm das Messer, um sich etwas anzutun?"

"Nein, er wollte mir etwas antun. Er öffnete es und verlor die Kontrolle. Ich, in Selbstverteidigung, hob meinen linken Arm, um einen Stich abzuwehren. Wir kämpften, ich warf ihn zu Boden, er stand wieder auf, ich bekam das Messer zu fassen ... Und könnten Sie mich jetzt bitte bei diesem Teil nicht unterbrechen?"

"Okay."

"Ich griff das Messer und stach damit in seinen Nacken, ich glaube in die Nähe seines Hirnstamms. Er drehte sich um, versuchte weiterzumachen, und ich glaube, dass er dann auf die Nachttischschublade stürzte. (...) Der Kampf endete damit, dass ich seine Kehle durchschnitt. (...) Er fiel mit seinem Gesicht auf mein Bett. Ich versuchte die Blutung zu stoppen, dann fiel er auf den Boden. (...)"

"Sind Sie noch in dem Raum, in dem Breck ist?"

"Nein."

"Wo sind Sie?"

"Schauen Sie, okay, unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich nur erklären, wenn das hier aufgezeichnet wird. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte ..."

"Ist Ihr Haus auch das Haus, wo Breck ist?"

"Ja. (...) Ich erinnere mich nicht daran, was danach geschehen ist. Alles, was ich weiß, ist, dass ich das Messer fallen ließ im Flur. Ich zog mich aus und stellte mich unter die Dusche."

"(...) Wie lange waren Sie unter der Dusche?"

"Ich weiß es nicht. Ist die Polizei unterwegs? Ich kann Sirenen hören."

"Ja, sind sie, sind sie."

"Ich lege jetzt auf. (...) Danke für Ihre Hilfe."

Mindestens 25 Jahre Haft

Breck Bednar wird am 17. März 2014 beigesetzt. Es wäre sein 15. Geburtstag gewesen. Ein halbes Jahr später, am 12. September, steht Lewis Daynes im Old Bailey, dem berühmten zentralen Strafgerichtshof Londons, vor Gericht. Es ist ein kurzer Prozess, er besteht nur aus zwei Terminen, Anklage und Urteil. Daynes hatte zunächst mehrere Versionen der Tat angeboten und in einer davon gesprochen, dass drei maskierte Männer in seine Wohnung eingedrungen seien und ihn gezwungen hätten, Oralsex mit Breck zu haben. Danach hätten sie ihn vor seinen Augen exekutiert. Seine Mutter, die ihn als Kind zurückließ, besucht den Sohn im Gefängnis. Am nächsten Tag bekennt er sich schuldig.

Die Richterin Laura Cox sieht es nach der Auswertung von Lewis Daynes' Computerdaten als erwiesen an, dass er kaltblütig und geplant handelte, und attestiert ihm darüber hinaus sexuell-sadistisches Verhalten. Sie lässt die schwere Kindheit nicht gelten und auch nicht sein Asperger-Syndrom. Sie sagt an Daynes gerichtet: "Sie haben über einen Zeitraum von mehreren Monaten Breck langsam gegen seine Eltern aufgebracht und ihn von Freunden und anderen Hobbys ferngehalten. Mit dem Ziel, dass er sich nur noch auf Sie fokussiert – und zu Ihnen aufschaut." Lewis Daynes wird zu lebenslänglich verurteilt, muss mindestens 25 Jahre Haft verbüßen.

Als Lorin LaFave den Mörder ihres Sohnes zum ersten Mal sieht, wirkt Daynes nicht mehr wie ein Konfirmand. Er ist im Gefängnis gealtert, um Jahre binnen weniger Monate. Sie fühlt keinen Hass. Sie fragt sich vielmehr nach dem Warum.

Lorin: "Er trug ein schwarzes T-Shirt, genauso eines hatte Breck auch. Ich dachte: Du hattest nichts. Keine Familie. Keine Freunde. Warum bist du für Breck nicht ein echter Freund geworden? Du hättest zu uns kommen und im Pool schwimmen können. Wir hätten gemeinsam Pizza bestellen und feiern können. Ich habe ihn angesehen und mich gefragt: Warum hast du dich nicht dafür entschieden?"

Als Barry Bednar den Mörder seines Sohnes zum ersten Mal sieht, fühlt auch er keinen Hass, sondern Mitleid.

Barry: "Mein erster Gedanke war: Was um alles in der Welt muss in deinem Leben passiert sein, dass du meinem Sohn so etwas angetan hast? Freunde haben gesagt, dass sie Daynes an meiner Stelle am liebsten töten würden. Aber ich spürte diesen Drang nicht."

Der Staatsanwalt heißt Richard Whittam und ist einer der berühmtesten Juristen Großbritanniens. Er hat wie kaum ein anderer in menschliche Abgründe geblickt, aber der Fall von Breck Bednar beschäftigt ihn noch heute. "Das Ganze lag einerseits offen wie ein Buch vor mir, weil die Indizien glasklar waren." Aber Whittam sagt auch, dass er nach wie vor nicht wisse, in welcher Welt dieser Lewis Daynes lebte. Der Fall hat ihn ratlos zurückgelassen. Das passiert nicht oft. Whittam sagt: "Es ist auch deshalb so schockierend, weil die Eltern alles richtig gemacht haben."

Drei Jahre sind seit dem Mord an Breck Bednar vergangen. Aber Lewis Daynes lässt die Familie nicht los. Aus dem Knast heraus hat er offenkundig Blogs geschrieben, darin die Eltern angegriffen und ihnen eine Mitschuld gegeben. Er treibt sein manipulatives Spiel weiter. Die Polizei durchsuchte seine Zelle nach Computerzubehör oder einem Smartphone, fand nichts und stellte die Ermittlungen ein.

Es hört nicht auf.

"Breck Foundation"

Barry Bednar sagt, Brecks Tod habe ihn für immer verändert. Er kann nicht mehr arbeiten wie früher, er kann sich nicht mehr auf Beziehungen einlassen, seine Familie ist zerstört. Vor allem aber wird er sich stets Vorwürfe machen, weil er seinen Sohn an jenem Februarmorgen in ein Taxi in den Tod steigen ließ.

Barry: "Mit dieser Sache muss ich bis an mein Lebensende klarkommen. Dass ich nicht besser auf ihn aufgepasst habe."

Lorin LaFave hat eine Stiftung gegründet, die "Breck Foundation". Sie ist viel auf Reisen, hält Vorträge in Schulen und warnt vor Grooming. Sie erzählt an diesem Morgen am Borough Market, dass sie Breck manchmal sieht und wie er zu ihr spricht. Er sagt dann, sie solle sich keine Sorgen machen, sie habe doch noch die Drillinge. Und es werde schon gut, irgendwann. Aber sie weiß, dass es nie gut wird.

Lorin: "Ich weiß nicht, ob es jemals heilen wird. Denn ich weiß nicht, ob ich jemals zulassen werde, dass es heilt. Ich werde mich immer wieder fragen, wie Brecks Leben verlaufen wäre. Wäre er der Pilot geworden, der er einmal sein sollte? Was hätte er studiert? Ich hätte gern gesehen, wie groß er geworden wäre. Wie er als Erwachsener ausgesehen hätte."

Als Breck Bednar, geliebter Sohn und Wunschkind, starb, hatte er noch Milchzähne.

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