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Demjanjuk-Prozess: Holocaust-Überlebende sagen unter Tränen aus

Dramatische Szenen im Münchner Schwurgericht: Mehrere Holocaust-Überlebende mussten weinen, als sie im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk den Weg ihrer Familien in die Gaskammern schilderten. Der Prozess wird ungeachtet eines Antrags der Verteidigung fortgesetzt.

Im Mordprozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk haben betagte Holocaust-Überlebende am Montag mit bewegenden Aussagen das Schicksal ihrer ermordeten Familien geschildert. Mehrere Zeugen brachen im Münchner Schwurgericht in Tränen aus, als sie über die Deportation ihrer Eltern und Geschwister und deren Weg in die Gaskammern berichteten.

Demjanjuks Wahlverteidiger Ulrich Busch rief erneut Empörung hervor, als er einen Überlebenden fragte: "War nach Ihrem Eindruck die Judenpolizei schlimmer als die Nazis?" Er habe gelesen, dass der jüdische Ordnungsdienst im holländischen NS-Sammellager Westerbork schlimmer als die SS gegen zum Abtransport nach Sobibor festgenommene Juden vorgegangen sei, sagte Busch. Auf Nachfragen des Gerichts und der aufgebrachten Anwälte der Nebenkläger nannte er aber keine Quelle. "Wenn Sie's googeln, finden Sie's", sagte Busch. Schon am ersten Prozesstag hatte er mit der Gleichsetzung Demjanjuks und der jüdischen KZ-Häftlinge als Opfer der Nazis Empörung ausgelöst.

Demjanjuk ist angeklagt, als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor 1943 Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden geleistet zu haben. Der 89-Jährige nahm mit geschlossenen Augen im Rollstuhl sitzend am dritten Verhandlungstag teil. Am 2. Dezember war die Verhandlung ausgefallen, weil er Fieber hatte.

"Ich wollte auch deportiert werden"

Der 87-jährige Nebenkläger Philip Jacobs aus Amsterdam sagte vor Gericht, seine Eltern und seine 21-jährige Verlobte Ruth seien von Westerbork deportiert und sofort nach ihrer Ankunft in Sobibor am 23. Juli 1943 vergast worden. "Ich habe die Liebe meines Lebens verloren", sagte Jacobs weinend. Seine 23-jährige Schwester sei in Auschwitz, seine Freunde seien in Mauthausen umgebracht worden. "Ich peinige mich oft mit dem Gedanken, warum ich am Leben geblieben bin, warum ich meine Familie allein gelassen habe", sagte der 87-Jährige.

Der 83-jährige Robert Cohen berichtete, er habe in Westerbork Strohmatratzen stopfen müssen, während seine Eltern und sein Bruder nach Sobibor gebracht wurden. "Ich wollte auch deportiert werden. Wir waren sehr naiv damals. Ich dachte, ich würde meine Familie dann wiedersehen", sagte Cohen, der später nach Auschwitz-Birkenau kam.

"Im Koffer versteckt über eine Mauer geschmissen"

Der Nebenkläger Max Degen aus Amsterdam berichtete, er sei als Dreijähriger bei einer nichtjüdischen Tante versteck worden. Als er entdeckt wurde, sei er von Widerstandskämpfern "in einen Koffer gesteckt, über eine Mauer geschmissen" und gerettet worden. Sein dreijähriger Bruder, seine Eltern und seine Großeltern wurden in Sobibor vergast.

Der Holocaust-Überlebende Leon Viera aus Amstelveen berichtete, sein Vater und 73 Verwandte seien in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet worden. Seine Mutter habe zwar überlebt, sei aber frustriert und böse geworden und habe bis an ihr Lebensende immer eine Pistole bei sich getragen, um sich verteidigen zu können.

Rund 40 Holocaust-Überlebende nehmen als Nebenkläger an dem Prozess teil. Demjanjuk bestreitet, in Sobibor gewesen zu sein. Wichtigstes Beweismittel der Staatsanwaltschaft sind sein Dienstausweis und Listen der SS für die als Kriegsgefangene rekrutierten KZ-Wachmänner.

Gericht lehnt Prozess-Einstellung ab

Den Antrag der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens lehnte das Gericht am Montag als unbegründet ab. Abgewiesen wurden ebenso die Anträge der Verteidigung auf Aufhebung des Haftbefehls sowie zur Aussetzung des Verfahrens, um noch weitere Unterlagen aus dem Ausland beiziehen zu können. Die Kammer sehe keine Veranlassung für die Annahme, dass über die vorhandenen Akten hinaus wichtige Unterlagen fehlen könnten, sagte der Vorsitzende Richter Ralph Alt. Das Urteil soll im Mai verkündet werden.

APD/DPA / DPA
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?