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Cyber-Mobbing: Es begann mit ein paar Sätzen im Internet. Es endete in einem Albtraum

Herbst 2012. Courtney und Steven, ein Paar Mitte dreißig, spielten online leidenschaftlich gerne "Grepolis". Irgendwann fragte ein Mitspieler, ob er sich ihrem Team anschließen könnte. Das war die erste Begegnung mit Todd Zonis.

Von Brooke Jarvis

Cyber-Mobbing: Es begann mit ein paar Sätzen. Es endete mit Krieg.

Courtney langweilte sich. Sie saß den lieben langen Tag mit Kleinkind zu Hause. Doch der Typ aus dem Online-Game war frech. Er reizte sie. Doch kurze Zeit später waren Courtney und ihr Mann Steven auf der Polizeiwache. Sie gaben dort zu Protokoll, dass sie Opfer einer Cyber-Mobbing-Attacke wurden.

Als die Polizei zum ersten Mal vor ihrer Tür stand, freute sich Courtney Allen noch. "Geht es um unseren Fall?"

Die Polizisten sahen sie irritiert an. Sie hatten keine Ahnung, von welchem Fall die Frau redete. Courtney spürte, wie ihre Hoffnung wieder dieser Angst wich.

Cyber-Mobbing-Opfer

Es war der März 2015. Drei Tage zuvor waren Courtney und ihr Mann Steven auf der Polizeiwache in Kent gewesen, einem Vorort von Seattle. Sie hatten dort zu Protokoll gegeben, dass sie Opfer einer Cyber-Mobbing-Attacke waren. Dass es im Netz eine gefakte Facebook-Seite auf Stevens Namen gab, die als Profilbild ein Nacktfoto von Courtney verwendete. Dass ihre Postfächer mit Mails überschwemmt wurden, in denen jemand Courtney als Fotze, Hure und Schlampe beschimpfte. Dass Courtneys Kollegen Nachrichten mit Videos und Bildern von ihr bekamen: Courtney nackt, Courtney beim Masturbieren. Die Mails kamen von unterschiedlichen Adressen – aber einige wirkten so, als stammten sie von Steven.

Und dann noch diese Anrufe. Stevens Großmutter wurde telefonisch gewarnt, ihr Haus könnte abbrennen, falls sie weiterhin Kontakt zu den Allens hielte. In der Zahnarztpraxis, in der Courtney arbeitete, verlangte ein Unbekannter von der Sprechstundenhilfe: "Hol' die blöde Fotze Courtney ans Telefon." Einmal rief Courtney eine Online-Telefonnummer an, die ihr in einer Mail mitgeteilt worden war. Sie sprach verzweifelt auf die Mailbox: "Wenn ich mit dir spreche, lässt du mich dann in Ruhe?"

Daraufhin kamen Dutzende Voicemails zurück: "Glaubst du, dass ich jemals verschwinde?", lautete eine. Und: "Egal, was ihr macht. Ich bin immer schon da."

Der Polizeibeamte, der die Aussage aufnahm, wusste nicht so recht, was er von der Sache halten sollte.

Courtney und Steven allerdings waren sich sicher, wer hinter den Belästigungen steckte: Todd Zonis, der Mann aus Arizona.

Jetzt, drei Tage später, erklärten die Beamten an Courtneys Tür, warum sie tatsächlich gekommen waren: Ein anonymer Informant hatte auf der Website "Crime Stoppers" gepostet, dass Steven "seit Monaten jedem erzählt, seine Frau will ihn verlassen, aber er hat einen Plan, wie er sie zwingen kann zu bleiben". Der Informant hatte sich als Kollege von Steven bezeichnet und er schrieb, die Allens besäßen eine "riesige Waffensammlung".

Nachdem die Polizisten Courtney befragt hatten, gingen sie wieder. Aber drei Tage später klopften die nächsten an die Tür. Courtney hoffte wieder, sie würden wegen ihrer Anzeige kommen. Doch auch diesmal verfolgten sie einen anonymen Online-Hinweis. Es ging um einen Vorfall im Park, an dem Steven und der vierjährige Sohn der Allens beteiligt gewesen sein sollten: "Sein Sohn hat geschrien, und er hat ihn immer wieder auf Rücken, Po, Beine und Kopf geschlagen, aber nicht ins Gesicht. Dann hat er seine Frau fertiggemacht und sie als 'Hure' beschimpft und Schlimmeres ...."

Die richtige Fahrgestellnummer

Detective Angie Galetti schrieb danach in ihrem Bericht, der Sohn der Allens "kam nach unten und schien gesund und munter zu sein". Courtney musste den Vierjährigen überreden, den Beamten seine Haut zu zeigen: "Es gab keinerlei verdächtige blaue Flecken oder sonst irgendwelche Male." Er "schien angemessen an seiner Mutter zu hängen, und Detective Lorette und ich hatten keine Bedenken".

Courtneys Bedenken wurden dafür immer größer.

Tags zuvor hatte sie eine Mail an eine Adresse bekommen, die sie so gut wie nie benutzte. "Wie bist Du an diese Adresse GEKOMMEN?" schrieb sie zurück. "Lass meine Familie und mich in Ruhe." Bald folgte eine Antwort. Nun wurde Steven beschuldigt, sich ebenfalls zweifelhafter Cybertaktiken zu bedienen, um alles über Courtneys Aktivitäten zu erfahren. Aber: "Ich bin darin VIEL besser."

Den Beweis lieferte der Autor sofort: "Dein Jetta steht in der Einfahrt." Er nannte auch die Fahrgestellnummer.

Sie stimmte.

"Sharklady" war ihr Nickname. Im Netz geben sich viele wilder und verwegener, als sie in Wahrheit sind. Aber manche geben sich auch harmloser.

"Sharklady" war ihr Nickname. Im Netz geben sich viele wilder und verwegener, als sie in Wahrheit sind. Aber manche geben sich auch harmloser.

Courtney hatte inzwischen Albträume. Sie fürchtete sich, vor die Tür zu gehen. Sie fragte sich ständig, wo sonst noch Fotos von ihr herumschwirrten. Wer sie schon alles gesehen hatte. Und was als nächstes kommen würde. Sie hatte auf Hilfe gehofft. Stattdessen musste sie nachweisen, dass ihr Sohn keine blauen Flecken hatte. Und die Nachbarn beschwichtigen: Mindestens 15 von ihnen hatten eine Warnung in der Post gefunden, dass sie in der Nähe eines gefährlichen Sexualstraftäters wohnten, sein Name: Steven Allen. Die Briefe waren in Arizona abgestempelt worden.

Und was besonders frustrierend für Courtney war: Sie wusste nicht, wie sie irgendjemanden davon überzeugen könnte, ihr zu glauben. Zu glauben, dass es jemanden gab, der sie verfolgte.

Das Ganze begann im Herbst 2012, und es begann, wie so oft heutzutage, online.

Sexspielzeug in Penisform

Damals waren Courtney und Steven zwölf Jahre zusammen, kannten sich aber schon seit 20 Jahren: Sie hatten sich an der High School kennen gelernt und später wieder getroffen, als Courtney gerade in Scheidung lebte. Das Paar, jetzt Mitte dreißig, spielte leidenschaftlich gerne "Grepolis", ein Online-Strategiespiel, bei dem es um den Aufbau eines Imperiums im antiken Griechenland geht.

Irgendwann fragte ein Spieler, ob er sich ihrem Team anschließen könnte. Das war Courtneys erste Begegnung mit Todd Zonis.

Er gefiel ihr: "Er war derb und unverschämt und ich dachte, das ist eigentlich ganz lustig."

Die beiden unterhielten sich erst über Handy-Nachrichten. Sie schickte Fotos von ihren Elchhunden, er von seiner Schildkröte. Dann folgten Video-Chats. Beide waren verheiratet, aber "es entwickelte sich einfach so", sagte Courtney. "Es war eine echt enge Freundschaft, und dann ist daraus das Gegenteil geworden."

Selbst Stevens Kollegen waren Courtneys Filmchen gemailt worden. Er ging zum FBI. Aber die Geschichte war zu haarsträubend.

Selbst Stevens Kollegen waren Courtneys Filmchen gemailt worden. Er ging zum FBI. Aber die Geschichte war zu haarsträubend.

Courtney arbeitete zu dieser Zeit nicht und war mit ihrem Sohn zu Hause. Steven und sie hatten diese Entscheidung gemeinsam getroffen, doch ihrer Ehe tat es nicht gut. Der IT-Ausbilder machte Überstunden und spürte die Last, die Familie alleine ernähren zu müssen. Sie wiederum hatte Angst, ihr Kind in fremde Hände zu geben, was ihre Isolation noch verstärkte. Sie war sauer auf Steven, weil er sie ständig kontrollierte. Und zugleich fühlte sie sich vernachlässigt.

Zonis hingegen hatte im fernen Arizona als freischaffender Toningenieur flexible Arbeitszeiten. Für Courtney war die Beziehung zu ihm wie "eine kleine Flucht. Er war charmant. Er sagte mir alles, was ich hören wollte, wie wunderbar ich bin." Sie verbrachte immer mehr Zeit online mit Zonis und entfernte sich offline immer weiter von Steven. Wir sind ja nur gute Freunde, sagte sie sich, selbst dann noch, als Zonis ihr Sexspielzeug in Penisform schickte.

"Marriage Builders"

Fast ein Jahr, nachdem Zonis zu ihrer "Grepolis"-Gruppe gestoßen war, führte Steven auf Courtneys Laptop ein Update durch und sah, dass ihr Mailprogramm geöffnet war. Er las einen freizügigen Mailwechsel, in dem auch Videos erwähnt wurden. Steven stellte Courtney zur Rede. Sie war sauer wegen Stevens Neugier, versprach aber, aufzuhören. Aber sie führte die Beziehung auf ihrem Tablet weiter.

Steven spürte, dass seine Ehe auf der Kippe stand und suchte Hilfe, die er im Internet auf einer Seite namens "Marriage Builders" fand. Es ist ein Portal für betrogene Partner. Dessen Gründer Willard F. Harley Jr, ein Psychologe, rät den Lesern, besser auf die Bedürfnisse ihrer Partner einzugehen. Und wenn ein Ehepartner die Affäre dann immer noch nicht beenden will, empfiehlt er einen radikaleren Schritt: Die Familienangehörigen aller beteiligten Personen einzuweihen.

Steven las es aufmerksam. Er entschuldigte sich erst bei Courtney dafür, dass er so viel unterwegs war und versuchte ihr Interesse für die Webseite zu wecken. Doch seine Frau war weiter mit ihrem Tablet beschäftigt. Ein Jahr, nachdem Steven die Mails von Courtney an Zonis entdeckt hatte, wurde ihm klar, dass die Beziehung gar nicht beendet war.

Allein das gefälschte Google-Plus-Konto verzeichnete 8000 Seitenaufrufe. Bei Facebook sah es nicht besser aus. Von dort gingen Mails an die Verwandtschaft: Steven sei ein Stalker, der Penisbilder verschickt.

Allein das gefälschte Google-Plus-Konto verzeichnete 8000 Seitenaufrufe. Bei Facebook sah es nicht besser aus. Von dort gingen Mails an die Verwandtschaft: Steven sei ein Stalker, der Penisbilder verschickt.

Also folgte er dem zweiten Rat der "Marriage Builders".

Zunächst kontaktierte er seine und Courtneys Eltern, um ihnen von der Beziehung zu erzählen. Dann schickte er eine SMS an die Frau von Zonis und wandte sich auch an dessen Eltern:

"Ich möchte Sie bitten, ihrem Sohn gut zuzureden, damit er diese Affäre beendet, bevor sie unsere Familie endgültig zerstört. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben oder Beweise sehen wollen, mailen Sie mir bitte."

Scheidungsgedanken

Courtney schäumte. Sie sagte Steven, er solle sich lieber nicht zu Hause blicken lassen. Als er dennoch kam, fuhr sie mit ihrem Sohn zu ihren Eltern. Am nächsten Tag kam sie zurück, doch sie schliefen in getrennten Zimmern, und Courtney sprach von Scheidung.

Auch Zonis war außer sich. Für ihn waren die Nachrichten ein Angriff auf seine Familie. Und zwar ohne jegliche Grundlage. Seine Version der Beziehung schilderte er gegenüber Angehörigen so: Ihm sei aufgefallen, dass Courtney sich in Foren beunruhigend über ihren Mann äußerte. Er sei ein Kontrollfreak und bestrafe sie. Courtney habe sich mit Zonis und seiner Frau Jennifer angefreundet. Sie habe Rat gesucht. Er bestritt, dass er oder Courtney je freizügige Videos verschickt hätten oder dass sie mehr als Freunde gewesen seien.

Steven brauchte wieder Rat. Er fand ihn wieder auf der Website "Marriage Builders". Dort postete er Mails von Courtney und Zonis und die Kopie eines Briefes, den er an seine Frau geschrieben hatte: "Es tut mir so leid, dass ich dir jahrelang so wehgetan habe. Ich habe deine Gefühle nicht annähernd so bedacht, wie ich es hätte tun sollen. Ich habe Forderungen gestellt und deine Meinung nicht respektiert, nur um zu bekommen, was ich wollte. Ich war rücksichtslos und habe dich kontrolliert. Mir war nicht klar, wie sehr ich dir wehgetan habe."

Als alles losging, standen Courtney und Steven Allen kurz vor der Trennung. Sie sind noch immer zusammen.

Als alles losging, standen Courtney und Steven Allen kurz vor der Trennung. Sie sind noch immer zusammen.

Steven wollte die Sache endlich hinter sich lassen.

Doch das Gegenteil war der Fall.

Einer seiner Kollegen bekam eine Mail, in der Steven beschuldigt wurde, Courtney zu misshandeln. Als Steven seiner Frau sagte, Zonis müsse die Mail geschickt haben, wollte sie ihm nicht glauben.

"Ich brauche Hilfe."

Courtney glaubte Zonis. Doch sie spürte, dass auch die Beziehung zu ihm Risse bekam und bat ihn um Abstand. Sie ging wieder arbeiten, um unabhängiger zu sein. In einer Mail an Zonis schrieb sie: "In meiner neuen Welt lügen ALLE mich an. Ich glaube keinem mehr."

Steven war wütend wegen der Mail an seinen Kollegen, schrieb an Zonis und drohte mit weiteren Enthüllungen. Für Zonis wiederum war das ein zweiter Angriff und er leitete die Mail an Courtney weiter. Doch diesmal wurde sie stutzig. Der Schreiber, der doch angeblich Steven und damit Vater ihres gemeinsamen Kindes war, verwendete die Formulierung "ihr Sohn", statt "unser Sohn".

Nun zeigten sie und Steven sich gegenseitig ihre Mails. Sie stellten fest, dass die Version, die Zonis an Courtney geschickt hatte, bearbeitet worden war – Stevens Worte waren verändert. Endlich wusste Courtney, wem sie vertrauen konnte.

Sie sagte zu ihrem Mann: "Ich brauche Hilfe. Ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll."

Courtney beschoss, Zonis Schritt für Schritt aus ihrem Leben zu entfernen. Ihre Nachrichten wurden kurz, nichtssagend und unregelmäßig. Seine Antworten wurden lang und aggressiv. Schließlich antwortete sie gar nicht mehr und verlangte, in Ruhe gelassen zu werden. Doch jeden Tag kamen mindestens 20 Mails oder Anrufe. Auch bei Courtneys Mutter klingelte das Telefon. Es folgten Voicemails: "Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um deinen Mann fertig zu machen. Ich hab dir gesagt, du wirst ihn verlieren, so oder so."

Die Mails kamen von dutzenden verschiedenen Konten. Einige liefen unter Stevens Namen. Courtneys Chef empfing Mails mit Betreffzeilen wie "Meine Frau Courtney, die Schlampe" oder "Courtney ist nicht die, die sie zu sein scheint".

"Cyber Civil Rights Legal Project"

Eines Abends bekam auch Courtney eine Mail, die aussah, als stamme sie von ihrem Mann. Doch der lag neben ihr im Bett und las ein Buch. Am nächsten Abend brummte Stevens Handy auf dem Nachttisch.

Er las die SMS und wandte sich an seine Frau: "Offenbar hasst Du mich", sagte er.

Im März 2015 beantragte Courtney eine einstweilige Verfügung gegen Zonis, die jeden weiteren Kontaktversuch zu einer Straftat machen würde. Steven beantragte ein ähnliches Verbot für sich und den Sohn, obwohl Courtney befürchtete, Zonis damit zu sehr zu reizen.

Zonis reagierte prompt. Er und seine Frau stellten ebenfalls Verbotsanträge. Und schon zwei Tage später bekam sie eine Mail von Zonis' persönlichem Konto. Zu einem Ermittlungsverfahren kam es trotzdem nicht. Die Polizei in Kent war zwar verständnisvoll, aber "nicht wirklich an der Überschreitung eines Kontaktverbots interessiert, die als Ordnungswidrigkeit galt", sagte Steven.

Ende März betraten Courtney und Steven schließlich das FBI-Büro in Seattle, um ihren Fall vorzutragen. Drei Monate später bekamen die Allens einen Brief, in dem stand: "Wir haben Sie als mögliche Opfer eines Verbrechens identifiziert." Man informierte sie, dass das FBI Ermittlungen eingeleitet habe. Monate vergingen. Als die Polizei in Kent von den Ermittlungen des FBI erfuhr, schloss sie die eigene Akte. Anfang April lag in der Post der Allens ein Päckchen mit Marihuana. Sie meldeten es der Polizei, die sie darüber informierte, dass es wieder Berichte auf Crime Stoppers gegeben habe. Die Behauptung diesmal: Die Allens verkaufen Drogen an Schulkinder.

Courtney und Steven mussten über andere Möglichkeiten nachdenken. Als Steven Anfang des Jahres einen Job an der University of Washington angetreten hatte, berichtete er der Leitung von seinem Fall. Die Opfervertreterin der Campus-Polizei verwies ihn an das kostenlose Programm der Rechtsanwaltskanzlei K&L Gates. Unter dem Namen "Cyber Civil Rights Legal Project" wird dort Opfern von besonderen Internet-Straftaten geholfen, etwa Cyber-Mobbing, Cyberausbeutung oder Revenge-Porn.

Echte Angst

Es sind Delikte, von denen selten Details an die Öffentlichkeit dringen. Die Fälle landen fast nie vor Gericht. Die meisten Menschen wollen einfach nur, dass es aufhört und ihre Bilder aus dem Netz und ihre Namen aus den Akten verschwinden.

Auch Steven und Courtney wollten nicht unbedingt Klage einreichen. Aber sie hofften, dass die große Kanzlei in der Lage sein würde, der Polizei Beweise vorzulegen. "Wir wollten nur versuchen, die Strafverfolgungsbehörden zum Handeln zu bewegen", sagt Steven.

Am 29. April 2015 betraten er und Courtney einen Konferenzraum in Seattle. Dort trafen sie zum einen David Bateman, Partner von K&L Gates und einer der Initiatoren des Projekts. Und zum anderen Breanna van Engelen, eine junge Anwältin, die gerade ihr Jurastudium abgeschlossen hatte und auf ihren ersten Fall wartete.

Die beiden Juristen waren zunächst skeptisch. Die Geschichte war so haarsträubend, dass sich van Engelen fragte, ob sie nicht erfunden war. Oder ob ein Ehepartner hier ein Spielchen mit dem anderen spielte. Courtneys Angst schien echt. Aber Steven? Kannte sich mit Computern sehr gut aus. Van Engelen wollte sicher gehen, dass er nicht das Genie hinter einer raffinierten Inszenierung war, in der er sich für Zonis ausgab, der sich für Steven ausgab.

Sie befragte die Allens getrennt voneinander und nahm sich dann eine Woche Zeit, die Beweise zu sichten. Sie fand heraus, dass Mails, die angeblich von Steven kamen, gefälscht waren – verschickt über anonymisierte Dienste, aber so getaggt, als kämen sie von Stevens Konto oder von einem, das man nicht zurückverfolgen konnte. Wäre Steven wirklich der Drahtzieher, dann wäre es so, "als würde man eine Bank ausrauben und eine Maske mit dem eigenen Gesicht tragen", sagt van Engelen.

Sie glaubte ihm.

Doch was, wenn die Sache wirklich vor Gericht ginge?

"Jennifer Jones"

Viele Leute nehmen Cyber-Mobbing nicht sonderlich ernst, weil alles ja nur online passiert. Viele geben den Opfern die Schuld, weil die ihre intimen Details ja schließlich geteilt hätten. Was würde eine Jury von der Geschichte der Allens halten? Würden die Geschworenen denken, Steven sei zu weit gegangen, als er die Affäre öffentlich machte? Würden sie Courtney vorwerfen, Videos verschickt zu haben?

Für van Engelen waren die Allens Opfer. Doch ihr war auch klar, dass die Geschworenen das anders sehen konnten.

Dabei ergab eine Studie 2016, dass einer von 25 Amerikanern, die das Internet nutzen, schon erlebt hat, dass freizügige Fotos von ihm gegen seinen Willen veröffentlicht wurden oder ihm damit gedroht wurde. Bei Frauen unter 30 Jahren war es sogar jede Zehnte. Die Studie ergab auch, dass 47 Prozent der Amerikaner Opfer irgendeiner Form von Online-Mobbing geworden sind.

Danielle Citron, Jura-Professorin an der Universität von Maryland, untersucht seit 2007 Cyber-Mobbing. Ihre Studien belegen, dass fast alle Menschen im Internet haufenweise vertrauliche Informationen preisgeben, ohne zu wissen, wie diese genutzt werden können, sei es von einem Stalker oder einem skrupellosen Unternehmen. Jeder Geo-Tag auf einem Foto, jede Sport-Einheit mit einer Fitness-App, jeder Kreditkartenkauf, jede Google-Suche oder jeder Klick auf eine Werbung hinterlässt im Netz eine digitale Spur persönlicher und vertraulicher Informationen.

Das Brandzeichen von Sarah Edmondson.

Für viele Experten gibt es nur eine Lösung: Der Umgang mit der Veröffentlichung und dem Missbrauch von vertraulichen Informationen muss sich ändern. Wir müssen aufhören, diese Vorgänge zu trivialisieren und sie stattdessen als Straftat ernst nehmen, Tätern zeigen, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben. Denn was wäre die Alternative? "Man kann den Leuten sagen: 'Tun Sie nichts, von dem Sie nicht wollen, dass es öffentlich wird.'", sagt McDonald. "Aber was ist das für ein Leben?"

Als sich van Engelen auf den Fall der Allens vorbereitete, stieß die Anwältin auf unzählige Social-Media-Profile, die so aussahen, als wären sie von Steven oder Courtney. Ein Google-Plus-Konto, das Videos, Courtneys Kontaktdaten, ihr Geburtsdatum und ihren Geburtsnamen enthielt, verzeichnete mehr als 8000 Seitenaufrufe. Selbst für ihren Sohn existierte ein Konto. Von einem Facebook-Konto auf den Namen "Jennifer Jones" wurden Nachrichten an Freunde und Verwandte verschickt, in denen Steven beschuldigt wurde, er habe Jones belästigt und ihr Penisbilder geschickt.

"Umfassende Paranoia"

Die Allens kontaktierten Facebook, Google, YouTube und andere Firmen, um die Konten löschen zu lassen – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Am schwierigsten war es, das Konto, das auf den Namen ihres Sohnes angemeldet war, zu löschen. Immer wieder hieß es, die betreffende Person solle das Löschen selbst veranlassen. Doch bei dem Betreffenden handelte es sich um einen Vierjährigen. Immerhin gab es bei Facebook überhaupt eine Beschwerdemöglichkeit. Bei vielen anderen Seiten gibt es das nicht.

Van Engelen und ihre Kollegen ließen Technikunternehmen gerichtliche Verfügungen zukommen, um herauszufinden, wem welche IP-Adressen zugeteilt wurden. Doch sie mussten immer neue Verfügungen erwirken, weil ständig neue Konten angelegt wurden. Den Gerichtsakten ist zu entnehmen, dass viele der anfänglichen Mails zum Haus der Zonis zurückverfolgt werden konnten. In einem Fall wurde dieselbe Nachricht von sieben verschiedenen Konten verschickt. Einige waren anonym, doch sie konnten der privaten IP-Adresse der Zonis oder einem Hotel zugeordnet werden, in dem sie abgestiegen waren.

Eine kam scheinbar von Stevens Mailkonto, doch sie war von einer Website in Tschechien weitergeleitet worden, die Mails von Fake-Konten verschickt. Für van Engelen war das ein Beweis dafür, das Zonis Anonymisierer benutzte und sich als jemand anderes ausgab. Zonis dagegen behauptete, Steven würde Beweise gegen ihn fabrizieren.

Mit der Zeit wurde es immer schwieriger, die neuen Mails und neuen Social-Media-Konten zurückzuverfolgen. Van Engelen fand heraus, dass viele der IP-Adressen durch ein Netzwerk sogenannter Onion Router Schicht für Schicht verschlüsselt und anonymisiert wurden. Auch der Schreibstil der Mails und Posts änderte sich. Als wollte der Verfasser verhindern, dass seine Synthax oder Orthographie analysiert werden könnte. Manchmal lasen sich die Mails, als wäre der Verfasser der englischen Sprache gar nicht richtig mächtig.

Im Sommer 2015 stellten die Allens fest, dass jemand eine Kreditkarte auf ihren Namen beantragt hatte. Eine bereits existierende war in betrügerischer Absicht verwendet worden. Die Betrugsversuche fanden auf Seiten statt, die persönliche Daten hätten liefern können. Courtney hatte indes eine Therapie begonnen. Ihre Angst hatte sich zu "einer umfassenden Paranoia" ausgeweitet. Sie schreckte nachts plötzlich aus dem Schlaf hoch, litt unter Panikattacken, wenn sie Polizisten in der Nachbarschaft sah. Zonis hatte sie wissen lassen, dass er über Gratisflüge verfüge, da seine Frau bei einer Fluggesellschaft arbeitete. Courtney fürchtete, dass er plötzlich vor der Tür stehen würde. Sie ließ ihren Sohn nicht mehr draußen spielen. Doch fast noch schlimmer waren die Schuldgefühle, die sie plagten, weil alle, die ihr nahestanden, mit ihr leiden mussten.

Selbstmordgedanken

Für Courtney war das Internet inzwischen eine Gefahr, die für andere in ihrem Umfeld nicht zu existieren schien. "Niemand ist sicher", sagt sie, "wenn man im Internet unterwegs ist, dann ist man praktisch schon eine Zielscheibe." Courtney löschte ihre eigenen Social-Media-Konten und gab ihre Telefonnummer nicht mehr weiter. Sie war entsetzt über die Dinge, die ihre Freunde veröffentlichten – Posts aus den Ferien, die ihren genauen Aufenthaltsort verrieten, Bilder von ihren kleinen Kindern. Sie bat andere, keine Bilder von ihrem Sohn zu posten. "Bist du denn nicht stolz auf deinen Jungen?", fragte sie ein Vater. Als sie anbot, die Empfehlungen des FBI zum Umgang mit vertraulichen Informationen weiterzuleiten, antwortete nur ein einziger Freund – nur um zu fragen, ob soviel Geheimniskrämerei denn wirklich notwendig sei.

Ende Juni 2015 reichte K&L Gates im Namen der Allens Klage auf Schadenersatz und Unterlassung gegen Zonis ein: wegen Verleumdung, vorsätzlicher Zufügung seelischer Schmerzen, elektronischen Identitätsmissbrauchs und Verletzung der Privatsphäre. Zwei Monate später reichte Zonis beim Bundesgericht in Arizona eine ähnliche Klage gegen Steven Allen ein. Die Anklageschrift enthielt Auszüge aus Mails, die Steven angeblich an Zonis geschickt hatte: "So schade, dass deine Frau, die Hure, noch immer kein Kind hat… hab ich schon erwähnt, dass sie [Mrs. Allen] wieder mir gehört?" und "Ich musste nur den wohlwollenden Ehemann spielen und dich die Arbeit machen lassen ... Ich plane, dir weiter das Leben zur Hölle zu machen, wie du es dir nicht mal vorstellen kannst."

Es war klar: Es würde über ein Jahr voller Antragsschriften und Antworten dauern, bevor die Fälle zusammengelegt und die gegenseitigen Vorwürfe verhandelt werden konnten.

Im August erhielt Courtney indes eine anonyme Mail, die alles bisherige in den Schatten stellte. Sie endete mit der Empfehlung: "Leichter, sich selbst zu töten und allen zu helfen."

Courtney hatte schon zuvor Selbstmordgedanken gehabt. Wenn sie sich umbrächte, dachte sie, würde das Mobbing endlich aufhören. Vielleicht könnte sie so ihre Familie retten. Sie wollte die Pistole nehmen, die in einem Safe lag. Ihre Hände zitterten, und sie fingerte ungeschickt am Zahlenschloss herum. Da begann sie, nachzudenken, was sie alles versäumen würde, wenn sie abdrückte – ihrem Sohn das Autofahren beibringen, mit Steven alt werden. Sie schaffte es nicht.

Schadenersatz

"Ich wollte ihn nicht gewinnen lassen", sagt sie heute. "Dass ich lebe, sollte mein Sieg über ihn sein."

Einen Monat später fuhren die Allens nach Hawaii. Sie bekamen Anrufe und Mails, aber die Reise wurde nicht erwähnt. Für Courtney war es wie ein kleines Wunder: ein Augenblick in ihrem Leben, der nur ihr gehörte. Eine Atempause. Und die Erkenntnis: "Es gibt Dinge, die bleiben unter uns."

Zuhause ging der Albtraum weiter. Jetzt bekam Steven Mails in der Universität Washington, an einem Arbeitsplatz, an dem er sich bisher sicher gefühlt hatte. Dutzende Mitarbeiter erhielten Nachrichten, von der IT-Abteilung bis zum Universitätspräsidenten, oft mit Fotos von Courtney. Allmählich gewöhnten sich die Allens daran. "Es gibt niemanden, den ich kenne, der nicht jedes intime Detail von mir kennt", sagt Courtney. "Damit konnte er mich nicht mehr verletzen." Doch sie machte sich Sorgen, ihr Sohn könnte die Videos eines Tages zu Gesicht bekommen.

Kurz vor Halloween erhielten die Anwälte von K&L Gates eine anonyme Drohung, die so glaubhaft war, dass sie die Sicherheitsvorkehrungen in der Kanzlei erhöhten. Und bald darauf erschienen zwei FBI-Agenten bei den Allens. Wieder hoffte das Paar, ihre Probleme würden endlich gelöst werden. Doch die Agenten übergaben ihnen eine Unterlassungserklärung. Zonis hatte Dokumente vorgelegt, die angeblich bewiesen, dass die Allens in seinem Namen Kreditbetrug begingen. Später legte er noch Schriftstücke vor, die angeblich von Steven stammten. Sie enthielten Fotos von Stevens Penis, die er angeblich Zonis Frau Jennifer geschickt hatte, um sie zu verhöhnen. Ein Post in einem Forum erweckte den Eindruck, Steven hätte seine Freunde von "Marriage Builders" gebeten, einen Drohanruf bei seiner eigenen Großmutter zu machen.

"Alles, was er getan hat, versucht er mir in die Schuhe schieben", sagte Steven.

"Alles, was man uns vorwirft, hat er uns angetan", sagte Zonis.

Im Januar 2017, nach fast zwei Jahren, waren die Vorbereitungen zur Klage endlich abgeschlossen. Zonis vertrat sich inzwischen selbst, nachdem er eine Reihe von Anwälten verschlissen hatte. Vor der Verhandlung mussten die Parteien an einem Schlichtungstermin teilnehmen. Der Richter war auf einen Vergleich aus und gab den Allens zu verstehen, die zahlreichen sich widersprechenden Behauptungen könnten bei den Geschworenen den Eindruck hinterlassen, dass alle Beteiligten etwas zu verbergen hätten. Die Allens schickten ein Angebot in den Raum nebenan, in dem die Zonis' saßen: Sie würden ihre Klage fallen lassen, wenn die Zonis ihre ebenfalls zurücknahmen und die Allens zukünftig nicht mehr belästigten. Aber Todd Zonis forderte hohen Schadenersatz für seine angeblichen Verluste.

Und so ging der Fall doch vor Gericht.

"Hatten Sie Orgasmen?"

Am Mittwoch, den 22. März 2017, trafen die Allens, ihre Anwälte und die Zonis im Gerichtssaal aufeinander. Vor der Auswahl der Jury waren die potenziellen Geschworenen befragt worden, und ihre Antworten hatten van Engelens Befürchtungen bestätigt: "Das ist belangloses Zeug", "Warum sitze ich hier?", "Was geht mich der Facebook-Streit von irgendjemandem an?", "Ist ja High-School-Niveau." Ein paar waren der Meinung, wer freizügige Videos verschicke, sei selber Schuld, wenn sie geteilt würden. Andere fanden, die Allens wären durch die Phalanx ihrer Anwälte im Vorteil.

Van Engelens Unruhe wuchs. Am Abend vor dem Prozessbeginn stand sie weinend unter der Dusche: "Was, wenn jemand einfach beschließt, sich die Beweise erst gar nicht anzusehen, weil er sich seine Meinung bereits gebildet hat?"

Vor dem Prozess erstellte Steven eine Chronologie der Belästigungen, die seine Anwälte auf ein drei Meter langes Poster druckten, damit die Geschworenen die Einträge sehen konnten. Van Engelens Kollege David Bateman beschrieb in seinem Eröffnungsplädoyer jede einzelne falsche Anzeige bei der Polizei, die Unmenge an Mails, die Videos. Van Engelen wurde langsam ruhiger.

"Man konnte sofort sehen, wie der Gesichtsausdruck der Geschworenen sich änderte", sagt sie. "Ich glaube, sie haben auf einmal verstanden: Das hier war nicht das, was sie sich vorgestellt hatten."

Als erste Zeugin rief Van Engelen ihre Mandantin Courtney Allen auf. Courtney beschrieb ihre Beziehung zu Zonis und dass sie angenommen habe, die Videos würden vertraulich bleiben. Die Filme und Bilder wurden im Saal nicht gezeigt. Van Engelen beschrieb sie in ihrer Befragung so nüchtern wie möglich, damit Courtney es nicht zu tun brauchte. "Hatten Sie Orgasmen?", fragte sie. "Werden Ihre inneren und äußeren Schamlippen gezeigt?" Courtney sagte länger als einen Tag lang aus. Vor lauter Scham war sie nicht in der Lage, die Geschworenen anzusehen.

Papierausdrucke ohne Metadaten

Van Engelen bat sie, Mails vorzulesen, und spielte eine Voicemail vor. Dann las sie aus dem Google-Plus-Profil vor, das unter Courtneys Namen und mit ihrem Bild geschaltet war. "Ich bin eine echt nuttige Ehefrau" und: "ich habe jahrelang unter unbefriedigendem Sex mit meinem Ehemann gelitten, der einen Schwanz wie ein Cocktailwürstchen hat."

"Haben Sie das über sich geschrieben?", fragte Van Engelen. "Hat Ihr Mann das über sich selbst geschrieben?"

"Nein", antwortete Courtney.

Van Engelen fuhr mit ihrer Befragung fort. Courtney weinte. Sie erzählte, wie sie den Tresor öffnen wollte, um die Waffe herauszuholen.

Nun hielt Zonis sein Eröffnungsplädoyer. Seine Frau nahm Courtney ins Kreuzverhör und ließ sich später selbst von ihrem Mann befragen. Das Paar legte seine Version dar: Sie seien mit Courtney befreundet gewesen und hätten sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann Steven beschützen wollen. Er sei derjenige, der sie belästigt habe. Sie legten Posts und Mails vor, die angeblich von den Allens stammten. Die Beweise bestanden aus Papierausdrucken ohne Metadaten oder digitale Spuren. Als die Anwälte der Allens eine forensisch einwandfreie Kopie verlangten, erklärte Zonis, sein Computer hätte nicht funktioniert. Er habe ihn außerdem inzwischen verkauft. Von den Dateien habe es zwar Kopien auf CDs gegeben, doch die habe Jennifer aus Versehen weggeworfen.

Steven bestritt im Zeugenstand, die fraglichen Mails und Posts geschrieben zu haben. Die Allens hatten digitale Kopien gespeichert, die scheinbar von Steven stammten, aber das Team von K&L Gates zeigt der Jury, wie diese manipuliert worden waren. Sie wiesen nach, dass die Formatierung einiger Posts nicht mit der auf dem Computer der Allens übereinstimmte und die Zeitzone nicht die Pazifische war, sondern die Gebirgszeitzone, wie in Arizona, wo Zonis lebte. Anscheinend, so die Anwälte, habe er die Posts selbst erstellt.

Zonis erwiderte, diese Diskrepanzen seien ein Beweis dafür, dass Steven Spyware verwendet habe, um Mails zu stehlen. Er engagierte einen Experten, der via Skype eine Einschätzung abgab: Es sei theoretisch möglich, dass die forensische Spur zu Zonis gefälscht sei. So etwas sei ihm aber noch nie untergekommen. Außerdem habe er die Beweise nicht geprüft.

Vertane Chance

Allens Anwälte riefen den Cyberforensiker Andreas Kaltsounis auf, der normalerweise für das FBI und das Verteidigungsministerium arbeitet. Er erklärte den Geschworenen, wie das Darknet, Tor-Netzwerke und IP-Adressen funktionieren. Dann legte er eine Karte vor, die zeigte, dass viele der scheinbar unterschiedlichen Konten, von denen die Allens Mobbing-Mails bekommen hatten, tatsächlich durch überlappende IP-Adressen verbunden waren. Eines der verlinkten Konten war die Facebook-Seite für "Jennifer Jones". Zonis wandte ein, es könnte ja ein Konto sein, das Steven eingerichtet hätte.

Doch darauf waren die Anwälte vorbereitet.

Monate vor der Verhandlung hatte Van Engelen akribisch alle IP-Adressen geprüft, die durch Logins mit dem Jones-Konto verbunden waren. Und da machte sie eine Entdeckung: ein Login lief über die private IP-Adresse der Zonis. Sie war damals in Batemans Büro gelaufen und hatte gerufen:

"Wir haben ihn!"

Zum Ende der Verhandlung hatten die Anwälte der Allens 1083 Beweisstücke vorgelegt. Die Leute von K&L hatten Tausende Stunden damit verbracht, sich durch Beweise zu wühlen. Allein die Kosten von Van Engelens Arbeitszeit bewegten sich in einer Größenordnung von 400.000 US-Dollar.

Zonis hatte nie den Zeugenstand betreten. Er versuchte, es den Anwälten in die Schuhe zu schieben, die zu viel Zeit mit ihren endlosen technischen Ausführungen verbracht hätten. Van Engelen war angewidert: "Er hatte die große Chance, seine Seite der Geschichte zu erzählen, und er hat sie nicht wahrgenommen", sagt sie. "Hinter der Tastatur versteckt, ist er sehr stark. Aber wenn die Möglichkeit besteht, sich tatsächlich zu beweisen, knickt er ein."

Am 30. März hielt Van Engelen ihr Schlussplädoyer. Es war das erste Mal, dass sie es in einem echten Gerichtssaal tat. Sie begann damit, eine der Voicemails vorzuspielen, die unwidersprochen von Zonis stammten: "Wie fühlt es sich an zu wissen, dass ich nie, nie, nie aufhören werde?"

"Sie haben so viel durchgemacht."

Sie wandte sich an die Geschworenen: "Jemand muss ihm sagen, dass er aufhören muss." Van Engelen beschrieb Courtneys schlimmsten Moment: als sie die Waffe holen wollte. Sie zitierte eine Nachricht, in der Courtney versprochen wurde, dass sie isoliert, in Schande, als Gespött enden werde.

Van Engelen mahnte: "Sagen sie ihm, er muss aufhören. Ziehen sie ihn zur Verantwortung."

In seinem eigenen Schlussplädoyer wiederholte Zonis, dass man "dieses Zeugs nicht zu mir zurückverfolgen kann." Er beklagte, dass in Folge des Konfliktes der Kontakt zu seinen Eltern abgerissen sei. Er stellte sich als Opfer dar: "Und was ist, wenn ich nicht der Teufel bin? Was tun Sie dann? 'Oh Gott, wir hatten Unrecht!' Das wollen wir doch nicht, oder?"

Die Anwälte von K&L forderten keine konkrete Entschädigungssumme. Die Allens hatten ihnen versichert, es ginge ihnen nicht ums Geld. Sie wollten einfach nur, dass das Mobbing ein Ende hätte.

Am folgenden Nachmittag kam die Jury mit einer Entscheidung zurück in den Gerichtssaal.

Die zwölf Geschworenen hatten Fragebögen bekommen: Welche der Aussagen der Zonis' und der Allens hielten sie für wahr und welche nicht? In einem Punkt gaben sie Zonis Recht: Die Allens seien "in die Privatsphäre der Zonis eingedrungen". Sie waren allerdings der Meinung, dadurch sei kein Schaden entstanden. In allen anderen Fällen stimmten sie für die Allens. Die Schadenssumme addierte sich auf 8,9 Millionen Dollar. Das war eine Rekordsumme für Cyber-Mobbing, ohne dass ein Prominenter involviert war.

Die Jury "glaubte nicht, dass es sich hier noch um eine belanglose Angelegenheit" handelte, sagt Van Engelen heute mit Genugtuung.

Nach dem Verfahren ging eine Geschworene vor der Tür auf Courtney zu und umarmte sie: "Sie haben so viel durchgemacht." Weder die Allens noch die Anwälte erwarten, dass sie die Entschädigungssumme je bekommen. Aber dieser Moment auf dem Gang fühlte sich genau so wertvoll an.

Nicht vorbei

"Die Tatsache, dass andere Menschen das verstehen und begreifen, wie irrsinnig das alles ist, hilft mir, mich nicht selbst für verrückt zu halten", sagt Courtney.

Doch der größte Wunsch der Allens war nach wie vor: Das Mobbing sollte aufhören.

Nach dem Prozess sah es einen Monat lang danach aus. Doch dann loggte sich Courtney eines Nachmittags auf ihrem Computer ein und fand eine neue, zwar kryptische, aber bedrohliche Mail: "Strafe wird bald den Bösen zugeteilt. deine Zeit ist kurz. vermisste Familie werden wir nicht. Preis für Tat noch zu bezahlen ist jetzt."

Es war nicht vorbei.

Courtney spürte eine Mischung aus Angst und Erschöpfung. "Ich wünsche mir nur, dass man uns in Ruhe lässt. Sonst nichts", sagt sie. "Aber ich befürchte, dass das in irgendeiner Form für immer ein Teil unseres Lebens bleibt."

Nach der Verhandlung hatte Zonis Berufung eingelegt. Er halte das Verfahren für unfair, man hätte nicht in Betracht gezogen, was die Allens ihm angetan hätten.

Bald nach dem Urteil erschien ein Blog unter seinem Namen. "Mein Name ist Todd Zonis, und ich habe meine Familie, mein Zuhause, meine Zukunft und wahrscheinlich mein Leben verloren. Vielleicht lernt ihr nichts aus meinem Leben, aber hoffentlich aus meinem Tod", begann der Blog. Zu den Beweisen, die er dort postete, gehörten auch die Fotos von Courtney. Er hatte sie mit einer Anmerkung versehen:

Absender: unbekannt

"Ihr könnte gerne das ganze Material, dass ich hier poste, herunterladen und verwenden und verteilen, wie ihr wollt."

Über Zonis' Berufung wurde bis heute noch nicht entschieden. Auch ein Strafverfahren wurde bislang nicht eingeleitet. Die Allens drängen nicht mehr darauf. Sie sagen, sie wollen "keine schlafenden Hunde wecken". Denn seit eineinhalb Jahren finden keine Belästigungen mehr statt. Einen Tag vor den Anhörungen beim Berufungsgericht ging allerdings eine computergenerierte Voicemail bei Courtney ein. Absender: unbekannt.

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