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Das erste Interview nach Freispruch: Kachelmanns Abrechnung

Jörg Kachelmann bricht sein Schweigen: Eine Woche nach seinem Freispruch hat der ehemalige Wettermoderator der "Zeit" ein Interview gegeben. Er spricht über seine abenteuerliche Flucht, seinen Hass auf Polizei und Justiz und seinen privaten Rachefeldzug.

Die Verbitterung ist ihm fast in jedem Satz anzumerken. Wenn er über vermeintliche Freunde spricht, die sich seit seiner Verhaftung im März 2010 von ihm abgewendet haben, oder über die finanziellen Folgen, die der Prozess für ihn hatte. Teilweise schlägt diese Verbitterung sogar in Wut um. Wut gegen all diejenigen, die ihm das in seinen Augen angetan haben: die Polizei in Baden-Württemberg, die Mannheimer Staatsanwaltschaft und vor allem die Nebenklägerin und die Medien, allen voran die "Bunte" und "Bild". Und Jörg Kachelmann lässt keinen Zweifel daran - er will Rache.

Nach seinem Freispruch in der vergangenen Woche hat der ehemalige Wettermoderator ein Interview gegeben. Er bricht damit sein langes Schweigen. Seit seiner Verhaftung im vergangenen Jahr hatte er vor Gericht die Aussage verweigert. In einem Dorf im Ausland, wo er sich ein Haus gemietet hat, um "von den Reportern der Boulevardmedien nicht gefunden zu werden", empfing er die "Zeit"-Journalisten Stefan Willeke und Sabine Rückert. Einen Tag durften sie Kachelmann über die zurückliegende Zeit im Gefängnis, den Prozess und seine Zukunftspläne befragen.

Nie mehr Baden-Württemberg

Kachelmann nutzte die Gelegenheit, kräftig auszuteilen. Vor allem an der Polizei und der Justiz in Baden-Württemberg lässt er kein gutes Haar. Er habe den Glauben an die deutsche Justiz komplett verloren. Deshalb habe er bei der Urteilsverkündung am 30. Mai auch "nicht unbedingt an einen Freispruch geglaubt", sich immer wieder den "Worst Case" vorgestellt. "Ich hatte im Gerichtssaal so viel Irrationalität kennengelernt, vor allem auch von den Mannheimer Staatsanwälten, dass ich bis zum Schluss mit der menschlichen Irrationalität rechnen musste", sagt Kachelmann der "Zeit".

Die Erfahrungen mit der Justiz und der Polizei haben bei ihm offenbar so tiefe Spuren hinterlassen, dass über weite Teile des Interviews der Eindruck entsteht, Kachelmann leide unter Verfolgungswahn. Etwa wenn er sagt: "Und nach diesem Erlebnis mit dem Gericht in Mannheim und mit dieser Kriminalpolizei im badischen Schwetzingen, wo mir diese ganze Lügengeschichte ja angedichtet worden war, meide ich ganz Baden-Württemberg. Ich will da nicht mehr hin. Ich fahre großräumig drum herum." Er würde sich wünschen, dass "solchen Beamten" das Handwerk gelegt werde.

Verfolgungswahn und eine abenteuerliche Flucht

Oder wenn er mutmaßt, dass Reporter von "Bild" oder "Bunte" ihn systematisch ausspionieren würden und ihnen sogar unterstellt: "Die wissen viel mehr als jedes popelige Ministerium für Staatssicherheit." Er sei sich sicher, dass Boulevardmedien überall "U-Boote" hätten. Deswegen sei er vorsichtiger geworden bei dem "bisschen Privatleben", das ihm noch bliebe. Dauernd müsse er sich fragen, ob "hinter dem nächsten Busch wieder ein Leserreporter der 'Bild'-Zeitung" lauere. Er achte sogar auf seinen Müll, weil er befürchte, dass dieser von Journalisten durchwühlt werden könnte. Um nicht aufgespürt zu werden, verzichte er sogar auf sein Handy. Er vermeide außerdem Situationen, in denen er mit einer unbekannten Frau alleine sei, beispielsweise im Aufzug, auf der Straße oder in Räumen.

Kachelmann schildert auch seine abenteuerliche Flucht vor Reportern und Paparazzi aus dem Gerichtsgebäude in Mannheim. Zunächst sei er von seiner Anwältin nach Heidelberg in eine Tiefgarage gefahren worden. Dort habe er in ein Taxi umsteigen wollen, doch da am Ausgang Fotografen lauerten, habe er einen Notausgang benutzt und sei dann in einem fremden Büro gelandet. Von dort sei er auf dem Rücksitz eines Wagens, versteckt unter einer Fitness-Gummimatte, entkommen.

Im Holzfällerhemd zum Interview

Auf den Fotos, die Kachelmann von den "Zeit"-Reportern von sich machen lässt, wirkt er trotzdem entspannt. Er lässt sich vor einer frisch gemähten Weide fotografieren. Der 51-Jährige trägt ein rot kariertes Holzfällerhemd, darunter ein weißes T-Shirt und Jeans. Die Hände vergräbt er in den Hosentaschen. Der Wind weht ihm leicht durchs Haar. Trotz des Urlaubslooks sind seine Gesichtszüge strenger als sonst. Seine Falten um die Mundwinkel sind tief, die Augen leicht geschwollen. Die Strapazen der vergangenen Wochen und Monate haben ihre Spuren hinterlassen.

Er habe vor Gericht versucht, während des gesamten Prozesses die Fassung zu wahren. "Ich wollte mit immer demselben Gesicht in die Tiefgarage des Landgerichts fahren - und mit demselben Gesicht wieder raus. Was geht es die sabbernden Fotografen an, wie's mir geht?", sagt Kachelmann den "Zeit"-Reportern. Eine Fassade, die er jetzt nicht mehr aufrechterhalten will. Kachelmann lässt im Interview seinen Gefühlen oftmals freien Lauf, besonders bei Fragen nach seinem Privatleben. Auf die Rolle seiner Frau Miriam angesprochen, die er nach seiner Verhaftung geheiratet hat, entfährt ihm sogar: "Das geht Sie einen Scheiß an." Als es um seine beiden Kinder geht, die in Kanada wohnen, ringt er sogar um Fassung. "Er wolle seine Kinder aus allem heraushalten. Sie hätten nichts damit zu tun. Er beginnt zu weinen und wischt die Tränen weg", schreibt die "Zeit".

Rachefeldzug gegen alle, die in seinen Augen gelogen haben

Kachelmann gibt auch Fehler zu. Etwa, wenn es um den Umgang mit seinen Ex-Freundinnen ging. "Ich habe Frauen belogen und ihnen Räubergeschichten erzählt... Ich weiß, ich habe mich mies benommen. Ich habe Menschen verarscht", sagt Kachelmann. Dennoch bleibt er bei der Behauptung, dass viele seiner Ex-Freundinnen vor Gericht gegen ihn ausgesagt hätten, um sich an ihm zu rächen. Sie wollten ein "Drama" vor Gericht aufführen, behauptet er. Doch nicht nur seinem Ruf, auch finanziell habe der Prozess ihm sehr geschadet. "Finanziell hat mich das alles komplett fertiggemacht." Er müsse hohe Schulden abbezahlen und deswegen unter anderem sein Seegrundstück in Kanada verkaufen.

Wenn es um seine Zukunftspläne geht, wird aus dem verletzlichen und immerhin teilweise reuigen Kachelmann ein fest entschlossener Mann. Er will ein Buch schreiben, das den Titel "Mannheim" trägt und er lässt keine Zweifel daran, dass er all diejenigen belangen will, die in seinen Augen gelogen haben. "Es gab keine Gewalt in meinem Leben. Keine Gewalt gegen Erwachsene, keine gegen Kinder, keine Übergriffe, auch keine sogenannten Grenzerkundungen und schon gar keine -überschreitungen. Zivil- und strafrechtlich werde ich versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben", kündigt Kachelmann an und fügt hinzu: "Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen." Das klingt nach einem Rachefeldzug. Einem, der vor allem den Medien nutzt, die er abgrundtief zu hassen scheint: den Boulevardmedien.

mai