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Cyber-Grooming-Prozess: Die Scheinwelt des Internet-Sextäters

Systematisch macht sich der 53-jährige Harald H. an blutjunge Mädchen im Internet ran und gewinnt ihr Vertrauen. Eine seiner Chatpartnerinnen soll der Arbeitslose dann vergewaltigt haben und muss sich deswegen nun im "Cyber-Grooming"-Prozess vor Gericht verantworten. Psychogramm eines realitätsfremden Mannes.

Von Malte Arnsperger, Konstanz

Harald H. lebte in seiner eigenen Scheinwelt. Im Internet. Jeden Tag hielt sich der 53-Jährige stundenlang in Chaträumen auf. Hier konnte der arbeitslose Mann mit den langen grauen Haaren, dem ungepflegten Bart und dem vernarbten aschfahlen Gesicht das sein was er wollte: Ein attraktiver junger Bursche, dem Frauen und Mädchen reihenweise verfielen. Harald H. hatte das "Cyber-Grooming", die gezielte Anmache von Minderjährigen im Internet, perfektioniert. Doch dieses virtuelle Dasein nahm im April dieses Jahres ein jähes Ende.

Damals wurde Harald H. in einer Wohnung in der Nähe des Bodensees festgenommen. Er soll eines seiner "Eroberungen", die heute 14-jährige Chatpartnerin Sonja K.* entführt und vergewaltigt haben. Nun muss sich H. vor dem Landgericht Konstanz unter anderem wegen Vergewaltigung und Freiheitsberaubung verantworten. Vor Gericht steht nun ein wirklichkeitsferner Mann, der sich im Internet systematisch das Vertrauen von jungen Mädchen erschlichen und missbraucht hat.

Normales Leben mit Frau und zwei Kindern

Bis 2002 verläuft das reale Leben von Harald H. in relativ geordneten Bahnen. Nach seinem Schulabschluss im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld heiratet er, bekommt mit seiner Frau zwei Kinder. Der gelernte Chemie-Facharbeiter arbeitet beim ehemaligen Chemie-Kombinat im Ort. Kurz nach der Jahrtausendwende wird der Betrieb geschlossen. Harald H., mittlerweile geschieden, findet keine Arbeit mehr, zieht zu seinem Bruder an den Bodensee. Hier erhofft er sich bessere Jobaussichten. Vergebens. Da der normale Alltag für ihn nichts mehr Erfreuliches zu bieten scheint, zieht sich Harald H. immer mehr in die bunte, aufregende Welt des Internet zurück. In den Chaträumen gibt er sich als 20 bis 30-Jähriger aus, nennt sich "Schmusebärchen", "Bistsosueß" oder "Binlieb24". Unter Spitznamen wie diesen, die wohl seine Harmlosigkeit suggerieren sollen, nimmt er Kontakt zu oft jungen weiblichen Gesprächspartnerinnen auf.

"Ich habe meine Zeit hauptsächlich im Chat verbracht", sagt er in Konstanz. Mit oft undeutlichen Worten beschreibt Harald H. dem Vorsitzenden Richter Joachim Weimer sein Tagwerk. "Ich habe jedem geschrieben. Ich wollte mich unterhalten." Sofort unterbricht ihn der strenge Richter. "Wenn es nur ums unterhalten ging, dass säßen wir heute nicht hier." Doch Harald H. bleibt dabei. Er habe sich nur unterhalten wollen, sexuelles Interesse habe keine Rolle gespielt. Auch habe er es keineswegs nur auf sehr junge Frauen abgesehen. Dem Richter ist jetzt deutlich seine Abscheu anzumerken. Selbst bei seinen Fragen schaut Weimer den Angeklagten oft nicht mehr an. "Die Geschichte mit Sonja K. lässt darauf schließen, dass sie die Mädchen so schnell wie möglich ins Bett bekommen wollten." Harald H schüttelt den Kopf. "Nein, das war nicht so." Mit unverhohlenem Sarkasmus sagt der Richter: "Man kann sich auch seine Scheinwelt aufbauen, Herr H."

Nicht einmal an die eigene Tochter will er sich erinnern können

Tatsächlich scheint Harald H. seine Umwelt mit völlig eigenen Maßstäben wahrzunehmen. Er kann sich vor Gericht noch nicht einmal an die Existenz seiner mittlerweile 25-Jährigen unehelichen Tochter erinnern. Auch, was er seit Ende 2007 mit der heute 16-jährigen Tanja L.* getan hat, sieht Harald H. völlig anders, als das Gericht und Tanja L. selbst. Monatelang treffen sich Tanja L. und Harald H. fast täglich in Chaträumen, der Mann gewinnt das Vertrauen des Mädchens. Die beiden schicken sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegenseitig Nacktfotos - eine strafbare Handlung, da das Mädchen minderjährig war. Harald H. bestreitet das, obwohl ihn die Bilder nach Ansicht des Gerichts eindeutig identifizieren. Der Richter will wissen, warum er dem Mädchen Sätze wie "Du bist so heiß" geschrieben habe. "Es sollte keine Anmache sein", sagt der Angeklagte und zuckt die Schultern. "Ich weiß auch nicht, warum ich es geschrieben habe."

Es kommt noch schlimmer für Harald H. Zur großen Überraschung aller Prozessbeteiligten berichtet Tanja L. bei ihrer Zeugenaussage vor Gericht, dass es zwischen ihr und Harald H. zu sexuellen Handlungen gekommen sei. "Er hat auch mich missbraucht", sagt das kleine Mädchen mit den kurzen schwarzen Haaren. Richter Weimer macht keine Anstalten, seine Verwunderung zu zeigen. "Aber bei ihren Vernehmungen bei der Polizei haben sie etwas ganz anderes gesagt." Nervös rutscht Tanja L. auf ihrem Zeugenstuhl hin und her. "Ich hatte Angst. Ich habe mich einfach geschämt."

Drei Tage bei H. verbracht

Drei Tage lang habe sie Anfang 2008 in der Wohnung des Angeklagten verbracht, nachdem sie von zu Hause abgehauen war. Dabei sei es zum einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gekommen. Während Tanja L.. wenige Meter von ihm entfernt dies erzählt, schüttelt Harald H. den Kopf. "Es gab keinen Geschlechtsverkehr", sagt er dann auf Nachfrage des Richters. "In den drei Tagen haben wir nur drei bis vier Sätze geredet." Wieder kann Weimer seinen Sarkasmus nicht verhehlen: "Für Sex muss man sich auch nicht unterhalten."

Dieser - angebliche - Sex ist wohl nicht strafrechtlich relevant, da beide damit einverstanden waren. Langjährige Haft droht Harald H. aber wegen der Entführung und Vergewaltigung von Sonja K. Anfang Februar lernt er die damals noch 13-jährige im Internet kennen. Das Mädchen erzählt dem Chatpartner von ihren familiären Problemen, die Gespräche werden immer intimer. Harald H. behauptet vor Gericht, er habe den Kontakt wiederholt abbrechen wollen. "Ich wollte nix von ihr. Ich habe nicht gedacht, dass sie das alles ernst nimmt."

H. holt Sonja extra aus Nordrhein-Westfalen ab

Am 11. April treffen sich die beiden, Harald H. holt Sonja extra in ihrem Heimatort in Nordrhein-Westfalen ab. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Harald H. das Mädchen gewaltsam in sein Auto drückte, Harald H. bestreitet das. Ebenso bestreitet er, Sonja in einer Wohnung am Bodensee vergewaltigt zu haben. Harald H.: "Sie hat mir gesagt: 'Ich möchte mit dir schlafen'." Der Richter schneidet ihm wieder das Wort ab. "Aha, der verführte Mann. Es fällt nicht leicht, das zu glauben."

Was an diesem 11. April wirklich geschehen ist, darüber sagte Sonja K. als Zeugin unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Ein Wiedersehen zwischen dem Mädchen, das seit dem Vorfall in psychiatrischer Behandlung ist, und Harald H. vermeid das Gericht - der Angeklagte wurde für die Dauer der Befragung in einen Nebenraum verbannt. Die psychische Belastung unter der das Mädchen steht, beschrieb Sonjas Mutter im Gespräch mit stern.de: "Sie hat seit Tagen kaum geschlafen. Sie ist völlig fertig, hat wahnsinnig Angst vor ihm. Sie will, dass er lange hinter Gitter muss. Nur deshalb tut sie sich diese Aussage an. Sie will ihn nie wieder sehen."

*Namen von der Redaktion geändert