HOME

Cyber-Grooming-Prozess in Konstanz: Erst Chat, dann Vergewaltigung

Das Internet war zuerst ihr Verderben und dann ihre Rettung: Die 14-jährige Sonja K. traf sich mit ihrer Chat-Bekanntschaft und wurde von dem 53-Jährigen offenbar entführt und vergewaltigt. Der Mann steht ab dem 15. Dezember vor Gericht. stern.de schilderte das Mädchen, wie es zu der folgenschweren Begegnung kam und wie sie sich mit Hilfe des Internets befreien konnte.

Von Malte Arnsperger

Januar 2008, ein kleines Dorf in Nordrhein-Westfalen. Die damals 13-jährige Sonja K. (Name geändert) plagen die Sorgen eines pubertierenden Teenagers. Sie streitet sich mit ihren beiden Schwestern, hat Stress mit den Lehrern und rebelliert gegen ihre Eltern. Sonja will aus diesem für sie so grauen Alltag ausbrechen. Das Internet verspricht den besten, den schnellsten Weg in ein anderes Leben. Sonja meldet sich bei Chat-Communities - virtuellen Treffpunkten im Internet - an. Bis zu vier Stunden täglich sitzt sie vor dem Bildschirm, schreibt oft wildfremden Menschen. Es fällt ihr leicht, die Jugendschutzeinrichtungen der Chatanbieter und des elterlichen Computers zu umgehen.

Rote Rosen vom Chatpartner

Auch am Valentinstag, dem 14. Februar, loggt sie sich unter ihrem Internet-Spitznamen "Kleine Lino" ein. Doch Sonja ist fast allein in ihrem Lieblingschatroom, nur Harald H. hat sich unter seinem Nicknamen "Bistsosueß" angemeldet. Der 53-Jährige aus dem Bodenseeraum gibt sich als 32-Jähriger, sportlicher Mann mit blauen Augen und blonden Haaren aus. Im virtuellen Leben kann jeder das sein, was er will. Auch Sonja. Sie will älter sein, macht sich drei Jahre älter. Sonja braucht jemanden zum Reden, will sich ausheulen, sie hofft auf einen Freund, der zuhört. Sie schreibt "Bistsosueß".

Sonja berichtet Harald H. von ihren Problemen in der Schule, ihrem Ärger zuhause. Der Mann zeigt Verständnis, bietet dem Mädchen eine starke - virtuelle - Schulter zum Anlehnen. Wochenlang treffen sich die beiden fast täglich im Chat. Längst hat Sonja Harald H. ihre Adresse gegeben. Er schickt ihr rote Rosen.

Will intime Details wissen

Sonjas Eltern haben dem stundenlangen Chatten ihrer Tochter mittlerweile einen Riegel vorgeschoben, die Computerzeit stark eingeschränkt. Trotzdem wird der Kontakt zwischen der "Kleinen Lino" und "Bistsosueß" immer enger, sie telefonieren inzwischen miteinander, Harald H. hat Sonja eine Handy-Telefonkarte geschickt. Ende März will Harald H. intime Details von Sonja erfahren. Das stille und zurückhaltende Mädchen vertraut ihm blind und gibt bereitwillig Auskunft.

Harald H. wittert seine Chance. Er schlägt Sonja vor: Wenn du flüchten willst, komm zu mir an den Bodensee. Das Mädchen beißt an. Sie sieht in der Flucht die einzige Möglichkeit, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Die beiden verabreden ein Treffen. Am 11. April will Harald H. Sonja in ihrem Heimatort abholen.

Treffen am frühen Morgen

Die Eltern des Mädchens ahnen nichts, weder wissen sie von "Bistsosueß" noch von der geplanten Flucht. Nur Sonjas Freundin Natalie (Name geändert) ist eingeweiht. Am Morgen des 11. April ist Sonja ungewöhnlich früh fertig für die Schule. Um sieben Uhr klingelt ihr Handy, Harald H. will die letzten Details klären. Die Eltern wundern sich über ihre Tochter, die ohne den obligatorischen Abschiedskuss das Haus verlässt. Doch Verdacht schöpfen sie nicht.

Tatsächlich wartet Harald H. an einer Bushaltestelle auf Sonja. Die Flucht in ein besseres Leben scheint greifbar nahe. Doch sobald er aus dem Auto steigt, merkt Sonja: Sie wurde angelogen, denn dieser Typ ist deutlich älter als gedacht. Zu spät. Harald H. zerrt Sonja in seinen Wagen, fährt mit ihr quer durch Deutschland zu einer Wohnung am Bodensee. Dort habe er sie gezwungen, Rotwein zu trinken und sie vergewaltigt, erzählt Sonja K. in einem Brief an stern.de.

"Cyber Grooming" als Gefahr

Sonja K. ist Opfer des "Cyber Groomings" geworden, der gezielten Anmache im Internet. Immer mehr Kinder und Jugendliche erleiden ein ähnliches Schicksal wie die heute 14-jährige Sonja, sagen Experten. Vor einigen Monaten hatte der Fall einer 13-Jährigen aus Lübeck bundesweit für Aufregung gesorgt. Das Mädchen hatte sich tagelang in der Privatwohnung seines 24-jährigen Chatpartners in Nordrhein-Westfalen aufgehalten und war dort offenbar sexuell missbraucht worden. Der mutmaßliche Peiniger von Sonja K. muss sich ab dem 15. Dezember vor dem Landgericht Konstanz wegen Vergewaltigung und Freiheitsberaubung verantworten.

Das Paradoxe an dem Fall von Sonja: Das Internet war letztlich auch ihre Rettung aus der Gefangenschaft.

Am Abend des 11. April machen sich Sonjas Eltern große Sorgen. Das Mädchen ist nicht in der Schule erschienen, kommt nicht zur Geburtstagsfeier einer Freundin. Die K.s erstatten noch am selben Abend Vermisstenanzeige. Aber Sonjas Eltern wollen auch selber nach ihrer Tochter suchen. Im Internet erhoffen sie sich Hinweise darauf, was mit Sonja passiert ist.

Sie haben Glück. Harald H. befiehlt Sonja, ihre Schwestern per E-Mail zu benachrichtigen, dass sie sich bei einer Freundin in Dessau aufhalte. Die 14-Jährige nutzt die Chance. Anders als sonst, achtet Sonja auf die korrekte Rechtschreibung und hofft, dass ihre Schwestern den Hinweis bemerken. Der Trick gelingt: Die Familie wird misstrauisch. Die K.s fragen Sonjas Freundin Natalie über die Chatpartner ihrer Tochter aus. Unter Tränen verrät Natalie den Namen des Mannes. Mittlerweile ist es Sonja gelungen, ihren Aufenthaltsort durchzugeben - Harald H. hatte das Mädchen kurz alleine gelassen. Diese Unaufmerksamkeit wird dem Mann zum Verhängnis. Denn Sonjas Eltern alarmieren sofort die Polizei, Harald H. wird kurze Zeit später festgenommen.

Angeklagtem droht lange Haftstrafe

Acht Monate später wird Sonja K. Harald H. im Gerichtssaal wieder treffen. Sie hat panische Angst davor. Harald H., dessen Anwalt sich auf stern.de-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern wollte, droht eine mehrjährige Haftstrafe. Denn neben der Vergewaltigung von Sonja wird ihm auch zur Last gelegt, mit einem anderen jungen Mädchen über das Internet Nacktbilder ausgetauscht zu haben.

Die Familie K. weiß nun, welche Gefahren im Internet für Kinder und Jugendliche lauern. Die K.s raten allen Eltern, ihre Sprösslinge über die Risiken in der virtuellen Welt aufzuklären. Ihre Tochter, die sich seit dem Vorfall in psychologischer Behandlung befindet, ist noch zurückhaltender geworden, hat jedes Vertrauen in fremde Männer verloren. Aber sie lernt, dass ihre großen und kleinen Probleme normal für ihr Alter sind. Einen ersten Schritt ist sie dabei schon gegangen: Die Flucht in die virtuelle Welt vermeidet sie. Die "Kleine Lino" gibt es nicht mehr.