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Zipfelhof im Schwarzwald: Das Haus, in dem der kleine Alessio starb

Ein Hof im Schwarzwald, zwei Menschen, die den Traum von der Familie teilen. Doch sie werden die Gespenster der Vergangenheit nicht los. Dann stirbt der kleine Alessio.

Von Ingrid Eißele

Blick auf Zipfelhof bei Titisee-Neustadt - ein großes Bauernhaus mit tief herabhängendem Reetdach

Der Zipfelhof bei Titisee-Neustadt, fast 500 Jahre alt und voller Geschichten. Hier wurde der Junge totgeschlagen.

Eine schmale Stiege führt von der Wohnstube des Bauernhofs hinauf in den ersten Stock. Die Treppe ist halsbrecherisch steil. Viele Generationen haben die Stufen ausgetreten. Der Zipfelhof bei Titisee-Neustadt ist fast 500 Jahre alt und voll von den Geschichten seiner Bewohner. Als er gebaut wurde, war die Zeit der Bauernkriege, der Aufstände gegen die Obrigkeit, die brutal niedergeschlagen wurden.

In die oberen Räume des imposanten Hofes zog 2013 eine junge Mieterin ein, Diana Neuer* (*Name von der Redaktion geändert), 22 Jahre alt, Mutter eines fast zweijährigen Sohnes, Alessio. Die Holztreppe verband ihre beiden Zimmer mit der Wohnung des Jungbauern im Erdgeschoss. Norbert T., Single, acht Jahre älter, aber immer noch ein junger Kerl mit Ohrstecker, glattem braunem Haar, kräftigem Körper und alemannischem Zungenschlag. Ein bisschen schüchtern und unbeholfen, aber einer, der Kinder mocht eund bei seinen Neffen und Nichten als cooler Typ galt, mit dem man Traktor fahren und Spaß haben konnte.

Diana Neuer und Norbert T. teilten sich die Küche, und bald teilten sie mehr: den Traum von einer Familie. „Sie war die richtige Frau“, sagt Norbert T.

Das Idyll schien perfekt

Es hätte eines dieser Bauer-sucht-Frau-Märchen werden können. Ein fescher Landwirt, 140 Milchkühe, 100 Hektar Grünland. Eine hübsche junge Frau, gelernte Hauswirtschaftshelferin und „ein Stadtkind“, wie er sie nennt. Dazu ein zarter Bub mit blondem Haarflaum. Und ein Schwarzwaldhof in einer der schönsten Gegenden Deutschlands, unter dessen mächtigem Dach eine Familie von der Größe einer Fußballmannschaft Platz hätte. Tatsächlich war Diana nach wenigen Wochen schwanger. Das Idyll schien perfekt.

Kerzen und ein Teddybär vor dem Foto des kleinen Alessio - eine Gedenkstätte

Gedenken an Alessio vor dem Landratsamt Freiburg

Das Märchen endet freilich schon knapp zwei Jahre später, am Nachmittag des 16. Januar 2015. Da ist Norbert T. allein auf dem Hof mit Alessio und der zehn Monate alten Tochter, Diana ist im Krankenhaus. Der Junge habe still in der Stube gespielt, wird er im Gerichtssaal erzählen, er selbst sei mit dem Baby in der Küche gewesen. Plötzlich habe er einen Schrei gehört und Alessio am Fuß der Treppe gefunden, noch bei Bewusstsein. Norbert T. bringt den Jungen zum Kinderarzt, um 17.10 Uhr stirbt Alessio.

Die Ursache seines Todes sind jedoch keine Sturzverletzungen, wie der Freiburger Rechtsmediziner Stefan Pollak herausfindet. Sondern „mindestens drei wiederholte erhebliche Gewalteinwirkungen“ auf den Bauch.

Schon lange davor läuft alles schief

Seit Mitte September steht Norbert T. in Freiburg vor Gericht. Er habe das Kind totgeschlagen, so lautet die Anklage. Norbert T. hat die Schläge lange bestritten, doch gleich am ersten Prozesstag gibt er sie zu. Ja, er habe Alessio „zwei- oder dreimal“ in den Bauch gehauen, mit der Faust, sagt er mit brüchiger Stimme. Es tue ihm leid. Es sei alles schiefgelaufen an diesem Tag. Und auch schon lange davor.

Es wäre falsch, zu behaupten, dass keiner von den Problemen auf dem Hof gewusst habe. Viele wussten davon, und das macht die Tragödie von Diana Neuer und Norbert T. zu einem finsteren Lehrstück. Darüber, wie wenig es braucht, um ein Kind zu zerstören. Aber auch, wie wenig es gebraucht hätte, um es zu retten.

Denn es war beileibe nicht so, dass alles unabänderlich auf eine Tragödie zulief. Tragisch und schicksalhaft aber war, dass es just Diana Neuer auf den Hof des Jungbauern verschlug. Eine labile junge Frau, die zuvor mit ihrer Mutter und dem kleinen Sohn in einem nahen Schwarzwalddorf gelebt hatte. 

Als Diana auf den Zipfelhof zog, zog auch ihre Mutter mit ein, allerdings in einen separaten Teil. Und irgendwie zog auch Dianas Vater mit - als böser Geist der Vergangenheit. Davon erfuhr Norbert T. erst nach ihrer Schwangerschaft. Diana weinte aus kleinstem Anlass. Erst nach und nach habe sie ihm von den Untaten ihres Vaters erzählt.

Vom alkoholkranken Vater vergewaltigt

Sie war neun, als sich ihre Eltern trennten, sie und die Geschwister blieben beim Vater. Doch der alkoholkranke Mann missbrauchte und vergewaltigte seine älteste Tochter, schlug sie, bedrohte sie mit dem Tod, sollte sie ihn verraten. Diana schwieg. Erst Jahre später erzählte sie ihrer Mutter davon, die ging mit der Tochter zur Polizei. Das Freiburger Landgericht verurteilte den Vater wegen sexuellen Missbrauchs zu acht Jahren Gefängnis.

Ein Mann, der sich eine Jacke über den Kopf geworfen hat, wird von zwei Wachleuten über einen Gang geführt

Nicht erkannt werden: Der Stiefvater des kleinen Alessio wird von zwei Wachleuten in den Gerichtssaal geführt

Es sei „schwierig gewesen“, mit dieser Hypothek umzugehen, sagt Norbert T. vor Gericht. Als Ursache für Dianas Tränenausbrüche, für ihre Gefühlsschwankungen, für ihre Unsicherheit und Ängste attestieren ihr die Ärzte eine „Borderline-Störung“. „Es ist ihr Lebensproblem, dass sie keinen Halt findet“, sagt ihre Anwältin. Mal klammert sie sich an ihren Freund, mal stößt sie ihn brüsk zurück: „Mach doch deinen Scheiß allein!“ Er nennt sie bald: „Mein drittes Kind.“

Diana will es ihrem Freund recht machen, sie lernt melken. Als Bäuerin ist sie allerdings eine Fehlbesetzung. Er will, dass sie sich um Haushalt und Kinder kümmert, aber sie ist oft krank. Der Hof, für den er sich verschuldet hat - allein 2500 Euro muss er jeden Monat als Rente an die Vorbesitzer zahlen -, wächst ihm über den Kopf. Er steht um halb sechs auf und arbeitet bis spät. Wenn Diana ausfällt, muss oft er das Baby und Alessio versorgen. Norbert T. reagiert zunehmend gereizt. Alessio, mit großem Kopf und zierlichem Körper, ist ein Spätentwickler. Er kann auch mit drei Jahren wenig sprechen.

Jede Hilfe stur abgelehnt

„Das war ein entsetzlich stilles, trauriges Kind“, sagt Christine B., eine Zahnärztin, die dem überforderten Jungbauern zu helfen versucht. Manchmal habe Norbert T. seine Verzweiflung durchblicken lassen. Als er von Dianas Ärzten erfährt, was das Leben mit Borderline bedeutet, „da ist ihm erst richtig klar geworden, dass seine Freundin nie ein normales Leben führen wird“, sagt sie. „Du brauchst Hilfe, das schaffst du nicht allein“, erklärt sie ihm, doch Norbert T. lehnt stur jede Hilfe ab.

„Du bist ein starker Mann“, schreibt ihm Diana, als sie mal wieder in der Klinik ist. Ein Irrtum. Denn auch Norbert T. lebt mit einem Phantom. Seine Mutter Gabriele wurde 1987 zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil sie ihn „unter Überschreitung des normalen Züchtigungsrechts“ jahrelang geschlagen hatte, er trug Blutergüsse am ganzen Körper davon, auch im Gesicht und an den Genitalien. „Einmal ging sie mit einem Küchenmesser auf mich los“, erzählt er vor Gericht. „Am nächsten Tag wurde ich bei meinen Großeltern untergebracht, dort ging es mir gut.“ Als die Mutter verurteilt wurde, war Norbert T. fünf Jahre alt. Bindungsforscher wissen: je früher die Misshandlung, desto gravierender die Folgen.

Norbert T. und Diana Neuer, zwei Versehrte, zwei Opfer ihrer Familien, die sich nichts mehr wünschen als eine Familie - kann das gut gehen? Es gibt viele in der Umgebung, die daran zweifeln. Auch das Jugendamt, das Alessio von Geburt an betreut. Man weiß dort um die Hypothek der jungen Mutter. Doch selbst als sich die Zeichen mehren, dass der Junge misshandelt wird, greift es nicht entschieden genug ein.

Kopfverletzungen wie bei einem Boxer

Auch Manuela T., die Cousine des Jungbauern, die zeitweise als Dorfhelferin die Kinder mit betreut, kann nicht glauben, dass sich Norbert T. an Alessio vergreift. Schließlich hat er dafür gesorgt, dass Alessio den Kindergarten besucht und nicht mehr an der Flasche nuckelt. Norbert sei streng gewesen, „er hatte einen rauen Ton, aber war fürsorglich“.

Zweifel kommen ihr, als er sie eines Tages bittet, mit Alessio zum Kinderarzt zu gehen. Der Kleine habe sich in der Nacht das Bein im Gitterbett eingeklemmt. Als sie ihn in der Praxis auszieht, ist sie entsetzt. Sein Körper„war total übersät mit blauen Flecken“. Der Arzt fragt, ob das Kind misshandelt wird. Sie sagt: „Ich weiß es nicht, ich hab nichts gesehen.“ Sie fragt Norbert T., er streitet es ab. Einmal eine Ohrfeige, dazu stehe er.

Diana Neuer hat immer eine passende Erklärung für Verletzungen, oft noch bevor sie gefragt wird. Mal ist der Kleine vom Traktor gefallen, mal gestolpert, mal wurde er vom Kalb getreten. Lange deckt sie das, was ihrem Sohn widerfährt. Dabei sprechen schon im Sommer 2013 Kinderärzte den Verdacht aus, dass er misshandelt wird. Im Sommer 2014 warnen Ärzte der Uniklinik Freiburg ausdrücklich davor, das Kind in seine Familie zurückzugeben.

Klaus Foerster, der psychiatrische Sachverständige, sieht in Norbert T. einen überforderten Mann, der „erhebliche Opfer“ für seine Freundin gebracht habe - bis er enttäuscht erkannte, dass sein Traum gescheitert war, und „möglicherweise auch aus Ärger“ zuschlug.

Solche Wutattacken scheinen öfter stattgefunden zu haben. Bei der Obduktion fanden die Ärzte ältere Verletzungen, etwa „kleinste Mikroblutungen“ im Gehirn, wie sie sonst Schläge am Kopf von Boxern hinterlassen.

Alessio, eine Liebesgabe an einen gewalttätigen Mann

Die Frage, welche Rolle in der komplizierten Beziehung der Erwachsenen der kleine Alessio einnahm, spielt im Gutachten keine Rolle. Dabei gehört sie zu den interessantesten Fragen. Einmal schreibt Norbert T. Diana per SMS, dass sich der Kleine den Fuß eingeklemmt habe. „Sorry, bin halt kein guter Vater.“ Sie antwortet: „Du bist ein guter Vater.“ Ein anderes Mal schreibt sie: „Mach dir keinen Kopf, Alessio wird das schon überleben mit dem Klaps auf den Po. Alessio liebt dich, und ich rede mit ihm. Er muss es mir richtig nachsprechen. Du bist mein Ein und Alles, und ich liebe dich über alles.“

Marina Schmidt, Leiterin der Mutter-Kind-Abteilung in der Stuttgarter Kindernotaufnahme, kennt ähnliche Fälle. Frauen, die es nicht schaffen, ihre Kinder zu beschützen. „Mütter mit Borderline sind hoch bedürftig, ihre Sehnsucht nach Nähe muss gestillt werden, und das kann nur der Partner, nicht das Kind.“ Das Kind habe eine Funktion, als „Geschenk für den Partner, dem sie sich unterwerfen“. Alessio, eine Liebesgabe an einen gewalttätigen Mann?

Durch genaue Beobachtung hätte man die verdeckte Aggression von Norbert T. entdecken können, glaubt Schmidt. Das Stuttgarter Jugendamt hat ein Screening speziell für gefährdete Kleinkinder entwickelt: Eltern und Kind ziehen für einige Wochen in eine Wohnung des Jugendamtes und werden rund um die Uhr beobachtet. Wer aggressiv reagiere, könne seine Impulse nicht wochenlang verbergen.

Urteil gegen Norbert T. im Oktober

Noch im Herbst 2014 sorgt Diana Neuer dafür, dass ihr Lebensgefährte entlastet wird. Sie bestreitet, dass er Alessio schlage. Die Staatsanwaltschaft stellt daraufhin die Ermittlungen ein, die sie nach den Warnungen der Freiburger Ärzte aufgenommen hatte. Als die Mutter Mitte Dezember in die Klinik muss, dürfen Alessio und seine Schwester unter Auflagen zum Vater zurück.

Die kleine Tochter lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Diana Neuer stehe ihrem Freund auch heute noch „ambivalent“ gegenüber, sagt ihre Anwältin. „Sie hat niemand anderen.“

Alessios Kinderarzt sammelt Geld für einen Grabstein seines kleinen Patienten. Und Unterschriften, damit die Bundesregierung künftig die Rechte der Kleinsten besser schützt. Das Urteil gegen Norbert T. soll im Oktober fallen. Der Zipfelhof steht zum Verkauf.