HOME

Fall wird neu aufgerollt: Der "D.C. Sniper" tötete wahllos Menschen - trotzdem soll seine Strafe nicht in Ordnung sein

Lee Boyd Malvo hat wahl- und grundlos getötet. Als 17-Jähriger war er einer der "D.C. Sniper", die eine der schlimmsten Mordserien in den USA verübten. Daran besteht kein Zweifel. Trotzdem muss der spektakuläre Fall neu aufgerollt werden.

Mörderische Freunde: Die "DC Sniper" Lee Boyd Malo (li., damals 17 Jahre alt) und John Allen Muhammad (damals 41) im Jahr 2002. Die Heckenschützen versetzten die Region um die US-Hauptstadt Washington in Angst und Schrecken.

Mörderische Freunde: Die "DC Sniper" Lee Boyd Malo (li., damals 17 Jahre alt) und John Allen Muhammad (damals 41) im Jahr 2002. Die Heckenschützen versetzten die Region um die US-Hauptstadt Washington in Angst und Schrecken.

Picture Alliance

Der Oktober 2002 war eine furchtbare Zeit für die Menschen in der US-Hauptstadt Washington und entlang der nahen Interstate 95, dem sogenannten Beltway, in den Nachbarstaaten Virginia und Maryland. Niemand, buchstäblich niemand, konnte sich dort seines Lebens sicher sein. Ob beim Tanken oder auf dem Parkplatz des Supermarkts, beim Warten auf den Bus oder beim Rasenmähen - stets konnte eine Kugel dem eigenen Leben jäh ein Ende setzen. Es war ein dreiwöchiger Alptraum. Wer nicht musste, wagte sich nicht aus dem Haus.

Der Fall des "D.C. Snipers", des Heckenschützen von Washington, machte vor 17 Jahren international Schlagzeilen. Und wohl selten war die Erleichterung größer, als am 24. Oktober 2002 die Meldung um die Welt ging, dass John Allen Muhammad und Lee Boyd Malvo gefasst waren. Erst bei ihrer Verhaftung wurde klar, dass es sich beim Sniper in Wirklichkeit um zwei Personen handelte.

DC Sniper Lee Boyd Malvo 2003

Neue Aussicht, doch noch einmal freizukommen: D.C. Sniper Lee Boyd Malvo alias John Lee Malvo (Aufnahme von 2003)

Picture Alliance

Lee Boyd Malvo - zu jung für die Todesstrafe

Mindestens zehn Menschen sind seinerzeit der beispiellosen Mordserie zum Opfer gefallen. Das sind die bewiesenen Taten, wahrscheinlich gibt es weitere. Niemandem ist daran gelegen, an die Tage voller Angst im Oktober 2002 zu erinnern. Und doch wird genau das im kommenden Herbst geschehen.

Denn dann muss der Oberste Gerichtshof der USA, der Supreme Court, die Frage beantworten, ob die Verurteilung des seinerzeit minderjährigen Lee Boyd Malvo zu zweimal lebenslanger Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung rechtens war. Oder ob ihm angesichts seines jungen Alters nicht vielmehr die Möglichkeit hätte eingeräumt werden müssen, sich zu bessern und daher das Gefängnis doch noch einmal verlassen zu können. Einzig die Tatsache, dass er noch ein Jugendlicher war, bewahrte Malvo seinerzeit vor der Todesstrafe, der sein Mittäter und "Ziehvater" nicht entging.

Supreme Court eröffnet D.C. Sniper selbst die Chance

Nachdem er nun die Hälfte seines Lebens in Haft verbracht hat, hat Lee Boyd Malvo wieder Hoffnung geschöpft, doch noch einmal frei zu kommen. Pikanterweise existiert bereits eine Entscheidung des Supreme Courts von 2012. Darin heißt es, dass die obligatorische Verurteilung von Minderjährigen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne die Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung verfassungswidrig sei. 2016 präzisierten die Richter zudem, dass die Entscheidung auch rückwirkend gültig sei. Lebenslange Haftstrafen ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung sollten nur in "äußerst seltenen Fällen" gegen jugendliche Straftäter verhängt werden, deren Verbrechen darauf hinwiesen, dass sie sich nicht mehr bessern werden.

Lee Boyd Malvo ging in Berufung, doch kamen die Gerichte seitdem zu unterschiedlichen Urteilen. Das Oberste Gericht von Virginia etwa entschied gegen ihn, eine andere Berufungsinstanz sprach sich für eine Wiederaufnahme des Verfahrens aus. Nun will sich der Supreme Court selbst mit dem Fall befassen. Seine Entscheidung könnte Konsequenzen für hunderte von weiteren US-Häftlingen haben, die bei ihrer Verurteilung ebenfalls noch minderjährig waren.

Greift die Ausnahme für Lee Boyd Malvo?

Ein entscheidender Punkt der Neuverhandlung dürfte sein, ob Lee Boyd Malvos Fall nicht zu jenen "äußerst seltenen Fällen" gezählt werden muss, in denen der Supreme Court das lebenslange Wegsperren eines jugendlichen Täters für gegeben hält. Viele, die die Tage der Furcht im Oktober 2002 miterlebt haben, werden fragen: Wann, wenn nicht in diesem Fall, träfe dazu zu?

Tatsächlich sind die "Beltway Sniper Attacks", wie die Mordserie auch bezeichnet wird, in allen Umständen außergewöhnlich. Muhammad und Malvo agierten in keinster Weise wie es Serienkiller in aller Regel tun. Statt es auf Opfer mit bestimmten Charakteristika abzusehen, wählten sie ihre Zielpersonen spontan aus, töteten Frauen, Männer und Kinder, egal welchen Alters oder welcher Rasse. Es gab weder eine Verbindung der Opfer untereinander noch eine bestimmte Tatzeit oder eine abzugrenzende Region, in der die beiden mordeten. Profiler konstatierten, dass es sich um einen Einzeltäter, einen weißen Mann handeln müsse, stattdessen tötete hier ein mörderisches Duo aus einem Afroamerikaner und einem Jugendlichen karibischer Herkunft.

DC Sniper John Allen Muhammad

2009 hingerichtet: D.C. Sniper John Allen Muhammad alias John Allen Williams am 9.3.2004 vor einem Gericht in Manassas, Virginia.

Picture Alliance

Morde aus dem Kofferraum

Die Sniper-Serie begann am 2. und 3. Oktober mit wahllosen Anschlägen im Abstand weniger Stunden. John Allen Muhammad und Lee Boyd Malvo waren seinerzeit in einem blauen Chevrolet Caprice unterwegs. Die beiden hatten sich auf Antigua kennengelernt. Lee lebte dort eine Zeit lang mit seiner Mutter, und Muhammad hatte seine leiblichen Kinder dorthin entführt, für die er später das Sorgerecht verlor. Obwohl seine Mutter keine intime Beziehung zu dem Ex-Soldaten aufbaute, wurde der 41-Jährige eine Art Vaterersatz für den ohne Vater aufgewachsenen Lee. Nach der Rückkehr in die USA blieb Lee bei Muhammad, der sich im Raum Washington aufhielt.

Der Wagen, mit dem die beiden unterwegs waren, war zugleich Übernachtungsmöglichkeit und Tötungsmaschine. Der Kofferraum war so umgebaut, dass ein Mann darin liegen und so unbemerkt auf Personen schießen konnte. Meist soll es Lee Boyd Malvo gewesen sein, der den Abzug eines mit einer Laserzielvorrichtung ausgerüsteten halbautomatischen Gewehr vom Typ Bushmaster ACR zog und die Menschen tötete. Muhammad, der als John Allen Williams geboren wurde, später jedoch konvertierte, der Nation of Islam beitrat und seinen Namen änderte, war in der Armee zum Scharfschützen ausgebildet worden. Sein Können gab er an seinen "Ziehsohn" Lee weiter. Der 17-Jährige tötete stets mit einem gezielten Schuss.

Im Gefängnis angefertigte Zeichnung von DC Sniper Lee Boyd Malvo

Eine im Gefängnis angefertigte Zeichnung des D.C. Snipers Lee Boyd Malvo. Nach Lesart seiner Anwälte belegen die Skizzen die Abhängigkeit Malvos von seinem älteren Komplizen John Allen Muhammad.

Picture Alliance

3. Oktober 2002: Die Raserei des Snipers

Der erste der zur Serie gehörenden Schüsse fielt am 2. Oktober um 17.20 Uhr. Er durchschlug das Fenster eines Ladens in Aspen Hill, Maryland, und verletzte niemanden. 45 Minuten später war der 55-jährige Programmierer James Martin das erste Opfer der "D.C. Sniper". Er wurde auf einem Supermarkt-Parkplatz tödlich getroffen.

Am 3. Oktober wird die Polizei kaum gewusst haben, wie ihr geschah:

  • 7.41 Uhr: Der 39-jährige Gärtner James L. Buchanan wird beim Rasenmähen in Rockvielle erschossen
  • 8.12 Uhr: Beim Betanken seines Taxis stirbt in Aspen Hill der 54-jährige Prem Kumar Walekar
  • 8.37 Uhr: Die 34-jährige Sarah Ramos sitzt lesend an einer Bushaltestelle in Silver Spring als sie der tödliche Schuss trifft
  • 9.58 Uhr: Das Kindermädchen Lori Ann Lewis-Rivera, 25, stirbt beim Betanken ihres Autos in Kensington, Maryland
  • 21.15 Uhr: Der 72-jährige Rentner Pascal Charlot wird beim Spaziergang auf der Georgia Avenue in Washington D.C. getroffen und stirbt wenig später

Erst allmählich wird der Zusammenhang zwischen den Taten klar - und der einzige Hinweis ist, dass die tödliche Kugel aus derselben Waffe stammt.

"Eure Kinder sind nicht sicher"

Von nun an verging kaum ein Tag ohne einen weiteren Toten oder einen Verletzten. Das letzte Opfer der Sniper-Serie war der 35-jährige Conrad Johnson, der um 5.56 Uhr am 22. Oktober auf den Stufen seines Busses tödlich getroffen wurde. Auf einen telefonischen Hinweis von Lee Boyd Malvo hin fand die Polizei nahe des Tatorts einen kurzen Brief. Darin die Forderung nach Geld und eine Drohung, die um die Welt ging: "Eure Kinder sind nicht sicher. Nirgendwo und zu keinem Zeitpunkt."

Doch nur zwei Tage später wurde das mörderische Duo in seinem blauen Wagen gefasst. An einem Tatort hatte man einen Fingerabdruck von Lee Malvo gefunden, der zu einem Pendant in der Einwanderungsbehörde passte. Auch Hinweise auf den blauen Capricorn hatten sich angesammelt, und als ein Trucker den Wagen auf einem Parkplatz entdeckte und Alarm gab, schlug die Polizei zu. Die Beamten überraschten Muhammad und Malvo im Schlaf. Im Auto befand sich auch die Tatwaffe.

Der Drahtzieher wird hingerichtet

Obwohl John Allen Muhammad keinen der nachgewiesen Morde ausgeführt haben soll, wurde er als Drahtzieher der Mordserie zum Tode verurteilt und 2009 durch die Giftspritze hingerichtet. Wie der gesamte Fall war auch dies ungewöhnlich, denn normalerweise wird in den USA niemand hingerichtet, der nicht selbst getötet hat. Doch die Gerichte urteilten in diesem Fall, dass die Morde Teil eines terroristischen Akts gewesen sein. Es hieß, Muhammad habe sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 radikalisiert und sich auf einem persönlichen Dschihad befunden.

Wirklich geklärt wurde das Motiv jedoch nie. Hass auf die USA wurde genannt, auch der Erpresserbrief vom letzten Tatort wurde als Hinweis auf das Motiv diskutiert. Unklar ist auch, warum Muhammads "Ziehsohn" Lee all' diese Taten verübte. Wollte er seiner Vaterfigur imponieren? Zehn Jahre nach den Morden entschuldigte sich Lee Boyd Malvo in einem Interview mit der "Washington Post" für seine Taten. Er bezeichnete sich als "Monster" und "Dieb", der Menschen das Leben gestohlen habe. Der Supreme Court hatte da schon konstatiert, dass die Verurteilung eines Teenagers zu lebenslanger Haft ohne Hoffnung je frei zu kommen, verfassungswidrig sei.

Kann es nun sogar dazu kommen, dass der verbliebene "D.C. Sniper" freigelassen werden muss? Experten erwarten eher, dass Malvos Strafen so umgewandelt werden, dass eine Freilassung auf Bewährung nicht mehr ausgeschlossen wird. Seine Anwälte werden wohl wie damals damit argumentieren, dass ihr Mandant unter dem starken Einfluss der Vaterfigur John Allen Muhammad gestanden habe. Die Entscheidung am Supreme Court wird im Herbst im Fokus der amerikanischen Öffentlichkeit stehen.

Im April sah man Abu Tahseen beim Kampf  um Mossul.

Quellen: "Agence France Press" (AFP) / "archives.fbi.gov" / "Encyclopedia Britannica" / "beck-aktuell" / "CNN"